Die Götter und Mythen der Germanen

Die Götter und Mythen der Germanen

 

 

 

von: Arnulf Krause

Edition Erdmann in der marixverlag GmbH, 2015

ISBN: 9783843805186

Sprache: Deutsch

254 Seiten, Download: 2576 KB

 
Format:  EPUB

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Die Götter und Mythen der Germanen



I. DIE WELT DES NORDENS


WAS UNS AN DEN GERMANEN FASZINIERT


Die Götter und Mythen der Germanen dürften bei den Leserinnen und Lesern neben allem sachlichen Interesse eine Reihe von Assoziationen wecken, die sich mit mehr oder weniger starken Vorstellungen verbinden: der thronende Göttervater Wodan mit seinen Raben und Wölfen; der ungestüme Blitzeschleuderer Donar, dessen Name bereits auf den Donner verweist; Zwerge, Trolle und Drachen als Gestalten der mythischen Welt in und um Asgard; des Weiteren geheimnisumwitterte Grabhügel, Hünengräber inmitten von Heiden und Mooren sowie Runensteine; unwirtliche Einöden, dunkle Wälder und gewaltige Fjorde – kurzum die Welt des Nordens, die sich mit ihren »Götter- und Heldensagen« vom deutschen Rhein bis nach Island am Polarkreis erstreckt. Im Nibelungenlied findet sich dafür eine kongeniale Darstellung, indem die burgundischen Recken von Worms in das befremdliche Reich der isländischen Königin Brünhild reisen. Und der sagenhafte Nibelungenschatz wird aus Norwegen zum Mittelrhein befördert. Als wolle hier das mittelhochdeutsche Heldenepos den Mythos des Nordens pflegen und weitererzählen. Heidnische Götter kommen darin allerdings nicht mehr vor; im Gegensatz dazu die Isländer, die sich ihrer – obwohl Christen – noch um 1200 erinnern und Göttervater Odin – wie Wodan im Norden heißt – kräftig bei den Kämpfen der Helden mitmischen lassen. Damit befinden wir uns inmitten der nördlichen Gefilde, in der Welt der germanischen Völker, zu deren Nachfahren sich Deutsche, Engländer und die meisten Skandinavier zählen. Den Dänen, Schweden, Norwegern und Isländern war ihr vorchristliches mythisches Erbe längst vertraut – dank der isländischen Handschriften des Mittelalters, die vieles davon bewahrten. Darunter die Edda, die sich gleichsam als Zauberwort des Nordens erweist. In Deutschland (wie in England) hat man sich alles erst mühsam seit dem 18. Jahrhundert erschließen müssen. Und da fiel insbesondere den Romantikern auf, dass die Götter und Mythen des Nordens ein ganz eigener Hauch umweht, der sie von den Götter- und Heldensagen der Griechen und Römer unterscheidet: Dunkler und geheimnisumwitterter wirken sie, schicksalsträchtiger als jene des klassischen Altertums aus der lichten Welt des Mittelmeers. Auf der Suche nach der eigenen Vergangenheit stieß man auf die Germanen, die gleichsam als »erste Deutsche« galten. Doch von den Mythen der Vorfahren wusste man nichts. Da kamen die fernen Isländer ins Spiel, gewissermaßen ein germanisches Brudervolk. Hatten sie nicht das religiöse Erbe der Ahnen in den Götterliedern der Älteren Edda und in der Prosa-Edda niedergeschrieben? War diese Überlieferung der beiden Eddas nicht auch die der Deutschen? So eigneten sich die Deutschen eine Mythologie an, von der es zwischen Nordsee und Alpen keine oder nur sehr wenige Spuren gibt. Richard Wagner brachte Wodan und die Walküren auf die Bühne, der Ring des Nibelungen wurde zu so etwas wie einem nationalen Weihefestspiel. Nicht zuletzt wegen dieses Bühnentreibens erfreuten sich die Götter und Mythen der Germanen vielerorts Beliebtheit und gehörten von nun an neben den klassischen Göttersagen zum Bildungsgut, über das man verfügen sollte. Die Skandinavier ließen sich ihre überlieferten vorchristlichen Mythen nicht nehmen, aber in Deutschland erfuhren sie im ideologischen Vorlauf und Umfeld der NS-Diktatur schlimmsten Missbrauch. Der wirkte noch lange nach 1945 nach. Dann kam eine umtriebige interdisziplinäre Forschung, die ihre eigene, teils düstere Geschichte aufarbeitete und die gesamte Germanenforschung auf entideologisierte und sachliche Füße stellte. Und dann kam der englische Literaturprofessor und Mythenkenner J. R. R. Tolkien, der aus Elementen alter Mythen einen neuen Mythos schuf. Seine Fantasy-Trilogie Der Herr der Ringe (1954/55) wurde zum Klassiker dieses Genres schlechthin. Für seine fiktive Mittelerde bediente er sich keltischer wie germanischer Mythenelemente und erschuf daraus eine Welt im Nordwesten Europas. Dort fand sich wieder der Zauber des Nordens, übrigens auch in Namen wie Gandalf, Thorin, Kili und Fili, von denen Tolkien schmunzelnd zugab, sie schlichtweg der Edda entnommen zu haben. Auf diesem prominentesten und verbreitetsten Weg (man denke an die Verfilmungen Peter Jacksons seit 2001), aber auch auf vielen Nebenwegen, haben die Götter und Mythen der Germanen in die Gegenwart gefunden.

Wer aber waren die Germanen? Wir verstehen darunter eine große Anzahl von Stämmen, deren Gemeinsamkeiten seit den letzten 500 Jahren vor Chr. greifbar werden. In dieser Zeit entwickelt sich eine germanische Sprache (Urgermanisch) aus dem Indogermanischen oder Indoeuropäischen, von dem die meisten europäischen Sprachen abstammen. Daraus entstehen die heutigen germanischen Sprachen (Dänisch, Schwedisch, Norwegisch, Färöisch und Isländisch, Englisch, Deutsch und Niederländisch, um die wichtigsten zu nennen). Den Archäologen gelten die Menschen der Jastorf-Kultur im heutigen Niedersachsen als erste Germanen, die man im erwähnten Zeitraum datiert. Namentlich und damit historisch greifbar sind die Germanen erst seit dem 1. Jahrhundert vor Chr. Für ihre Berühmtheit hat vor allem Julius Caesars Schrift Über den Gallischen Krieg (58–51 vor Chr.) gesorgt. Die derart benannten Barbarenstämme rechts des Rheins kannten jedoch keine einheitliche Selbstbezeichnung und lebten in keinem gemeinsamen Reich. Gleichwohl bestanden Gemeinsamkeiten: eine gemeinsame oder zumindest ähnliche Sprachen, das Fehlen einer Stadtkultur mit Münzwesen, eine von Adel und Kriegergefolgschaften geprägte Stammesgesellschaft, die um die Zeitenwende nach dem Vorbild mediterraner Alphabete entstandene Runenschrift, eine sich allmählich entwickelnde Kunst (»Germanischer Tierstil«), die wohl erst seit der Völkerwanderungszeit entstehenden Heldensagen und schließlich ähnliche religiöse Vorstellungen und Gottheiten. Ein beachtlicher Teil der germanischen Stämme zeichnet sich von ca. 120 vor Chr. bis 1100 nach Chr. durch Kriegszüge, Wanderungen und Landnahmen aus und findet sich oftmals in Bündnissen zusammen. Als erste gelangten die Kimbern und Teutonen aus Jütland bis nach Oberitalien, wo sie von den Römern 102/101 vor Chr. vernichtend geschlagen wurden. Den Abschluss dieser germanischen Völkerwanderungen stellen die Raubzüge, Migrationen und militärischen Interventionen der skandinavischen Wikinger dar (Wikingerzeit 793–1066 nach Chr.), die auf den Britischen Inseln, im Nordatlantik (Island, Grönland), in der Normandie (nach den Normannen »Nordmännern« bezeichnet) sowie im Baltikum und Russland agieren. Sie stellen übrigens als letzte Heiden diejenigen dar, deren vorchristliche Traditionen die wichtigsten Zeugnisse der germanischen Mythologie bieten.

Nach dem legendären Sieg des Cheruskerfürsten Arminius über die Legionen des Varus in der Schlacht im Teutoburger Wald (wohl bei Kalkriese bei Osnabrück) im Jahre 9 nach Chr. machten die Römer den Rhein zur Grenze, der sie schließlich mit dem Limes eine Grenzlinie zwischen Rhein und Donau hinzufügten. Seit dem 3. Jahrhundert entstehen germanische Großstämme, die den Druck auf die Grenzen Roms verstärken: Alamannen, Franken und Sachsen, später noch die Thüringer und Bajuwaren (Baiern). Etwa gleichzeitig bilden sich in Osteuropa Völkerschaften, die teilweise aus Skandinavien stammen: West- und Ostgoten, Burgunden, Vandalen u. a. Diese Ostgermanen gründen während der Völkerwanderungszeit auf römischem Reichsgebiet kurzlebige Reiche. Die aus dem Rhein-Weser-Gebiet über den Rhein vordringenden Franken errichten andererseits gegen 500 ein Reich, das sich 300 Jahre später unter Karl dem Großen über Frankreich, das westliche Deutschland, Oberitalien sowie weitere Gebiete Europas erstreckt und zu einer Keimzelle des mittelalterlichen Abendlandes wird. Auch die um 450 nach England ausgewanderten Angeln, Sachsen und Jüten begründen dort mit ihren sieben Königreichen langwährende Herrschaften. Unter den Nordgermanen geschieht dies erst im 10. und 11. Jahrhundert. Man hat sich angewöhnt, die germanische Stämmevielfalt wie folgt zu gliedern: Elbgermanen (Langobarden, Hermunduren, Semnonen u. a.), Nordseegermanen (Angeln, Sachsen, Friesen), Rhein-Weser-Germanen (aus deren Stämmen die Franken entstanden). Diese drei Untergruppen bilden die Westgermanen (Südgermanen), denen die Großstämme der Franken, Alamannen, Sachsen, Thüringer, Bajuwaren und Langobarden zuzurechnen sind und aus denen später zum Teil die Deutschen werden. Als Nordgermanen bezeichnet man die oben genannten Völker in Skandinavien; als Ostgermanen die ebenso bereits angeführten.

Religion und Mythen dieser zahlreichen germanischen Völkerschaften, Stämme, Großstämme und Völker umfassen demzufolge einen chronologischen Rahmen, der mit der Annahme des Christentum um 1100 nach Chr. endet, dessen Anfänge jedoch irgendwo in den Jahrhunderten vor der Zeitenwende zu suchen sind und womöglich bis in die nordische Bronzezeit zurückreichen. Die...

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