KA - Das Reich der Krähen

KA - Das Reich der Krähen

von: John Crowley

Golkonda Verlag, 2018

ISBN: 9783946503460

Sprache: Deutsch

640 Seiten, Download: 6668 KB

 
Format:  EPUB, auch als Online-Lesen

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KA - Das Reich der Krähen



Prolog

Am Ende der Welt hat sich ein großer Berg aufgetürmt. Er ist nicht hoch, sondern eher lang und breit, wirkt aber groß, weil er sich als einziger in einer Ebene erhebt, wo es keine anderen Erhebungen gibt. Ringsum sind gerade Straßen und sanft hügelige Felder – vielleicht sogar ein paar Steine, aber der Berg selbst besteht nicht aus Steinen.

Er wächst immer weiter und wird noch lange so weiterwachsen, ehe sich alles setzt. Vor dem Morgengrauen bewegt sich ein gelbes Raupenfahrzeug, ausgerüstet mit einem Pflug, über seine vordere Flanke, die unter dem Gewicht bebt, weil die Substanz des Berges immer noch weich und locker ist. Beim ersten Licht ziehen schwere Lastwagen hintereinander weg auf schräg ansteigenden, extra für diesen Zweck angelegten Wegen hoch und halten an bestimmten Stellen, wo sie das Mitgebrachte in dampfenden Haufen von der Ladefläche kippen. Das Raupenfahrzeug verteilt es dann und versucht, es abzudecken.

An manchen Stellen brennt es.

Zu beiden Seiten dieses Berges erheben sich kleinere Hügel, die älter und verlassen sind und nun, von einer Grassode bedeckt, daliegen: fette schlafende Männer, die über Jahre hinweg ihre Riesenmahlzeiten verdauen. Nur die Kuppen der neueren Hügel sind noch offen, und dort türmen sich Haufen von unverschlucktem Zeug.

An den Straßen, die vom Berg abwärts und zur großen Stadt führen, befinden sich Häuser und kleine Ansammlungen von Schutzhütten. Sobald es hell genug wird, strömen die Menschen heraus und steigen über die kleineren Anhöhen zu dem großen Berg, dessen Kuppe noch offen ist wie eine große Wunde. Es sind Frauen und Kinder und ältere Menschen; sie haben Säcke und Eimer und andere Behälter dabei, um fortzutragen, was sie auf den neuen Haufen finden und was andere in den älteren und versinkenden Pulks übersehen haben. Rauch vernebelt die aufgehende Sonne.

Die Leute befinden sich noch im Anstieg, als die ersten Krähen von ihren Winterkolonien in den dichten Wäldern entlang des Flusses und auf der Flussinsel bei der Stadt herbeifliegen. In einer langen, ununterbrochenen Kette fliegen sie an den Menschen vorbei – Hunderte, dann Tausende. Ich denke, wenn die Menschen einander die Vögel beschreiben würden, dann würden sie sagen, dass die Krähen wie ein schwarzer Schal über dem Himmel hängen und ihn vom Horizont bis auf halbe Höhe bedecken. Aber die Krähen sehen sich nicht so, sie sehen sich nicht als ein Schleier oder Mantel oder als schwarzes Bärenfell, sie betrachten sich nicht als Masse, sondern als viele: Eine jede ist für sich, eine unter anderen, auf vorsichtiger Distanz, ohne die anderen zu berühren, jede einzelne in der Lage zu sehen, wohin sie alle ziehen.

Sie sehen, wie die Menschen unter ihnen sich langsam bewegen und die Lastwagen mit den starrenden Lichtern. Sie wissen, wo sie sind.

Und auch die Menschen verschwenden kaum einen Gedanken an sie. In anderen Zeiten und an anderen Orten hätten sie unter einer solchen sanft schwingenden Wolke vielleicht einen Segen ausgesprochen, hätten vielleicht ein Gebet geflüstert oder einen Reim, einen Vers oder eine Hymne; sie hätten die Schwingungen des Schwarms studiert, um etwas über die Zukunft oder das Wetter herauszufinden. Aber diese Zeiten sind schon lange vorbei. Die Plünderer ignorieren die Vögel oder verachten sie – die schwarzen Bettler. »Geflügelte Ratten« nennen sie sie. Die Kinder werfen ihnen Dinge nach oder verjagen sie von dem Hügel, bis die Älteren sie wieder zum Sammeln aufrufen. Gelegentlich jagen die Krähen einem Kind nach, weil sie denken, es hätte etwas, das auch sie wollen, oder einfach aus Spaß, denn ihre alte Vorsicht ist schon lange gewichen. Die Kinder haben in der Regel nichts, was Krähen wollen. Kinder suchen nach seltenen Dingen, und an Futter ist für die Krähen genug da. Die Lastwagen speien es tonnenweise aus, vermischt mit nicht Essbarem, aber in solcher Fülle, dass sie sich nicht einmal darum streiten müssen.

Ich pflegte sie zu beobachten. Abends oder nach einer schlaflosen Nacht stand ich oft am Fenster des Hochhauses im Krankenhausbezirk dieser Stadt, wo meine Frau in einem der oberen Stockwerke behandelt, aber nicht geheilt wurde. Ich blickte dann zu dem Berg hinüber und sah, wie die Krähen sich scharenweise von der Flussinsel erhoben und wieder zu den kahlen Bäumen zurückkehrten, doch damals begriff ich nicht, was sie taten. Vielleicht war die Krähe Dar Eichling damals dabei.

Neue Krankheiten haben sich entwickelt; ich habe eine, und auch ein paar weniger schwerwiegende als Folge davon. Debra starb nicht an dem Zustand, der sie auf der Suche nach Erleichterung in dieses Krankenhaus weit weg von zu Hause brachte, sondern an einer Seuche, die durch den Bezirk tobte, in dem sie dann lag: starb, während ich neben ihr saß, von Kopf bis Fuß in eine Art Gaze gewickelt, mit einer Maske und Handschuhen; zum Ende hin durfte ich sie nicht mehr berühren. Ich war selbst krank, tödlich krank, und nicht nur körperlich. Ich brachte sie aus der Stadt heraus zu dem alten Friedhof in dem Landstrich, in dem wir schon lange ein Haus besaßen, dieses Haus im Norden, mein Haus. Und das war so weit, wie Dar Eichling, ebenfalls krank, auf seiner eigenen Reise gelangte, fort von dem lang gestreckten Berg am Ende von Ymr.

An diesen Frühlingstagen herrscht hier ein sonderbar klares Licht, von einer Klarheit, an die ich mich in dieser Gegend der Welt nicht erinnern kann, so, als hinge eine Wolke von trockener Bergluft darüber oder würde vorbeiwehen. Der Morgenhimmel ist von einem noch klareren Blau und wirkt nicht ganz echt und trotz dieser intensiven Schönheit irgendwie unheilvoll, gezwungen, nicht vertrauenswürdig. Vermutlich ist der Grund die andauernde Verwüstung der Erde – oder die nun unaufhaltsamen Veränderungen –, aber beweisen kann ich das nicht.

Natürlich gibt es jede Menge andere Beweise. Die Bäume, die bereits grün sind, Pflanzen, die sich früher benahmen und ordentlich gediehen und die nun wuchern. So viele Vögel, die man nicht mehr sieht und auch nicht mehr hört. Die Morgendämmerung ist nicht verstummt, aber dünn besetzt. Doch es gibt nun auch Vögel hier, die es vorher nicht gab. Ich bin sicher, früher, als ich ein Junge war, gab es weder Spottdrosseln noch Goldamseln.

Aber viele Krähen, die sich morgens und abends versammelten und einander riefen.

Ich weiß, dass nichts immer gleich bleibt, dass Veränderungen ein Gesetz darstellen: aber dass nicht nur die Menschenwelt, sondern auch die Erde und das Wetter und das Leben selbst am Ende eines einzigen Lebens anders sind als am Anfang … da fühlt man, dass die Welt, die Erde mit einem stirbt. Kann das sein? Wie kann ich glauben, dass alles um mich her zerfällt, wenn ich nicht gleichzeitig glaube, dass es einst so war, wie es sein sollte, und dass ich damals am Leben war, um es zu sehen? Wie kann ich wissen, dass dem so ist?

Nun … Mein erster Gedanke – vielleicht war es nicht einmal ein Gedanke –, als ich vor einem, nein, nun fast zwei Jahren die offensichtlich sehr kranke Krähe in meinem Hinterhof sah, war bloß, dass ich sie mit einer Schaufel erschlagen sollte, aus Gnade und um den Grund für ihren Zustand von mir selbst und anderen fernzuhalten.

Ich näherte mich ihr vorsichtig – diese Schnäbel sind scharf – und hörte aus verschiedenen Richtungen die Rufe anderer Krähen, so nahebei, dass ich meinte, sie sehen zu müssen, aber das konnte ich nicht. Die kranke Krähe unternahm keinen Versuch zu fliehen und sah nicht einmal hin, als ich mich näherte. Das dachte ich damals zumindest. Ich würde lange brauchen, bis ich begriff, dass Krähen, die auf einem Wiesenstück wandern oder einander den Hof machen, niemals den Kopf wenden, um einander anzusehen, aber nicht gleichgültig oder weil sie ihre Nachbarn ignorierten. Nein. Die Augen einer Krähe stehen weit auseinander, weit genug, dass sie sehr nahe Dinge am besten mit nur einem Auge betrachten. Krähen, die nebeneinander hergehen, sehen sich daher praktisch voll an.

Jedenfalls hielt ich aus irgendeinem Grund inne, um diese Krähe hier zu betrachten – vielleicht, weil auch ich mich betrachtet fühlte. Ich war noch nie einer Krähe so nahegekommen, die nicht tot war. Ich hockte mich nieder – die Krähenstimmen (ich konnte immer noch keine Vögel sehen) wurden schärfer, der Hund bellte mit gefletschten Zähnen und zerrte heftig an dem Seil, das ihn an seine Hütte band – und alles schien nun still und stumm zu werden. Ich vergaß, dass ich Angst vor einer Infektion hatte, und beugte mich vor, um der Krähe ins Auge zu sehen: trüb, dachte ich, weil ich damals noch nicht wusste, dass Vogelaugen Innenlider haben. Auf der Wange, falls das der richtige Ausdruck ist, war ein Fleck mit weißen Federn, wie die weißen Strähnen, die manche dunkelhaarigen Menschen im Haar haben. Ihrem Schnabel entfuhr ein gemurmeltes Geräusch, wie ich es noch nie von einer Krähe gehört hatte. Und ich dachte, dass mir die Erde nach einem Jahr ohne Sinn (oh, noch viel länger) aus einer unerfindlichen Gnade heraus ein Omen gegeben hatte.

Irgendwie wusste ich, dass die Krähe nicht zulassen würde, dass ich sie berühre. Ich legte die Schaufel auf den Boden vor sie, und nach einigem Nachdenken hüpfte sie auf das Blatt, wie ein Edelmann in eine Kutsche steigt, und ich hob sie vorsichtig hoch. Ich konnte alldem noch keine Bedeutung zumessen, hatte jedoch das Gefühl, richtig gehandelt zu haben.

Ich weiß heute natürlich, dass es kein Omen war und mir dies von der Erde nur in einem allgemeinen Sinn zugedacht wurde. Später würde Eichling (denn es war ER, wie es in alten Sagen hieß) mir klarmachen, dass er aus freien Stücken...

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