Die Mystifikationen der Sophie Silber - Roman

Die Mystifikationen der Sophie Silber - Roman

 

 

 

von: Barbara Frischmuth

Aufbau Verlag, 2016

ISBN: 9783841211910

Sprache: Deutsch

318 Seiten, Download: 2310 KB

 
Format:  EPUB, auch als Online-Lesen

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Die Mystifikationen der Sophie Silber - Roman



Etwa zur selben Zeit wie die Fee Rosabelverde war auch Amaryllis Sternwieser jenes Landes verwiesen worden, in dem die Feen mehrere Jahrhunderte lang auf sehr angenehme Weise ihre Tage verbracht hatten. Europamüde, wie sie damals gewesen war, hatte sie zuerst den Nahen Osten besucht, dann den Fernen und hatte schließlich ein Menschenalter im Hain der beträchtlichen Stille bei ihrer Freundin, der Fee der beginnenden Kühle, gelebt. Aber auch in China hatte es sie nicht länger gehalten, und zuletzt hatte sie die Zeit immer weiter vorangetrieben, indem sie mehrmals sieben Jahre zu einem Tag werden ließ. Frisch gestärkt und erlebnishungrig, hatte sie eine Wolke bestiegen und sich auf derselben notdürftig eingerichtet. Doch alles, was sie sah, schien ihr bald zu weit weg. Sie konnte die Details so schlecht ausnehmen, und dem Enterischen verbunden, wie sie nun einmal war, ließ sie sich nach längerem Hin- und Hertreiben und öfterem Wolkenwechsel in einer ihr zusagenden Alpengegend sanft herniederregnen.

Der erste Eindruck überwältigte sie so sehr, daß sie sich augenblicklich in die landesübliche Tracht hineinwünschte, und als sie sich dann in einem jener überaus klaren Gebirgsseen des steirischen Salzkammerguts zum erstenmal in der neuen Aufmachung erblickte, war sie sehr zufrieden. Besonders gefiel ihr der große naturfarbene Strohhut mit dem Bortenband, und sie beschloß, nicht mehr ohne einen solchen in Erscheinung zu treten.

Bald darauf schloß sie sich einer jener wandernden Gruppen an, bestehend aus fußtüchtigen Adeligen in verfeinerter älpischer Kleidung und müßigen, sie begleitenden Einheimischen beiderlei Geschlechts. Sie tat das auf so diskrete Weise, daß man allseits der Meinung war, sie wäre bereits von Anbeginn der entsprechenden Gebirgswanderung dabeigewesen. Einen Sommer lang wanderte sie also bergauf und bergab über Grate und Almen, bestaunte Wasserfälle und lobte das einfache Leben, die frische Milch und das würzige Brot, an dem es dank ihrer Hilfe auch nie mangelte, und gegen Herbst, als die Amt und Würden tragenden Herren wieder an den Hof und in die Hauptstadt zurückmußten und die Bürgerstöchter und Almerinnen Tränen beim Abschied vergossen, mußte sie sich eingestehen, daß sie sich schon lange nicht mehr so gut unterhalten hatte, und sie beschloß, sich in dem Tal, das sie das schönste dünkte, niederzulassen, dortselbst einen geruhsamen Winter zu verbringen und sich im darauffolgenden Sommer wiederum derselben oder einer ähnlichen Gruppe anzuschließen.

Amaryllis Sternwieser zog also in ein Holzhäuschen am Rande einer sauren Wiese, die im Frühjahr Narzissen tragen würde. Das Häuschen unterschied sich in seiner einfachen, aber behaglichen Bauweise in nichts von denen der übrigen Bewohner des Tals, und so nahm es auch niemanden wunder, daß es plötzlich da stand. Wie gesagt, Amaryllis Sternwieser vollführte alles auf so diskrete Weise, daß sie sich ohne Aufhebens in das Bewußtsein der Enterischen stehlen konnte. Kurz darauf hatte sie auch ihren ersten Dackel namens Max Ferdinand, und da sie sozusagen in der Einschicht wohnte, hatte sie auch ihre Ruhe vor den Enterischen. Nicht hingegen vor ihresgleichen.

Es dauerte nicht lange, und Rosalia, die Salige, machte ihr die erste Aufwartung. Sie habe sie schon mehrmals auf ihren ausgedehnten Spaziergängen beobachtet, die sie weit in der Wildfrauen Gebiet geführt hätten. Sie hoffe aber auf gute Nachbarschaft, und man würde sich freuen, wenn sie ihrerseits die Mühe des unbequemen Aufstiegs nicht scheuen und ihnen, den Wildfrauen nämlich, einen Besuch abstatten würde. Sie wohnten in jener geräumigen Höhle, bei den Enterischen als das Trisselbergerloch bekannt, und sie könne, ohne ihren Feenblick – denn als Fee habe sie sie sofort erkannt – besonders anzustrengen, an manchen Tagen ihre Wäsche davor hängen sehen.

Rosalia, die Salige, wäre eine strahlende Erscheinung gewesen, wäre ihre Haut nicht nach Art der Wald- und Baumgeister leicht grindig gewesen. Ihr rotbraunes Haar war von der Ausdruckskraft frischer Blutbuchenblätter, und das weiche fließende Kleid war so durchsichtig, daß man ihre Brustspitzen, die frischen Baumschößlingen glichen, mehr als ahnen konnte. Und während sie so mit Amaryllis Sternwieser plauderte, trank sie einen aufgewarteten Hollerschnaps nach dem anderen, so daß Amaryllis Sternwieser sich genötigt sah, ihr auch eine Reihe von Broten anzubieten, damit der Alkohol in dem nüchternen Magen keinen Schaden anrichtete. Und als sie dann auch noch Kaffee kochte, stand Rosalia, die Salige, nicht an, ihr ihre neueste Liebe einzugestehen, einen jungen Burschen aus dem Dorf, der sich, wenn auch nur heimlich, dafür bestens aufs Waidwerk verstünde und nach dem sie ganz wild sei, ebenso wie er nach ihr.

Amaryllis Sternwieser, die Geständnisse dieser Art nicht entsprechend zu schätzen wußte – ihr Feenblick hatte ihr die Amouren der Wildfrau schon längst kundgetan –, versuchte denn auch, die bekenntnisfreudige Rosalia bei Einbruch der Dämmerung mit höflichen, aber zielstrebigen Worten hinauszukomplimentieren, ein Unterfangen, dem erst, als der Mond schon hoch am Himmel stand, Erfolg beschieden war und das von der Wildfrau – empfindlich, wie leicht Berauschte nun einmal sind – auch als beleidigend empfunden wurde. Von daher rührte also der erste, wenn auch noch versteckte Groll der beiden gegeneinander, zu dem im Laufe der Zeit noch einiges an Mißgunst und Mißverständnis hinzukommen sollte. Fürs erste jedenfalls hielten sie noch Frieden miteinander.

Dann herrschte einige Wochen Ruhe. Ein Herbsttag war prächtiger als der andere, und Amaryllis Sternwieser wanderte, nur von Max Ferdinand begleitet, über den Tressenweg in Richtung See, in dem die Farben des Himmels und der sich verfärbenden Bäume in kleinen Wellchen ineinanderliefen. Sie genoß die Anmut der herbstlichen Landschaft so sehr, daß sie, mit sich zufrieden, meinte, jeder Gesellschaft entraten zu können. Ihr war so geruhsam zumute, und die Vorfreude auf die Wanderungen im nächsten Sommer ließen sie nach dem ersten Frost mit dem Gedanken spielen, sich den Winter zu einer einzigen wohligen Nacht zu machen, ihn sich, kurz gesagt, zu schenken.

Ihre Ankunft jedoch hatte sich unter den Berg- und Wassergeistern herumgesprochen, und man war fest entschlossen, den Neuankömmling nicht ungeschoren zu lassen. Eines Morgens also, sie trank gerade – des noch immer strahlenden Wetters wegen bei offenem Fenster – Kaffee, als ein Auerhahn sich auf dem Fensterbrett niederließ, sich zuerst scheinheilig das Gefieder strählte und, als sie keine Anstalten machte, ihn zu verscheuchen, unter seinem Flügel einen dort befestigten Brief hervorzog und ihn ihr mit einem artigen Radschlag und ungewohnt balzendem Gehaben vor die Nase hielt.

Von Neugier, gegen die sie nur kurze Zeit angekämpft hatte, übermannt, nahm sie den Brief in die Hände, worauf der Auerhahn, seines Auftrags ledig, sofort entflog. Einer alten Gewohnheit zufolge roch Amaryllis Sternwieser geraume Weile an dem moosgrünen Brieflein, und Max Ferdinand, der ebenfalls über eine ausgezeichnete Nase verfügte, erlaubte sich, laut und freudig mit dem Schwanz zu klopfen, was sie sich mißvergnügt verbat, denn schon schwante ihr, daß aus ihrer geruhsamen Winternacht nicht viel werden würde und daß sie das nicht nur dem Brief, sondern ihrer eigenen Neugier und der sofort erwachten Vergnügungssucht zuzuschreiben habe.

Verehrteste, hochmögende Fee! – stand in schmuckloser Handschrift an den Anfang des Briefes gestellt –

Sintemal Ihre reizende Erscheinung schon mehrmals meinen heimlichen Blick gestreift und ich kein Freund von ausgedehnten Briefschaften bin, wenns Reden einen leichter ankommen möcht, erlaube ich mir, sozusagen als Hausherr der Gegend, Ihre geschätzte Persönlichkeit in meinen bescheidenen Gebirgspalast auf eine gemütliche Jause zwecks näheren Kennenlernens zu laden. Etwelchen Schwierigkeiten der Ortsfindung von vornherein Einhalt gebietend, gestatte ich mir, Ihro Lieblichkeit kommenden Sonntag im kleinen, weil unauffälligen Gamslwagen um die für solcherlei Verabredungen übliche Ortszeit, nämlich gegen vier Uhr nachmittags, abholen zu lassen.

In dem Anlaß gemäßer freudiger Erwartung

untertänigst gezeichnet von

Alpinox respektive

dem Alpenkönig

Der Sonntag kam und mit ihm der Gamslwagen, Glock vier, wie schriftlich niedergelegt, und Amaryllis Sternwieser hatte sich, obwohl sie der ganzen Visite mit einigem Mißtrauen entgegenfieberte, in ein Steirergewand gekleidet, das sich zu den satten Farben des Herbstes verhielt wie der Ast zum Zweig und sich sozusagen harmonisch in den Anlaß fügte. Max Ferdinand war vor Begeisterung sofort aufgesprungen und arbeitete sich nach vor bis zum Bock, auf dem ein als Jäger gekleideter Dienergeist saß und in einem der Schriftsprache angenäherten Deutsch an Amaryllis Sternwieser die rhetorische Frage richtete: Wöllen aufsteigen?

Amaryllis Sternwieser, die den Kutscher für reine Staffage achtete, nickte nur leicht mit dem Kopf, nahm aber die ihr beim Aufsteigen helfen wollende Hand doch in Anspruch, und kaum hatte sie sich in dem leichten Gefährt halbwegs sicher hingesetzt, ging es auch schon über versteckte Forstwege der felsigen Höhe zu.

Nun ja, der Alpenkönig, sagte sie vor sich hin, während die Zweige der dicht stehenden Bäume von ihrem Gesicht zurückwichen. Sie erinnerte sich, einmal vor Urzeiten von ihm gehört zu haben, wenn ihr auch nicht mehr einfiel, bei welcher Gelegenheit, schließlich hatte sie lange im Ausland gelebt....

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