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Die Fleißlüge - Warum Frauen im Hamsterrad landen und Männer im Vorstand
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Die Fleißlüge - Warum Frauen im Hamsterrad landen und Männer im Vorstand
von: Brigitte Witzer
Ariston, 2015
ISBN: 9783641154653
288 Seiten, Download: 612 KB
 
Format: EPUB
geeignet für: geeignet für alle DRM-fähigen eReader PC, MAC, Laptop Apple iPod touch, iPhone und Android Smartphones Online-Lesen Apple iPad, Android Tablet PC's

Typ: A (einfacher Zugriff)

 

 
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Leseprobe

Einleitung

Der Traum von einem »Leben auf Augenhöhe«

Ein Hamsterrad sieht von innen aus wie eine Karriereleiter. Erzähle ich das vor Männern, bleibt ihnen zunächst das Lachen im Halse stecken, nimmt dann aber seinen Gang: Es wird laut und schallend gelacht.

Ganz anders die Frauen: Sage ich das in einer Runde mit Managerinnen, wird gelächelt. Ach, sagt dieses Lächeln, und: Ach ja! Hier und da ein Kichern. Ja, da haben wir uns wohl verlaufen! Häufiger leise Wehmut. Über den schicken Scheiteln türmen sich Gedankenwolken: »Mein Topexamen, das gab es nicht im Supermarkt.« Wir sind falsch unterwegs? Das kann doch gar nicht sein!

Ja, schön wäre es. Wir Frauen sind einer Lüge auf den Leim gegangen. Die Lüge lautet: Wer fleißig ist, kann alles erreichen. Es ist eine Lüge, weil sie uns zwar zu Höchstleistung motiviert, aber Höchstleistung führt eben nicht unweigerlich in die Topetagen der Macht. Höchstleistung führt, das wissen alle Frauen wie auch ich in der Tat sehr, sehr schnell auf die Überholspur: an gleich gut ausgebildeten Männern vorbei direkt ins mittlere Management. Dort könnte es vielleicht weitergehen, doch auf keinen Fall mit Fleiß.

Wir Frauen sind der Verheißung von Fleiß mehr oder minder immer blind gefolgt, auch noch nach dem gesamtgesellschaftlichen Umbau Ende der Sechzigerjahre. Wir haben zwar neue Wege betreten, aber wir haben nicht die Mittel verändert, mit denen wir bisher erfolgreich waren. Wir haben angenommen, wir könnten oder müssten sogar weitermachen wie bisher.

Wir dachten, wenn wir alles haben (können), was Männer haben, dann kommt sie schon, die Gleichberechtigung. Die Gleichberechtigung aber hat den Teufel getan, und sie wird sicher nicht deswegen kommen, weil wir die Tugend, die unsere Mütter schon so zuverlässig vom eigenen Denken, von den eigenen Talenten und Potenzialen abgehalten hat, jetzt in den Dienst der Wirtschaft stellen: Fleiß.

Hat man jemals »ganz oben« von einem fleißigen Mann gehört? Dorthin bringen es Männer mit Strategie, mit Macht, mit guten Netzwerken. Sie erreichen die Toppositionen, indem sie die Spielregeln der Wirtschaft akzeptieren und mehr oder weniger bedingungslos befolgen. Sprich: Hervorragend ausgebildete Männer, die in der Wirtschaft mit deren Regeln spielten, konnten bislang davon ausgehen, eine Spitzenposition einzunehmen, sobald die Zeit reif war.

Fleiß aber hat mit Macht nicht das Geringste zu tun. Dabei wollten Frauen doch die machtvollen Positionen stürmen! Wie bloß sind wir am Fleiß kleben geblieben? Sprechen wir nämlich von Gleichberechtigung, im Beruf wie auch im Privatleben, geht es gerade um einen neuen, einen anderen Umgang mit Macht. Und nicht um Fleiß.

Davon handelt dieses Buch. Damit handelt es automatisch von Wirtschaft und Arbeit, von einem im Fleiß quasi ertrinkenden Feminismus und von dem Wunsch nach gelingenden Beziehungen. Als ich zu schreiben begann, war meine erste Frage: Wie sieht ein praxistaugliches Modell für ein Leben auf Augenhöhe aus? Wie können sich Männer und Frauen, wie können sich die Geschlechter untereinander auf einer Ebene begegnen? Was gibt es bereits an Lösungen, Ansätzen, Konzepten?

Meine Bestandsaufnahme ergab: Viele Frauen definieren sich weiterhin über »den Mann« an ihrer Seite. Wir heiraten sozial »nach oben«. Immer noch finden Krankenschwestern den Arzt fürs Leben. Wen aber findet die Ärztin? Die Ehe mit einem Krankenpfleger verspricht den meisten weder die Vorteile eines soziales Aufstiegs, wie ihn die alten Konzepte liefern, doch ebenso wenig – und jetzt kommen wir zu des Pudels Kern – die Vorzüge eines Lebens auf Augenhöhe.

Stecken geblieben in einer Übergangslösung

Trete ich einen Schritt zurück, wird sichtbar, wie Frauen die Fragen der eigenen Gegenwart und Zukunft unbeantwortet lassen und sich stattdessen auf den Großbaustellen dieser Welt verlaufen. Auf denen bleiben sie dann voller Fleiß und mit großer Ignoranz, was die eigenen Bedürfnisse betrifft, stecken. Sie arbeiten sich ab, nimmermüde, schlaflos, hart gegen sich selbst.

So bringt der Glanz der guten Noten Frauen dazu, Schule und Studium heute besser zu absolvieren als Männer. Für Frauen der Sechzigergeneration galt das ähnlich: Damals glaubten wir Frauen, uns mit einer Art Bauchladen voller Abschlüsse, Qualifizierungen und Diplome für die Aufgaben der bisherigen Männergesellschaft aufrüsten und wirtschaftlich fit machen zu müssen.

Das zeigt sich auch in den Unternehmen: Während die Statusspiele mit Firmenwagen, Bürogröße und Anzahl der von ihnen geführten Menschen bei den Männern ungehindert weiter Blüten treiben, ziehen es die Frauen vor, sich um das Wohl des Unternehmens zu sorgen. Ihnen sind Inhalte wichtiger als Prestige, Status gilt ihnen wenig – schließlich kämpfen sie für die gute Sache. Die Spielregeln der Macht, die alten Spiele der Männer werden kurzerhand abgewertet, gelten als unwichtig, werden diskreditiert als albern, überflüssig, irrelevant, ja absurd.

Wenn Frauen die Regeln ignorieren, können sie aber nicht teilnehmen. Ist es also ein Wunder, dass wir das altbekannte Spiel weder gewinnen noch verändern können? Diese Gestaltungsmacht hat uns der Feminismus aus irgendeinem Grunde nicht gebracht. Was ist da bloß schiefgelaufen?

Die Frauenbewegung hat zwar eine enorme reinigende Wirkung entfaltet und patriarchale Domänen dekuvriert, aber auch die Abwertung der Männer durch die Frauen gesichert. Denn ihre bekannten Vertreterinnen wie etwa Alice Schwarzer hatten nicht den Gleichwert oder die Gleichberechtigung auf dem Radar, sondern sie kehrten die Situation um. Aus den abgewerteten Frauen wurde das bessere Geschlecht, die zuvor überhöhten Männer gerieten von gefeierten Tätern und Helden zu verachteten »Übeltätern«. Wir haben allein den Platz auf der Wippe getauscht: Jetzt sitzen die Männer unten, abgewertet und abgestraft.

Das leitet mich zur zweiten Frage des Buches: Was bringt das für die Verantwortung des Einzelnen? Die Umkehrung der Täter-Opfer-Dynamik mag eine zunächst angemessene Gegenbewegung und als Brücke für »das Neue« hilfreich sein, aber sie liefert nur das – und eben nicht mehr.

Blinde Flecken und gläserne Decken

Mein Augenmerk beim Schreiben war bestimmt durch meine eigene Identität und meine Erfahrungen als Frau. Ich bin eine Gewinnerin des gesellschaftlichen Aufbruchs sowie der Frauenbewegung: Als Arbeiterkind konnte ich studieren, hatte erfolgreich verschiedene Rollen in Wirtschaft und Hochschule inne und sage heute, mit siebenundfünfzig Jahren, dass ich ein gelingendes Leben führe und gestalte. Das gab es nicht gratis.

Angefangen hat es ganz anders, in Enge, in Armut. Ich durfte, musste mich selbst entwickeln. In der Retrospektive halte ich es für mein Glück, dass ich den dazu erforderlichen Entwicklungsprozess ständig reflektiert habe, sei es im politischen Feld, sei es therapeutisch oder in Coaching und Supervision. Das gab und gibt mir Bewusstheit für das, was auf meinem Radar sichtbar wurde, und verhalf mir zu Worten, zu einer Sprache für meine Erfahrung – einer Erfahrung, die auch Frauen nicht unbedingt schont.

Mir ist heute bewusst: Frauen haben sich, ob sie es wahrhaben wollen oder nicht, über Jahrtausende ihren Platz zuweisen lassen. Weil sie das vor sich selbst verbergen mussten – wie könnte eine das sonst aushalten? –, gibt es im Ergebnis eine Vielzahl gut erlernter, intuitiver und nicht bewusster Verhaltensmuster, derer sich weder Frauen noch Männer oftmals gewahr sind.

Ich spreche von »blinden Flecken«, weil sie nicht willentlich, sondern spontan, ja reflexhaft auftreten. So geraten blinde Flecken als drittes Leitmotiv in dieses Buch. Sie verhindern den freien Blick auf den Partner, den Kollegen, den Vorgesetzten und halten zugleich das Täter-Opfer-Muster am Laufen: Wir beschäftigen uns mit den Problemen statt mit der Lösung, die außerhalb des Problems liegt.

Einer dieser blinden Flecken liegt vor oder auf der »gläsernen Decke« – eine Formulierung die besagt, dass Frauen über eine bestimmte Ebene hinaus nicht Karriere machen. Was weiter oben geschieht, können sie zwar sehen, aber sie sind nicht dabei. Dieser Mythos erzeugt eine Realität, die von den Frauen in allen Lebensbereichen mitgestaltet wurde.

Die Schuldzuweisung an die mächtigen Männer der Welt, sie würden diese Glasdecke bewusst und gerade in der Wirtschaft installieren, ist weder wahr noch hilfreich für neue Optionen.

Gestatten: Diese Rollen erwarten Sie!

Zu meinen Erkenntnissen bin ich gekommen, indem ich mir meine eigenen Rollen im Arbeitskontext näher angeschaut habe. Besonders Hilfreiches, das in der Retrospektive durchaus schmerzhaft für mein Selbstbild war, lieferte der Blick auf meinen Berufseinstieg. Denn die ersten Jobs erhielt ich »à la Prinzessin« – ich ließ mich auswählen. Im Hintergrund lief dabei der Fleiß immer mit, unauffällig, ja ganz selbstverständlich als meine gut geölte Waffe, um jede Aufgabe mit vollem Einsatz zu erledigen, ohne jemals nach dem Sinn, nach meiner Resonanz, nach meinen Talenten zu fragen.

Einmal auserwählt, zeigte ich mich der Sache gewachsen und würdig: Ich mutierte in der Folge konsequent zur Superbiene. Jetzt erst kam der Fleiß voll zum Tragen, wurde unübersehbar, greifbar – und ich war richtig gut. So gut, dass ich mir den gesamten Arbeitsbereich gleichsam einverleibte, bis ich ihn am Ende sachlich, fachlich und menschlich dominierte. Die Superbiene brachte mich unter den begeisterten Augen meiner diversen...



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