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Er redete mit dem Vieh, den Vögeln und den Fischen - Mit einem Vorwort von Patrick Bahners
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Er redete mit dem Vieh, den Vögeln und den Fischen - Mit einem Vorwort von Patrick Bahners
von: Konrad Lorenz
dtv, 2018
ISBN: 9783423433747
208 Seiten, Download: 785 KB
 
Format: EPUB
geeignet für: geeignet für alle DRM-fähigen eReader PC, MAC, Laptop Apple iPod touch, iPhone und Android Smartphones Online-Lesen Apple iPad, Android Tablet PC's

Typ: A (einfacher Zugriff)

 

 
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Leseprobe

Vorwort Konrad Lorenz (1903–1989)


 

Konrad Lorenz, um 1980 (ullstein bild – Interpress Paris)

»Ich möchte Konrad Lorenz sein.« Diese Antwort gab der Dichter W. H. Auden, als ihn eine englische Sonntagszeitung im Dezember 1963 nach seinen Tagträumen befragte. Auden musste nicht erklären, wer das war, in den er sich hineinversetzen wollte. Lorenz, der gerade seinen sechzigsten Geburtstag gefeiert hatte, war eine internationale Berühmtheit. Er galt als der Begründer einer neuen wissenschaftlichen Disziplin, der Verhaltensforschung, von der man sich, ähnlich wie ein halbes Jahrhundert zuvor von der Psychoanalyse, revolutionäre Aufschlüsse über die Gesetzmäßigkeiten des menschlichen Innenlebens versprach. 1973 erhielt er für diese Pionierarbeiten gemeinsam mit seinem niederländischen Freund Niko Tinbergen und seinem österreichischen Landsmann Karl von Frisch den Nobelpreis für Medizin.

Konrad Lorenz, der 1903 in Wien geborene Sohn eines berühmten Professors der Orthopädie mit Patienten auf beiden Seiten des Atlantiks, hatte wie Sigmund Freud in Wien Medizin studiert. Und wie Freud die Leiden seiner Patienten auf verschüttete Erfahrungen der frühen Kindheit zurückführte, mit denen er gleichzeitig so etwas wie eine Gattungserinnerung auszugraben behauptete, so wandte sich Lorenz dem Tier zu, um in die Vorgeschichte des Bewusstseins hinabzusteigen – auf der Suche nach elementaren Automatismen der Orientierung von Lebewesen unter ihresgleichen, die das Bewusstsein teilweise verdeckt und teilweise ersetzt. Dem Unbewussten bei Freud entspricht bei Lorenz der Instinkt. Das »sogenannte Allzumenschliche«, also das Verdrängte und Peinliche, erläuterte Lorenz in dem hier in 48. Auflage vorgelegten, erstmals 1949 erschienenen Buch ›Er redete mit dem Vieh, den Vögeln und den Fischen‹, sei »fast immer das Vor-Menschliche«, das, »was wir mit den höheren Tieren gemeinsam haben«.

Die Bewegungen der Tiere, auf der Suche nach Nahrung und beim Werben um den Partner, auf der Flucht vor dem Feind und beim Angriff auf den Feind, nahm Lorenz, wie es der Altphilologe Walter Burkert formulierte, »als vereinfachte Modelle unseres eigenen Benehmens und Erlebens«. Von der Theorie des Aggressionstriebs, die Lorenz 1963 in dem Buch ›Das sogenannte Böse‹ entfaltete, ließ sich Burkert für sein Buch ›Homo Necans‹ inspirieren, eine Untersuchung der Bedeutung des Opfers in der Menschheitsgeschichte. Das von Burkerts Begriff des Modells betonte konstruktive Moment der Verhaltensforschung spielte Lorenz in seinen eigenen Einlassungen zur Methode systematisch herunter. An Selbstbewusstsein mangelte es ihm nicht: Im Titel dieses Buches vergleicht er sich mit einem abgewandelten Zitat aus dem 1. Buch der Könige mit König Salomo, der biblischen Verkörperung der Weisheit. Der Königsweg des neuen Salomo war die Beobachtung.

Lorenz wollte keine Modelle bauen, er wollte nur sehen – und gesehen werden. Der Film, der Krähenflug und Hahnenkämpfe festhält, wurde zum wesentlichen Erkenntnismittel der Verhaltensforschung, und in den Filmen, die für das junge Fach Werbung machten, kam immer auch der Forscher ins Bild, der teilnehmende Beobachter.

Die Zeitungsleser, die 1963 davon erfuhren, dass es der Traum W. H. Audens war, Konrad Lorenz zu sein, hatten daher zu diesem Namen nicht bloß das Zeitungswissen über einen Bestsellerautor und gefeierten Wissenschaftler parat. Ihnen stand ein Bild vor Augen: ein stattlicher Mann, mit funkelnden Augen, markanter Nase, charaktervollem Kinn und kräftigem Bartwuchs, an der Spitze einer Gänsekolonne oder in der Mitte eines Dohlenschwarms. Salomo redete laut Luthers Übersetzung »vom Vieh, von Vögeln, vom Gewürm und von Fischen«. Lorenz redete mit den Tieren. Denn er lebte mit ihnen, schon seit seiner Kindheit. Als Student hatte er in der väterlichen Villa in Altenberg bei Wien eine Vogelkolonie angesiedelt.

Die wissenschaftlichen Institute, die für ihn gegründet wurden, wie das Max-Planck-Institut für Verhaltensphysiologie am Eßsee in Oberbayern, waren nur temporäre Gehäuse für diese Lebensgemeinschaft. Der Forscher Lorenz bekam so viel Auslauf, wie er für seine Forschungsobjekte verlangte. Er lebte wie ein Tier, wie Filme und Fotos beweisen: Zwar konnte er nicht den Dohlen hinterherfliegen, dafür aber den Graugänsen voranwatscheln. In seinem Vorwort zu dem hier vorliegenden Buch legt Lorenz dar, dass die »unmittelbare Vertrautheit mit dem lebenden Tier« nur durch »unmenschliche Geduld des Beobachters« erworben werde. Ein normaler Mensch hätte nicht wie Lorenz leben können. Sich auszumalen, Konrad Lorenz zu sein: das hieß, von der Rückkehr zur Natur zu träumen – im Namen und im Dienste der Wissenschaft. Der Wille zum Wissen legitimierte den Wunsch nach Regression: Diese Ambivalenz ist der poetische Witz von Audens Tagtraumbild. Altenberg und das Max-Planck-Dorf Seewiesen waren Exklaven, Kolonien der Natur in der Zivilisation, die das Land nicht urbar machten, sondern wieder verwildern ließen.

Dieser mythologischen Deutung des Projekts der Verhaltensforschung hat Lorenz selbst die Stichworte geliefert. Im ersten Kapitel schildert er einen Moment des Wiedererkennens: wie er »an einem trüben Vorfrühlingstage« am Donauufer eine Gans aus einer fliegenden Schar Graugänse, die »zweite im linken Gliede der dreieckigen Phalanx«, als den Gänserich identifizierte, den er auf den Namen Martin getauft hatte. Im zeitlosen Präsens fixiert er, was er in diesem Moment empfunden haben will. »Ich staune zutiefst, dass es möglich war, mit einem frei lebenden Vogel in so vertrauten Verkehr zu treten, und ich empfinde diese Tatsache als etwas seltsam Beglückendes, als sei durch sie ein kleiner Teil der Vertreibung aus dem Paradiese rückgängig gemacht worden.« In der Illustrierung seines Forscherlebenswerks mit Bibelanspielungen geht Lorenz hier noch einen Schritt hinter Salomo zurück. An der gleichen Stelle lässt er die Leser wissen, dass er nur denjenigen Gänsen einen Namen gab, die er selbst aufzog; die anderen erhielten Nummern. In seiner kleinen Welt ist er der erste Mensch; laut dem Buch Genesis hatte Adam von Gott das Recht erhalten, die Tiere zu benennen.

1951 wurde Lorenz in einer Schweizer Zeitung mit der Maxime zitiert, dass der Satz »Aller Anfang ist schwer« in der Wissenschaft umzukehren sei. »Wenn es einem gegeben ist, ein neues Gebiet zu erschließen, so ist der Forscher zunächst selber der Laie. Eine junge Wissenschaft ist aus diesem Grund dem Laien immer leichter darzustellen als eine alte, die mit Bergen traditionellen Wissens beladen ist.« Das Buch von 1949 bewahrt diesen Zauber des Beginnens. Die Anfangsgründe der Verhaltensforschung werden in flaumfederleichter Form dargestellt, in Tiergeschichten, Geschichten von bestimmten Tieren, das heißt Individuen, die Lorenz mit Namen versehen hat. Am berühmtesten ist »das Gänsekind Martina«, die Lebensgefährtin des Gänserichs Martin, bei der Konrad Lorenz die Stelle der Mutter vertrat, weil er das erste bewegliche Etwas gewesen war, das sie sah, als sie schlüpfte.

Das Buch bezeichnet auch einen Neuanfang im bürgerlichen Leben des Verfassers. 1940 war er an die Universität Königsberg berufen worden, als Ordinarius für Psychologie, dessen Ahnenreihe auf Immanuel Kant zurückgeführt wurde. Im Jahr darauf wurde er zur Wehrmacht eingezogen; er diente als Heerespsychologe und Militärarzt. 1948 kehrte er nach vier Jahren in sowjetischer Kriegsgefangenschaft nach Österreich heim. Er war ohne Anstellung und besann sich auf sein erzählerisches Naturtalent, das sich auch bei seinen Vorträgen im Kriegsgefangenenlager bewährt hatte. Für einige Kapitel, auch die Geschichte Martinas, griff er auf Zeitungsartikel aus der Vorkriegszeit zurück.

Lorenz verstand die Verhaltensforschung als Fortentwicklung der Evolutionslehre Charles Darwins. Die fixen Bewegungsmuster (»Instinkthandlungen«), die Tinbergen und Lorenz entdeckten, sahen sie wie Organe an: als Ergebnisse natürlicher Auslese, die mindestens früher einmal der Erhaltung der Art gedient hatten. Lorenz publizierte seine epochemachenden Aufsätze Mitte der dreißiger Jahre. Dass sie ihm keine Förderung im österreichischen Wissenschaftssystem eintrugen, führte er auf den Widerstand der katholischen Kirche gegen den Darwinismus zurück. Mit Erfolg bewarb er sich in Deutschland um ein Stipendium der Notgemeinschaft der deutschen Wissenschaft, der Vorgängerorganisation der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Am 28. Juni 1938, nach der Annexion Österreichs, reichte der Privatdozent Lorenz seine Bewerbung um Aufnahme in die NSDAP ein; der Antrag wurde angenommen. Auf dem Antragsformular rühmte sich Lorenz, er habe seine akademische Lehre in den Dienst einer »wirklich erfolgreichen Werbetätigkeit« für den Nationalsozialismus gestellt. Er dürfe »wohl sagen, dass meine ganze wissenschaftliche Lebensarbeit, in der stammesgeschichtliche, rassenkundliche und sozialpsychologische Fragen im Vordergrund stehen, im Dienste Nationalsozialistischen Denkens steht«.

Anders als diese Selbstauskunft suggeriert, haben Fragen der Eugenik und die Kategorie der Rasse für die Schriften von Lorenz aus der Zeit vor 1938 keine besondere Bedeutung. Die Aufsätze aus seiner aktiven nationalsozialistischen Phase sind Gegenstand einer wissenschaftshistorischen und erinnerungspolitischen Debatte, die...



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