Die geteilte Seele - Wie wir eins mit uns werden

Die geteilte Seele - Wie wir eins mit uns werden

von: Shird Schindler, Iris Zachenhofer

Edition Aumann, 2019

ISBN: 9783990013588

Sprache: Deutsch

240 Seiten, Download: 3169 KB

 
Format:  EPUB, auch als Online-Lesen

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Die geteilte Seele - Wie wir eins mit uns werden



EINE MÄDELSPARTY UND ANDERE KATASTROPHEN


Die Sonne schien bereits verdächtig hell in mein Schlafzimmer. Ganz entfernt erinnerte ich mich, den Handywecker ausgeschaltet zu haben, mein Kopf dröhnte und vorsichtig griff ich nach dem Telefon, um mich zeitlich etwas zu orientieren. 8.20 Uhr. Ich schreckte hoch, denn, du meine Güte, ich sollte schon seit zwanzig Minuten in der Morgenbesprechung im Krankenhaus sitzen. Soweit das in meinem verkaterten Zustand möglich war, sprang ich auf, suchte ein paar Kleidungsstücke zusammen und lief ins Bad. Das Frühstück würde heute wohl ausfallen müssen, aber vielleicht konnte ich unterwegs einen Coffee to go organisieren.

Während ich im Wohnzimmer eilig meine Stiefel anzog, musste ich dennoch schmunzeln, als ich die Schachteln sah, die neuen Kleider, die darin gekommen waren, meine komplette über das Wohnzimmer verteilte Garderobe und die leeren Weinflaschen. Ich hatte den Abend, an dem meine beiden kleinen Töchter, die noch bei mir daheim lebten, bei einer Freundin übernachteten, wirklich gründlich genützt.

Drei meiner besten Freundinnen waren da gewesen. Wir hatten Spaghetti gegessen und dazu eine Menge Rotwein getrunken. Dann hatten wir abwechselnd meine online bestellten neuen Kleider angezogen, sie mit meinen alten Teilen kombiniert, und schließlich meinen gesamten Kleiderschrank ausgeräumt und durchprobiert. Es war einfach nur genial gewesen.

Als kein Wein mehr da gewesen war, hatten wir uns über den letzten verfügbaren Alkohol, eine halbe Flasche lauwarmen Campari hergemacht, was wohl meine Kopfschmerzen erklärte. Ich hatte nur eine vage Ahnung, wann alle gegangen waren, aber es musste lange nach zwei Uhr gewesen sein.

Mist, jetzt erinnerte ich mich auch noch dunkel daran, dass irgendwann eins der Mädels ihr Handy an die Boxen angesteckt hatte und wir mitten in der Nacht in meinen neuen französischen Kleidern Cancan getanzt hatten – was trotz der Dämpfung durch den geerbten Perserteppich auf meinem Wohnzimmerboden ziemlichen Krach gemacht haben dürfte, denn wir waren gut in Form gewesen. Die Mieter unter mir waren leider recht kleinlich, was Lärm betraf, das würde mir also bestimmt wieder einen bösen Brief von der Hausverwaltung einbringen.

Dabei hätte es eigentlich ein gemütlicher Abend werden sollen, eine Art Ausklang, nachdem ich nach dem fulminanten Ende meiner letzten Beziehung bereits mit verschiedenen Freundinnen in Bars und Nachtclubs meine neu gewonnene Freiheit gefeiert hatte. Doch es hatte einfach zu viel zu besprechen und anzuprobieren gegeben, und die Stunden waren vergangen wie im Flug.

Schlafen kann ich noch, wenn ich tot bin, hatte ich mir gedacht, als ich zum Spaß ein neues Cocktailkleid gemeinsam mit meinen ebenfalls neuen Stiefeletten probierte und den Mädels zeigte. Damit hatte alles angefangen. Nun hatte ich keine Ahnung, wie ich heute den Tag überstehen sollte, aber sei’s drum, wir hatten richtig Spaß gehabt, das war die Hauptsache.

Am Weg zum Bus spülte ich eilig zwei Aspirin mit einem Cappuccino hinunter. Meine Motivation, ins Krankenhaus zu fahren, hielt sich in Grenzen. Denn ich war weder körperlich noch mental auf der Höhe, wobei es bei meinem Job vor allem auf Letzteres ankam.

Es gab Momente, in denen mein Job mich erfüllte, aber es gab auch Momente wie diese, in denen ich mit ihm haderte. Welcher halbwegs normale Mensch arbeitet schon freiwillig auf der Psychiatrie? Waren meine Studienkollegen, die sich für Psychiatrie interessiert hatten, nicht schon immer eigenartige Typen gewesen, die mit dieser fachlichen Spezialisierung wohl eher Lösungen für ihre eigenen Probleme gesucht hatten? Das fragte ich mich einmal mehr, als ich den leeren Kaffeebecher in den Abfalleimer warf und meine Kopfhörer aufsetzte.

Während ich im Bus meine Mails checkte, bekam ich eine SMS von meinem Ex-Freund, der die Tatsache zu ignorieren schien, dass er jetzt mein Ex-Freund war. Er lud mich zu einer Vernissage am Abend ein.

Was dachte er sich eigentlich? Immerhin hatte er mich durch seine ständigen Nörgeleien so weit gebracht, vor Wut meinen Laptop aus dem Fenster zu werfen. »Verschwinde aus meinem Leben!«, hatte ich dazu gebrüllt, und natürlich Theo, meinen jetzigen Ex-Freund, und nicht den Laptop gemeint. Das war ja wohl mehr als eindeutig gewesen.

Ich hatte genug von ihm und all den anderen Fröschen, die ich schon geküsst hatte. Zuerst waren sie alle richtig süß, aber irgendwann wollten sie mir ständig das Leben erklären, mir ihre Vorstellungen überstülpen, mich verändern und mich kontrollieren. Wer brauchte sowas? Es war wirklich höchste Zeit für den Richtigen. Schließlich konnte es nicht zu viel verlangt sein, endlich einmal ein bisschen Glamour und Spaß zu haben.

Theo war der Schlimmste von allen. Ständig nannte er mich eine Chaotin und verlangte so unnötige Dinge von mir, wie die Dateien auf meinem Laptop zu ordnen oder meine 6.500 ungelesenen E-Mails zu löschen. Wenn ihn derlei so störte, hätte er das ja, als kleinen Liebesbeweis für mich, selbst erledigen können.

Als ich seine SMS noch einmal las, hätte ich vor Wut am liebsten auch gleich mein Handy gekillt. Nur würde nach den vielen neuen Kleidern mit der nächsten Kreditkartenabrechnung mein ohnehin überzogenes Bankkonto wieder eine Weile gesperrt sein. Jetzt auch noch ein Handy kaufen zu müssen wäre sicher nicht gerade optimal gewesen.

Das Krankenhaus, vor dem ich jetzt aus dem Bus stieg, war mir im Moment auch kein großer Trost. Eben noch war ich Neurochirurgin gewesen, ein Job mit Strapazen, die jede Art von Spaß und Glamour im Keim erstickten. Dazu war es auch noch eine Männerwelt, in der ich jeden Tag aufs Neue gegen deren Tendenz, mich als überambitionierte Krankenschwester abzustempeln, kämpfen musste.

Da hatte sich die Psychiatrie mit ihren neuen Herausforderungen als Zufluchtsstätte angeboten. Ein bisschen mit Patienten über das Leben reden, statt nächtelang Schädel aufsägen und Gehirne operieren, bei Besprechungen im Kreise verständnisvoller Psychiater-Kollegen sitzen, nicht mehr unter karrieregeilen Machos. Das hatte sich doch gut angehört.

Erst vier Wochen nach meinem Wechsel hatte ich darüber nachzudenken angefangen, was ich hier eigentlich sollte. Während meines Studiums war die Psychiatrie kein Thema für mich gewesen, außer wenn ich mit Studienkollegen darüber gescherzt hatte, dass dort die Patienten kaum von den Ärzten zu unterscheiden waren, und dass der Durchgeknallteste von allen mit hoher Wahrscheinlichkeit der Chef war.

Nun musste ich auch erkennen, dass der Job keineswegs so gemütlich wie erwartet war. Die Patienten forderten Aufmerksamkeit, die Diagnosen verlangten Verantwortungsbewusstsein und die Materie war komplex und bot weniger eindeutige Symptome als zum Beispiel ein Blutgerinnsel im Gehirn.

Immerhin gefährdete ich nicht gleich das Leben eines Menschen, wenn ich einmal unausgeschlafen zur Arbeit kam, und außerdem war ja nichts fix. Ich konnte auch wieder etwas Neues anfangen. Das hatte ich oft genug getan. Vieles interessierte mich. Ich hatte die Möglichkeiten noch nicht sondiert, aber mir war klar, was ich wollte: möglichst jeden Tag etwas Spannendes und Neues erleben.

Als ich die Ambulanz betrat, der ich seit einigen Tagen zugeteilt war, hätte ich mich am liebsten leise wieder davongeschlichen. Denn der Wartesaal war bereits knallvoll und das Pflegepersonal war von meiner knappen Stunde Verspätung ziemlich genervt.

Ersatz hatten sie zwischenzeitlich natürlich keinen gefunden. Schließlich hatten sie mich ja auch wegen Personalmangels in die Ambulanz versetzt, nach dem Motto: besser eine Anfängerin dort als gar kein Arzt. An und für sich wäre ich der Bettenstation zugeteilt gewesen, wo es ruhiger zuging. Bloß half mir das jetzt auch nichts.

Obwohl schon dicke Luft herrschte, brauchte ich zunächst noch eine Stärkung, um einigermaßen in die Gänge zu kommen. Auf die paar Minuten würde es nun auch nicht mehr ankommen, fand ich. Einer der Pfleger rettete mich mit einer Tasse Zimt-Kardamom-Kaffee, den er mit einer italienischen Espressomaschine auf der Herdplatte in der Ambulanzküche braute, und der selbst Tote zum Leben erweckt hätte. Angeblich hatten wegen dieses Kaffees schon Studenten überlegt, sich an unserer Abteilung zu bewerben.

Als ich mit meinen brandneuen Stiefeletten und den dazu passenden neuen Craft Jeans, einem echten Schnäppchen, mein Ambulanzzimmer erreichte, fand ich auf dem Tisch kaum noch Platz für die Tasse. Das Geschirr der vergangenen Tage türmte sich dort in mehreren Reihen zwischen Stapeln alter Blutbefunde, gelesenen, aber nicht eingeordneten neuropsychologischen Befunden, Schulungsunterlagen und Ankündigungen von Vorträgen und Tagungen, die mich gar nicht interessierten.

Ich schob das Chaos etwas beiseite und rief meinen Patienten auf. Als die Tür aufging, hob ich den Blick: »Was kann ich für Sie tun?«

Als ich drei Stunden später zwischen zwei Patienten rasch meine E-Mails checkte, las ich mit Entsetzen, dass eine Pariser Firma meinen Parka, den ich dort bestellt hatte, statt zu mir nach Wien nach Saudi-Arabien geschickt hatte. Ich war schlagartig den Tränen nahe und wunderte mich nicht einmal darüber. Ich kannte mich so schon seit einigen Tagen.

Denn, auch wenn ich das meinen Freundinnen so nicht gestanden hatte, waren die vergangenen Wochen für mich doch einigermaßen deprimierend gewesen. Wieder hatte mich eine Beziehung enttäuscht. Wieder musste ich mich von einem Freund trennen. Wieder musste ich von neuem nach der großen Liebe suchen. Das lastete vielleicht sogar schwerer auf meinem Gemüt, als ich es mir selbst eingestehen wollte.

Diese kleinen Belohnungen aus dem...

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