Der sexuelle Supergau - Wo bleiben Lust, Scham und Sittlichkeit

Der sexuelle Supergau - Wo bleiben Lust, Scham und Sittlichkeit

 

 

 

von: Ingelore Ebberfeld

Westend Verlag, 2015

ISBN: 9783864895913

Sprache: Deutsch

418 Seiten, Download: 13292 KB

 
Format:  EPUB

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Der sexuelle Supergau - Wo bleiben Lust, Scham und Sittlichkeit



Einleitung: Allgegenwart des Sexuellen


»Symbolisierte (freier) Sex in den sechziger und siebziger Jahren noch die anti-bürgerliche Freiheit, symbolisiert er heute vor allem die Marktwirtschaft; die ununterbrochene Jagd nach Geld einerseits und das unersättliche Verlangen nach sofortiger Befriedigung andererseits.«

Myrthe Hilkens1

Ob Analsex normal sei, fragt mich eine Vierzehnjährige vor mehr als zweieinhalb Jahren. Ein Fünfzehnjähriger kann mir erklären, was FF bedeutet. Und nicht nur das. Er weiß, was Gangbang ist und auch Bukkake. Ich kenne weder das eine noch das andere, deshalb lass ich es mir von ihm erklären. Was er mir etwas schüchtern mitteilt, macht mich sprachlos, und ich bin auch entsetzt und frage daher: »Woher weißt du das?« Er entgegnet im Brustton der Überzeugung: »Ey Mann, das weiß doch jeder!«

Diese Jugendlichen vertrauen mir, sie sind sehr offen mir gegenüber, mit anderen würden sie nicht über Derartiges sprechen, das haben sie mir jedenfalls versichert. Und natürlich musste ich versprechen, nicht mit ihren Eltern darüber zu reden. Es sind die Kinder von Freundinnen. Ich habe sie als Säugling auf den Armen ihrer Mütter gesehen und sie selbst als Kleinkinder auf dem Schoß gehabt. Sie sind gut erzogen und gehen auf gute Schulen. Nichts an ihnen ist auffällig. Es sind ganz normale Teenager.

Diese Frage der Vierzehnjährigen und das Gespräch mit dem Fünfzehnjährigen haben mich seither nicht mehr losgelassen. Ich begann mit meinen Forschungen zu diesen Themen, halte seither meine Augen und Ohren weit offen, habe recherchiert und mit Dutzenden Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen über Sexuelles gesprochen, insbesondere über Sexuelles, das im öffentlichen Raum stattfindet. Rasch wurde mir klar: Wo immer man genauer hinsieht, stoßen wir auf Sexuelles, es ist allgegenwärtig, ja, Sex ist alles, und alles ist Sex.

Vieles von dem, was ich erfuhr, war schockierend, besonders meine Nachforschungen im Internet,* weshalb ich zwei Mal kurz davor stand, mein Vorhaben, dieses Buch zu schreiben, abzubrechen. Wer wirklich aufmerksam ist, wird überrascht sein, was uns alltäglich sexuell serviert wird, ungefragt, versteht sich.

Wir haben uns so sehr daran gewöhnt, dass Sexuelles überall präsent ist, dass wir gelernt haben, es zu übersehen. Ironischerweise sei Pornographie durch die blanke Allgegenwart praktisch unsichtbar geworden, schreibt die Soziologin Gail Dines.2 Recht hat sie. Gleiches gilt allemal für das Sexuelle, das uns täglich rund um die Uhr begegnet.

Nehmen wir einen ganz frühen Morgen im Februar des Jahres 2015. Ich lese meine Tageszeitung. Nach ein paar Seiten findet sich ein nahezu halbseitiger Artikel inklusive Bild mit dem Titel »Baumpflege am Limit«. Ganz klar, das ist für den einen interessant, ein anderer blättert vielleicht rasch weiter und sieht doch gleich schräg darunter, nicht unwesentlich kleiner, ebenfalls mit Bild und mit gleich fetter und großer Überschrift eine Anzeige: »Ungetrübtes Liebesglück statt Scheidentrockenheit«. Zehn Seiten weiter folgen die Mietangebote, Angebote für Nebenbeschäftigungen, Gastronomie und Hotelgewerbe. Nicht zu übersehen im Dschungel dieser Offerten, die Rubrik »Erotik – Clubs – Kontakte«. Unter anderem bieten »reife Damen« Tantra an, aber es gibt auch erotische Massagen zu dritt, und eine »Bildhübsche Farbige, 23 J., mit Konfektionsgröße 36« preist ihre Vielseitigkeit an »auch Hs/Htl.«, also Haus- oder Hotelbesuche. Sämtliche Damen sind mit Telefonnummern versehen.

Das ist harmlos gegenüber dem, was im Netz los ist? Das kann sein. Oder besser gesagt, es stimmt, und das ist keineswegs tröstlich. Auch was im Laufe des Tages noch auf uns zukommt, ist nicht ohne, im Fernsehen, auf Plakaten, im Radio, in Musikvideos, auf der Straße, im Urlaubsprospekt, im Supermarkt, in der Apotheke und, und, und ...

Unverblümt wird über Sexuelles berichtet, die Medien sind regelmäßig voll damit. Noch nicht einmal das Ökoheft, das im Ökoladen ausliegt, oder das Krankenkassenheft, das in einem bestimmten Turnus in meinem Briefkasten landet, ist frei davon. Zwar geht es in den letztgenannten Printmedien gezügelter zu, doch anderswo zeigen Menschen ohne Scheu intime Körperpartien, spreizen ihre Beine, als wären sie beim Gynäkologen. Sie erzählen delikate Dinge aus ihrer sexuellen Praxis, machen damit Intimstes öffentlich, als berichteten sie über neutrale Themen, zum Beispiel über die Lebensgewohnheiten von Koalabären, oder sie führen so selbstverständlich Koitusbewegungen vor, als trainierten sie ihre Hinterbacken in einem Fitnesskurs. Kurzum: Es wird bei der intimsten Sache der Welt so getan, als sei nichts dabei, es auch vor aller Welt zu machen.

Was wir zu sehen und zu hören bekommen, geht weit über die Schmerzgrenze und Vorstellungskraft hinaus. Manches ist wahr, manches erlogen, who cares? Hauptsache, Aufmerksamkeit, Hauptsache, am Ende hat es sich gelohnt – für wen auch immer. Da erzählt ein 26-Jähriger des Nachts in einer Telefon-Talkradio-Sendung, er treibe regelmäßig Sex mit 60 Kilogramm Hackfleisch, das er zuvor zu einer Frau formte. Über einen Fünfzehnjährigen wird im selben Sendeformat erzählt, er würde es mit einem Dackel machen. Wo ist die Grenze dessen, was man senden sollte? Vielleicht erst bei dem angehenden Gerichtsmediziner, der gestand, er habe sich bereits an einer Toten auf dem Obduktionstisch vergriffen?

Wer glaubt, nach diesen Dingen müsste gesucht werden, der irrt, ein Klick, und schon ist es geschehen. Geben Sie einmal die harmlosen Wörter »Pferdschwanz» und «reiten« zusammen in ihren Computer ein, und ich verspreche Ihnen, eins, zwei, drei sind Sie bei kostenlosen Sexvideos. Danach geht es richtig los. Und ja, Kinder und Jugendliche kommen durch Zufall auf noch ganz andere Internetseiten, und selbstverständlich sind sie im Aufsuchen von perversen Dingen im Netz um einiges gewiefter als etwa eine Wissenschaftlerin meines Formats, für die das alles Neuland ist beziehungsweise war. Auch gibt es kein Vertun, dass jene Kinder, die das Netz nach solchen Dingen bewusst abgrasen, auf Unvorstellbares stoßen. Ebenfalls liegt auf der Hand, dass Kinder sich jeden Tag auf unseren Schulhöfen ihre abartigen Fundstücke gegenseitig zeigen oder zuschicken, »echt krasse Sachen«, wie sie es nennen.

Es gibt genügend Menschen, die behaupten, sexuelle Bilder, die uns auf diesem Weg, durch den Fernseher und über Kinofilme übermittelt würden, hätten keinen Einfluss auf uns. Wie es auch genügend Wissenschaftler gibt, die Pornographie, auch das Pornoschauen von Kindern, für nicht besonders wirksam hinsichtlich der Psyche einschätzen, ja, eine Beeinflussung etwa hinsichtlich der eigenen sexuellen Praktiken gänzlich verneinen. Nach meinen Studien bezweifle ich, dass man das generell so sagen kann. Wenn das wirklich stimmte, wenn Bilder also keinen Einfluss auf uns hätten, würde kein Unternehmen dieser Welt Werbung betreiben. Und ich möchte erinnern, für Werbung werden Milliarden ausgegeben.3

Ich komme in der Tat zu anderen Befunden: So mancher wird völlig gefühllos gegenüber sexueller Gewalt, die er auf der Mattscheibe, der Kinoleinwand oder dem PC-Monitor sieht. Sie rauscht an ihm vorbei, als sei das gar nichts. Andere wieder werden von sexuellen Szenen traumatisiert, ganz gleich, ob sie für die Kamera gestellt waren oder nicht. Dabei ist die Spannweite weit gefasst. Sie reicht von Vergewaltigungsszenen bis hin zu Beiträgen, die eine stöhnende Asiatin zeigen, in der ein Hengstpenis steckt, oder von Berichten über Kotorgien bis hin zu Schilderungen von Kindesmissbrauch. Von all dem zu wissen, ist das eine, das andere, es zu sehen.

In dem einen wie in dem anderen Fall hinterlassen sexuelle Informationen und Darstellungen Spuren in uns. »Ohne mein Wollen kommen Bilder in den Kopf, die einen nicht mehr loslassen, dauernd«, erzählt mir ein Vater zweier Kinder, der auch nichts mehr über Pädophilie in der Zeitung lesen will. Er geht hin und wieder in einen Swingerclub, quasi in der Mittagspause, aber wenn es um brutale sexuelle Darstellungen geht, rastet er aus. Als ich ihm vom schrecklichen Fall eines kleinen Mädchens erzählen will, stoppt er mich in einem harschen Ton: »Hör auf damit, das will ich nicht wissen, das soll nicht in meinen Kopf!«

Ich kann ihn gut verstehen. Vor zwei Jahrzehnten gab eine Studentin einen Praktikumsbericht bei mir ab, den ich zu bewerten hatte. Sie hatte mehrere Wochen in einem Kindergarten gearbeitet. Dort war sie auf den Fall eines kleinen Mädchens gestoßen, das schon als Säugling von einem Mann sexuell missbraucht worden war. Wie es zur Aufdeckung des Missbrauchs kam, hatte die Studentin in dem Bericht geschildert. Als sie ihre korrigierte Arbeit abholte, machte ich einen verhängnisvollen Fehler. Ich fragte: »Wie denn um alles in der Welt kann man ein Baby penetrieren?« Bei der Antwort schossen mir sogleich Tränen in die Augen, auch jetzt wieder, wo ich dies niederschreibe. Bis heute habe ich dieses Bild, das damals in mir hochstieg, nicht verkraftet.

Nichts bleibt ungesagt, nichts ungezeigt. Keine Facette der Sexualität ist zu entdecken, die nicht kommerzialisiert wäre, und es gibt nichts, aber auch gar nichts Sexuelles, was im Netz nicht zu finden wäre. Erobert wurde auch der sexuelle Markt der Quickies und One-Night-Stands. Beides ist en vogue und salonfähig geworden. Das Zauberwort heißt schneller Sex per Handy mit Hilfe von Dating-Apps. Sie sind der Renner. »Tinder« ist eine der bekanntesten Apps und äußerst erfolgreich. Täglich werden hier eine Milliarde...

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