Geschichte der Freimaurerei - Band I - Reprint von 1932

Geschichte der Freimaurerei - Band I - Reprint von 1932

 

 

 

von: Ferdinand Runkel

Edition Lempertz, 2013

ISBN: 9783943883565

Sprache: Deutsch

466 Seiten, Download: 6351 KB

 
Format:  EPUB

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Geschichte der Freimaurerei - Band I - Reprint von 1932



IV. Einflußlinien


Die Idee der Freimaurerei ist die Idee des Weltalls überhaupt. Die Entwicklung der Idee vollzieht sich in den drei Prozessen der Differenzierung, der Anpassung und der Vervollkommnung. Alles in der Welt unterliegt der Differenzierung, das Unorganische sowohl wie das Leben und die Gefühle. Es ist eine Grundidee der Königlichen Kunst, daß alles Bestehende seine Form ändern muß, um lebensfähig zu bleiben. Dies kann nur geschehen, wenn sich die Veränderung den Lebensbedingungen entsprechend verhalten lernt; dies versteht man unter Anpassung. Nur dort, wo die Veränderung zur Anpassung durchdringt, ist die Vervollkommnung erreicht. Alle Menschheitsideen gehen Veränderungen ein, aber nicht alle Veränderungen gewinnen die Anpassung an veränderte Lebensbedingungen. Nur diese angepaßten erhalten sich, die übrigen sinken in das Nichts. So ist es in der Natur, so in der Geisteswelt. Die Anwendung der natürlichen Entwicklung und Fortpflanzung der Ideen muß der Hauptgedanke jeder ernsthaften Geschichtschreibung sein.

Das müssen wir bei der Erforschung der freimaurerischen Idee und ihrer Geschichte streng festhalten, sonst verfallen wir in die Praxis des achtzehnten Jahrhunderts, das die Freimaurerei möglichst mit Adam beginnen ließ. Wer die Überzeugung vertritt, daß aus der Einsicht der Welteinheit die Religion geboren wurde und daß ihr Inhalt die sittliche Weltordnung sei, ist Bekenner der großen Offenbarung Jesu von Nazareth, der uns lehrte: „Ich und der Vater sind eins.“ „Die Idee eines Reiches Gottes auf Erden ist die sittliche Ordnung der menschlichen Geister. Jeder Mensch soll freier Priester der moralischen Religion sein, für die es weder Tempel, noch Dogma, noch Kultus gibt. Das moralische Vertrauen ist die einzig mögliche Art des Glaubens, denn die kritische Auffassung der Religion zerstreut alle Transzendenz der Gottvorstellung, Gott wird der Welt immanent, wenn der Mensch sich zur Göttlichkeit erhebt. Die Vorsehung liegt in uns, sofern die kritische Vernunft unsere Vorsehung geworden ist, das göttliche Gericht ist der Geschichte immanent oder soll vielmehr der Geschichte immanent werden durch unsere eigene sittliche Tat. Unser Leben und Wandel muß unser Dasein rechtfertigen. – ... Um die Welt anzuschauen und um Religion zu haben, muß der Mensch erst die Menschheit gefunden haben, und er findet sie nur in Liebe und durch Liebe. Zur Menschheit also laßt uns hintreten, da finden wir Stoff für die Religion! – – – – Die Unsterblichkeit liegt nicht außer der Zeit und hinter der Zeit, sondern wir haben sie unmittelbar wie eine Aufgabe, die wir immerfort lösen“ (Ludwig Woltmann).

Das Wesen des Menschen ist bedingt durch seinen Trieb zur Vergesellschaftung und nicht nur zum Zweck wirtschaftlicher Vorteile, Verteidigung der Futterplätze, sondern auch zur Erklärung des Ewigen, des nicht mit den endlichen Sinneskräften erfaßbaren Metaphysischen haben sich gleichgesinnte Gruppen zusammengeschlossen. Schon sehr früh muß dem Menschen das Bewußtsein dafür aufgegangen sein, daß das Leben auf der Erde, das mit dem Tode jäh abgeschnitten wurde, keinen Sinn und Zweck haben würde, wenn nicht nach dem Tode eine weitere Entwicklung folgte. So ist der Glaube an eine mit der irdischen verbundene unsterbliche Natur im Innenleben des Menschen von Anfang an lebendig. Aber zugleich mit diesem Bewußtsein entstand die Überzeugung, daß der Mensch in seinem Erdenleben diese Unsterblichkeit vorbereiten könne durch einen sittlichen Wandel und ein besonderes, von dem tierisch Triebhaften abgekehrtes Leben.

Wir haben sehr frühe Anzeichen dafür, daß sich Gesellschaften gebildet haben, in denen durch besondere Einweihung und Lehre ein Leben geführt wurde, das in Verehrung Gottes und Unterdrückung von Trieben und Leidenschaften ein Fortleben nach dem Tode in seliger Gemeinschaft mit Gott und den erlösten Seelen vorbereiten wollte. In erster Linie kam es in diesen Vereinigungen darauf an, dem Menschen die Furcht vor dem Tode zu nehmen.

Wenn der Tod plötzlich unter eine Familie tritt, einen Angehörigen von allen seinen Funktionen entbindet, das Leben zerstört, besonders wenn er unvermutet kommt, macht er einen gewaltigen Eindruck auf die Umgebung, und dieser Eindruck hat sich trotz der Hunderte von Jahrtausenden, die über die Menschen hingegangen sind, bis heute noch nicht verwischt. Der Tod gab dem Menschen erste Ahnung von einer Kraft, deren Wirkung er nur empfinden konnte, die aber außerhalb seiner Sinneswahrnehmung lag. Damit hatte das Überirdische, das der primitive Mensch schon im Gespenst kannte, eine Machtstellung in seinem Leben gewonnen. Die todbringende Kraft mußte man fürchten, und nur, was der primitive Mensch fürchtete, erhob er zu seinem Gott. Es ist eine urtümliche, im Unbewußten schlummernde Erinnerung, wenn Luther die Erklärung des Dekalogs mit den Worten beginnt: „Wir sollen Gott fürchten, lieben und vertrauen.“ Nicht Liebe und Vertrauen stehen voran, sondern Furcht, im Lutherschen Sinn veredelt die Ehrfurcht.

Alle Mysteriengemeinschaften der verschiedenen Völker und Jahrtausende behandeln das Rätsel des Todes und der Auferstehung, sie schaffen Vorstellungen von den Wohnungen der Seligen und dem Ort der Verdammnis. Sie suchen die Verbindung der Jenseitswelt mit dem irdischen Leben und finden Formeln für die Beschwörung abgeschiedener Seelen, sie entwickeln, oder geben vor zu entwickeln, magische Kräfte in ihren Adepten.

Alle diese kultischen Vereinigungen haben durch beabsichtigte oder unbeabsichtigte Veröffentlichungen, durch Lehr- oder Verräterschriften Einfluß auf die große kultische Vereinigung unseres Zeitalters, die Freimaurerei, gehabt. Es wäre aber weit gefehlt, in den Irrtum des achtzehnten Jahrhunderts zu verfallen und diese Mysteriengemeinschaften, mögen sie orphische oder eleusinische, ägyptische oder indische, pythagoreische oder essenische heißen, als freimaurerische Organisationen anzusprechen, wie die Welt sie seit der Gründung der Londoner Großloge im Anfang des achtzehnten Jahrhunderts kennt.

Die breiteste Einflußlinie kommt aus dem vorderasiatischen Altertum und objektiviert sich in der Person des Königs Salomo und seinem Tempelbau. König Salomo ist ein Symbol der Religionsempfindung des alten Orients, er gehört ebensogut dem babylonischen, wie ägyptischen, wie islamitischen Mythenkreis an. Daß seine Gestalt von den Israeliten zuerst literarisch festgehalten wurde, ist durch die Tatsache bestimmt, daß er in Jerusalem, der Heiligen Stadt, dem Wohnort Jahvehs, König war. Wir haben nun die Frage zu beantworten: Wie ist er überhaupt in die freimaurerische Gedankenwelt hineingekommen.

Daß wir die Anfänge eines Teils der Freimaurerorganisationen, wie wir sie heute kennen, in den alten englischen Werklogen zu suchen haben, kann wohl nach den eingehenden wissenschaftlichen Feststellungen keinem Zweifel mehr unterliegen. Wir werden also in den Verfassungsurkunden der alten Steinmetzbrüderschaft zuerst die Erwähnung Salomos zu erwarten haben. Und das ist in der Tat der Fall. In der von Begemann als Cookeform bezeichneten Urkunde, die ins vierzehnte, teilweise in den Anfang des fünfzehnten Jahrhunderts zu setzen ist, wird der König Salomo zum ersten Male genannt. Es ist dies der früheste Beleg des Symbols für die Quellen der heutigen Lehrform. Dort wird berichtet, daß schön David den Tempel begonnen und den Maurern Pflichten gegeben, die Salomo bestätigt habe. „Und Salomo selbst lehrte sie ihre Gebräuche mit nur wenig Unterschied von den Gebräuchen, die jetzt üblich sind.“ Von dort und aus den späteren Fassungen der Zunftsage, wie sie sich in den alten Urkunden vorfand, ist das salomonische Symbol in Andersons Konstitutionenbuch übergegangen. Den Anfang des Tempelbaues durch David hat er schriftgemäß abgeändert und nur von Vorbereitungen gesprochen, eine Änderung, die auch die Schweden in ihrer Aktenredaktion von 1780 angenommen haben.

Wer ist nun eigentlich Salomo und was bedeutet er für die Freimaurerei? Über die geschichtliche Gestalt wissen wir nur, was die Bibel in den Königsbüchern und der Chronik sagt, aber Geschichte ist das nicht. Der oder die Verfasser hatten einen offenkundigen religiös lehrhaften Zweck, was schon frühzeitig erkannt wurde. Es kam den Verfassern der Königsbücher nicht auf die Geschichtserzählung, sondern auf die religiösen Vorgänge an. Alles ist sagenhaft, und da uns für Salomos Zeit so gut wie keine anderen Quellen zur Nachprüfung der geschichtlichen, in der Sage verwobenen Ereignisse vorliegen, so können wir uns von dem König Salomo kaum eine richtige Vorstellung machen. Wir wissen nicht einmal seinen wahren Namen. David nannte ihn Salomo, aber der Herr beauftragte den Propheten Nathan, ihn Jedidja, Liebling Gottes, zu nennen (2. Kön. 12, 25). Einen Personennamen Salomo hat es im kananäischen Sprachgebiet nie gegeben. Der Name entspricht auch in der Form dem arabisch bezeichneten Salâmâ, der lyrische Gottesname Salmajâti ist verwandt. Den Namen von Salem als Friedefürst zu erklären, ist eine spätere...

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