Das Buch der verlorenen Bücher - Acht Meisterwerke und die Geschichte ihres Verschwindens

Das Buch der verlorenen Bücher - Acht Meisterwerke und die Geschichte ihres Verschwindens

 

 

 

von: Giorgio van Straten

Insel Verlag, 2017

ISBN: 9783458748311

Sprache: Deutsch

160 Seiten, Download: 2171 KB

 
Format:  EPUB

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Das Buch der verlorenen Bücher - Acht Meisterwerke und die Geschichte ihres Verschwindens



      

Dies ist meine Reise auf den Spuren von acht verlorenen Büchern, Büchern so mythisch wie die Adern beim großen Goldrausch: Alle Suchenden sind überzeugt, dass es sie gibt und dass ausgerechnet sie sie finden werden, aber in Wirklichkeit gibt es keine konkreten Beweise und keine sicheren Fährten. Auch in meinem Fall sind die Hinweise wenig verlässlich, die Hoffnung, diese Seiten wiederzufinden, gering. Und doch ist es die Reise wert. 

Verlorene Bücher sind solche Bücher, die existiert haben und die es heute nicht mehr gibt. 

Es sind also keine vergessenen Bücher, die nach und nach aus dem Gedächtnis derer verschwinden, die sie gelesen haben, sich aus den Literaturgeschichten verflüchtigen, zusammen mit dem Leben ihrer Autoren dem Vergessen anheimfallen. Solche Bücher kann man in den alten Beständen einer Bibliothek ausfindig machen, und ein neugieriger Herausgeber könnte sie jederzeit neu auflegen. Womöglich weiß niemand etwas von ihnen, aber es gibt sie. 

Und es sind auch nicht die nie entstandenen Bücher; die wohl ersonnen, geplant und erträumt, aber aufgrund der Umstände nicht geschrieben wurden. Gewiss haben wir es auch hier mit einem Manko zu tun, einer Leerstelle, die sich nicht mehr auffüllen lässt. Aber es handelt sich um Bücher, die nie existiert haben. 

Verlorene Bücher hingegen sind für mich solche, die der Autor geschrieben hat, auch wenn er sie manchmal nicht zum Abschluss bringen konnte; es sind Bücher, die jemand gesehen, womöglich auch gelesen hat, und die dann zerstört wurden oder von denen man nie mehr etwas gehört hat. 

Die Gründe für den Verlust sind vielfältig. Diese Texte können der Unzufriedenheit des Autors zum Opfer gefallen sein, seinem Streben nach einer Perfektion, die nicht zu erreichen ist. Wenn der, der sie verfasst hat, nicht zufrieden war, kann man davon ausgehen, dass auch wir unzufrieden gewesen wären, und wenn einige zeitgenössische Autoren auch so unduldsam wären, würden wir sicher alle davon profitieren. Doch dann lesen wir von Werken, die jemand beherzt vor dem Vernichtungswillen des Autors bewahrt hat, wie im Fall Franz Kafkas, und es wird uns klar, welches Glück es war, dass der Wille des Autors nicht respektiert wurde. 

Oder es waren die äußeren und die Zeitumstände, die die Lücke haben entstehen lassen, vor allem der Zweite Weltkrieg, denn dieser Krieg hat unterschiedslos alle erfasst, egal ob an der Front oder in der Etappe, ob unter Militärs oder Zivilisten. Und die Bemühungen, Geschriebenes in Sicherheit zu bringen, waren nicht immer von Erfolg gekrönt. 

Andere Male griff die Zensur ein oder sogar die Selbstzensur, weil diese Bücher anstößig schienen, gefährlich nicht nur im übertragenen Sinn, wenn die Homosexualität im neunzehnten und sogar noch im zwanzigsten Jahrhundert in einigen europäischen Ländern strafbar war. 

Es kam auch vor, dass Nachlässigkeit oder Leichtsinn einen Brand verursachten oder einen Diebstahl (allerdings von geringem Nutzen für den Dieb: Was sollte er mit all dem beschriebenen Papier anfangen?) und dass so die Arbeit von Jahren vernichtet wurde und der Autor wieder von vorne anfangen musste, vorausgesetzt, er hatte die Kraft dazu. 

Sodann gibt es das Bestreben der Erben, insbesondere der Witwer und Witwen, sich selbst und ihre Angehörigen zu schützen, den Ruf des Ehepartners gegen die Unvollkommenheit seines Werks oder das Leben von Personen, die in den Texten dargestellt und wiedererkennbar sind, in Schutz zu nehmen. 

In den acht Fällen, die ich erzählen werde, kommen all diese Möglichkeiten vor. Das Resultat ist stets dasselbe: Das fragliche Buch scheint für immer verloren, auch wenn da manchmal die Vermutung aufblitzt, dass vielleicht irgendwo irgendjemand … 

Jedes Mal, wenn ich in meinem Leben auf ein verlorenes Buch stieß, empfand ich dieselben Gefühle, wie wenn ich als Kind gewisse Abenteuerromane las, die von verborgenen Gärten, mysteriösen Schwebebahnen oder verlassenen Schlössern handelten: die Lust auf Nachforschungen, die Faszination dessen, was sich uns entzieht, und die Hoffnung, der Held zu sein, der imstande ist, das Geheimnis zu lüften. 

In diesen Jugendbüchern kam die Lösung gegen Ende des Buches, herbeigeführt natürlich vom Autor, obschon sie mir die Frucht meiner Aufmerksamkeit und meiner Fantasie schien. 

Von diesen verlorenen Büchern hingegen habe ich keines gefunden, wenigstens nicht im traditionellen Sinn des Wortes. Zwar ist es mir gelungen, wie man im ersten Kapitel sehen wird, einen Roman zu lesen, bevor er verloren ging, nicht aber, seine Vernichtung zu verhindern. 

Vielleicht ist es genau aufgrund dieses Misslingens, aufgrund dieses meines Scheiterns, dass ich beschlossen habe, mich auf die Spuren anderer verlorener Bücher zu begeben, ihre Geschichten zu erzählen, als ob es Abenteuer wären. Zunächst tat ich das in einer Reihe von Rundfunkbeiträgen, zusammen mit einigen Freunden, Liebhabern dieser Autoren und dieser Bücher. Gemeinsam haben wir die Wege verfolgt, die zum Verschwinden der Bücher geführt haben, wenigstens zum Teil getröstet durch die Seiten, die geblieben sind und die wir weiterhin lesen können. 

Dann habe ich beschlossen, diese Wege nochmals allein zu beschreiten, wie es uns manchmal ergeht mit Orten, an denen wir uns wohl gefühlt haben: Wir kehren dorthin zurück in der Hoffnung, dieselben Gefühle wieder zu empfinden, in diesem Fall wohl auch, um zu verstehen, ob ein Detail, das wir zu Unrecht vernachlässigt hatten, Einblick darein gewähren könnte, wie die Dinge wirklich gelaufen sind. Natürlich tappte ich im Dunkeln, aber wie es einem manchmal als einsam Reisendem ergeht, habe ich Dinge bemerkt, die ich beim Gehen in Gesellschaft nicht beachtet hatte. 

Jedes verlorene Buch hat seine Geschichte, die sich von den anderen unterscheidet, außer in einigen Punkten, von wo aus sich merkwürdige Beziehungen ergeben, zum Beispiel zwischen Romano Bilenchi und Sylvia Plath (ein unvollendetes Buch und ein Ehepartner, der für sie entscheidet), zwischen Walter Benjamin und Bruno Schulz (im selben Jahr geboren, beide Juden und beide mit ihren letzten Büchern im Krieg verschwunden) oder zwischen Nikolai Gogol und Malcolm Lowry (beide wollten auf ihre Weise eine Göttliche Komödie schreiben, und es ist ihnen nicht gelungen). Aber was mit beunruhigender Häufigkeit wiederkehrt, ist das Feuer. Der Großteil der verlorenen Seiten, von denen wir sprechen, ist verbrannt, und das gemahnt uns an ihre Anfälligkeit. Denn hier ist die Rede von Zeiten (die beiden Jahrhunderte vor dem unseren), in denen das geschriebene Wort nur auf Papier festgehalten werden konnte. Und Papier brennt bekanntlich leicht. 

Man könnte meinen, heutzutage sei es schwieriger, ein Buch zu verlieren; durch die Vielzahl von Datenträgern, auf denen wir es speichern können, sei das Risiko ausgeschlossen, dass etwas für immer vernichtet wird. Und doch scheint mir, dass gerade das Immaterielle in manchen Fällen genauso anfällig ist wie das gute alte Papier und dass diese Schiffe, die wir hartnäckig mit ihrer Wortfracht aufs offene Meer hinausschicken, damit jemand sie bemerkt und in seinem Hafen aufnimmt, in der Unendlichkeit des Universums verschwinden können wie Raumschiffe, die sich immer schneller von uns entfernen. 

Aber sind diese Verluste wirklich nur und ausschließlich Verluste? 

Vor einiger Zeit bin ich auf ein altes Heft gestoßen, in dem ich mir Sätze notiert hatte, die mich beeindruckt hatten. Einer davon stammt aus der Suche nach der verlorenen Zeit von Marcel Proust. Er lautet: 

… um aber jene Niedergeschlagenheit auszulösen, jenes Gefühl des Unwiederbringlichen, jene Beängstigung, die der Liebe vorausgeht, braucht es — und diese ist damit vielleicht mehr als irgendeine Person das wahre Objekt, das die Leidenschaft angstvoll so zu erfassen sucht — die Gefahr der strikten Unmöglichkeit.

Sollte die Leidenschaft, die mich, die uns angesichts dieser verlorenen Bücher erfasst hat, desselben Ursprungs sein wie die Liebesleidenschaft, die Proust hier beschreibt? Sollte es eben die Gefahr einer Unmöglichkeit sein, die dieses Gemisch aus Begeisterung und Melancholie, aus Neugier und Faszination hervorbringt bei dem Gedanken, dass etwas existiert hat, das wir nicht mehr in Händen halten können?...

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