Finsterer Sommer - Roman

Finsterer Sommer - Roman

 

 

 

von: Martina Wildner

Beltz & Gelberg, 2016

ISBN: 9783407746658

Sprache: Deutsch

238 Seiten, Download: 4067 KB

 
Format:  EPUB, auch als Online-Lesen

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Finsterer Sommer - Roman



Flut


Im Augenblick war der Bunker unsichtbar, denn das Meer bedeckte ihn völlig. Ich saß auf der Düne, dort, wo man eigentlich nicht sitzen durfte, und blickte in die Ferne.

Trotz des Nieselregens tummelten sich unten in den Wellen zwei Surfer, winzige Pünktchen im Vergleich zu dem riesigen Meer. Sie ritten auf den steilen Wellenbergen und verschwanden, wenn sie vom Brett fielen, im Meerschaum.

Lisbeth und ich hatten mal wieder gestritten, zum siebzehnten Mal innerhalb von vier Tagen, wie mir meine Mutter vorgerechnet hatte. Dabei konnte ich gar nichts dafür. Lisbeth war schuld.

Lisbeth war sowieso an allem schuld. Oder meine Mutter. Die hatte unbedingt am Atlantik Urlaub machen wollen. Und sie hatte auch vorgeschlagen, Lisbeth mitzunehmen. Vorgeschlagen ist dafür das falsche Wort: Sie hatte es befohlen.

Unten, an dem schmalen Stück Strand, das die Flut ließ, lief eine Joggerin vorbei. Ich sah ihr nach, bis sie im feinen Nebel der Gischt verblasste. Ich kannte die Frau schon. Sie lief eigentlich immer. Langsam wurde mir kalt.

Nicht dass der Atlantik nicht beeindruckend wäre. Er war groß und mächtig. Es gab tolle Wellen und coole Surfer. Die Wellen, hatte Lisbeth gestern erklärt, seien hier deswegen so groß, weil sie so lange Anlauf nehmen könnten, 4000 Kilometer, von Neufundland bis hierher.

Aber es war eben seit Tagen nass und kalt und Wind wehte sowieso immer.

Plötzlich bellte ein Hund. Ich erschrak und wandte mich um. Eine schwarze Dogge kam auf mich zugerannt. Wie festgewachsen blieb ich sitzen und versuchte, den Hund nicht anzusehen. Das hatte ich mal gelesen: Hunden dürfe man auf keinen Fall in die Augen sehen, für sie sei das eine Aufforderung zum Kampf.

Die Dogge war riesig, ihr Fell glänzend und ihre Zunge zitterte. Sie bellte noch einmal.

»Coco!«

Der Hund blieb stehen und warf mir einen kurzen Blick zu. Dann wandte er den Kopf und blickte aufs Meer hinaus, dahin, wo normalerweise der Bunker zu sehen war. Dass er nicht da war, schien den Hund zu verwirren. Er knurrte kurz, zuckte kurz mit dem Schwanz und kehrte dann um.

»Coco!«, hörte ich die Männerstimme noch einmal rufen.

Mein Herz klopfte und ich hatte ein schlechtes Gewissen. Man durfte die Düne nicht betreten, damit man die Pflanzen darauf nicht zerstörte. Die Düne war wichtig – und die Gewächse, obwohl sie ledrig und stabil wirkten, angeblich empfindlich.

Vorsichtig lugte ich durch das graugrüne Gras. Da unten, zwischen nadeligen Büschen, lief die Dogge. Sie rannte auf ihren Besitzer zu, ein blonder Mann mit Sonnenbrille, Polohemd und cremefarbener Anzughose. Er sah nicht aus wie ein Umweltschützer. Er sah aus wie ein Tourist. Nein, eigentlich auch nicht. Er sah aus wie ein Agent.

Ja, genau. Aber was hatte er vor? Um das herauszufinden – und auch, weil ich jetzt endgültig fror und mein Gewissen wegen der Düne immer schlechter wurde –, stand ich auf und folgte dem Mann mit der Dogge.

Hinter der Düne ließ der Wind sofort nach. Auch das Meeresrauschen wurde leiser. Man hörte wieder die normalen Geräusche, das Kindergeschrei von unserer Ferienanlage zum Beispiel.

Der Mann ging einen sandigen, schmalen Trampelpfad entlang. Immer wieder blieb er stehen und sah sich um. Schließlich bog er auf die nahe Küstenstraße ab.

Ich fand den Mann unsympathisch, warum, weiß ich nicht. Vielleicht lag es an seiner schmierigen Pilotenbrille oder an seiner noch schmierigeren cremeweißen Anzughose.

Jetzt ging er schneller. Ich folgte ihm im Abstand von etwa 50 Metern. Links der Küstenstraße stand dichter Pinienwald, rechts davon wuchsen Sträucher und nur noch vereinzelte Pinien. Immer wieder überholten mich Fahrradfahrer.

Wie weit er wohl hier gehen will?, überlegte ich. Die Küstenstraße führte schnurgerade kilometerlang Richtung Süden.

Aber da bog der Mann auch schon nach links in einen Waldweg ab. Ich folgte ihm vorsichtig. Bislang war es nicht aufgefallen, dass ich ihm nachging, aber auf diesem verlassenen Weg würde mich der Mann bemerken, wenn er sich umdrehte. Ich verbarg mich also hinter ein paar jungen Pinien und beobachtete, wie der Mann mit dem Hund auf einen dunklen BMW mit getönten Scheiben zuging, der schräg und sehr schief in den Straßengraben geparkt war. FD konnte ich auf dem Nummernschild lesen – und dann irgendwelche anderen Buchstaben und Zahlen. Ein deutsches Kennzeichen also! Das erstaunte mich. Irgendwie war ich mir sicher gewesen, der Mann sei Franzose. Nun stieg er in sein Auto, gab ziemlich Gas, um aus dem Graben herauszukommen, und fuhr mit ebenso viel Gas den Waldweg weiter. Pfützenwasser spritzte an beiden Seiten des Wagens hoch.

Ich blieb stehen und sah ihm nach. Die Dogge lugte aus dem Rückfenster. Dann gab ich FD in die Suchmaschine meines Smartphones ein. Aha. Der Mann kam aus Fulda. Ein Agent aus Fulda? Klang etwas lächerlich. Agenten kamen normalerweise aus London, Moskau oder New York. Doch Lisbeth hätte dazu gesagt: »Ich wäre mir da nicht so sicher. Ein richtig guter Agent kommt wahrscheinlich sogar ganz bestimmt aus Fulda!«

Aber Fulda hin oder her, Lisbeth widersprach sowieso immer. Ich war froh, dass sie mit meiner Mutter am Pool hockte und mich in Ruhe ließ.

Unsere Ferienanlage bestand aus einer Reihe von aneinanderhängenden Bungalows, die halbkreisförmig um einen Pool angeordnet waren. Neben dem Pool gab es eine Wiese mit Tischtennisplatte. Pool und Wiese waren von einer hohen Hecke umgeben. Die Terrassen der einzelnen Bungalows trennten kahle Betonwände. Insgesamt machte die Anlage einen etwas tristen Eindruck, aber sie erfüllte ihren Zweck, bei Regen ein Dach über dem Kopf zu haben. Und der Pool war gut – er war groß, tief und beheizt, und es gab dort nur eine einzige Regel: Große aufblasbare Gummitiere waren verboten. Gonflages hießen die Dinger auf Französisch. Ich mochte das Wort.

»Und? Hast du dich beruhigt?«, fragte mein Vater.

»Mmh.«

»Du weiß doch, wir müssen uns ein bisschen um Lisbeth kümmern.«

»Mmh«, brummte ich und blätterte gelangweilt in der Frauenzeitschrift meiner Mutter.

»Sollen wir Tischtennis spielen?«, fragte er.

Ja, wir langweilten uns ziemlich. Wir hatten schon das Städtchen in der Nähe besichtigt, wir waren auf einen Leuchtturm gestiegen und wir hatten in einer Spielhalle 50 Euro versenkt. Der merkwürdigste Ausflug war der zu einer Bunkeranlage an der Gironde-Mündung gewesen. Meine Mutter war anderthalb Stunden auf dem Gelände herumgerannt und hatte alles fotografiert, was mich ziemlich gewundert hatte, denn normalerweise interessierte sie sich nicht für Geschichte, sondern nur für die neueste Strandmode.

Mein Vater schnitt einen Ball fies an. »Der Bademeister – du weißt schon, der mit dem Pferdeschwanz – sagte, es sei Springflut.«

»Springflut?« Ich bekam den Ball gerade noch.

»Ja, Springflut. Bei der letzten sei sogar jemand ertrunken. Eine Frau. Am Bunker.«

»Uuh, echt?« Ich schlug den Ball ziemlich scharf zurück.

»Ja … Mann, du erwischst aber auch alle Bälle.«

»Zu irgendwas müssen lange Arme ja auch gut sein. Was ist eine Springflut eigentlich?«

»Da ist die Flut höher als sonst. Hat was mit dem Mond zu tun. Weiß ich aber nicht genau.«

»Sieht man ihn deswegen nicht?«

»Wen?«

»Den Bunker.«

»Wieso?«

»Wegen der Springflut … ich meine, man sieht ihn doch bei einer normalen Flut.«

»Kann sein«, sagte mein Vater und schmetterte den Ball mit aller Kraft. Er schoss über den Rand der Platte.

»Kommt davon«, sagte ich.

»Jedenfalls ist diese Frau«, erklärte mein Vater, während er den Ball aus der Hecke fischte, »irgendwie in den Bunker reingeraten und nicht mehr rausgekommen. Hörst du? Ihr dürft auf gar keinen Fall in den Bunker reinkriechen! Plötzlich überrascht euch die Flut und ihr kommt nicht mehr heraus.«

»Ich würde eh da nie reinkriechen«, antwortete ich. Es gab unter dem Bunker eine Art Hohlraum. Krabben und andere Untiere lebten in den Nischen.

»Na ja«, meinte mein Vater. »Spannend sind diese alten Dinger schon. Der Bademeister sagte, die Frau wäre nicht die Erste, die dort in Schwierigkeiten geraten ist. Er sagt, der Bunker ziehe die Leute an wie ein Haufen Mist die Fliegen.«

In der Nacht konnte ich nicht schlafen. Immerzu dachte an die ertrunkene Frau. Dabei waren Ertrunkene im Atlantik nichts Besonderes. Doch irgendetwas daran beunruhigte mich. War es die Vorstellung, unter Wasser festzuklemmen? Oder lag es am Bunker selbst, ...

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