Der Fotograf von Auschwitz - Das Leben des Wilhelm Brasse

Der Fotograf von Auschwitz - Das Leben des Wilhelm Brasse

 

 

 

von: Reiner Engelmann

cbj Kinder- & Jugendbücher, 2015

ISBN: 9783641140731

Sprache: Deutsch

192 Seiten, Download: 6284 KB

 
Format:  EPUB, auch als Online-Lesen

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Der Fotograf von Auschwitz - Das Leben des Wilhelm Brasse



Kapitel 2

Die verweigerte Unterschrift und eine gescheiterte Flucht

Sein Name, Wilhelm Brasse, klang keineswegs polnisch, obwohl er polnischer Staatsbürger war. Er ist zurückzuführen auf seinen Großvater, Karol Brasse, im Elsass geboren, der später die österreichische Staatsbürgerschaft angenommen hatte. Karol Brasse, gelernter Landschaftsgärtner, verschlug es im Laufe seiner Berufsjahre nach Żywiec, einer Stadt im Südwesten von Polen, um dort für die Habsburger zu arbeiten.

Beeindruckend an dieser Stadt, die unter dem Einfluss der Habsburger noch Saybusch hieß, war das Schloss mit seinen großen, im Stil englischer Landschaftsgärten gestalten Parkanlagen. In diesen Parkanlagen arbeitete Karol Brasse, indem er sie nicht nur pflegte, sondern sie immer wieder erneuerte, erweiterte und durch die Anlage von Blumenbeeten ergänzte.

Karol Brasse hatte sich mit seiner Familie in Żywiec niedergelassen und so wurde auch der Vater von Wilhelm, Bruno Brasse, in dieser Stadt geboren. Auf einem Foto als junger Erwachsener präsentiert er sich in österreichischer Uniform.

1916 heiratete Bruno Brasse, gelernter Präzisionsmechaniker, die Polin und gelernte Schneiderin Helena.

Am 3. Dezember 1917 kam Wilhelm Brasse in Żywiec zur Welt.

Im Elternhaus wurde ausschließlich polnisch gesprochen, die Sprache seiner Mutter. Vom Vater und vom Großvater Karol lernte er aber auch die deutsche Sprache.

Die Mutter war für den Haushalt und die Familie, in die in den folgenden Jahren drei weitere Brüder von Wilhelm hineingeboren wurden, zuständig. Sie hielt sie zusammen, lebte den Kindern ihre inneren Werte wie Fleiß und Frömmigkeit nicht nur vor, sondern hielt sie auch, wenn nötig, dazu an. Mutter Helena traf auch alle wichtigen Entscheidungen, die die Lebenswege ihrer Söhne betrafen. So entschied sie, dass Wilhelm nach der Volksschule das Gymnasium in Żywiec besuchen sollte.

Der Vater, ein ausgesprochener Fachmann in seinem Beruf als Präzisionsmechaniker, sorgte dafür, dass es der Familie gut ging. Wenn er zu Hause war, abends, an den kurzen Wochenenden, musizierte er gerne. Geige und Flöte waren die Instrumente, die er beherrschte. Diese Musik sollte Wilhelm Brasse noch bis ins hohe Alter in den Ohren haben.

Während der Weltwirtschaftskrise verlor der Vater seine Arbeit, finanzielle Probleme machten es notwendig, dass der älteste Sohn, Wilhelm, eine Lehre beginnen musste. Er lernte in seiner Heimatstadt den Beruf des Fotografen.

1935 beendete er die Lehre mit einer Gesellenprüfung. Anschließend ging er, so wurde es von der Mutter gewünscht und eingefädelt, zu seinem Onkel nach Kattowitz, der in dieser Stadt in der 3-Maja-Straße 36 ein Fotoatelier betrieb. Dort arbeitete er, dort spezialisierte er sich auf Porträtfotografien. Er lernte die Abläufe in der Dunkelkammer und im Labor, er lernte das Retuschieren, machte Abzüge und Vergrößerungen.

Er mochte nicht nur seine Arbeit, er mochte das Leben in Kattowitz, seine Jugendzeit, in der er sich, weil er ganz gut Geld verdiente, einiges leisten konnte. Hier lernte er seine erste große Liebe kennen: Margot. An sie dachte er gerne zurück. ›Hübsche Margot‹ waren die Worte, die ihm durch den Kopf gingen, wenn er an sie dachte.

Wilhelm Brasse machte in seinen Kattowitzer Jahren auch neue Bekanntschaften. Die Stadt, die zu jener Zeit zur Hälfte mit Deutschen bevölkert war, bot ihm, da er die deutsche Sprache beherrschte, auch die Möglichkeit, Kontakt zu der weiblichen deutschsprachigen Bevölkerung seines Alters aufzunehmen. Er lud Mädchen, junge Frauen in das eine oder andere Kaffeehaus ein, führte sie zum Tanzen aus oder ging mit ihnen ins Kino oder ins Theater.

Einige der deutschen Mädchen, zu denen er näheren Kontakt hatte, zeigten ihm, als Zeichen des Vertrauens, Medaillons, die sie an Kettchen um den Hals trugen. Er kannte solche Medaillons, die, wenn man sie aufklappte, ein Heiligenbild zum Vorschein brachten. Die deutschen Mädchen aber hatten dort anstelle des Heiligenbildes ein Miniaturporträt von Adolf Hitler. Kleine Hinweise auf die Gesinnung der Trägerinnen, die ihn, Wilhelm Brasse, aufmerksamer werden ließen für die Anfänge und die doch rasche Ausbreitung des Nationalsozialismus sowohl in Kattowitz als auch in ganz Schlesien.

Kurz bevor der Zweite Weltkrieg am 1. September 1939 ausbrach, ging Wilhelm Brasse in seine Heimatstadt Żywiec zurück. Er rechnete mit seiner Einberufung in die Armee, denn er war für tauglich befunden worden und für die Luftwaffe vorgesehen. Binnen kurzer Zeit nach Ausbruch des Krieges wurden seine Heimatstadt und die ganze schlesische Region von den Deutschen besetzt und am 8. Oktober 1939 per Führerdekret in das Deutsche Reich eingegliedert.

Es wurde eine Volksbefragung durchgeführt, in der festgestellt werden sollte, wie hoch der Anteil der deutschen Bevölkerungsgruppe und der der polnischen war. Für die Bevölkerung gab es zwar ein Wahlrecht, wer sich aber nicht für die Annahme der deutschen Staatsangehörigkeit entschied, musste mit erheblichen Nachteilen rechnen. Das fing an bei einer geringeren Zuweisung von Lebensmitteln, die Freizügigkeit wurde eingeschränkt und man stand unter ständiger Beobachtung der Deutschen.

Unabhängig von den Empfehlungen der polnischen Exilregierung in Frankreich und einer Anzahl von Bischöfen, die eine Vernichtung der polnischen Bevölkerung befürchteten, entschied sich ein hoher Anteil der polnischen Bevölkerung für die deutsche Staatsangehörigkeit.

Wilhelm Brasse entschied sich anders. Seine Mutter war Polin, sie sprach nur polnisch, er zwar auch deutsch, aber Polnisch war seine Muttersprache, und er dachte polnisch, er fühlte polnisch, er war Pole. Der deutsche Beamte, der ihn befragte und seine Papiere durchsah, wies ihn darauf hin, dass schon sein Großvater Österreicher, damit also Deutscher war, und auch sein Vater sei durch seine Abstammung Deutscher. Und er, zumindest sei er doch ein halber Deutscher, spreche perfekt die Sprache und solle sich doch nun dazu bekennen.

Wilhelm Brasse lehnte das ab. Er blieb bei seiner Entscheidung, er blieb Pole, auch wenn der deutsche Beamte sich zunächst weigerte, ihm das zu bestätigen. Immer wieder redete er auf ihn ein, es gehe ihm wesentlich besser, wenn er seine Staatsbürgerschaft wechseln würde, er sei doch geradezu dafür prädestiniert, weil nur wenige solche hervorragenden Voraussetzungen wie das Beherrschen der deutschen Sprache vorweisen könnten.

Trotz aller Zureden und Überzeugungsversuche: Wilhelm Brasse bleib bei seiner Entscheidung.

Damit begannen die Schwierigkeiten für Wilhelm Brasse. Lebensmittel- und Bekleidungskarten wurden an die Bevölkerung ausgeteilt. Wilhelm Brasse empörte sich darüber, dass er auf seine Lebensmittelkarte nur zwei Kilogramm Fleisch pro Monat bekam, ein Deutscher aber vier Kilogramm.

»Ich habe doch genauso einen Magen wie die Deutschen!«, protestierte er offen. Er fühlte sich benachteiligt, er war jung, er hatte Hunger, er wollte essen.

Der Hungrige denkt immer nur an Essen!

Bei der nächsten Einschränkung, die die polnische Bevölkerung traf, überlistete Wilhelm Brasse die Deutschen. Es erging eine Verordnung, dass alle Polen ihre Radiogeräte abgeben mussten. Nun gab es zwei Geräte in der Familie, einen primitiven sogenannten Kristallempfänger und ein neueres Modell, ein Radio der Marke Philips. Das alte Gerät gab die Familie ab. Mit dem neuen, modernen Gerät hörte Wilhelm Brasse heimlich, da strengstens verboten, Sender aus anderen europäischen Ländern. Über einen französischen Sender erfuhr er, dass wehrtaugliche junge polnische Männer gesucht wurden, um von Frankreich aus einen polnischen Widerstand gegen die Deutschen zu organisieren.

Wilhelm Brasse sprach mit einigen ausgewählten Freunden über diese Radioberichte, sie diskutierten viel, wogen Chancen und Gefahren ab, sich dem Widerstand anzuschließen, sahen darin aber die einzige Möglichkeit, sich für ihr Heimatland zu engagieren und entschieden sich, nach Frankreich zu gehen und sich dem Widerstand anzuschließen. Zu viert machten sie sich in der letzten Märzwoche 1940 auf den Weg über das Bieszczady-Gebirge, das damals eine direkte Grenze zu Ungarn darstellte. In Ungarn lebte seine Tante, eine Schwester der Mutter. Dort wollten sie zunächst hin, und dann weiter nach Frankreich.

Doch etwa zehn Kilometer vor der Grenze endete ihre Flucht. Es war der 31. März 1940. Brasse und seine Freunde wurden von bewaffneten Grenzsoldaten festgenommen und ins Gefängnis von Sanok rund hundert Kilometer weiter nördlich gebracht.

Vier Monate verbrachte Wilhelm Brasse in dieser Haftanstalt, die zu der damaligen Zeit von Deutschen verwaltet wurde.

Vierundzwanzig Häftlinge waren sie in einer Zelle, die meisten von ihnen Männer, die, wie er, versucht hatten zu fliehen. Besonders tief in sein Gedächtnis eingegraben hat sich der 15. Juli 1940. An diesem Tag wurden morgens zwölf Häftlinge aus seiner Zelle geholt, wahllos, wie es ihm erschien, und ohne Gerichtsverfahren draußen auf dem Gelände, wahrscheinlich auf dem Gefängnishof, erschossen. Einer von ihnen war Priester, den man deswegen verhaftete und hinrichtete, weil er Flüchtlingen geholfen hatte. Diese Männer waren aber nicht die einzigen, die an diesem Tag in der Haftanstalt Sanok sterben sollten. Später, auf dem Transport nach Tarnów am 31. Juli 1940, als die Häftlinge aus den verschiedenen Zellen zusammen in die Waggons des Zuges gepfercht wurden und sich austauschen konnten, erfuhr Wilhelm Brasse,...

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