Alle Geschichten über Mowgli - Die Dschungelbuch-Erzählungen und

Alle Geschichten über Mowgli - Die Dschungelbuch-Erzählungen und "Im Rukh" - neu bearbeitet und übersetzt

 

 

 

von: Rudyard Kipling, ofd edition

Books on Demand, 2016

ISBN: 9783739200200

Sprache: Deutsch

283 Seiten, Download: 2551 KB

 
Format:  EPUB

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Alle Geschichten über Mowgli - Die Dschungelbuch-Erzählungen und "Im Rukh" - neu bearbeitet und übersetzt



Mowglis Brüder


 

Nun bringt der Weih die dunkle Nacht,

Und „Mang“, die Fledermaus, erwacht.

Der Stall schützt alles Herdentier,

Denn bis zum Morgen herrschen wir!

 

Die Stunde stolzer Kraft hebt an

Für Prankenhieb und scharfen Zahn.

Jagdheil! und kühn gehetzt, gerafft:

Das Dschungelrecht ist jetzt in Kraft.

 

Nachtgesang im Dschungel

     


Gegen sieben Uhr an einem recht schwülen Sommerabend in den Sionibergen erwachte Vater Wolf. Er gähnte, reckte sich und streckte die Läufe, einen nach dem anderen, um das Schlafgefühl in den Pfoten loszuwerden. Neben ihm lag Mutter Wolf, die lange graue Nase quer über den vier winselnden Jungen, und von draußen her schien der Mond in die Höhle, in der sie alle lebten.

 

„Ruff“, knurrte Vater Wolf, „schon wieder Zeit, auf Jagd zu gehen.“ Gerade wollte er den Hang hinablaufen, als am Eingang der Höhle ein kleiner Schatten mit buschiger Rute erschien und winselte: „Glück sei mit Dir, Häuptling der Wölfe! Und viel Glück Deinen edlen Kindern, weiße, scharfe Zähne sollen ihnen wachsen. Mögen sie nie die Hungernden und Darbenden vergessen in dieser Welt!“

 

Der Schakal war es – Tabaqui, der Schüssellecker. Die Wölfe in Indien verachten ihn, weil er Unheil stiftend umherschweift und böse Geschichten erzählt. Ja, er verschlingt sogar alte Lumpen und Lederstücke von den Abfallhaufen der Dörfer. Aber sie fürchten ihn auch, denn Tabaqui wird leicht von Tollwut befallen, viel leichter als irgendein anderes Tier im Dschungel. Dann vergisst er, dass er je Angst gehabt hat, rennt blindwütig durch die Wälder und beißt und würgt alles, was ihm in den Weg kommt. Dann flüchtet selbst der Tiger vor dem kleinen Tabaqui und verbirgt sich im Dickicht; denn von der Tollwut befallen zu werden, ist die größte Schande für die Tiere der Wildnis. Wir Menschen nennen es Angst, aber die Bewohner der Dschungel sagen einfach Dewanii – Wahnsinn – und flüchten.

 

„Tritt ein und schau“, sagte Vater Wolf. „Fressen findest Du hier aber nicht.“

 

„Für einen Wolf wohl kaum“, antwortete Tabaqui. „Aber für ein Geschöpf wie mich ist ein abgenagter Knochen ein Festschmaus. Wer sind wir denn, wir Gidurlog, wir armes Schakalvolk, dass wir wählerisch sein könnten?“

 

Er trat in den Hintergrund der Höhle und fand dort den Knochen eines gerissenen Bocks mit etwas Fleisch daran; schon saß er dort und knackte vergnügt daran.

 

„Vielen Dank für das prächtige Mahl“, sagte er, sich die Lippen leckend. „Ah, wie schön sind die edlen Kinder! Wie groß und klar sind ihre Augen. Und so jung sind sie noch, die lieben Kleinen! Freilich – freilich, es ist ja bekannt, dass Kinder von Königen bereits Männer von Geburt an sind.“

 

Nun wusste Tabaqui ebenso gut wie jeder andere, dass man nichts Unschicklicheres tun kann, als anwesende Kinder zu loben – denn das ist von schlimmer Vorbedeutung. Und es freute ihn, als Vater und Mutter Wolf betreten schwiegen.

 

Eine Weile saß Tabaqui dort und weidete sich an dem Unheil, das er angerichtet hatte.

 

Dann sagte er boshaft:

 

„Schir Khan, der Gewaltige, hat seine Jagdgründe verlegt. Hier, in diesen Hügeln, wird er im nächsten Mond jagen – so erzählte er es mir.“

 

Schir Khan war der Tiger, der an den Ufern des Waingungaflusses lebte – ungefähr zwanzig Meilen entfernt.

 

„Dazu hat er kein Recht!“, empörte sich Vater Wolf. „Nach dem Gesetz des Dschungels darf er seine Jagdgründe nicht ohne vorherige Ankündigung wechseln. Alles Wild wird er uns auf zehn Meilen im Umkreis verscheuchen, und ich – ich muss jetzt für zwei jagen.“

 

„Seine Mutter nannte ihn nicht ohne Grund Langri, den Lahmen“, warf Mutter Wolf ein. „Auf einem Fuß ist er von Geburt an lahm. Darum reißt er auch nur Rinder. Nun sind die Dorfbewohner am Waingunga zornig über ihn, und jetzt kommt er hierher und wird unsere Bauern aufbringen. Um seinetwillen werden sie den Dschungel ausräuchern, wenn er schon wieder weit fort ist; wir aber und unsere Jungen müssen dann flüchten, wenn das Gras in Brand gesteckt ist. Wahrlich, sehr dankbar sind wir ihm, dem großen Schir Khan!“

 

„Soll ich ihm vielleicht Euren Dank überbringen?“, fragte Tabaqui.

 

„Verschwinde!“, sagte Vater Wolf. „Geh zu Deinem Herrn und Meister! Du hast in einer Nacht Unheil genug gestiftet!“

 

„Ich gehe!“, sagte Tabaqui gelassen. „Da könnt Ihr Schir Khan schon hören, unten im Dickicht. Die Botschaft kann ich mir sparen.“

 

Lauschend spitzte Vater Wolf die Ohren. Dann vernahm er unten im Tal, das sich zu einem kleinen Bach absenkt, das ärgerliche, schnarrende, näselnde Gewinsel eines Tigers, der nichts erbeutet hatte und den es nicht kümmert, dass alles Dschungelvolk sein Missgeschick erfährt.

 

„Der Narr!“, knurrte Vater Wolf. „Die nächtliche Jagd mit solchem Lärm zu beginnen! Glaubt er etwa, dass unsere Böcke ebenso dumm wie seine fetten Ochsen am Waingungafluss sind?“

 

„Still!“, sagte Mutter Wolf. „Still, Alter. Hörst Du denn nicht? Weder Ochse noch Bock hetzt er heute ... den Menschen jagt er!“

 

Das Gewinsel des Tigers ging nun über in ein langgezogenes, summendes Schnurren – so laut und doch so unbestimmt, dass es schien, als käme es aus allen Himmelsrichtungen zugleich. Das war das Summen, das den Holzfällern und Zigeunern, die auf den Lichtungen lagern, das Blut erstarren lässt – kopflos fliehen sie dann, oft geradewegs hinein in den Rachen des Tigers.

 

„Menschen!“, wiederholte Vater Wolf und fletschte seine weißen Zähne. „Puh! Gibt es denn nicht genug Gewürm und Frösche in den Sümpfen. Muss er Menschen fressen? Und noch dazu in unserem Gebiet?“

 

Das Gesetz des Dschungels, das nichts ohne guten Grund vorschreibt, verbietet den Tieren, Menschen anzugreifen – mit der einzigen Ausnahme, wenn ein Tier seine Jungen das Jagen und Töten lehrt. Das aber darf nur abseits geschehen, niemals in den Jagdgründen des eigenen Rudels oder Stammes. Der Grund dafür ist, dass früher oder später, wenn ein Mensch getötet wurde, die Bleichgesichter auf Elefanten anrücken, mit Büchsen bewaffnet, begleitet von Hunderten von braunen Dienern, mit Gongs, Raketen und Fackeln. Dann haben alle im Dschungel zu leiden. Die Tiere aber geben als Grund an, dass der Mensch das schwächlichste und wehrloseste aller Geschöpfe ist, daher sei es unsportlich, ihn anzugreifen. Sie sagen ferner – und das ist die Wahrheit –, vom Menschenfleisch würden sie räudig und verlören die Zähne.

 

Das Schnurren wurde lauter und endete plötzlich in einem scharfen, tiefkehligen „Aaaoh!“

 

Dann ertönte Geheul – untigerhaftes Geheul und Gemaunz von Schir Khan. „Er hat seine Beute verfehlt“, sagte Mutter Wolf. „Was war es?“

 

Vater Wolf lief ein paar Schritte vor die Höhle und hörte das wütende Geheul Schir Khans, der in den Büschen im Talgrund herumfegte.

 

„So ein Dummkopf!“, brummte Vater Wolf. „Er ist in das Feuer eines Holzfällers gesprungen und hat sich dabei die Pfoten verbrannt! Tabaqui ist bei ihm.“

 

„Etwas kommt den Hügel herauf“, flüsterte Mutter Wolf und stellte einen Lauscher hoch. „Aufgepasst!“

 

Im Gebüsch raschelte es leise, und Vater Wolf duckte sich, zum Sprunge bereit. Dann aber geschah etwas höchst Seltsames. Der Wolf war abgesprungen, jedoch noch bevor er das Ziel erkannt hatte, und nun versuchte er plötzlich, sich mitten im Satze aufzuhalten. Die Folge war, dass er vier oder fünf Fuß kerzengerade in die Luft schoss und fast auf derselben Stelle landete, von der er abgesprungen war.

 

„Ein Mensch!“, stieß er hervor. „Ein Menschenjunges! Sieh nur!“

 

Gerade vor ihm, an einen niedrigen Zweig geklammert, stand ein nackter, brauner Junge, der eben erst laufen gelernt hatte – ein ganz zartes, kleines, krauslockiges Wesen, das da in der Nacht zu einer Wolfshöhle gekommen war. Es sah dem Wolf ins Gesicht und lachte.

 

„Was?“, fragte Mutter Wolf. „Ist das ein Menschenjunges? Ich habe noch nie eins gesehen. Bring es her!“

 

Wölfe, die ihre eigenen Jungen über Stock und Stein tragen, können, wenn nötig, ein Ei zwischen die Zähne nehmen, ohne es zu zerbrechen. Obgleich sich Vater Wolfs Rachen über dem Kinde schloss, so hatten seine spitzen Zähne doch nicht einmal die weiche Haut des strampelnden Kleinen geritzt, als er ihn zu seinen eigenen Jungen legte.

 

„Wie winzig! Wie nackt und – wie tapfer!“, sagte Mutter Wolf sanft. Der Kleine drängte die Wolfsjungen beiseite, um dicht an das warme Fell der Mutter zu gelangen. „Aha, er sucht seine Nahrung ganz wie die anderen. Das also ist ein Menschenjunges? Sag, hat sich je eine Wölfin rühmen können, ein Menschenjunges unter ihren Kindern zu haben?“

 

„Hier und dort hörte ich davon, doch niemals in unserem Rudel oder zu meiner Zeit“, antwortete Vater Wolf. „Wahrhaftig, ganz ohne Haare ist der Körper. Mit einem Prankenschlag könnte ich es zerquetschen. Aber sieh‘ doch, wie es aufschaut zu uns, und nicht ein bisschen Angst hat.“

 

Da plötzlich wurde es dunkel in der Höhle. Dem...

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