Traumspringer

Traumspringer

von: Alex Rühle

dtv Deutscher Taschenbuch Verlag, 2019

ISBN: 9783423435413

Sprache: Deutsch

224 Seiten, Download: 998 KB

 
Format:  EPUB, auch als Online-Lesen

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Traumspringer



2


Lotti hatte zu ihrem Geburtstag fünf Freundinnen eingeladen, weil sie ja fünf wurde. Am Nachmittag im Zoo sind sie alle erst mal zum Streichelzoo gerannt und haben die Ziegen und Schafe betatscht. Als dann ein Pfleger vorbeikam, haben sie den mit ihren bekloppten Fragen gelöchert: Machen die Schafe anderes Kacka als die Ziegen? Bist du auch der Chef von den Elefanten? Macht man Ziegenkäse aus Ziegen?

Der Pfleger achtete gar nicht auf sie, sondern rief plötzlich sehr streng: »Hey, du da!«

Tatjana, eine von Lottis Freundinnen, die bei uns im Nachbarhaus wohnt, wurde knallrot.

»Ja du!«, sagte der Pfleger. »Du fütterst die Ziege doch nicht im Ernst mit deiner Lakritze, oder?«

»Ääääh…«, sagte Tatjana und steckte ihre Hand mit der Lakritze in die Jackentasche. »… Neee.«

Oh Mann.

Ich kam mir so was von doof vor. Wenn mich Max oder Nina hier entdeckt hätten, wär ich im Erdboden versunken vor Scham. Als Zwölfjähriger will man nicht einem Haufen kleiner, peinlicher Mädchen hinterherdackeln. Mama hat bald gemerkt, wie blöd ich mich fühle, und wir haben ausgemacht, dass wir uns zwei Stunden später am Ausgang treffen.

Ich bin sofort im Zoo den Hauptweg runtergerannt, Affenhaus, Elefantenwiese, Löwengehege, kenn ich eh alles auswendig und es war auch wieder so voll, alle Besucher latschen ja immer nur diese eine Straße lang. Ich bog in einen stillen Seitenweg, der sich durch hohe Bäume schlängelt, und ging erst mal eine Weile lang in die Voliere, wo diese knallroten Vögel leben, die immer so laut kreischen. Ein paar leuchtend rote Federn lagen auf dem Weg herum. Hier drin war niemand und man konnte durchs Gitter den blauen Himmel sehen und ein paar Wolken, die ruhig hinter dem Gittermuster vorbeizogen.

Auf der anderen Seite der Voliere kam ich dann zu den Wölfen. Die tun mir immer am meisten leid, weil man ihnen ansieht, wie scheußlich es ist, eingesperrt zu sein. Wölfe laufen in freier Wildbahn zwanzig Kilometer am Tag. Hier im engen Gehege rennen sie so oft im Kreis, dass sie über die Jahre tiefe Rinnen in die Erde gelaufen haben.

Ein riesiger silberschwarzer Wolf blieb abrupt stehen, hob den Kopf und schnupperte in meine Richtung. Dann setzte er sich hin und fixierte mich so starr, dass ich nervös wurde.

»Was ist?«, habe ich ihn gefragt, einfach nur um die Stille zu unterbrechen. »Was schaust’n so?«

Der Wolf blinzelte ein paarmal, wandte den Kopf zum Fledermaushaus, stand dann auf und verschwand lautlos zwischen den Bäumen.

Das Fledermaushaus wurde erst vor wenigen Monaten eröffnet. Es ist riesig und angeblich eine Sensation, mit ganz seltenen Fledermausarten. Ich ging durch eine schwarze Tür in das halbdunkle Haus, in dem es schön kühl war, und blieb stehen. Um mich an das Dunkel zu gewöhnen. Aber auch weil ich darauf wartete, dass die kleinen Fledermäuse an mir vorbeiflogen. Erst spürt man ja ihren Lufthauch. Dann erkennt man sie, aber nur wie ein dunkles Wischen. »Nachtflecken«, hat Lotti die Fledermäuse mal genannt.

Diesmal spürte ich keinen Lufthauch. Und ich konnte auch keine einzige Fledermaus erkennen. Es war wirklich seltsam, diese leere Dunkelheit, das ganze Haus wirkte wie ausgestorben. Ich musste an den unheimlichen Moment am Vormittag denken, als das kleine schwarze Ding mit diesen fiesen Augen vor unserem Klassenzimmer rumgeflattert war, und rief vorsichtig: »Hallo?«

Irgendwo knisterte es, als ob jemand eine Plastikfolie zerknüllte, sonst war da nur schwarze Stille. In der Tropfsteinhöhle vor mir, in der sonst immer mehrere Fledermäuse kopfüber hingen, tropfte nur das Wasser vor sich hin. Diese leisen Ploppgeräusche machten die Stille noch unheimlicher.

Plopp.

Stille. Dunkel. Nichts.

Plopp.

Ich suchte die Tropfsteinhöhle mit den Augen ab, irgendwo mussten die Fledermäuse doch sein. Und plötzlich hatte ich dieses seltsame Gefühl. Als ob am Ende des Ganges, ganz hinten, jemand steht. Unbeweglich. Jemand, der noch dunkler ist als die Dunkelheit. Jemand, der mich die ganze Zeit stumm beobachtet. Ich schluckte und wunderte mich, wie laut das Schlucken hier drinnen klang.

Noch mal sagte ich: »Hallooo?«

Nichts.

Nur wieder dieses Knistern. Und direkt neben mir, im Wasserbecken: Plopp.

Nichts.

Plopp.

Ich hielt die Luft an, zählte im Kopf bis drei und rannte dann auf den schmalen Lichtschlitz zu, der unter der Ausgangstür durchschien, die Hände vorgestreckt wie ein Blinder.

Als ich durch die quietschende Holztür ins Freie kam, saugte ich erst mal tief Luft ein, wie jemand, der durch ein endlos langes Schwimmbecken getaucht ist. Licht! Luft! Und das Geräusch von rauschenden Bäumen im Wind.

Puh.

Wirklich seltsam, wie schnell man im Dunkeln Angst bekommt. Aber auch hier draußen hatte ich noch das Gefühl, dass das da drinnen keine normale Dunkelheit gewesen war.

Dann sah ich den kleinen Kiosk. Ich wunderte mich kurz, warum es ausgerechnet hier, im hintersten und ruhigsten Eck des Zoos, einen Kiosk gab. Und warum ich den noch nie zuvor gesehen hatte. Der Kiosk hatte einen hölzernen Verkaufstresen. Darauf standen diese runden Gläser mit Schraubverschluss, in denen normalerweise Gummischlangen, Colafläschchen und weiße Mäuse liegen. Die Gläser schienen aber leer zu sein.

Dahinter saß ein alter Mann. Er trug Zoowärterkleidung, grüne Jacke, braune Hose, Gummistiefel … Der bärtige Kopf lag auf seiner Brust, die Hände hatte er über dem Bauch gefaltet, er schien tief zu schlafen, sein Bauch hob und senkte sich gleichmäßig. Hinter ihm standen weitere Gläser. Als ich genauer hinsah, fiel mir auf, dass all die Gläser gar nicht leer waren. Schwammen da etwa träge Quallen drin herum? War das Nebel? Was auch immer es war, es waberte still in den Gläsern vor sich hin und leuchtete von innen. Wie bunte Glühwürmchen, die im Inneren einer Wolke schweben.

Ich drehte mich kurz um, um zu schauen, ob hier noch jemand war. Jemand, der das Ganze genauso seltsam fand wie ich. Aber da war niemand. Vorsichtig berührte ich eines der Gläser. Es war kühl und glatt und durchsichtig, und je länger ich hineinschaute, desto mehr hatte ich den Eindruck, dass gar kein Glas da war, sondern nur dieser seltsam wabernde Nebel.

»Fass das nicht an, die darf man nicht stören«, sagte eine tiefe Stimme.

Ich zuckte zusammen. Der Mann sah mich ruhig an. Er hatte sehr große, braune Augen. Sein Blick irritierte mich. Er schaute nicht besonders streng oder böse, aber irgendetwas daran war zutiefst beunruhigend.

»Wen darf man nicht stören?«, fragte ich.

Statt zu antworten, kramte der Alte in seiner Weste herum und reichte mir dann einen Kaugummi in Silberpapier: »Probier mal.«

Ich zögerte. Er nickte mir aufmunternd zu. Als ich das Papier aufmachte, sah ich, dass der Kaugummi schwarz war.

»Keine Angst«, sagte der Mann. »Und schöne Träume!«

Der Kaugummi schmeckte echt merkwürdig – salzig, bitter, fruchtig, süß, alles auf einmal. Mir wurde etwas schwindlig und ich sagte: »Wie bitte?«

»Schöne Bäume«, wiederholte der Mann und zeigte nach oben in die Buchen. Als ich seinem Finger mit den Augen folgte, wär mir vor Schreck fast der Kaugummi aus dem Mund gefallen. In den Ästen der Bäume hingen Hunderte von Fledermäusen. Es war unglaublich, überall diese reglosen Tiere. Kopfüber. Wie Wolken aus großen, schwarzen Tropfen. Sie hatten sich in ihre Flügel gehüllt und starrten mit ihren kalten, dunklen Augen zu uns runter.

Der alte Mann schien das ganz normal zu finden. Er sortierte in aller Ruhe seine Gläser und polierte sie mit einem schwarzen Tuch, das er aus seiner Jacke geholt hatte. Als ich die Gläser jetzt ansah, musste ich an den Biounterricht denken. Unser Lehrer hatte uns ein menschliches Gehirn gezeigt, das in irgendeiner Flüssigkeit eingelegt war. Das wolkige Zeug in den Gläsern erinnerte mich an die schrumpeligen Hirnwindungen, nur dass hier alles weicher und wattiger aussah. Außerdem schwebten diese Glühwürmchenlichter darin herum. Wie winziges Wetterleuchten. Als ich länger in eines der Gläser schaute, wurde ich ziemlich müde.

Der Alte sah mich ruhig an, als würde er mich prüfen oder so. Um irgendwas zu sagen, fragte ich: »Kann man Ihre Gläser kaufen?«

Er lachte tonlos, während er mit seinem glänzenden Tuch an einem großen Glas rumputzte. »Nein, wirklich nicht, die sind unverkäuflich. Jedenfalls solange es nach mir geht.«

Jetzt verstand ich gar nichts mehr. Ein Kiosk, in dem man nichts kaufen kann. Stumm starrende Fledermäuse. Ein alter Mann. Und dazu diese seltsamen Gläser. Keine Ahnung, wie lange ich mir das alles angeschaut habe. Jedenfalls zog der Mann irgendwann eine runde Uhr an einer langen Kette aus seiner Hosentasche.

»Hmm, halb sechs«, sagte er. »Ich glaube, du kommst zu spät.«

»Halb sechs?«, rief ich. »Kann gar nicht sein. Ihre Uhr geht falsch.«

»Wär mir neu«, sagte der Alte, »die geht pünktlich, seit es Uhren gibt.«

Er hielt mir das Zifferblatt hin. Tatsächlich, es war halb sechs. Jedenfalls auf seiner uralten Taschenuhr.

»Jetzt lauf schon«, sagte der Alte, »deine Mutter wartet längst.«

Ich rannte los. An dem riesigen Wolf vorbei, durch die Voliere, den geschlängelten Weg entlang und zurück auf den Hauptweg, der jetzt menschenleer war.

Als ich am Ausgang ankam, standen da Lottis Freundinnen und reckten die Hälse nach mir. Tatjana sah mich als Erste und rief aufgeregt: »Frau Helling, Frau Helling, er ist hier!« So eine blöde Streberin. Erst fast die Ziegen umbringen mit ihrer klebrigen Lakritze und dann bei Mama einschleimen. Die kam dann auch gleich aus der Richtung des Streichelgeheges angelaufen und sah wirklich sauer...

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