Schönheitsfehler - Kriminalroman

Schönheitsfehler - Kriminalroman

von: Heike Wolpert

Gmeiner-Verlag, 2015

ISBN: 9783839246627

Sprache: Deutsch

246 Seiten, Download: 2436 KB

 
Format:  EPUB, PDF, auch als Online-Lesen

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Schönheitsfehler - Kriminalroman



Kapitel 1


Es war aus. Genau genommen hatte es eigentlich nie angefangen. Es bedurfte eines Biers und zwei doppelter Wodkas, bis Uwe sich das eingestand. Als er Alexa vor knapp zwei Monaten kennengelernt hatte, war ihm alles so leicht erschienen. Er machte ein bisschen auf Frauenversteher, als sie ihm von ihrer Arbeit beim Tierschutz erzählte. Und nach einigen Prosecco stimmte sie freudig einem Wiedersehen zu.

Vor dem zweiten Treffen hatte er sicherheitshalber sein Bett frisch bezogen, aber soweit war es leider bis heute noch nicht gekommen. Dabei begann es dieses Mal noch vielversprechender. Auf seinen Vorschlag hin waren sie in einer angesagten Cocktailbar gelandet, und Alexa ließ es zu, dass er ihr einen ›Sex on the Beach‹ bestellte. Doch schon bald erzählte sie ihm wieder von all den armen Kreaturen im Tierheim. Die meisten Menschen wollten ja nur die jungen, niedlichen und gesunden Tiere, die in die Jahre gekommenen oder gar behinderten mussten ihr Dasein meist bis zum Ende ihres kurzen Lebens im Tierheim fristen. Er starrte, entsetzt über so viel Gefühlskälte, in ihren Ausschnitt und überlegte krampfhaft, wie er das Thema wechseln konnte. Doch auch bei einem weiteren Cocktail gelang ihm das nicht, und irgendwann hatte er dann zu viel getrunken – und so war außer einer freundschaftlichen Umarmung auch an diesem Abend wieder nichts passiert.

Umso mehr freute er sich, als sie am nächsten Tag plötzlich vor seiner Tür stand mit einem Katzentransportkorb unterm Arm. Dieses Requisit hätte ihn stutzig machen sollen, aber er sah nur eine zierliche, schutzbedürftige junge Frau, die schwer an einer unförmigen Plastikbox schleppte, und bat sie in seine Wohnung. Sie stellte ihre Last auf den Couchtisch und öffnete ein Gitter an der Vorderseite der Kiste. Vorsichtig lugte ein schwarzer Katzenkopf heraus. Das sei der Kater mit dem gelähmten Schwanz, erklärte Alexa ihm, kein Baby mehr und deshalb – nach Meinung der meisten Menschen – Ausschuss. Das Tier hatte währenddessen offensichtlich die Lage in Uwes Wohnzimmer erfasst und verließ jetzt blitzschnell sein Gefängnis, um sich unter dem Sofa zu verschanzen.

»Im Tierheim herrscht momentan akute Platznot, die ganzen Maikätzchen«, Alexa war den Tränen nahe, als sie das erzählte.

»Ach ja …«, nickte er bedeutsam, dabei rasten seine Gedanken: Was um Himmels willen waren Maikätzchen? Und was hatte sie ihm gestern noch alles erzählt, an das er sich jetzt nicht mehr erinnerte?

»Ich dachte, du könntest ihn aufnehmen – du warst gestern so verständnisvoll. Nur vorübergehend?«, putzte Alexa geräuschvoll ihre Nase. »Für Futter und Katzenstreu kommt das Tierheim auf – wir bringen es dir sogar einmal die Woche vorbei.«

Tränen hatte er noch nie sehen können, und die Aussicht auf einen wöchentlichen Besuch Alexas gab schließlich den Ausschlag. Noch am selben Abend bereute er seine Zusage. Als nämlich seine Kumpel über den Krüppelkater und vor allem über ihn lästerten. Hatte er sich doch von seiner Angebeteten ausgerechnet einen ›schwanzlahmen‹ Kater aufschwatzen lassen. Ob sie da wohl gewisse Vergleiche gezogen habe? Müsse man sich um ihn etwa Sorgen machen? Das Gelächter nahm kein Ende. Auch die wöchentliche Lieferung von Futter und Streu war eine Enttäuschung. Entweder hatte Alexa nur wenig Zeit oder sie schickte gleich einen anderen Vertreter des Tierheims.

Und seit zwei Wochen herrschte nun ganz Funkstille. Davor hatte er sich überreden lassen, an einer Demo gegen Tierversuche teilzunehmen, obwohl ihm dieses Thema eigentlich herzlich egal war. Als dann der Vertreter irgend so einer Pharma-Firma dort aufgetaucht war mit seinem schicken Anzug und dem überheblichen Getue, war es mit ihm durchgegangen und er hatte zugeschlagen. Aber dieser eingebildete Schnösel hatte es wahrlich verdient. Seither erreichte er nur noch Alexas Anrufbeantworter oder ihre Mailbox. Der Besuch des Tierheimvertreters blieb aus, der Kater hatte seit drei Tagen nichts mehr zu fressen gekriegt, und das Katzenklo verschmähte er, seit Uwe die Streu nicht mehr wechselte. Aber so viel brauchte er das ja eh nicht, wenn er kein Futter bekam, und fürs ›kleine Geschäft‹ benutzte er den Badezimmervorleger. Angeekelt kippte Uwe den Rest des dritten Wodkas hinunter. Seine Wohnung stank wie ein öffentliches Pissoir – das Vieh musste verschwinden. Und in seinem alkoholumnebelten Kopf entwickelte sich auch schon ein Gedanke wohin … Er musste grinsen.

»Komm Katerchen, es gibt Fressi Fressi!«

*

Heute war es ein Jahr her. Vor exakt zwölf Monaten hatte ER ihr Leben beendet. Ein Leben als normale Frau in einem schönen Körper.

Die Brustvergrößerung war ihr Traum gewesen, sie hatte lange gespart und den Tag der Operation herbeigesehnt. Aber kurz danach, der Verband war noch nicht entfernt, begannen die Schmerzen. Unerträgliche Schmerzen. ER untersuchte sie und behauptete dann, alles sei normal, sie solle sich etwas mehr Zeit geben. Doch die Schmerzen wurden immer schlimmer, sie konnte nicht mehr schlafen. Verzweifelt flehte sie IHN an, ihr zu helfen. Aber ER redete dauernd von einem psychischen Problem und riet ihr zu einer Therapie, nannte sogar Adressen. Wahrscheinlich machte ER das immer so, um seine Fehler zu verschleiern. Schließlich hielt sie es nicht mehr aus und bestand auf eine erneute Operation. ER führte auch diesen Eingriff durch, die Implantate wurden wieder entfernt. Danach riet ER ihr wieder, dringend einen Therapeuten aufzusuchen. Diesmal vereinbarte er sogar einen Termin für sie. Selbstverständlich nahm sie diesen Termin nicht wahr. Sie verzichtete auch darauf, ihr Geld zurückzufordern. ER saß am längeren Hebel, seine Komplizen waren sicher längst eingeweiht. Ab diesem Moment ging sie nirgends mehr hin. Drei Monate war sie für niemanden zu sprechen. Ihre Freunde zogen sich zurück, keiner hatte Verständnis. Ihre Stelle als Verkäuferin in einem Dessousladen kündigte sie. Nie könnte sie mit einem derart entstellten Körper einer Kundin Unterwäsche verkaufen. Stattdessen verbrachte sie ihre Zeit damit, alles über den Mann herauszufinden, der ihr Leben zerstört hatte. Ihr einziger Luxus, den sie sich noch gönnte, war ihr PC. Ihn benötigte sie, um IHN auszuforschen. ER war so eitel, dass ER sein Leben in der digitalen Welt ausbreitete, nicht nur sein Berufliches. Jeden Tag suchte sie nach Neuigkeiten über IHN.

Doch die virtuelle Beobachtung genügte ihr bald nicht mehr. Sie musste IHN mit eigenen Augen sehen. Sie veränderte ihr Äußeres. Ließ sich die Haare schneiden, färbte sie, kaufte sich eine Brille mit Fensterglas, veränderte ihre Statur durch Polster in der Kleidung. Aus dem Internet erfuhr sie, wo sie IHN fand. IHN wieder zu sehen, waren Demütigung und Genugtuung gleichzeitig. Demütigung, weil ER so unbeschwert sein Leben genoss, mit einer unverschämt jungen Geliebten, während ihr eigenes Leben zerstört war. Genugtuung, weil ER nicht ahnte, wie nahe sie IHM kam. Mit geändertem Namen gelang es ihr sogar, eine Stelle als Putzhilfe in seiner Klinik zu bekommen. Als sie die Zusage bekam, fühlte sie sich zum ersten Mal seit ihrer OP wieder glücklich.

Sie putzte abends. IHN traf sie selten an und wenn, nahm ER sie nicht wahr, aber sie hatte Zugang zu seinem Büro. Und seine Sekretärin war nicht besonders vorsichtig, was seinen Terminkalender anging. Jetzt wusste sie immer, wo ER sich befand. Und wenn möglich war sie auch da. Heute Abend war ER von diesem Pharma-Riesen zur Einweihung des neuen Luxushotels an der Messe eingeladen. Sie hatte sich bereits vor Ort umgesehen. Sie war vorbereitet.

*

›Eine Prämie für besondere Leistungen‹ – so stand es in dem Schreiben, das Anton Killian gerade von seinem Chef, Klaus Zuber, Leiter der PharmaBel AG erhalten hatte, zusammen mit einer Flasche eines wahrscheinlich sündhaft teuren Cognacs. Blumen für die Dame, die persönliche Assistentin des Chefs, eine Flasche für den Herrn und für beide ein diskreter Umschlag. Man feierte die Einweihung des neuen Luxushotels, das Zuber direkt an der Messe hatte bauen lassen. Schon das Grundstück musste ein Vermögen gekostet haben. Geladen war nur ein kleiner auserwählter Kreis von Gästen, der hannoverschen Prominenz aus Politik, Wirtschaft und ein paar handverlesene Pressevertreter. Den eigentlichen Grund zum Feiern aber offenbarte der Chef der PharmaBel erst im zweiten Teil seiner launigen Rede: die Zulassung des neuen Antifaltenmittels, gegen das Botox angeblich nur ein Schönheitspflästerchen war.

So, oder so ähnlich würde die Presse hoffentlich morgen berichten. Dafür wurde ordentlich was geboten: Zunächst speiste man fürstlich, der Champagner floss in Strömen, und auch beim Wein ließ sein Chef sich nicht lumpen. Nach dem Essen dann die unvermeidliche Rede, die Vorstellung des neu zugelassenen Produkts und als Abschluss ein grandioses Feuerwerk. Zum Ende der Rede dankte der, ach so sozial eingestellte Herr Zuber noch seinen Mitarbeitern, ohne die das alles nicht möglich gewesen wäre. Er bat, »stellvertretend für die vielen fleißigen Kollegen«, Killian und die Assistentin zu sich auf die Bühne.

Anton Killian arbeitete seit beinahe zehn Jahren als Chefchemiker für den bekannten Pharmariesen, und genauso lange kannte er Klaus Zuber. Der Manager höchstpersönlich hatte ihn, den vielversprechenden Wissenschaftler, eingestellt. ›Gekauft‹ war wohl der richtige Ausdruck. Als Mitglied eines Forschungsprojekts der Uni Hannover hatte es Killian zwar bereits zu gewissem Ansehen, mitnichten aber zu finanziellem Wohlstand gebracht. Das Angebot Zubers lautete über das Dreifache seines bisherigen Gehalts. Killian...

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