Die Spielverderber - oder Das Erbe der Narren

Die Spielverderber - oder Das Erbe der Narren

von: Michael Ende

hockebooks: Edition Michael Ende, 2019

ISBN: 9783957513175

Sprache: Deutsch

116 Seiten, Download: 969 KB

 
Format:  EPUB, auch als Online-Lesen

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Die Spielverderber - oder Das Erbe der Narren



Vierter Akt


Nun sind auch die Fenster verschwunden oder nur noch als architektonische Attrappen, also »blinde Fenster« vorhanden. Der Raum ist festlich erleuchtet durch Hunderte von Kandelabern und Kerzen jeder Form und Größe, die allenthalben aufgestellt sind. Die Karyatiden sind abgemagert und haben Gebärden des Flehens angenommen. Auch die Bilder und Figuren zeigen jetzt erschrockene, schmerzliche, fragende und zornige Gesichter. Die Vögel sind tot. Im Vordergrund sind welche zu einem Haufen zusammengekehrt. Den Personen zerfallen sichtlich die Kleider am Leibe. Überall Zeichen des Verfalls.

Erste Szene


Sebastian Nothaft sitzt klein und eingesunken auf dem Thronsessel. Er hat die Augen geschlossen und scheint nicht bei Bewusstsein. Er ist mit einem großen Verband uni die Brust versehen. Alexandra sitzt auf den Stufen des Throns. Man hört das langsame Ticken einer großen Uhr, welches umherwandert, manchmal näherkommt und sich wieder entfernt. Anton tritt auf. Er trägt einen Leuchter. Sein Gesicht ist wächsern, seine Bewegungen fahrig, er schlurft.

ANTON

Dies, Madame, ist der letzte. Alle übrigen wurden von den anderen Herrschaften mit Beschlag belegt, seit die Fenster fort sind.

ALEXANDRA

Es ist gut.

ANTON

Madame treibt solche Verschwendung mit voller Absicht? Wenn diese Kerzen heruntergebrannt sind, beginnt die Dunkelheit. Für immer.

ALEXANDRA

Ich weiß.

ANTON

(verbeugt sich, will ab)

ALEXANDRA

Anton? Was machen die Leute?

ANTON

Sie bedauern den Vorfall, Madame.

ALEXANDRA

Ist schon jemand auf die Idee gekommen, dass es an uns liegt, ob er sterben wird?

ANTON

Das wohl, Madame. Jedoch kann sich offenbar keiner entschließen, den ersten Schritt zu tun.

ALEXANDRA

Ich brauche Sie nicht mehr. Danke Anton.

Anton ab.

Zweite Szene


Alexandra, Sebastian.

SEBASTIAN

… so ist das also. Ich versteh schon. Sterben.

ALEXANDRA

Halten Sie sich ruhig! Sprechen Sie nicht!

SEBASTIAN

Ich muss. Es ist nicht mehr viel Zeit. Und ich muss doch verstehen …

ALEXANDRA

Was müssen Sie verstehen?

SEBASTIAN

Ich bin nämlich nicht ganz richtig im Kopf, wissen Sie? Weil ich Lügen nicht versteh. Das ist die Krankheit, an der ich sterben muss.

ALEXANDRA

Nein, mein Herr … nicht, wenn du dich ruhig hältst.

(Pause)

SEBASTIAN

Wissen Sie, wie das ist – Angst?

ALEXANDRA

Wer sterben gelernt hat, was sollte der fürchten …

SEBASTIAN

Ich lerne es gerade. Kennen Sie ihn gut – den Tod?

ALEXANDRA

Als ich noch klein war, spielte er manchmal mit mir. Später haben wir gemeinsam gearbeitet, wir waren immer zusammen. Eines Tages bemerkte ich, dass er anfing, mich zu verwöhnen. Es waren seltsame Kleinigkeiten, die er mir schenkte, einen kostbaren Abschied zum Beispiel, eine zierliche Runzel auf der Stirn oder ein schön geschliffenes, eisklares Stück Einsamkeit. Nach und nach wurden seine Geschenke immer wertvoller, und ich begriff, dass er ernste Absichten hatte.

(schaut Sebastian nachdenklich an)

So wurde er zuletzt mein Geliebter.

SEBASTIAN

Haben Sie niemals Mitleid gehabt mit jemand?

ALEXANDRA

Weil wir nicht unsterblich sind?

SEBASTIAN

Weil wir schwach sind.

ALEXANDRA

(schweigt)

SEBASTIAN

Aber wenn man jemand liebt?

ALEXANDRA

Die Liebe, mein Kleiner, ist erst recht nichts für die Schwachen. Ich werde Sie für eine Weile allein lassen. Sie wissen, jede Bewegung kann Sie umbringen. Also, seien Sie vernünftig!

SEBASTIAN

Sie gehen fort? Wohin gehen Sie?

ALEXANDRA

Ich werde um dein Leben kämpfen, mein Herz.

SEBASTIAN

Aber die Türen sind doch fort! Und die Fenster auch!

ALEXANDRA

Aber warum, zum Teufel, sollen sie sich nicht wieder öffnen? Es liegt nur an uns.

(will ab)

SEBASTIAN

Frau Alexandra?

ALEXANDRA

Ja?

SEBASTIAN

Warum tun Sie das? Sie glauben doch nicht daran?

ALEXANDRA

Du kannst einen wirklich zur Verzweiflung bringen! Mein Liebhaber schätzt es nicht, wenn man es ihm leicht macht. Er verlangt, dass man sich mit Nägeln und Zähnen gegen ihn wehrt. Das ist eine Frage des Anstands. Bis bald, mein Freund.

(ab)

Dritte Szene


Sebastian allein.

Man hört das Ticken einer anderen rascheren Uhr wandern.

SEBASTIAN

(richtet sich auf)

Wer ist da? … Ninive? Wir sind schuld dran …

(sinkt wieder zusammen)

Die Liebe ist nichts für die Schwachen … Atlanta … Wasser! …

Es ist heiß … Königin Ninive! … Phantom kann durch Feuer gehen … ich komme … Wir haben unsere Sache schlecht gemacht … Die Stadt brennt … Wir haben alles verdorben … ich bin nicht schwach, nein … Ich bin Phantom, ich! Atlanta … Ninive! … Wasser!

Vierte Szene


Sebastian, Jakob Nebel.

JAKOB

(schwitzend vor Angst)

Geht es Ihnen vielleicht nicht schon viel besser, Herr Nothaft? Ich befürchte hoffentlich nicht, Sie zu belästigen. Ich mach mir nämlich ernstliche Sorgen um mich.

SEBASTIAN

… ich bin nicht schwach!

JAKOB

Ich finde auch, Sie sehen schon wieder viel gesünder aus. Darum wollte ich Sie nämlich zudringlichst ersucht haben. Da wäre mir sehr gedient damit, wenn Sie freundlicherweise wieder gesund werden könnten, bevor die Zettel zusammengelegt werden. Sonst hätte ich nämlich ziemlich starke Gründe, um meine allgemeine Wohlfahrt besorgt zu sein. Ein Vergleich der Zettel wird für meine Person fatale Erweiterungen nach sich ziehen. Ich sehe Tätlichkeiten auf mich zukommen. Herr Nothaft, ich ersuche Sie gütlich. Helfen Sie mir!

SEBASTIAN

(fiebernd)

… was sollen wir tun?

JAKOB

(kraftlos)

Ja, das weiß ich auch nicht.

SEBASTIAN

… fliehen? … Atlanta, wir müssen fliehen! …

JAKOB

Es entspricht schon lange nicht mehr meinem inneren Bedürfnis, dass ich noch vorhanden bin. Ich würde sogar freiwillig auf alle zukünftigen Vorteile verzichten, wenn ich dafür vorzeitig entlassen würde. Besser geschoren mit Kopf als ungeschoren ohne. Kurzum: ich bin unermüdlich am Aufbrechen. Aber meine zahlreichen Versuche, aus diesem übernatürlichen Knast auszubrechen, nullen sich von einem zum andern. Jetzt werden sie natürlich fragen: Jakob, du Unglücksvogel, warum setztest du deine Hoffnung dann nicht auf die Einigung der Erben? Ich erwidere mit bitterem Lächeln: Ihr Sesam-öffne-Dich ist unweigerlich mein Knüppel-aus-dem-Sack. Das ist eine verzweifelte Verknüpfung! Darum frage ich mich, wie ich mich abknüpfe. Haben Sie mich jetzt begriffen?

SEBASTIAN

Nein.

JAKOB

Dann bin ich am Ende meiner Verständlichkeit. Ich blicke in einen Zwiespalt hinab.

(Pause)

SEBASTIAN

Jakob?

JAKOB

Ja?

SEBASTIAN

Ich weiß, wer schuld ist, Jakob.

JAKOB

Dagegen erhebe ich Einspruch! Ich bin ein Opfer der Verhältnisse.

SEBASTIAN

Ich und Ninive, wir sind schuld.

JAKOB

Das müssen Sie mir erst mal näherbringen.

SEBASTIAN

Es wird nicht mehr gut mit uns. Deswegen ist alles umsonst.

JAKOB

Hören Sie, lieber Herr, ich verstehe ja nicht besonders viel von Liebe und solchen heiligen Angelegenheiten – eine Bildungslücke, leider! –, aber ich frage mich denn doch, ob Sie Ihre werte Privatsache nicht vielleicht ein ganz klein bisschen überschätzen?

SEBASTIAN

Es ist aber so.

JAKOB

Einen Augenblick, wenn Sie gestatten. Sie behaupten also eidesstattlich, wenn die Sache zwischen Ihnen und der Kleinen wieder – wie soll ich sagen – gekittet wäre, dann würde sich was ändern? Es würde möglicherweise die eine oder andere Tür wieder aufgehen? Meinetwegen eine ganz kleine? Eine, durch die ich zum Beispiel in gebückter Haltung hinausmarschieren könnte? Möglich ist ja offenbar alles in diesem sensiblen Etablissement. Ein Versuch könnte nicht schaden. Mein hochverehrter jugendlicher Gönner, trösten Sie sich. Da hat Nebeljakob schon ganz andere Dinger gedreht! Sehen Sie nicht, wie mir bereits Flügelchen wachsen? Jetzt ergreife ich Pfeil und Bogen und begebe mich auf die Pirsch. Nehmen Sie derweil ein erquickliches Mützchen voll Schlaf, wenn Sie aufwachen, steht die Kleine in leibeigener Gestalt vor Ihnen und lächelt Sie an wie ein Stückchen Zucker.

(ab)

Fünfte Szene


Sebastian. Dr. Leo Anninius tritt auf, er ist noch bleicher als sonst.

ARMINIUS

Können Sie mir zuhören?

SEBASTIAN

Was wollt ihr denn auf einmal alle von mir?

ARMINIUS

Ich habe versprochen zu helfen …

SEBASTIAN

Mir kann niemand mehr helfen.

ARMINIUS

… Ihnen und allen anderen. Indem ich meine Schweigepflicht verletze und den Inhalt des Testaments bekanntgebe. Aber ich werde es nicht tun. Nur Ihnen … Ich bin bereit, es Ihnen anzuvertrauen. Unter dem Siegel der Verschwiegenheit. Es ist das Einzige, was ich für Sie tun kann.

SEBASTIAN

Nur mir? Warum?

ARMINIUS

(ausbrechend)

Weil es absurd ist! Weil es eine teuflische Verhöhnung aller Beteiligten ist! Weil die Erben mich in Stücke reißen würden! Weil ich keine Lust habe, den Märtyrer zu spielen für ein zynisches Spiel, das mich nichts angeht!...

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