Taxi Curaçao - Roman

Taxi Curaçao - Roman

 

 

 

von: Stefan Brijs

btb, 2016

ISBN: 9783641197254

Sprache: Deutsch

288 Seiten, Download: 823 KB

 
Format:  EPUB

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Taxi Curaçao - Roman



18. Juli 2001 – 19.25 Uhr

Wo soll ich anfangen? Bei wem? Bei Max, dessen Flugzeug in diesem Augenblick von Hato aus in die Luft steigt, und der in wenigen Augenblicken weit unter sich die roten und blauen Gitter aus Neonröhren sehen wird, unter denen die Mädchen von Campo Alegre gefangen sind?

Oder bei seinem Vater Roy, der um diese Zeit bereits zu Bett gebracht wurde und das Porträt seiner Frau Myrna anstarrt, im Straßenlicht, das durch die halb geschlossenen Jalousien seines kleinen Zimmers fällt?

»Sie war eine gute Frau, Bruder, and ooooh so pretty.«

Oder bei Sonny, Max’ Sohn, der jetzt gewiss gerade von seiner Armbanduhr aufblickt, nach oben, auf der Suche nach einem blinkenden Licht, das sich gleich zwischen den Sternen nordostwärts bewegen wird?

Nein, ich will mit einem Lied beginnen, einem alten antillianischen Kinderlied, gesungen, gestammelt, gebrabbelt von einer Gruppe alter Leute, heute Abend im großen Saal von Huize Welgelegen, in dem sich Max von seinem Vater verabschiedete.

»In die Niederlande, pai. Teile für den Dodge holen.«

»Was für Teile?«, fragte Roy. Seine laute Stimme erregte im Saal mehr Aufmerksamkeit als der Gesang der Schwester, die das Lied angestimmt hatte. Max dagegen hörte nur noch die Melodie auf Papiamento.

»Luna ku solo laga mi pasá con todo mi yu ku Dios a duna mi

Ich sah, wie er bei diesen Worten erstarrte: Mond und Sonne, lasst mich durch, mit all den Kindern, die Gott mir gegeben hat.

»Was für Teile, Max?«, wiederholte Roy seine Frage.

Max wandte sich wieder seinem Vater zu und antwortete: »Griffe für die hinteren Türen, vordere Stoßstange und Außenspiegel.«

»In gutem Zustand?«

»In ausgezeichnetem Zustand, Pai! Ich habe Fotos gesehen. Kein Fleckchen Rost. Das Chrom spiegelt, dass du dir die Haare darin kämmen kannst.«

»Und die Krawatte zurechtrücken, Max. Never forget you’ tie.«

Max trug schon seit Ewigkeiten keine Krawatte mehr. »Mach ich, Pai.«

Roy fand die Idee gut. Wenn jemand seinen Sohn verstehen konnte, dann er. Alles für den Dodge. Dass Max dafür bis in die Niederlande fliegen wollte, ließ ihn nicht aufhorchen. In seinem alten Kopf lag Holland wahrscheinlich sowieso nicht viel weiter weg als Aruba, wo er einen Teil seines Lebens verbracht und während des Zweiten Weltkriegs das amerikanische Englisch aufgeschnappt hatte, mit dem er seine Sätze spickte.

Lucia, Max’ Frau, hatte sich fürchterlich aufgeregt, als er sie in seine Pläne eingeweiht hatte.

»In die Niederlande? Für altes Blech? Bist du noch ganz bei Trost? Lass den Schrott doch per Post kommen!«

»Der Zoll stiehlt alles, Lucia, das sind Gangster.«

»Und wer soll das bezahlen?«

»Ich habe ein bisschen was gespart.«

»Du hast für Sonny gespart! Für sein Studium! Nicht für dieses Wrack!«

»Dieses Wrack sorgt immerhin dafür, dass wir etwas zu essen auf dem Tisch haben. Wenn ich ihn nicht restauriere, haben wir bald gar nichts mehr. Nichts!«

»Trotzdem fliegst du nicht nach Holland! Mi morto akibou!« Nur über meine Leiche.

»Da habe ich mich umgedreht und bin gegangen. Auch wenn mir das Herz dabei wehtat.« So erzählte mir Max, seine große Hand auf die Brust gelegt. »Ich liebe sie. Mehr als alles auf der Welt. Sie und Sonny. Luna ku solo. Würdest du ihr das bitte ausrichten, wenn ich weg bin? Dass sie der Mond ist, der meine dunklen Nächte erhellt?«

Max und seine zarte Seele. Vom Wesen her ist er vollkommen anders als sein Vater, obwohl er dessen robuste äußere Erscheinung geerbt hat. Doch Roy ist schon früh vom Rheuma schwer gezeichnet worden. Seine Finger, Zehen, Hände und Füße, Rücken und Hals, ja, alles an ihm hat sich mit der Zeit verformt, seine einst wie Stahlkabel harten Muskeln sind Faser für Faser gerissen, die Gelenke zu Knoten verwachsen, über die sich die weißliche Haut spannt.

»Wenn du aus den Niederlanden zurück bist, nimmst du mich mit for a ride«, sagte Roy kurz vor dem Abschied zu Max.

Das tun sie öfter. Dann fahren sie über die halbe Insel. Ein paarmal bin ich dabei gewesen, hinten auf dem Rücksitz, dessen Leder trocken und spröde ist und dessen Federn sogar das Knarzen aufgegeben haben. Es ist ein Erlebnis, den alten Roy in dem alten Dodge Matador sitzen zu sehen, das Fenster heruntergekurbelt, den rechten Arm darauf gestützt, der knochige Ellbogen ragt wie ein Seitenspoiler aus Haut und Knochen hervor. Seine wie eine Vogelkralle gekrümmte Hand hat er auf den Kotflügel gelegt, seinen Blick starr nach vorn gerichtet, und der Wind fährt ihm durch sein silbernes, krauses Haar, sobald der amerikanische Schlitten Fahrt aufnimmt und zum zigsten Mal den verschlungenen Pfaden von Roys Erinnerungen folgt.

»Hier links rein, Max.«

»Darf man nicht mehr, Pai.«

»Mach schon, mach schon!«, kräht Roy wie ein Kind, und Max biegt in die Einbahnstraße ein, laut hupend, um möglichen Gegenverkehr zu warnen.

»Und jetzt zum Hafen, Max!«

Am Hafen stand Roy früher mit seinem Taxi, wenn die großen Tanker anlegten, an Bord das venezolanische Öl für die Shell-Raffinerie. Dann wartete Roy auf die Besatzung, um sie nach Campo Alegre zu bringen, in das Rotlichtviertel gleich neben dem Flugplatz.

»Die hatten die Hose schon um die Knie hängen, noch bevor sie richtig ausgestiegen waren«, erzählte Roy gerne. »Und mit einigen Nutten hatte ich einen Deal, you know. Frag nach Henna oder nach Chica, sagte ich, und sag, dass Roy dich geschickt hat. They do all?, fragten sie dann. All the things you cannot do at home, my brother. Dann wurden sie großzügig, und noch großzügiger waren sie, wenn ich sie später zurückbrachte und sie zugeben mussten, dass ich nicht gelogen hatte. Thanks, man, here, keep the change. Damals konnte man noch gut verdienen. Harte amerikanische Dollars. The real stuff

Von diesen vielen Dollars hatte Roy zwei aufgehoben, zwei alte Dollarmünzen, deren Prägung durch den Zaubertrick, den er bestimmt schon tausendmal gezeigt hatte, so gut wie abgewetzt war.

»Schauen Sie, wie viele Münzen sehen Sie? Zwei, oder? Und jetzt passen Sie gut auf. Schauen Sie genau hin.«

Er presste die Münzen mit beiden Händen zusammen und ließ sie in so kurzen, schnellen Bewegungen übereinander gleiten, dass es aussah, als wären es drei Münzen.

»Brua!«, rief er dann laut. Zauberei!

Achtundachtzig ist er inzwischen. Kein Arzt hätte gedacht, dass er so alt werden würde. Er war erst Mitte fünfzig, als seine Krankheit auftrat, und eines Tages würde sie seine Lungenmuskulatur befallen, wodurch er langsam, aber sicher ersticken würde. Das hatten jedoch nur Myrna und ich gewusst. Ihm hatte man es nie gesagt. Doch was wir befürchteten, ist bisher nicht eingetreten. Seine Atmung hat ihn keinen Augenblick im Stich gelassen. Und jetzt war der Neunzigste in Sicht.

»Dann tanzen wir Rumba, you and me, honey«, sagte er zu jeder Krankenschwester, die ihn auf den bevorstehenden runden Geburtstag ansprach. Mochten sein Rücken und seine Beine auch so schief und krumm wie eine Fieberakazie sein – sein männlicher Stolz blieb davon unberührt. Aus diesem Grund versuchte er heute Nachmittag auch, sich aus Max’ Abschiedsumarmung herauszuwinden. Als es ihm nicht gelang, rief er so laut, dass der ganze Saal es hören konnte: »Jetzt mach nicht so ein Theater, Sohn, du bist doch kein mariku.« Kein Homo.

Max drängte ihn nicht. Er ließ seinen Vater los und winkte mich zum Gehen heran.

Als ich Roy und Max vor vierzig Jahren das erste Mal begegnet war, hatte sich eine ganz ähnliche Szene vor meinen Augen abgespielt. Roy war damals achtundvierzig, Max ein zwölfjähriger Junge, ich selbst war fünfundzwanzig. Es war 1961, in meinem ersten Jahr als Lehrer in Barber. Man hatte mir die sechste und siebte Klasse zugeteilt, einunddreißig Jungen zwischen zwölf und fünfzehn Jahren, mit allen Hautfarben von Braun bis Schwarz – ein Weißer war in Barber ebenso selten wie ein Schwarzer in Emmastad oder Julianadorp, den Gegenden, in denen die Niederländer von Shell ihre komfortablen Häuser bewohnten. Doch noch seltener als ein Weißer in unserem Viertel war der nagelneue Dodge Matador, der in diesem Jahr an einem Septembermorgen vor dem Schultor hielt. Bruder Tinus, der Schulleiter, wollte gerade die Glocke zum Schulbeginn läuten, als Aurelio Rodrigues, ein hochgewachsener Junge aus meiner Klasse, vom Schulhof aus das Auto den sandigen Hügelweg hinunterkommen sah, der zu unserer kleinen Schule führte.

»Da! Da!«, rief Aurelio und lenkte damit die neugierigen Blicke aller hundertsechzig Jungen auf dem Schulhof in Richtung des Autos, dessen imposante Heckflossen schon von weitem zu sehen waren.

»Wie ein Hai, der über Land auf uns zuglitt«, beschrieb Lehrer Frank aus der dritten Klasse die majestätische Art, mit der der glänzende Schlitten langsam den Hügel hinunterrollte. Kurz darauf erst hörten wir auch das tiefe Brummen des Motors.

Als der Fahrer vor dem Schultor anhielt und noch einmal spielerisch auf das Gaspedal tippte, heulte der Motor auf, so mächtig, dass die herbeigeeilten Jungen erschrocken zurückwichen.

The Super Red Ram, berichtete Max später an diesem Tag der Klasse, ein unverwüstlicher Achtzylinder mit der Kraft von 295 Pferden. Ich hatte keine Ahnung von Zylindern, aber unter so vielen Pferden konnte ich mir...

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