Sturmland - Die Kämpferin

Sturmland - Die Kämpferin

 

 

 

von: Mats Wahl

Carl Hanser Verlag München, 2016

ISBN: 9783446252257

Sprache: Deutsch

368 Seiten, Download: 3687 KB

 
Format:  EPUB, auch als Online-Lesen

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Sturmland - Die Kämpferin



5


Draußen vor dem Fenster ist es dunkel und Gerda und Lisa schlafen. Anna, Gunnar und Elin sitzen am Küchentisch, auf den Vagn eine Teekanne und einen Teller mit Mandelgebäck stellt.

»Es war eine schöne Beerdigung«, sagt Gunnar und sieht seine Frau an.

Sie nickt.

»Morgen früh werde ich den Stein bestellen.«

»Was wollte er darauf haben?«

»Den Namen und das Datum.«

Vagn gießt ihnen Tee ein und Anna nimmt einen Mandelkeks, beißt die Hälfte ab und gibt Elin den Rest. Die wendet das Gebäckstück in der Hand, als würde sie überlegen, was sie damit machen soll.

»Lisa hat gefragt, warum man lebt«, erzählt Anna.

Elin steckt den Keks in den Mund.

»Die Beerdigung hat natürlich Fragen aufgeworfen.«

»Habt ihr Hammars Gesicht gesehen, als Lina getanzt hat?«

Vagn zerkleinert seinen Keks sorgfältig mit mahlenden Kiefern, als ob er ihn zu Pulver verarbeiten wollte. Anna nickt und nimmt noch einen Mandelkeks. Elin kommt ihr rasch zuvor:

»Den kannst du selbst essen.«

Anna beißt die Hälfte ab, schluckt und gibt den Rest an Vagn, der den Keks in den Mund stopft, während der Dackel mit dem Schwanz wedelt, und der Jämthund sabbernd bettelt.

Gunnar legt den Kopf schief und sieht seine Frau an.

»Was hast du gesagt?«

»Zu wem?«

»Lisa.«

»Ich habe gesagt, dass man lebt, weil man geboren wurde und weil die Menschen Kinder haben wollen.«

»Hast du nichts über Liebe gesagt?«, fragt Elin kopfschüttelnd.

»Sie hat gefragt, ob Papa ein Weiberheld ist.«

Da schaltet sich die Bildwand ein.

In der oberen Ecke des Bilds wird der Abstand zum Objekt mit 507 Metern angegeben und die Richtung mit 232 Grad. Die Geschwindigkeit des Objekts beträgt drei Kilometer in der Stunde. Gunnar ist der Einzige, der auf der Bank sitzt und die Bildwand im Blick hat. Die anderen sitzen ihm gegenüber und drehen sich jetzt um.

»Es ist eine Frau«, stellt Vagn fest und greift nach der Fernbedienung. Er zoomt das Gesicht heran, das bis zu den Augen mit einem Halstuch bedeckt ist.

Anna keucht.

»Ist es Karin?«

Gunnar beugt sich vor, hält eine Hand hinter die Flamme und bläst die Kerze aus. Dann erhebt er sich, öffnet das Fenster und schließt die metallenen Fensterläden. Anna geht zur Haustür, die Hunde folgen ihr. Auf der Bildwand ist zu sehen, wie die Frau sich das Tuch vom Gesicht reißt, als wüsste sie, dass sie beobachtet wird.

»Es ist Karin«, sagt Vagn und Anna holt tief Luft.

Die Frau rennt jetzt die Böschung herunter und auf das Haus zu. Die Nachtlichtkameras folgen ihr mit dem Vollbild links und einer Nahaufnahme von ihrem Gesicht rechts. Anna öffnet die Haustür und der Dackel bellt.

»Still«, zischt Anna und hält sich mit einer Hand am Türrahmen fest, als müsste sie sich stützen, um nicht umzufallen. Gunnar stellt sich neben sie und legt ihr einen Arm um die Taille. Elin und Vagn stellen sich vor die Eltern.

Es ist so dunkel, dass man die Person, die da auf sie zuläuft, nicht mit bloßem Auge erkennen kann, bis sie direkt an der Tür angelangt ist. Und auch da ist es noch so dunkel, dass sie sie erst richtig sehen, als Anna die Tür schließt und die Lampe anmacht.

Sie umarmt die Schwester.

Sie halten einander einen Augenblick lang fest, bis Karin einen Schritt zurückmacht und Gunnar, Vagn und Elin anblickt.

»Ich bleibe nicht lange. Und ihr dürft nicht fragen. Wir haben neunzig Prozent der Leistungskraft ihrer Computer ausgeschaltet. Sie kontrollieren fast nur noch die Nachrichten. Der Rest ist außer Gefecht gesetzt. Die Beobachter sind seit mehr als einer Woche halb blind. Sie fliegen noch weiter, weil die Leute glauben sollen, dass alles wie immer ist. Kann ich etwas zu trinken bekommen? Und ein Brot?«

Ihr Gesicht ist blass, die Wangenknochen stechen hervor und sie hat dunkle Ringe unter den Augen. Die Pupillen scheinen schwarz wie Teer und das Haar ist strähnig.

Vagn holt eine Tasse. Karin geht auf Elin zu, und als sie vor ihrer Nichte steht, bekommt sie glänzende Augen. Sie streckt eine Hand nach Elin aus und berührt mit zwei Fingern ihre Wange. Elin macht einen Schritt nach vorne und sie fallen einander in die Arme. Dann nimmt Karin die Teetasse von Vagn entgegen.

»Wie groß du geworden bist, Vagn. Wo ist Papa?«

Anna blickt zu Gunnar.

»Wir haben ihn heute beerdigt.«

Karins guckt jetzt drein, als bekäme sie einen Speer in die Seite gestochen und würde alles dransetzen, um den Schmerz nicht zu zeigen.

»Es war vor drei Wochen«, sagt Gunnar. »Er ist hier gestorben.« Und er deutet auf den Fußboden neben dem Küchentisch.

»Lisa hat eine Kreide verloren und Frans hat sich runtergebeugt, um sie aufzuheben. Dann ist er umgefallen und liegen geblieben.«

»Woran ist er gestorben?«

»Das Herz.«

Karin keucht, schweigt einen Augenblick und sucht den Blick der Schwester.

»Sie haben mich heute früh in ein Lazarett gebracht. Ich sollte einen Herzschrittmacher bekommen. Der Krankensaal, wo sie mich eingesperrt haben, wurde in Brand gesetzt.«

Karin legt die Hand unter das Schlüsselbein auf die linke Brust.

»Es ist kein Tag vergangen, wo sie mich nicht verhört haben, und sie glauben immer noch, dass ich etwas zu erzählen habe und mich ihnen offenbaren soll. Es ist eine einfache Operation mit lokaler Betäubung. Wenn ich sterben würde, würde ich ein Symbol für den Kampf werden, und das wollen sie um jeden Preis verhindern. Auf dem Heimweg wurde ich mitgenommen und jetzt bin ich hier. Ich bleibe eine halbe Stunde. Darf ich die Toilette benutzen?«

Ohne eine Antwort abzuwarten, biegt sie in den Flur ab, in Richtung Elins Schlafzimmer.

Anna holt die Reste der gebeizten Forelle und das Knäckebrot hervor. Ihre Hände zittern, als sie den Teller auf den Tisch stellt.

»Sie wird noch mehr brauchen können«, sagt Vagn. »Ich koche Eier.«

Er dreht sich zum Herd um und Elin beißt sich auf die Unterlippe. »Wenn die Polizei sie fasst, werden sie fragen, wo sie die Eier herhat.«

Anna und Gunnar drehen sich zu ihr um.

»Ja?«, sagt Gunnar und es scheint, als würde in dem kurzen Wort sämtliche Enttäuschung stecken.

»Ihr Computersystem ist zerstört«, erinnert Anna.

Elin schüttelt den Kopf.

»Das wissen wir nicht, wir vermuten es nur. Wie gut informiert ist Karin wohl nach einem Jahr Gefangenschaft? Sie weiß nur das, was ihre Freunde ihr erzählt haben.«

»Sie bleibt eine halbe Stunde«, erinnert Vagn sie, während er Haferflocken in einen Topf schüttet.

Elin schluckt, geht zum Tisch, trinkt einen Schluck Tee und stellt dann die Tasse vor sich ab. So entschieden, dass der Tee überschwappt und auf den Boden tropft. Der Dackel kommt angelaufen und schnüffelt daran.

»Sie dürfen Gerda nichts antun«, sagt Elin.

»Gerda ist wohl am wenigsten von Interesse für sie«, gibt Gunnar zu. »Karin bleibt eine halbe Stunde. Sie braucht Essen und es wird ihr guttun, einen Moment zu sitzen.«

»Mir gefällt das hier nicht«, sagt Elin. »Ich habe gefesselt auf einem Stuhl gesessen, während eine nackte Frau vor mir auf dem Fußboden lag. Ich weiß, wozu sie fähig sind. Und ich weiß, dass sie ständig Fallen stellen.«

»Wir wissen, wozu sie fähig sind«, sagt Gunnar und legt einen Arm um Elins Schultern. »Karin riskiert ihr Leben, um sie auszuschalten.«

Elin setzt sich an den Tisch und stützt den Kopf in die Hände. Vagn rührt in dem Topf mit Grütze und Karin kommt von der Toilette zurück. Sie hat die tarnfarbene Jacke ausgezogen und hält sie zusammen mit einem grauen Pullover im Arm. Das grüne Hemd trägt sie über der Hose.

»Ich habe eine Wunde am Rücken. Sie blutet. Es ist nicht der Schrittmacher, der sitzt hier.«

Sie zieht das Hemd zur Seite und zeigt auf ein Pflaster, das mit einer dünnen Kunststoffschicht bedeckt ist und so groß ist wie die Handfläche eines erwachsenen Menschen. Rund um das Pflaster breitet sich ein grüngelber Fleck aus.

»Das hier ist die Wunde am Rücken«, sagt Karin, dreht sich um und zieht das Hemd ganz aus. Ein Pflaster klebt neben dem linken Schulterblatt.

»Als sie mich festgenommen haben, haben sie einen Kontrollchip eingepflanzt. Falls ich geflohen wäre, was sie als unmöglich erachteten, hätten die Drohnen mich geortet und ich wäre entweder getötet worden oder die Hubschrauber wären gekommen und hätten mich geholt. Sie haben auch meine Schuhe und die Unterwäsche mit Chips versehen. Die Chips sind kleiner als Ameiseneier. Aber ich habe die Kleider gewechselt und den Chip im Rücken hat man herausgenommen, nachdem ich freigekommen bin. Er liegt im Graben vor Idre. Das Risiko, dass sie gerade jetzt meine Position auf ihrem Bildschirm angezeigt bekommen, ist gering.«

Karin wirft einen Blick auf die Armbanduhr, die viel zu groß für das schmale Handgelenk ist.

»Ich bleibe zwanzig Minuten. Habt ihr Pflaster?«

Anna zieht eine Schublade in der Kommode neben dem Herd auf und nimmt eine Pflasterrolle und ein paar Kompressen heraus. Karin setzt sich auf einen Stuhl, beugt sich über den Tisch und legt die Wange auf die Tischplatte.

»Reiß das alte ab und mach ein neues drauf.«

Anna und...

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