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Die Sturlungen - Roman - Die große Isländer-Saga
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Die Sturlungen - Roman - Die große Isländer-Saga
von: Einar Kárason
btb, 2017
ISBN: 9783641177164
832 Seiten, Download: 1192 KB
 
Format: EPUB
geeignet für: geeignet für alle DRM-fähigen eReader PC, MAC, Laptop Apple iPod touch, iPhone und Android Smartphones Online-Lesen Apple iPad, Android Tablet PC's

Typ: A (einfacher Zugriff)

Wieder verfügbar ab: 07.11.2017 17:03

 
Leseprobe

THÓRDÍS SNORRADÓTTIR


Ich hatte immer gedacht, wir Sturlungen seien im Großen und Ganzen eine friedliche Familie. Vater hatte immer Wert darauf gelegt, in allem behutsam und taktvoll vorzugehen, auszugleichen und Kompromisse zu suchen, wo es ging. Auf diese Art war er der mächtigste Mann von ganz Island geworden. Seine Brüder hatten sich nicht so sehr zurückgehalten, zumindest Onkel Sighvatur nicht, der hatte sich manchmal mit Waffengewalt in die Machtkämpfe in Nordisland eingemischt und zum Beispiel Bischof Gudmundur den Guten angegriffen. Und doch erschien mir auch Onkel Sighvatur im Großen und Ganzen als friedfertig, so wirkte er zumindest, er war immer gut gelaunt, wenngleich ich hinter seiner fröhlichen Fassade auch immer etwas Wehmut zu spüren glaubte.

Die Frauen in unserer Verwandtschaft galten als sehr durchsetzungsfähig. Meine Cousine Steinvör Sighvatsdóttir zum Beispiel, die ließ sich nichts bieten. Auf ihrem Hof hörten alle auf ihre Befehle, sogar ihr Ehemann Hálfdan, der regelrecht schüchtern wurde, wenn sie in der Nähe war. Doch auch Frauen wie Steinvör würden niemals von sich aus Streit anfangen.

Gut, Óraekja war ein ziemlicher Streithammel, besonders wenn er betrunken war, doch nüchtern war er sanft wie ein Lamm, wer wüsste das besser als ich, war er doch schließlich mein Bruder. Auch Kakali, einer der jüngeren Söhne von Onkel Sighvatur, galt als ziemlicher Hitzkopf, aber es war ja wohl andererseits auch nicht gleich ein kriegerischer Akt, wenn sich ein paar junge Männer mal prügelten. Dafür gab es ja auch viele Sturlungen, die noch nie jemand bezichtigt hatte, feindselig oder verlogen zu sein, Skalden, die im ganzen Land für ihre Dichtkunst berühmt waren, wie Skalden-Sturla und sein Bruder Ólafur Hvítaskáld.

Doch je mehr ich darüber nachdenke, was gerade in der letzten Zeit passiert ist, desto überzeugter bin ich davon, dass die Menschen letztendlich alle unberechenbar sind. Dass niemand so ist, wie er scheint, und dass Grausamkeit, Hass und Blutdurst in allen Herzen wohnen und es nur eine Frage der Umstände ist, ob sie zum Ausbruch kommen oder nicht.

Den Anfang hatten wohl die Söhne meines verstorbenen Mannes Thorvaldur gemacht, meine Stiefsöhne. Sie wirkten noch fast wie Kinder, obwohl sie eigentlich nicht viel jünger waren als ich, fünfzehn und siebzehn Winter alt, und doch fassten sie diesen Plan, von dem ich sofort ahnte, dass sie sich selbst und andere damit in große Gefahr bringen würden. Wie kamen sie nur auf die Idee, einen derart mächtigen Mann wie Sturla Sighvatsson anzugreifen? Und das nur aufgrund eines Gerüchts? Ich versuchte, sie zur Vernunft zu bringen, konnte ihnen sogar etwas Wind aus den Segeln nehmen, aber es dauerte nicht lange, dann hetzten sie sich mit ihren Reden wieder gegenseitig auf und schmiedeten ihre verhängnisvollen Pläne. Ich schrieb Sturla, er solle auf der Hut sein, schließlich hatte niemand Interesse an weiterem Blutvergießen. Ich weiß nicht, ob Sturla meinen Brief ernst genommen hat. Aber ich weiß, dass ihm auch viele andere Leute später warnende Botschaften schickten, nämlich dann, als sie bemerkt hatten, dass meine Stiefsöhne eines Morgens losgeritten waren, um Männer zu sammeln: Freunde und Verwandte hier aus den Westfjorden, aber auch Herumtreiber und Landstreicher, darunter gesuchte Mörder und ähnliches Pack. Wenig später machte sich dieser illustre Trupp dann auch wirklich auf den Weg über die Hochebene nach Süden, um Sturlas Hof Saudafell anzugreifen – und Sturla hatte davon gewusst.

Und welche Konsequenz hatte er aus diesem Wissen gezogen? Es tut mir leid, ich kann die Männer einfach nicht verstehen. Er hat den Hof verlassen! Allein. Manche sagen, er habe seine Familie und die anderen, die auf dem Hof lebten, nicht einmal gewarnt und sich einfach davongeschlichen, nach Húnathing.

Was hatte er dort gewollt?

Meine Jungs und ihre Leute hatten sich gegenseitig aufgestachelt und wild gemacht. Den Ausgestoßenen und Mördern unter ihnen waren große Belohnungen versprochen worden, sie sollten nur nicht zimperlich sein. Sie stürmten in die Häuser mit Gebrüll. »Wo ist Sturla? Zeig dich, du Mistkerl!« Als sie ihn nicht fanden, stachen sie mit ihren Waffen durch die Betten, schließlich konnte Sturla sich ja darunter versteckt halten, doch in manchen dieser Betten lagen Alte oder Kranke, man sagt, in einem habe die Hausherrin Solveig mit ihrem neugeborenen Kind gelegen. Ich mag mir kaum vorstellen, welche Angst sie ausgestanden haben muss, als dieses Pack mit erhobenen Waffen einfach in ihr Haus stürmte und blind um sich schlug. Der ganze Haushalt wurde zerstört, die Wandbehänge zerrissen, alle Vorräte verschüttet, zertrampelt, alle Gefäße zertrümmert, auf dem Boden vermischte sich Met mit Blut.

Schlimmer hätten meine Stiefsöhne und ihre Männer kaum wüten können.

Zehn oder zwölf Leute trugen schwere Verletzungen davon, drei davon starben, andere sollten sich nie wieder vollkommen erholen.

Woher nahmen diese hübschen Jungen diesen Hass, diese furchtbare Wut?

Und dann die Rache von Sturla Sighvatsson, den ich, wie gesagt, immer für einen der friedlicheren Männer in unserer Familie gehalten hatte – daran hatte auch der Rachefeldzug nach der Ermordung von Tumi gegen Bischof Gudmundur den Guten und seine Leute auf Grímsey nichts geändert. Sicher, Sturla und sein Vater Sighvatur hatten dort ziemlich gewütet, doch ich kannte Sturla seit wir Kinder waren, er war immer ein guter Kerl gewesen, als Junge und auch als Erwachsener – zumindest bis jetzt.

Natürlich konnte ich verstehen, dass Sturla wütend gewesen war, so wie meine Stiefsöhne sich auf Saudafell aufgeführt hatten. Deswegen hatte ich mich ja so bemüht zu vermitteln und für Frieden zu sorgen. Ich wollte meine Jungs retten, die Söhne meines verstorbenen Mannes, meine Stiefsöhne, für die ich doch jetzt verantwortlich war. Also schickte ich Sturla eine Nachricht, dass ich Frieden schließen wolle, und versprach ihm eine Entschädigung für den Angriff – Thorvaldur hatte mir genug Geld hinterlassen. Mein Vater versuchte ebenfalls zu vermitteln und hatte Sturla bereits eine Entschädigung für das getötete Gesinde in Aussicht gestellt. Auch viele andere wichtige Männer befürworteten diese Lösung. Schließlich wurde Sturla ziemlich viel Geld versprochen, wenn er sich bereit erklärte, Frieden zu schließen. Sturla akzeptierte. Er hatte per Handschlag besiegelt, dass meine Stiefsöhne von nun an unbehelligt durch sein Machtgebiet reisen durften – ein Versprechen, das er auf hinterhältigste Weise brechen sollte.

Wir dachten wirklich, der Frieden würde halten. Es vergingen auch zwei Jahre, ohne dass etwas passierte. Dann wollten meine Stiefsöhne in den Süden reiten. Mein Vater Snorri hatte sie nach Reykholt eingeladen, und um aus den Westfjorden nach Reykholt zu kommen, mussten sie natürlich Sturlas westliche Täler durchqueren. Das war ihnen ja auch eindeutig erlaubt, und dennoch war mir mulmig zumute, als ich meine hübschen Jungs verabschiedete, die so viele Pläne für die Zukunft hatten. Irgendwie konnte man schon damals niemandem trauen, obwohl die Zeit der Schwerter gerade erst begonnen hatte. Wie die Sache ausging, wissen alle. Die Jungs hatten kaum die westlichen Täler erreicht, schon hatten Sturla und seine Leute sie umringt. Die Jungs flehten um Gnade, versprachen, ihren gesamten Besitz zurückzulassen, außer Landes zu gehen und nie wieder zurückzukommen. Man sagt, Sturla habe sie lange reden lassen, dann habe er, ohne ihnen zu antworten, seinen Männern befohlen, sie mit Steinen zu bewerfen. Sturla hatte zielsichere Werfer dabei, die Steine waren groß. Meine Jungs versuchten, sich mit ihren Schilden zu schützen, doch das nützte wenig, und als sie schon blutüberströmt und ganz benommen waren, befahl Sturla, mit Waffen nach ihnen zu schlagen. Mir wurde gesagt, dass der Jüngere einen schweren Axthieb gegen das Knie bekommen habe, die Axt sei direkt unterhalb der Kniescheibe einmal durch sein Bein hindurchgegangen, sodass er fiel. Er hatte noch versucht aufzustehen, obwohl er das natürlich nicht mehr konnte, dann soll er an sich heruntergeblickt und gesagt haben: »Wo ist mein Fuß?«

Man erzählt, Sturla habe gelächelt, als er seinen Leuten den Befehl gab, meine Stiefsöhne zu töten.

Woher nahm er diesen Hass? Dieser schöne, fröhliche Mann, der Herr der Täler, den alle Frauen liebten?

Nach diesem Schock hatte ich eines entschieden: Ich würde nie wieder dem trauen, was Leute versprachen, schon gar nicht, wenn sie so taten, als wollten sie Frieden schließen. Ich beschloss, mich nur noch auf mich selbst zu verlassen, das zu tun, was ich für richtig hielt und was mir den größten Vorteil brachte. Und auch meinen Kindern, der kleinen Kolfinna und ihrem älteren Bruder Einar, schärfte ich ein, wie wichtig es war, sich zu verteidigen und den eigenen Besitz zu bewahren – Einar würde schließlich einmal die Macht und das Godenamt seines verstorbenen Vaters übernehmen. Doch bis er alt genug war, war ich fest entschlossen, alle Entscheidungen so zu treffen, dass unser Leben und Besitz niemals mehr von den Schwüren oder dem Wohlwollen anderer abhing. Auch wenn es Freunde oder Verwandte sein mochten. Denn ein Verwandter war Sturla Sighvatsson schließlich auch.

Wenig später, als Sturla zu seiner langen Pilgerreise nach Rom aufgebrochen war, wurde mein Bruder Óraekja von unserem Vater Snorri hier auf meinen Hof in die Westfjorde geschickt, und er hatte ziemlich viele Männer bei sich. Óraekja brachte einen Brief von Vater mit, in dem dieser mich einlud, zusammen mit meinen Kindern fortan bei ihm auf Reykholt zu wohnen. Offenbar erschien das...



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