Denkanstöße 2017 - Ein Lesebuch aus Philosophie, Kultur und Wissenschaft

Denkanstöße 2017 - Ein Lesebuch aus Philosophie, Kultur und Wissenschaft

von: Isabella Nelte

Piper Verlag, 2016

ISBN: 9783492973519

Sprache: Deutsch

224 Seiten, Download: 760 KB

 
Format:  EPUB, auch als Online-Lesen

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Denkanstöße 2017 - Ein Lesebuch aus Philosophie, Kultur und Wissenschaft



Thomas Darnstädt


Nürnberg


Die Zukunft der Vergangenheit


Krieg ist einfacher als Frieden. Und weil es so schwer ist, einen richtigen Frieden zu machen, gibt es immer wieder Krieg. Fast immer liegt der Grund für neuen Unfrieden unter den Völkern darin, dass der Krieg zuvor in einen falschen Frieden mündete.

Wie macht man richtig Frieden? Das letzte Mal, sagen Historiker, sei das vor zweihundert Jahren gelungen: 1814/15 trafen sich die europäischen Mächte beim Fürsten Metternich in Wien, um das durch die napoleonischen Kriege zerrüttete Europa neu zu ordnen. Seitdem wird es immer schwieriger, aus einem Krieg wieder herauszukommen. Wie ein falscher Frieden den nächsten Krieg gebiert, haben die Menschen im furchtbaren 20. Jahrhundert erleben müssen. Wenn der Erste Weltkrieg mit einem Einvernehmen der Völker statt mit dem unglückseligen Versailler Vertrag beendet worden wäre, hätte die Welt eine gute Chance gehabt, vom Zweiten Weltkrieg verschont zu bleiben.

Wie macht man Frieden? Es wird immer schwieriger. Kriegsherren und Friedenskämpfer sind ratlos, wie die Menschheit den Konflikten entrinnen soll, die zu Beginn des 21. Jahrhunderts jeden Tag neue Todesopfer fordern. Wie lässt sich Frieden im Nahen Osten erreichen? Niemand, schon gar nicht unter den Krieg führenden Parteien, hat eine Idee, in welchen Frieden der Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern münden könnte. Schon sehen sich militärisch mächtige und demokratisch legitimierte Staaten wie die USA aufgerufen, in das Gemetzel in der arabischen Welt mit dem letzten Mittel einzugreifen, das schließlich bleibt, um Frieden zu gewinnen: mit einem Krieg.

Krieg für den Frieden? Es scheint, als ob die Welt in eine globale Unordnung geraten sei, in der die uralten Kategorien verkehrt wurden, die seit dem Beginn der Neuzeit die Politik und das Leben, das Überleben der Menschen geprägt haben. »Krieg ist Frieden und Frieden ist Krieg«, fasste der Soziologe Ulrich Beck die neue Lage zusammen. Bedeutet das die Kapitulation der Friedensmacher vor den Kriegsmachern?

Wie macht man Frieden? Die Frage wird immer dringender. Denn Krieg betrifft jeden Menschen, überall, jeden Tag. Die »neuen Kriege« haben keine Grenzen mehr. Es sind nicht mehr die Soldaten eines Staates, die auf die Soldaten eines anderen Staates einschlagen, es sind Söldner, selbst ernannte Warlords und Terroristenheere, die Gewalt, Mord und Verwüstung über Dörfer und Städte bringen. Niemand kann sich mehr darauf verlassen, in Frieden zu leben, denn manche solcher Gruppen führen Krieg gegen die ganze Welt.

Ewigen Frieden versprachen sich manche zum Ausgang des 20. Jahrhunderts mit dem Ende der feindseligen Spaltung der Welt in Ost und West: Sogar vom Ende der Geschichte war die Rede. Wenn Geschichte zu verstehen ist als das ewige blutige Auf und Ab von Krieg und Frieden, Frieden und Krieg, dann scheint zwanzig Jahre später das Ende der Geschichte tatsächlich nahe. Nicht wegen eines ewigen Friedens. Sondern wegen eines ewigen Krieges.

Frieden durch Recht


Doch die Geschichte geht weiter. Staatsmänner, Diplomaten und Völkerrechtler in aller Welt haben aus den Archiven die alten Akten des schon fast vergessenen Prozesses geholt, mit dem die alliierten Siegermächte vor siebzig Jahren den Zweiten Weltkrieg beendeten. Auf den rauchenden Trümmern des zerstörten Deutschlands, am Tatort eines Jahrtausendverbrechens, haben sie in Nürnberg versucht, die Welt durch Recht neu zu ordnen. »Si vis pacem, para bellum«, hieß es zweitausend Jahre lang auf der Welt: Wenn du den Frieden willst, bereite den Krieg vor. Nürnberg hat etwas anderes gelehrt: Wenn du den Frieden willst, musst du den Frieden vorbereiten.

Frieden durch Recht: Die Idee, entstanden als Reaktion auf einen Krieg, wie es ihn nie wieder geben durfte, könnte im Zeitalter allgegenwärtiger Kriege Erlösung bringen. Internationale Strafgerichtshöfe nach dem Muster des Nürnberger Internationalen Militärtribunals sind in den letzten Jahren an zahlreichen Orten gegründet worden. Sollte in den alten Akten aus Nürnberg tatsächlich das Rezept für den Frieden der Zukunft liegen?

Vieles spricht dafür. Auch im 21. Jahrhundert ist Gewalt zwischen den Völkern, kriegerische Gewalt, noch immer ein Mittel der Politik. Doch sie ist zum Mittel ohne Zweck geworden. Gewalt löst keine Probleme. Siegen allein genügt nicht. Wenn du den Frieden willst, musst du den Frieden vorbereiten. Wenn die Waffen schweigen, geht die Arbeit erst los. Nicht nur Trümmer, Hass und Angst, Misstrauen und der Wunsch nach Vergeltung müssen Stein für Stein abgeräumt werden. Demokratie und Toleranz müssen gesät werden, wo Unterdrückung und Fanatismus in Gewalt mündeten. So wie damals, 1945, in Deutschland.

In einer sich neu formierenden globalen Weltordnung rücken die Menschen in den Mittelpunkt. Ihrem Schutz dienen die internationalen Menschenrechte. Menschenleben, Menschenfreiheit legitimieren staatliche Souveränität und staatliche Gewalt. Die humanitäre Verantwortung der Staaten kann es sogar rechtfertigen, ja, dringend notwendig machen, gegen den Nachbarn Krieg zu führen. Unabweisbar wird damit eine Unterscheidung, die seit dem Ende des Dreißigjährigen Krieges überwunden schien. Politiker sehen sich gezwungen, wieder zu unterscheiden zwischen gerechten und ungerechten, zwischen guten und bösen Kriegen. Diese Unterscheidung kann nicht in der Hand der Sieger und nicht in der Hand der Verlierer liegen. Es muss eine Instanz geben, die zwischen Gut und Böse unparteiisch entscheiden kann und die Bösen bestraft. So wie damals, in Nürnberg.

Frieden durch Strafrecht war ursprünglich ein nationales Konzept. Staatliche Gewalt garantiert und monopolisiert die unparteiische Aufarbeitung von Hass, Furcht und Vergeltungsbedürfnis in Konflikten unter den Bürgern eines Staates. Damit demonstriert der Staat zugleich die Unhintergehbarkeit der Normen des gesellschaftlichen Zusammenlebens. Seit die nationalen Ordnungen ihre Abgeschlossenheit verloren haben und eine Weltgesellschaft entstanden ist, stellt sich dieselbe Aufgabe im globalen Maßstab zwischen den Völkern. Die Völkergemeinschaft braucht eine Instanz, die eine Verletzung der Grundnormen ihres Zusammenlebens nicht ungeahndet lässt. Das war, 1945, die Idee von Robert H. Jackson, dem Mann, der die »Nürnberger Prinzipien« geprägt hat.

Der Frieden und ich


Um zu lernen, wie man Frieden macht, bin ich in die alten, staubigen Keller gestiegen. In deutschen Archiven haben viele Dokumente über das Weltgericht von Nürnberg fast ein halbes Jahrhundert unberührt gelegen. Es war alles verschüttet in den Zeiten des Kalten Krieges: von alter Angst und neuem Hass, von den unermüdlichen Versuchen, die dunkle deutsche Zeit endlich zu begraben. Der Nürnberger Friedensprozess wurde in der Bonner Republik des Grundgesetzes nie anerkannt. Politiker und auch Juristen in Deutschland verunglimpften das Tribunal als ungerecht und als »Siegerjustiz«.

Im Land der Täter gab es darum nur wenige Veröffentlichungen über den Nürnberger »Hauptkriegsverbrecherprozess«, wie ihn die Alliierten genannt hatten. Dass Nürnberg ein epochaler Wendepunkt in der Geschichte des Rechts der Staaten und der Völker war, ging auch an der deutschen Rechtswissenschaft fast spurlos vorbei. Der Versuch einer Neuordnung der Welt durch das Recht sei ein »Glasperlenspiel«, eine »pazifistische Träumerei« gewesen – so lehrten es deutsche Professoren.

Die Deutschen überließen dieses Kapitel ihrer ureigensten Geschichte den USA, die den großen Kriegsverbrecherprozess ganz wesentlich geprägt und die Nürnberger Nachfolgeprozesse weitgehend allein durchgeführt hatten. Ein großer Teil der Prozessdokumente war noch in den Vierzigerjahren nach Amerika verschifft worden und lagerte dort seitdem überwiegend in Regierungs- und Universitätsarchiven. Die wichtigsten Prozessbeteiligten waren ebenfalls Amerikaner, und viele von ihnen haben später Erinnerungsbücher verfasst oder ihre Tagebuchaufzeichnungen veröffentlicht. Das wenigste davon fand in Deutschland Interesse und verstaubte darum unübersetzt jahrzehntelang in US-Bibliotheken. Erst in den Neunzigerjahren fand das fundamentale Werk in Deutschland größere Beachtung, das Telford Taylor verfasst hat, einer der Hauptankläger in Nürnberg.

Als nach der Wende, während der Völkerschlacht auf dem Balkan die »Nürnberger Prinzipien« plötzlich wieder aktuell wurden und die alten Akten aus den Kellern geholt wurden, war ich dabei. Für den Spiegel berichtete ich über die eiligen Versuche von Politikern und Völkerrechtlern, eine neue Weltordnung förmlich aus dem Boden zu stampfen. Ich hatte das Glück, in den Kreis der Männer und Frauen eingeführt zu werden, die zu den Gründern des Jugoslawien-Tribunals und den Planern eines neuen, ständigen Weltstrafgerichts gehörten. Ich traf in New York den letzten lebenden Ankläger der Prozesse von Nürnberg, den weltweit verehrten Völkerrechtler Benjamin Ferencz, um seine Ansichten über ein neues Recht des Friedens zu hören. Und ich bekam die Erlaubnis, in den Unterlagen von damals zu stöbern. Wie viel es noch zu erzählen gibt über den historischen Wendepunkt von Nürnberg, das wurde mir klar, als mir in der Universität Köln die alte Handakte von Professor Hermann Jahrreiß in die Hände fiel, der in Nürnberg Verteidiger war. Darin fand sich ein Manuskript des Angeklagten General Jodl aus der Haft: Ideen über einen »Dritten Weltkrieg« mit Atomwaffen.

Eine junge Generation von weltweit vernetzten Völkerrechtlern...

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