Emmanuel Macron - Die Biographie

Emmanuel Macron - Die Biographie

 

 

 

von: Anne Fulda

Aufbau Verlag, 2017

ISBN: 9783841214430

Sprache: Deutsch

224 Seiten, Download: 3827 KB

 
Format:  EPUB, auch als Online-Lesen

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Emmanuel Macron - Die Biographie



Vorwort


Ich gebe zu, vor einigen Monaten, als Emmanuel Macron sich im November 2016 zum Kandidaten für die Präsidentschaftswahlen erklärte, keine Sekunde daran geglaubt zu haben, er könnte gewinnen. Er verkündete sein Vorhaben nicht im Fernsehen wie üblich, nicht vor anderen Politikern und auch nicht in Paris, sondern an einem der verarmten Vororte der Hauptstadt, und zwar in einem Fortbildungszentrum, in dem Arbeitslose sich beraten lassen können. Er hatte ein Pult aufbauen, die französische und die europäische Flagge aufstellen lassen und hielt eine Rede, wie man sie in den Monaten darauf noch einige Male hören würde, in einem getragenen, sorgfältigen Ton: »Ein Präsident ist nicht nur, was er tut«, sagte Macron. »Er trägt in sich auch die Werte unseres Landes, er verkörpert den Gang der Geschichte. Ohne dass man es sofort wahrnähme, steht er für die Kraft und die Würde unseres öffentlichen Lebens. Ich weiß das, und ich bin bereit. Deshalb werde ich Kandidat der Präsidentschaftswahlen sein.«

Es war eben dieses unsichtbar Präsidentenhafte, das Macron meiner Ansicht nach fehlte. Ein Staatschef muss doch eine besondere Aura, etwas irgendwie Auserkorenes an sich haben. Oder einfach schon mal ein paar Jahre älter sein als Macron. Macron wirkte auf mich wie jemand, der Karriere in einem Konzern macht, einer dieser Geschäftsleute, die große Uhren tragen und immer in Gruppen zum Business Lunch gehen. Mir fehlte es nicht nur an Phantasie, ihn mir im Élysée-Palast vorzustellen, ich fand ihn sogar geradezu unfranzösisch – der smarte Auftritt, das gute Englisch, die Managergarderobe.

Allerdings kann es sein, dass Macron selbst an diesem Tag nicht daran glaubte, gewinnen zu können. Vielleicht wollte er kandidieren, um seine Ambitionen zu zeigen, seine Marke zu etablieren – und im Jahr 2022 gewählt zu werden. Er wäre immer noch der jüngste Präsident in der Geschichte der Republik gewesen.

Er war also für mich und für viele andere nicht mehr als eine erfrischende neue Stimme in diesem früh beginnenden Wahlkampf, denn interessant ist so ein Typ ja, der einfach Präsident werden will (auch interessant, geben wir es ruhig zu, war von Anfang an seine Ehe mit einer viel älteren Frau). Doch dann kamen die Vorwahlen der Konservativen, die ewigen Favoriten flogen raus, der gemäßigte Rechte Alain Juppé und der ehemalige Präsident Nicolas Sarkozy. Dafür betrat die Bühne: François Fillon. Kurz darauf erklärte François Hollande, er würde sich nicht zur Wiederwahl stellen, so gering schätzte er seine Chancen ein. Der eben erst aufgestiegene Fillon stürzte in den Umfragen wieder ab, weil er seine Frau mit Steuergeld mutmaßlich scheinbeschäftigt hatte, ein Ermittlungsverfahren wurde gegen ihn eingeleitet – er trat trotzdem nicht zurück. Unglaublich eigentlich, aber da hatte ich das Prinzip schon längst verstanden: Dieser Wahlkampf ist kein normaler Wahlkampf. Alles ist möglich. Es ist die wichtigste Lektion, die ich von den Franzosen gelernt habe: Niemals etwas für gesichert halten.

Vielleicht geht es den Wählern ähnlich, nun, da sie einen neuen Präsidenten haben: Sein Sieg zeigt auch denjenigen, die nicht für ihn gestimmt haben und die nichts von ihm halten, dass alles offen ist. Veränderungen passieren wirklich, die Dinge bewegen sich, was im Umkehrschluss bedeutet, dass Stillstehen schwieriger wird.

»Sie haben sich für den Mut entschieden«, sagte Macron den Franzosen am Abend seines Sieges. Und am Sonntag darauf, am Tag seiner Amtseinführung: »Die Franzosen haben sich für die Hoffnung und den Eroberungsgeist entschieden.« Offenheit, Erneuerung, Zukunft: Die Botschaft ist klar. Aber in welche Richtung eigentlich?

Was für ein Politiker ist Emmanuel Macron?


Er wirkt, jetzt im Amt, immer noch nicht richtig präsidentenhaft auf mich, obwohl er sich größte Mühe gibt. Er fährt im offenen Militärauto Paraden über die Champs-Élysées, er winkt am Flughafen aus dem Präsidentenflugzeug. Er schreitet durch den Kieselhof seines Palastes. Doch hat sein junges Gesicht etwas von einem Brechtschen Verfremdungseffekt im Präsidentenspektakel: Plötzlich blickt der Zuschauer mit einer kritischen Distanz auf diese republikanischen Rituale. Ist das nicht ein bisschen übertrieben, so viel Pomp für einen jungen Mann? Und dieser Palast mit den Weinkellern, den Köchen, dem ganzen Gold, den Teppichen – all das wirkt mit einem Mal etwas sehr bombastisch.

Aber Macron gibt nicht nur ein ganz neues Bild von einem Präsidenten ab. Er ist den Franzosen auch deshalb noch fremd, weil seine Agenda und seine Positionen nicht klar scheinen. Sarkozy, der ein Gespür dafür hat, was viele Leute denken, aber aus Freundlichkeit nicht aussprechen, sagte im vergangenen Sommer: »Macron ist ein bisschen Frau, ein bisschen Mann, irgendwas dazwischen, das ist ja jetzt Mode.« Eine fragwürdige Metapher, aber der Ruf, sich nicht festzulegen, hat Macron tatsächlich von Anfang an begleitet. Als er sich im Herbst zum Kandidaten erklärte, hatte er kein Programm. Er galt als Medienfigur, als schönes Nichts, das den Snobs in Paris gefällt. Dann schließlich im Februar stellte er sein Programm vor. Aber es ist ja weder rechts noch links! So lautete der neue Vorwurf. Das Rätseln hat bis heute nicht aufgehört: Ist Macron jetzt links oder rechts? (Sarkozy hat außerdem bewirkt, dass seither über Macrons Liebesleben gerätselt wird, und da man Nicht-Existenz schwer nachweisen kann, wird das Gerücht wohl für immer in der Welt bleiben, Macron führe eine homosexuelle Zweitbeziehung.)

Viele Deutsche, die den französischen Wahlkampf verfolgten, waren wiederum über die Fragestellung verwundert: Seit wann muss man sich festlegen, ob man rechts oder links ist? In der deutschen Politik werden diese Zuschreibungen kaum noch verwendet. Ein Politiker, der sich klar als links oder rechts bezeichnet, klingt, als wäre er im falschen Jahrzehnt. Die Begriffe werden entsprechend eher wie Vorwürfe verwendet: Das kann nur ein Linker wie du sagen, das ist so ein rechtes Denken.

In Frankreich aber ist das anders. Beim Abendessen mit Freunden kommt es vor, dass jemand in der Diskussion ausruft: Ich war schon immer links! Und zwar um die eigene Argumentation zu stärken. Bei der Amtsübergabe sagte der scheidende Premierminister Bernard Cazeneuve zu Macrons neuem Premierminister Édouard Philippe: »Ich bin ein Linker.« Als dieser dann eine Rede hielt, sagte er: »Wie Sie alle wissen, bin ich ein Rechter.«

Auf die politischen Unterschiede ist man also stolz, und man pflegt den Streit, während es in Deutschland alle, Politiker und Wähler, in die Mitte zieht, dorthin, wo der Kompromiss wohnt. Koalitionen jeder Art sind bei uns nichts Ehrenrühriges, auch wenn sie sich oft schwierig gestalten – das Prinzip ist weithin anerkannt. Eine Einigung zu finden, gilt in Deutschland nicht als Zeichen von Schwäche, sondern von Ernsthaftigkeit.

Henrik Enderlein, ein deutscher Ökonom und Weggefährte Emmanuel Macrons, nannte den neuen Präsidenten einmal eine personifizierte Koalition. Man könnte auch sagen, viele seiner Positionen sind einfach sozialdemokratisch: Wachstum plus Umverteilung, Anreiz plus Schutz der Schwachen. Es ist vielleicht eine streitbare Position, aber unklar ist eigentlich nichts daran – in deutschen Volksparteien ist sie weit verbreitet. Gut möglich also, dass der französische Staatspräsident in Deutschland auf weniger Irritation treffen wird als in Frankreich.

Er regiert aber nun mal das Nachbarland. Und Frankreich, wo Konflikte eben ohnehin gern polemisch ausgetragen werden, befindet sich gerade jetzt in einer Phase der grundsätzlichen Uneinigkeit, oder weniger mild ausgedrückt: Frankreich ist sehr, sehr aufgewühlt und zu allem bereit.

Die Rechten sind in den vergangenen Jahren nach rechts gerutscht, was sich am deutlichsten natürlich am Aufstieg des Front National zeigt. Wer sind wir heute, wir Franzosen: eine ehemalige Weltmacht, die jetzt nur noch ein Land unter vielen ist? Das Gefühl der Vereinzelung wird stärker mit dem Rückbau des früher allgewaltigen Service public, vor allem auf dem Land. Ewig geglaubte Bedeutung verschwindet – von Familie, Heimat, Religion. Manche Sorgen der Franzosen mögen gar nicht politisch sein, doch Marine Le Pen hat Trauer und Irritation über die Gegenwart trotzdem in politische Aggression verwandelt. Und nur sie hat – ganz konkret – die Radikalisierung von Teilen der muslimischen Community zum Thema gemacht, was andere lange übersehen haben.

Währenddessen sind die Linken noch linker geworden. Dass nicht jeder mit dem Freihandel und den Liberalisierungen etwas gewonnen hat, ist inzwischen offensichtlich, und so ist das Misstrauen gegenüber jeder Art von »Unternehmerfreundlichkeit« heute riesig. Große Teile der französischen Linken dulden keinerlei Kritik an den Sozialsystemen, obwohl diese so starr sind, dass sie die Ungleichheit noch fördern – zwischen denen, die gut geschützte Arbeit haben, und denen, die prekär angestellt oder arbeitslos sind.

Dieses Land also wird Macron führen müssen.
Wie will er das machen?


Zunächst muss man sagen, dass der französische Präsident, wenn er es will und einen guten Plan hat, sehr viel machen kann. In keiner vergleichbaren Demokratie hat ein Staatschef so viele Befugnisse. Er allein weist den Weg. Der Präsident zieht alle Aufmerksamkeit auf sich. Er muss sie nicht teilen mit mehreren redebegabten Oppositionsführern oder höchst eigenständigen Ministerpräsidenten. Es hat natürlich auch Nachteile, ein Star zu sein, wie man am Beispiel Hollande gesehen hat: Der Präsident...

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