Darwins Hund - Die Geschichte des Menschen und seines besten Freundes

Darwins Hund - Die Geschichte des Menschen und seines besten Freundes

von: Bryan Sykes

Klett-Cotta, 2019

ISBN: 9783608191783

Sprache: Deutsch

352 Seiten, Download: 7197 KB

 
Format:  EPUB, auch als Online-Lesen

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Darwins Hund - Die Geschichte des Menschen und seines besten Freundes



Vorwort


Im vorliegenden Buch will ich der Frage nachgehen, wie aus Wölfen Hunde wurden. Diese denkwürdige Entwicklung gehört zugleich zu den wichtigsten und am wenigsten beachteten in der Geschichte nicht einer, sondern gleich zweier Arten. Aus dem Wolf, einem höchst erfolgreichen unabhängigen Fleischfresser, entwickelte sich der Hund, ein höchst erfolgreicher, aber gänzlich abhängiger Vasall mit einer verblüffenden Formenvielfalt. Die zweite Art, um die es geht, ist natürlich der Mensch.

Alle Belege, die wir in diesem Buch betrachten, ordnen den Beginn dieser Entwicklung einer Zeit vor rund 40 000 Jahren zu, irgendwo in Osteuropa. Wie in allen polarnahen Regionen der Erde hatten dort seit Jahrmillionen Wölfe gelebt. Unsere Vorfahren von der Art Homo sapiens betraten die Szene erst viel später, denn sie wanderten vor wenigen 10 000 Jahren aus Afrika zu. Die Bühne stand bereit für eine Begegnung, die die Welt veränderte.

Schauplatz der Ereignisse war eine steile Flussschlucht in den Karpaten, im heutigen Rumänien gelegen. In dieser Region fand man zahlreiche Zeugnisse menschlicher Besiedelung von der Zeit der Neandertaler bis zum Eintreffen unseres Vorfahren Homo sapiens. Umfangreiche Tierfossilienfunde vervollständigen das Bild.[1]

Die Schilderung dieses Zusammentreffens in Kapitel 1 ist selbstredend mit einer großzügigen Portion Fantasie ausgeschmückt, der freien Lauf zu lassen ich zunächst zögerte. Doch dann las ich So kam der Mensch auf den Hund, ein Buch des Biologen und Nobelpreisträgers Konrad Lorenz. Er beschrieb eine ähnliche erdachte Szene, wenn auch an einem anderen Ort und mit anderen Akteuren.[2] Ich hoffe, ich kann mit meiner Schilderung die entsprechenden Bilder heraufbeschwören.

Im Jahr 2009 wurde der charismatische Schauspieler Mickey Rourke für seine Hauptrolle in dem Film The Wrestler für einen Oscar nominiert und mit dem Golden Globe ausgezeichnet. Als abgetakelter Wrestler Randy »The Ram« Robinson versucht er in dem Film ein Comeback. Beim Publikum kam Rourkes Nominierung wegen der verblüffenden Parallelen zwischen dem abgehalfterten Hauptdarsteller und der von ihm gespielten Figur besonders gut an, hieß es damals. In einem Interview mit der Fernsehmoderatorin Barbara Walters anlässlich des Filmstarts sagte Rourke über seine Vergangenheit:

Ich habe mich sozusagen selbst zerstört, und vor etwa vierzehn Jahren löste sich alles auf … meine Frau hatte mich verlassen, die Karriere war am Ende, das Geld weg. Die Hunde blieben bei mir, sonst war niemand mehr da.

Auf Barbara Walters’ Frage, ob er an Selbstmord gedachte hätte, antwortete er:

Ja, ich wollte nicht mehr hier sein, aber umbringen wollte ich mich auch nicht. Ich wollte einfach nur auf einen Knopf drücken und verschwinden … Ich glaube, ich hatte das Haus vier oder fünf Monate nicht verlassen, ich saß im Abstellraum, schlief sogar im Abstellraum, ich weiß auch nicht, warum. Es ging mir dreckig, und ich weiß noch, dass ich dachte: »O Mann, und wenn ich es jetzt tue?« Dann sah ich meinen Hund Beau Jack an, und der machte so ein Geräusch, ein fast schon menschliches Geräusch. Ich habe keine Kinder. Die Hunde waren mittlerweile alles für mich. Der Hund sah mich an, als wollte er sagen: »Und wer kümmert sich dann um mich?«

Solche Geschichten gibt es zu Zigtausenden. Geschichten von erwachsenen Männern und Frauen, die völlig am Ende sind und von ihren Hunden gerettet werden.

Ich bin Wissenschaftler und Genetiker, und meine Forschung dreht sich um die Vergangenheit des Menschen und seine Evolution vom aufrecht gehenden Primaten zum Herrscher über das Universum – so sehen wir uns jedenfalls gern. Für mich war es daher naheliegend, dass ich mir über die nicht weniger spannende Evolution des Hundes Gedanken machte, die so frappierend eng mit unserer eigenen verknüpft ist.

Allerdings will ich gleich am Anfang die Karten auf den Tisch legen: Ich bin kein »Hundemensch«. Die Schuld für diesen bedauerlichen Umstand lege ich ohne Wenn und Aber auf die muskelbepackten Schultern des »Hundes von Baskerville«, eines riesigen Boxers, der in meiner Kindheit im Südosten Londons ein paar Häuser weiter wohnte. Ab meinem achten Lebensjahr führte mich mein Schulweg unweigerlich an seinem Haus vorbei, und Tag für Tag warf sich dieses Ungetüm knurrend und zähnefletschend gegen das Tor, die Ohren auf dem gigantischen Kopf flach nach hinten gelegt. Es war, als hätte sich der Höllenhund höchstpersönlich in dem Londoner Vorort eingenistet.

Als man mir Jahrzehnte später vorschlug, ein Buch über die Evolution der Hunde zu schreiben, kam die Erinnerung an dieses Ungeheuer wieder hoch. »Auf keinen Fall«, antwortete ich matt. Doch als ich im Lauf der folgenden Wochen ein wenig recherchierte, wurde mir bewusst, wie faszinierend das Thema war und was für ein Wunder es eigentlich ist, dass man jeden Tag Menschen mit ihren Hunden spazieren gehen sieht. Ein hoch entwickelter Primat und ein wilder Fleischfresser, deren Vorfahren einstmals Todfeinde waren, leben Seite an Seite, als wäre es das Natürlichste von der Welt. Mein Sinneswandel hat allerdings seine Grenzen, und meine Leserschaft möge daher bitte keine Kindheitserinnerungen an verspielte Welpen von mir erwarten, mit denen ich in der Sonne über den Strand tollte, oder herzerweichende Geschichten über die kleine Bella, ohne die ich den Verlust meiner Lieblingstante nie verkraftet hätte. Meine Haltung erlaubt mir eine gewisse Objektivität, auch wenn mich leichtes Unbehagen beschleicht, weil ich, soweit ich das beurteilen kann, wohl der einzige Autor eines Hundebuches bin, der nicht hoffnungslos in diese Tiere vernarrt ist.

Darwins Hund ist in erster Linie ein Buch über die Evolution der Hunde und die Kräfte, die diese erstaunliche Transformation herbeiführten, vom wilden Fleischfresser zum domestizierten Hund mit seiner breiten Palette vergleichsweise sanftmütiger Tiere. Es betrachtet aber auch die andere Seite, wie es nämlich dazu kam, dass unsere eigene Art Homo sapiens, ein gleichermaßen aggressiver Fleischfresser, mit dem oberflächlich betrachtet ungleichen Verbündeten eine so außergewöhnliche Beziehung einging. Ich stelle die Behauptung auf, dass es sich hier nicht einfach um die Unterwerfung einer Art durch eine andere handelt, sondern um ein hervorragendes Beispiel für die Koevolution zweier Arten zum beiderseitigen Nutzen. Diese Koevolution, so meine Schlussfolgerung in Darwins Hund, trug sogar entscheidend dazu bei, dass Homo sapiens im Wettbewerb mit anderen Hominiden wie dem Neandertaler die Oberhand gewann, aus seiner kleinen Nische heraus eine überwältigende zahlenmäßige Überlegenheit erreichte und den Einfluss erlangte, den wir heute genießen.

Wissenschaftlich greift dieses Buch auf die detaillierten Erkenntnisse über das Menschen- und Hundegenom zurück, die in den letzten 20 Jahren gesammelt wurden. Dank dieser Forschungsergebnisse können wir für die Abstammung beider Spezies klare Entwicklungslinien erkennen und Fragen beantworten, die den Wissenschaftlern seit zwei Jahrhunderten Kopfzerbrechen bereiten. Weiter gehe ich auf Geschichte und Praxis der Hundezüchtung ein und zeige auf, wie sie sich auf Gesundheit und Wohlbefinden von Rassehunden auswirkt. In Interviews mit Besitzern von Hunden verschiedener Rassen beleuchte ich die besondere Beziehung zwischen Mensch und Hund, und schließlich zeige ich auf, dass manch ein Zeitgenosse sogar auf die Klontechnik zurückgreift, um sein Lieblingstier unsterblich zu machen.

Wir denken uns, wie gesagt, heute nichts dabei, wenn uns ein Hund mit Herrchen oder Frauchen beim Spaziergang begegnet. Doch wie kam es zu dieser alltäglichen Konstellation? Schon seit geraumer Zeit wird vermutet, dass die Hunde vom Wolf abstammen. Wir wissen, dass die Vorfahren heutiger Hunde eine enge Beziehung zum Menschen knüpften, doch über die Beschaffenheit einer für beide Spezies verträglichen sozialen Organisation gibt es verschiedenste Theorien. Keine von ihnen ist für einen Genetiker wie mich auch nur annähernd geeignet, diese sehr spezielle Situation zu erklären. Immerhin werden in der rauhen Welt der natürlichen Selektion nur vorteilhafte Merkmale von einer Generation an die...

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