In der Tiefe der Nacht - Die Lloyd-Hopkins-Trilogie, Band 2

In der Tiefe der Nacht - Die Lloyd-Hopkins-Trilogie, Band 2

von: James Ellroy

Ullstein, 2019

ISBN: 9783843718455

Sprache: Deutsch

352 Seiten, Download: 2860 KB

 
Format:  EPUB, auch als Online-Lesen

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In der Tiefe der Nacht - Die Lloyd-Hopkins-Trilogie, Band 2



3


Der Mann im gelben Toyota bog von der Topanga Canyon Road ab und fuhr auf dem Pacific Coast Highway nach Norden; an den Ampeln trödelte er herum, damit er pünktlich mit der Dämmerung am Strandhaus des Doctors einträfe. Wie immer verschaffte ihm das schwindende Tageslicht Erleichterung, das Gefühl, einen weiteren Spießrutenlauf siegreich hinter sich gebracht zu haben. Mit der Dunkelheit kam der Lohn dafür, dass er der unentbehrliche rechte Arm des Doctors war, der einzige Mensch außer dem Night Tripper, der wusste, in welchem Maße seine lonelies angezapft, geleert, gemolken, ausgebeutet werden konnten.

Der Frühling war ein süßer Feind, dachte er. Qualvoll lange Perioden des Sonnenscheins waren zu überwinden, Durststrecken, die das Hereinbrechen der Nacht umso befriedigender werden ließen. An diesem Morgen war er schon bei Sonnenaufgang aufgestanden und hatte sich acht Stunden lang ans Telefon gehängt, um die Namen aus den Freierlisten, die der Doctor von seinen Hurenpatientinnen hatte, auf ihren Kredit zu überprüfen. Ein ausgefüllter Tag, und hoffentlich lag ein ebenso ausgefüllter Abend vor ihm: seine erste Gruppensitzung, seit er drei Leute zum Totentanz geführt hatte, und später vielleicht noch ein Trip durch die Single-Bars der South Bay, um neue reiche lonelies aufzutreiben.

Das Timing des Mannes war perfekt: Er verließ den Pacific Coast Highway und fuhr die Zufahrtsstraße hinunter, als die Einleitungsmusik des Doctors über den Parkplatz wehte. Sechs Autos – sechs lonelies: ein volles Haus. Er würde sich jetzt beeilen müssen, in den Lautsprecherraum zu kommen, ehe der Night Tripper ungeduldig wurde.

Der Mann betrat das Haus; er ignorierte das Barockquartett, dessen Musik über die Zentrallautsprecher ertönte. Er begab sich in einen kleinen, rechteckigen Raum, der mit schallschluckenden Platten ausgekleidet war. Darin stand ein Hauptaufnahmepult mit sechs Lautsprechern – einem für jedes der Schlafzimmer im Obergeschoss, mit Mikrofonanschlüssen für jeden Kanal und sechs Kopfhörern und einem enormen Tapedeck mit Zwölf-Zoll-Spulen, mit dem man die Aktivitäten in allen Schlafzimmern auf einen einzigen Knopfdruck hin aufzeichnen konnte.

Er machte sich an die Arbeit; zuerst schaltete er den Verstärker ein, dann schob er die Lautstärkeregler für alle sechs Boxen gleichzeitig hoch. Eine Kakofonie von Gesängen bohrte sich in seine Ohren, und er zog die Regler herunter. Die lonelies waren noch dabei, ihre Mantras zu brüllen, und brachten sich damit allmählich in den tranceähnlichen Zustand, der notwendig war, damit der Doctor mit seiner Beratung beginnen könnte. Der Mann zog Notizbuch und Stift hervor, machte es sich vor dem Aufnahmepult in einem Ledersessel bequem und wartete darauf, dass die roten Lampen am Verstärker zu blinken anfingen und ihm so das Zeichen gaben, zuzuhören, aufzuzeichnen und seine Bewertung als Dr. John Havillands leitender Mitarbeiter abzugeben.

Seit zwei Jahren arbeitete er in dieser Position; zwei Jahre verbrachte er jetzt damit, Los Angeles auf der Jagd nach menschlicher Beute zu durchstreifen. Der Doctor hatte ihn gelehrt, seine eigenen zwanghaften Triebe zu beherrschen, und zum Ausgleich für diesen Dienst war er zu dem Werkzeug geworden, das Havillands eigene Obsession verwirklichen half.

Der Doctor hatte ihm erklärt, eine »Bewusstseins-Implosion« sei an die Stelle der »Bewusstseins-Explosion« der sechziger Jahre getreten und habe dazu geführt, dass eine große Zahl von Menschen sowohl dem amerikanischen Evangelium von Heim, Herd und Vaterland als auch den Offenbarungen der Gegenkultur aus den Sechzigern den Rücken kehrten. Drei ausbeutbare Fakten waren geblieben: eines, das der naiven präsechziger Psyche entstammte, zwei, die zur angeödeten postsechziger Psyche gehörten – Gott, Sex und Drogen. Bei den richtigen Leuten würden die Variationsmöglichkeiten zu diesen drei Themen grenzenlos sein.

Seine Aufgabe war es, die richtigen Leute zu finden. Havilland beschrieb seine typische Schachfigur so: »Weiß, männlich oder weiblich, Kind reicher Eltern, das sich nie anpassen und nie erwachsen werden konnte; schwächlich, ängstlich, von tödlicher Langeweile erfüllt, ziellos, aber mit einer Neigung zum Mystizismus. Sie sollten entweder verwaist und von einem Legat oder einer Kapitalrente leben, oder sie sollten sich mit der Familie ernsthaft entzweit haben und mit regelmäßigen Geldanweisungen unterstützt werden. Sie sollten sich dem Konzept des ›Spirituellen Meisters‹ bereitwillig öffnen, ohne auch nur zu ahnen, dass sie in Wirklichkeit nur jemanden haben wollen, der ihnen sagt, was sie tun sollen. Sie sollten Rauschgift lieben und über eine ausgeprägte Sexualität verfügen. Sie sollten sich selbst für Rebellen halten, sollten aber ihr rebellisches Empfinden stets nur durch schüchterne Beteiligung an Massenbewegungen ausgelebt haben. Finde solche Leute für mich. Es wird leichter sein, als du glaubst, denn während du nach ihnen suchst, werden sie nach mir suchen.«

Die Suche führte ihn in Single-Bars, Selbstfindungs-Workshops, in die Ashrams eines halben Dutzends von Gurus sowie in Vortragsveranstaltungen zu allen möglichen Themen, von der sozialen Mobilisation der Neuen Linken bis zu makrobiotischem Hebammentum, und dabei fand er sechs Personen, die Havillands Kriterien in jedem Punkt entsprachen und mit Haut und Haaren auf sein Charisma hereinfielen. Nebenher leistete er dem Doctor noch andere Dienste. Er brach in die Wohnungen der regulären Patienten ein, fahndete nach Informationen, die zur Rekrutierung weiterer lonelies führen würden, setzte Sex-Anzeigen in die Untergrundblätter, mit denen er reiche alte Leute suchte, an die er die lonelies verkuppeln könnte, plante die Übungssitzungen und führte die mit komplizierten Querverweisen ausgefüllten Akten.

Er war mit dem Doctor vorangeschritten, unentbehrlich als Beschaffer menschlichen Tons. Bald würde Havilland sein ehrgeizigstes Projekt in Angriff nehmen, und zwar mit ihm an seiner Seite. Gestern Abend hatte er glanzvoll bewiesen, was in ihm steckte.

Aber die Kopfschmerzen …

Das Licht über Lautsprecher Nummer eins blinkte auf und veranlasste den Mann, seinen Stift fallen zu lassen und nach dem Kopfhörer zu greifen. Er hatte sie eben aufgesetzt und eingestöpselt, als er hörte, wie der Doctor hustete – das Zeichen für ihn, aufmerksam zuzuhören und alles zu notieren, was ungewöhnlich oder besonders brauchbar erschiene.

Zuerst kam ein Schwall von Freundlichkeiten, gefolgt von den Lobeshymnen der beiden lonelies über die Ausstattung des Raumes. Der Mann hörte, wie der Doctor mit bescheidenem Naserümpfen über die Rokoko-Gobelins hinwegging und seinen beiden Schützlingen versicherte, dass sie ein Geburtsrecht auf eine solche Umgebung hätten.

»Kommen Sie zur Sache, Doc«, knurrte der Mann am Tonbandgerät.

Wie zur Antwort sagte der Doctor: »Aber jetzt Schluss mit dem leichten Geplauder. Wir sind hier, um das Prosaische zu durchbrechen, nicht, um darin verhaftet zu bleiben. Wie ist es in eurem Haushalt in Santa Barbara gegangen? Habt ihr etwas über euch gelernt? Irgendwelche Dämonen ausgetrieben?«

Eine sanfte Männerstimme antwortete. Der Mann erkannte sie sofort und erinnerte sich an die Rekrutierung: eine Schwulenbar in West Hollywood; ein rundlicher Angestellter, dessen wachsame Haltung fast wie eine Neonleuchtschrift verkündet hatte: »Verschreckter Anfänger auf der Suche nach sexueller Identität.« Ihn zu verführen war einfach gewesen, und der Verführte hatte allen Kriterien des Doctors entsprochen.

»Wir haben das Koks benutzt, um es in Gang zu bringen«, erzählte die sanfte Stimme. »Unser Klient war alt und scheute sich, seinen Körper zur Schau zu stellen, aber das Koks brachte seine Säfte in Wallung, und –«

»Ich habe den alten Knacker in Wallung gebracht«, unterbrach eine Frauenstimme. »Er hatte sich nicht mal bis auf die Unterhose ausgezogen, als ich ihm schon zwischen die Beine griff. Er wollte, dass die Frau die Führung übernahm – das spürte ich gleich, als wir drin waren und ich all die Fantasy-Kunst an den Wänden sah, Amazonen mit Ketten und Peitschen und dieser ganze Scheißdreck. Er –«

Die sanfte Männerstimme nahm einen jammernden Tonfall an. »Ich habe die Einleitung genossen! Der Doctor hat gesagt, wir sollten es langsam angehen; der Kerl war ja nicht vorbereitet. Wir hatten ihn aus den Sex-Anzeigen, und der Doctor hat gesagt –«

»Blödsinn!« kläffte die Frau. »Du wolltest bloß selber koksen, und du wolltest, dass der Alte dich mochte, weil du derjenige mit dem Stoff warst, und wenn wir es auf deine Weise durchgezogen hätten, dann wäre das ganze eine Kokain-Teestunde geworden.«

Der Mann legte seinen Stift aus der Hand, als der Angestelltentyp anfing zu blubbern. Nach kurzem Schweigen flüsterte der Doctor: »Pst, Billy. Pst. Geh hinaus und setz dich in den Gang. Ich möchte mit Jane allein sprechen.«

Man hörte Schritte auf dem...

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