Wild leben! - Unser Weg zurück zur Natur

Wild leben! - Unser Weg zurück zur Natur

 

 

 

von: Nick Baker

wbg Theiss, 2018

ISBN: 9783806237757

Sprache: Deutsch

288 Seiten, Download: 1252 KB

 
Format:  EPUB, auch als Online-Lesen

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Wild leben! - Unser Weg zurück zur Natur



Einleitung


Entkleideter Bär


Alles schien so vertraut. Es war, als würde ich alles, was ich begutachtete, durch eine Linse betrachten, die die Einzelheiten verschwimmen ließ. Wenn ich die Augen zusammenkniff, hätte ich zu Hause in England sein können. Erst wenn ich sie weit öffnete, konnte ich erkennen, dass die Details leicht verzogen waren. Ich stand auf einem ausgetretenen Pfad, ohne Pflanzen und vom regelmäßigen Gebrauch wie poliert. Ich stand unter einer Erle. Das Dickicht aus dürren, zwergenhaften Bäumen, aus dem sie aufragte, umschloss den Pfad wie ein dunkler, natürlicher Tunnel, ihre Zweige ein paar Meter über mir ausgestreckt und verschränkt wie die Finger eines Denkers, gelegentlich locker genug, um Pfützen klaren Lichts durchzulassen, Schlaglichter auf das, was darunter lag.

Zu Hause, rund achttausend Kilometer entfernt, würde ich einen solchen Lebensraum als Bruchwald bezeichnen: ein verkümmertes Waldland, in dem die an durchweichte Böden gewöhnten Bäume ihre Wurzeln in Schlingen und Windungen in den sumpfigen Mulch aus Wasser und totem Laub bohren.

Ein paar Meter über dem stehenden Sumpf, gespiegelt in den öligen Wasserpfützen an der Oberfläche, inspizierten verschiedene Arten von Grasmücken, so schwierig zu identifizieren wie zu Hause, verstohlen Blätter und rissige Rinde auf der Suche nach winzigen Wirbellosen.

Aber wenn ich ein herabgefallenes Blatt aufnahm und untersuchte oder mehr als einen kurzen Blick auf eine Grasmücke erhaschte, sah ich, dass Form und Gefieder anders waren. Die Blätter waren sägezahnartig eingekerbt und war das nicht ein Hauch von Schwarz auf dem Kopf des Wacholderlaubsängers?

Diese neue Ansicht zeigte eine irgendwie vergrößerte und verzerrte Welt, mehr Leuchtkraft und Farben in einer wie gekrümmten Perspektive. Das war gleichzeitig der Wald im Sussex meiner Kindheit und etwas Fremdes. Dann fiel mir eine Beere ins Auge, die wie ein LED-Licht aus den trüben herbstlichen Grün- und Brauntönen leuchtete, in einer Lache hereingemogelten Sonnenlichtes badend.

Sie sah ein bisschen aus wie eine Himbeere. Sie hielt sich an die allgemeinen Merkmale von Himbeeren, obwohl es sich mit großer Sicherheit um eine andere Art handelte als die beliebte Rubus idaeus – die europäische Himbeere, die in meiner Beerenecke im heimischen Garten steht. Etwas flüsterte mir zu, ich sollte diese fremde Beere pflücken.

Als die lachsrote Beere sich willig vom Strauch löste, konnte ich durch Riechen und Berühren feststellen, wie reif sie war, und obwohl die Stimmen der kulturellen Konditionierung in meinem Kopf – die Stimmen meiner Eltern, Tanten, Onkel, Lehrer und vieler anderer Autoritäten in meinem Leben – mich ermahnten, keine unbekannten Früchte in den Mund zu stecken, tat ich es. Eine viel größere Autorität sagte mir, dass es in Ordnung sei.

Sie schmeckte gut, so gut. Als die scharlachroten Einzelbeerchen zwischen meinen Zähnen zerbarsten, lösten sie ein natürliches Zuckerhoch aus. Mir wurde klar, dass mich die Süße auf vielen Ebenen erfasste. Sie hatte auf eine sehr banale Weise etwas tief in mir befriedigt. Ich hatte gesehen, gespürt, geschmeckt und gerochen wie ein richtiges Tier, ein menschliches Tier; mein latentes eingeborenes Ich hatte die Situation eingeschätzt und dem modernen, konditionierten Ich gesagt, dass alles in Ordnung war. Es waren keine Bücher, Naturführer oder Websites konsultiert worden. Wenn es ein Risiko gegeben hatte, dass ich mich irrte, dann gehörte auch das sicherlich zu diesem urzeitlichen Nervenkitzel dazu.

Dann, kurz bevor ich mich dazu hinreißen lassen konnte, mir noch eine Beere in den Mund zu stopfen, schob sich ein anderer Moment, diesmal etwas dringlicher, in den Vordergrund.

Mein Guide an diesem wilden Ort, der so weit von meinem richtigen Zuhause entfernt lag, drängte mich langsam und bestimmt rückwärts vom Pfad hinunter. Mit der Hand auf meiner Brust und dem Flüsterton, den er anschlug, hatte er sofort meine ungeteilte Aufmerksamkeit. Mein Überlebensinstinkt war geweckt, die Stimmung hatte sich verändert und etwas stand kurz davor, all meine Gedanken und Vorstellungen im Handumdrehen neu zu ordnen. Von den Geschmacksknospen zum Entsetzen im Bruchteil einer Sekunde.

Alle Sinne waren aufs Äußerste gespannt, die Zapfen in meiner Netzhaut versuchten, jedes Lichtphoton zu erfassen, das sich durch die dichte Laubdecke über uns kämpfte. Meine Intuition verlangte verzweifelt nach Informationen, die mir irgendeinen Hinweis darauf geben könnten, was da durch den langen, dunklen, dämmrigen Tunnel geschlurft kam, den die Bäume vor uns bildeten.

Die Härchen auf meinem Nacken stellten sich tatsächlich auf, alle Neuronen feuerten. Dann hörte ich es, zuerst kaum wahrnehmbar: ein tiefes Grollen, tief und vibrierend; ein fernes Gewitter zog näher heran. Ich spürte diese Naturgewalt über den bebenden Boden, durch die feuchte, schwere Luft herankommen.

Als mein Blick sich schließlich auf den Koloss scharf stellte und meine Augen den dunklen Pelz von dem störrischen Laub im Zwielicht unterscheiden konnte, durchfuhr mich ein urzeitlicher Schreck, wie ich ihn noch nie erlebt hatte. Eine direkte Verbindung zu allem, das war und jetzt ist. Vielleicht eine genetische Erinnerung?

Ein Bär trottete heran und im Abstand von wenigen Metern an uns vorbei. Er drehte kaum den Kopf, um von uns Notiz zu nehmen – er hatte ein Ziel, vielleicht einen Ort mit besseren Beeren? Nahrung für den Winterspeck. Das Einzige, was hier in Alaska im Winter zählt, in der Welt eines Bären, ist das Überleben. Ein paar Menschen hatten keinen Platz in den Wintervorbereitungen dieses speziellen Bären, er hatte andere Dinge im Kopf.

Ich allerdings nicht. Mein Kopf war voll mit dem Bären – wie hätte es anders sein können? Ich konnte ihn sehen, hören, riechen, spüren, fast sogar schmecken – jede urzeitliche Verbindung, jedes Neuron, das ich besaß, war von jetzt auf gleich hellwach. Ob ich Angst hatte? Vielleicht für einen klitzekleinen Augenblick, als mein zentrales Nervensystem alle Sinne zusammennahm, um die Situation zu verstehen. Ob ich weglaufen wollte? Eigentlich nicht. Ich war ganz und gar „im Moment“.

Das war etwas, wovon meine alternativen Freunde (manche würden sagen, meine Hippiefreunde) immer redeten, was ich aber bis zu diesem Augenblick nie verstanden hatte. Ich fühlte mich so vollkommen und absolut lebendig. Ich hatte für diesen kurzen Moment eine vollkommene und absolute Verbin dung zur Natur um mich aufgenommen, auf eine Weise, die mir vollkommen klar erschien. Zum ersten Mal in meinem Leben verstand ich es. In einem Augenblick hatte dieser Bär mir gezeigt, was „wild“ bedeutet, er stellte innerhalb weniger Sekunden meine gesamte Persönlichkeit scharf und gab jedem Naturerlebnis, das ich je gehabt hatte, einen Sinn.

In meinem Aha-Erlebnis spielte ein Bär eine Rolle. Ziemlich angemessen, wenn man seine kulturelle und symbolische Bedeutung in den Völkern bedenkt, die noch eine enge Beziehung zur Natur pflegen. Viele nordamerikanische Kulturen halten Bären für Krafttiere und tatsächlich sind sie eine starke erdende Kraft, die uns auf den Boden zurückzieht, uns in Verbindung und im Gleichgewicht mit der Erde und miteinander halten und uns zudem mit der Stärke und dem Mut versorgen, gegen Veränderungen standhaft zu bleiben, und uns zu körperlicher und emotionaler Heilung führen.

Einige sagen, dass der Bär die Lehre der Selbstprüfung vermittelt. Wenn er in deinem Leben auftaucht, solltest du darauf achten, wie du denkst, handelst und interagierst. Der Bär gilt als Tier, das eine Brücke zwischen Nacht und Tag bildet, zwischen Stärke und Frieden, dem Spirituellen und dem Körperlichen.

Dieser „mein Bär“ hatte mir eine plötzliche Einsicht in eine tief verwurzelte Verbindung mit einer uralten Weisheit verschafft. Er hatte mich bis ins Innerste erschüttert und von diesem Augenblick an veränderte sich meine Beziehung zur Natur in jeglicher Form für immer.

Ich hatte schon vorher eine Ahnung dieses Gefühls verspürt. Als hätten sich die Finger der Natur und meiner wilden Seite nacheinander ausgestreckt, sich aber nie richtig berührt, als hätte mein Bewusstsein das Wilde in meinem Leben nicht ganz begriffen. Als Kind war ich nachts durch einen Wald in East Sussex gelaufen, in Unkenntnis der Tatsache, dass die Landschaft ein vom Menschen zerstörter, zahmer Schatten ihrer eigenen Vergangenheit war. In meinem achtjährigen Kopf war das anthropogene Wesen der Gesamtheit meiner Natur noch nicht angekommen.

Ich verspürte noch die urzeitliche Angst vor der Dunkelheit – die Bären, Wölfe und Raubkatzen meiner Fantasie waren noch echt für mich. Die aufgeschreckte Explosion von Taube oder Fasan, das Klopfen von Hasenfüßen oder das Grunzen und Lärmen eines flüchtenden Dachses durchschnitt meine sorglose Gegenwart und mein rasendes Herz und meine angespannten Sinne brachten mich zu dem zurück, wie es in einem anderen Leben gewesen war. Was ich in diesen Augenblicken erlebte, hatte jeder achtjährige menschliche Affe in den letzten rund 7,5 Millionen Jahren genauso erfahren. Ironischerweise...

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