Im Osten geht die Sonne auf - Berichte aus anderen Zeiten

Im Osten geht die Sonne auf - Berichte aus anderen Zeiten

von: Jutta Voigt

Aufbau Verlag, 2018

ISBN: 9783841216540

Sprache: Deutsch

208 Seiten, Download: 1961 KB

 
Format:  EPUB, auch als Online-Lesen

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Im Osten geht die Sonne auf - Berichte aus anderen Zeiten



Chaos und Container


November 1990

Das Neue entsteht unter Verwesungsgestank. Autowracks liegen wie Pferdekadaver in den Straßen, ausgeweidete, zertretene Wartburgs, Ladas, Trabis. Auf den Höfen und vor den Häusern Haufen ausrangierter Sessel, Schrankwände, Waschmaschinen. Kühlschränke mit verklebten Resten des anderen, vorigen Lebens. Daneben der bunte Müll der neuen Zeit, die mächtigen Kartons von Kellogg’s Cornflakes, Omo und Persil, die Schachteln von Rama, Sanella und Iglos Fischstäbchen. Geborstenes Werbefernsehen. Die Müllabfuhr kommt nicht nach.

Das Neue hat seinen eigenen Duft. In den Alternativcafés vom Prenzlauer Berg hängt der nasswarme Geruch von Joints. Der U-Bahnhof Alexanderplatz riecht nicht mehr nach den Bratkartoffeln der Bahn-Kantine, sondern nach dem Gebäck der Croissantbude auf Bahnsteig A. Vier Frauen arbeiten auf zehn Quadratmetern, auch im Sommer, bei dreißig Grad Hitze, trotzdem immer freundlich. Die U-Bahn-Benutzer sind voller Respekt. Wie schnell der Kiosk aufgebaut wurde, und wie sauber! Früher, damals, bis zum vorigen Jahr, hätte das Aufstellen so einer Bude nicht eine Woche, sondern ein halbes Jahr gedauert und wäre als »weitere Verbesserung der Arbeits- und Lebensbedingungen der Berliner Werktätigen« in allen Zeitungen gefeiert worden.

Enorme Beschleunigung. Das Leben rast, überschlägt sich, stolpert vorwärts. Wie wenn ein verträumter Spaziergänger, der gemächlich eine stille Straße entlang schlendert, plötzlich von hinten einen Tritt kriegt, hinfällt, aufsteht und am nächsten Tag ein Geschäft für Leichtmetalljalousien eröffnet. Imbissbuden, Boutiquen, Videotheken, Gebrauchtwarenmärkte, man erkennt seine Gegend nicht mehr, weil sich ihre Zeichen täglich verändern. Unternehmergeist wuchert, allerdings nur bis zu einer gewissen Höhe. Wer sich einen Grillapparat leisten kann, legt eine Bratwurst drauf und verkauft sie. Marktwirtschaft erst mal als Markt verstanden, Improvisation eines Gesellschaftssystems. Die Märkte sind angefüllt mit Bierbüchsen, Videokassetten und Flickenlederjacken, ungeordnet, wild, gierig. Der Kapitalismus hat die Stadtteile verschieden genommen – Prenzlauer Berg verführerisch, Weißensee gleichgültig, Alex wüst.

»Vom Ich zum Wir« zum Ich. Rückkehr des Ich-Gefühls. Ende der Entmündigung, der ängstlichen Bescheidung. Neubeginn persönlicher Verantwortung. Das Ich tritt aus der Anonymität heraus, es organisiert sich wieder selbst. Der HO-Verkaufsstellenleiter macht einen Gemüseladen auf, die Schneiderin eine Modeboutique, der Kellner eine Pizzeria, der Drogist aus der Husemannstraße ist jetzt Generalvertreter von Drospa für den Osten Deutschlands. Ich ist wieder wer: »Monis Würstchenshop«, »Franks Copy-Center«, »Uwes Video-Welt«. Die Unterhaltungen in den Kneipen handeln von Geld und Geschäft: Wenn du zehntausend deponierst, bekommst du siebeneinhalb, wenn du hunderttausend auftreiben kannst, wird der Zinssatz entsprechend höher. Obligationen, Anlagen. Risiko. Wörter, die vierzig Jahre lang auf diesem Territorium nicht vorgekommen sind. Die Schlangen vor den Geldinstituten hören nicht auf. Die Deutsche Bank nistet im Container, die Berliner Sparkasse baut Baracken, in denen sie die Neubürger berät. Geld ist wieder das einzige Privileg, es macht vieles ehrlicher. Geld ist durchschaubar und verleiht dennoch die Illusion, dass jeder es haben kann, wenn er sich nur anstrengt. Geld ist wieder ein Mythos.

In der Oranienburger Straße laufen Nutten. Junge Mädchen haben den alten Strich aufgenommen, Oranienburger-Linien-Auguststraße, jahrzehntelang verwaist, die Prostituierten durften ja nicht zu sehen sein. Sie hielten sich in den Nachtclubs der Devisenhotels Metropol und Palast auf, dienten nebenbei der Stasi und waren für den kleinen Mann unerreichbar, weil sie es nur für Westmark taten. Die Rückkehr der Nutte auf die Straße – ein demokratischer Vorgang.

Das Offizierskasino der sowjetischen Garnison in Karlshorst ist neuerdings ein »Spielcenter«, der Lesesaal für Marxismus-Leninismus eine »Spielhalle«. Als Geldwechsler und Aufsichtspersonal arbeiten russische Angestellte. An flackernden Automaten sitzen Jugendliche mit Motorradhelmen und sowjetische Soldaten in Uniform. In wessen Auftrag die Glücksspiele bestellt wurden, ist unklar, manche sagen, vom Oberkommando in Wünsdorf, Geld will jeder.

Die zivilen Russen in Berlin sind ebenfalls andere. Nicht mehr die kindlichen Horden armer, nach billigem Parfüm riechender Sowjetbürger, die in Gruppen ab zwanzig Mann auftauchten und im Centrum-Warenhaus einkauften, sondern einzelne »Krokodil«-Russen. Dicke Männer in Seidenhosen, Frauen in teuren Kleidern mit niedlichen, grell geschminkten Dunja-Gesichtern. Besitzer von Moskauer Kooperativen, die sich stolz »Kapitalistyj« nennen und von ihren Landsleuten Mafiosi geschimpft werden. In Ostberlin durchstreifen sie die Schuhsalons, kaufen mehrere Paare Mokassins und hochhackige Pumps mit goldenen Absätzen.

Beschleunigung, auch der Kriminalität. Wir halten unsere Handtaschen fest, rüsten uns mit Reizgassprühern und Schreckpistolen aus, sehen uns um, wenn wir im Dunkel nach Hause kommen. Wir warnen unsere Kinder doppelt so oft wie früher, niemandem die Tür aufzumachen, die wir inzwischen mit Stangenschlössern und Ketten gesichert haben. Banküberfälle, Bombendrohungen und Tankstellenüberfälle gehören nun zu unserem Alltag, der gestern noch sensationslos und langweilig gewesen ist. Einst dachte ich, warum soll gerade mir was passieren, heute: Warum soll gerade mir nichts passieren? O ja, jetzt geht es los, sagt der Rohrleger Sven Berthold, wer Geld braucht, klaut eine Handtasche, wir brauchen mehr Polizei. Und die Buchbinderin Petra Paul meint: Ohne meinen Mann in den Abendstunden das Haus zu verlassen, ist so eine Sache. Sicher, fügt der Löschmeister Andreas Börner hinzu, im Zuge der sozialen Marktwirtschaft wird das nicht ausbleiben.

Wie schön ist es in der Eistüte! Das kleine Café an meiner Ecke war bislang HO. Schlampige Bedienung, Dienst nach Vorschrift, dünner Kaffee, zerlaufenes Eis. An heißen Sommertagen, aber nur, wenn die Serviererinnen Lust hatten, durften die Gäste an vier Tischen mit je vier Stühlen im Vorgarten sitzen, sieben Uhr abends, spätestens, war Schluss. Diesen Frühling wechselte der Besitzer, die Eistüte wurde privat. Nun stehen bei schönem Wetter, je nach Bedarf, an die zwanzig Tische mit bis zu hundert Stühlen draußen, in warmen Nächten bis spät in die Nacht, beim Schein von roten und gelben Windlichten. Der Chef achtet darauf, dass jeder prompt bedient wird. Die Eisbecher sind mit goldenen Papierpalmen dekoriert, der Kaffee ist stark, der Weißwein trocken, das Angebot um Würstchen mit Salat und Baguettes erweitert. Ach Eistüte, kleines Wunder der Marktwirtschaft!

Die Unterwerfung des Käufers unter den Verkäufer, die Unterdrückung des Gastes durch den Kellner, die Anbiederung des Kunden an Schuster, Schlachter, Klempner und Friseure gehören seit kurzem einer anderen Epoche an. Dienstleistung ist keine Gnade mehr, eine Schande auch nicht. Ein Verhältnis vom Kopf auf die Füße gestellt – der eine leistet einen Dienst, der andere zahlt. Wer zahlt, darf fordern, wer das Geld hat, hat die Macht, selbst wenn sie nur für hundert Gramm Leberkäse reicht.

Die gelbblonde Fleischverkäuferin aus dem Konsum machte eine ans Unheimliche grenzende Verwandlung durch. Früher wickelte sie mufliggraue Wurst in graues Packpapier, ohne ein Wort, mit der ewigen stummen Frage: Was wollen Sie eigentlich von mir? Nun sagt die Frau »Bitte«, »Danke«, »Ein schönes Wochenende« und zeigt dazu ein nettes Gesicht. Ihr Kittel hat keine Flecke mehr, und die Wurst sieht rosa aus, sie wird jetzt beleuchtet.

Auf dem Alexanderplatz sammelt sich der freie Handel dicht und aufdringlich. Schwarzmarktklima, Nachkriegsatmosphäre nach einem Krieg, den es nicht gegeben hat. Letzte verzweifelte Bemühungen von Ostblockmenschen, einen Krümel vom deutschen Hochzeitskuchen zu ergattern. Vietnamesen, bis eben brave Arbeitskräfte in DDR-Textilfabriken, bieten Marlboro eine Mark billiger an als im Laden. Sie kaufen die Zigaretten einreisenden Polen ab, denen es verboten ist, zu handeln. In Vietnam warten die Angehörigen auf die versprochenen Fahrräder und Nähmaschinen aus dem fernen reichen Deutschland. An einer Häuserwand am Checkpoint Charlie hängt das Gemälde des russischen Malers Dimitr Vrubel. Fünf ältere Frauen mit Kopftüchern und ein Mann mit Schapka sehen sinnend auf die Stadt. »Deutsche! Wie beneide ich euch! Moskau 1990« steht auf dem Bild.

Ein Aufkleber am Bahnhof Schönhauser Allee: »Berlin muß deutsch bleiben.« – genauso stand es 1945 an den zerschossenen Fassaden, als die Rote Armee Berlin einnahm.

Metamorphosen. Auf der Spree, im ehemaligen Grenzgebiet, finden jetzt Ruderregatten statt, damals wäre man erschossen worden, falls man dort gerudert wäre. Im Haus des Deutschen Modeinstituts in der Brunnenstraße hat sich die Hypobank niedergelassen. Annonce in der Zeitung: »Biete 3-Raum-Wohnung, suche 2-Raum-Wohnung« – man verkleinert sich aus Angst vor Mieterhöhungen. Todesanzeige aus einer versunkenen Welt: »Sein ganzes Leben hat er der Sache des Sozialismus gewidmet.« Dem Marx vom Denkmal an der Liebknechtstraße hat jemand einen Pappkarton aufgestülpt, ein anderer sprühte an den Sockel: »Wir sind unschuldig«. In buntbemalten Trabis sitzen bunte Punks. Das Spießerauto mutierte zur Undergroundgondel oder dient als origineller Werbeträger. Die Soldaten der Nationalen Volksarmee sind nun Soldaten der Bundeswehr, sie tragen die neuen Uniformen, als wäre nichts...

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