Scham - Roman

Scham - Roman

von: Inès Bayard

Paul Zsolnay Verlag, 2020

ISBN: 9783552059917

Sprache: Deutsch

224 Seiten, Download: 1766 KB

 
Format:  EPUB, auch als Online-Lesen

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Scham - Roman



Wie jeden Montagmorgen wird Marie fünf Minuten zu spät ins Büro kommen. Das ist die letzten sechs Jahre so gewesen und wird sich nicht ändern. Es ist einfach ein weiterer Bestandteil ihrer Alltagsroutine geworden. Laurent läuft mit einer Tasse lauwarmem Kaffee in der Küche herum. Marie sieht ihn genauso liebevoll an wie vor zehn Jahren. Seit damals hat sich nicht viel verändert. Sie hatten sich bei der Studentenparty eines gemeinsamen Freunds kennengelernt. Marie, ein junges, schüchternes Mädchen, hatte Laurents Annäherungsversuchen nicht sofort nachgegeben. Er musste sehr hartnäckig sein, damit sie einer ersten Verabredung zustimmte. Drei Jahre später heirateten sie in Bois-le-Roi, umgeben von der Zuneigung ihrer Familien und Freunde.

Von Anfang an ist es ein bescheidenes Glück gewesen, eine Liebe, die ausreicht, um nicht mehr nur an sich selbst zu denken. Sie kümmert sich um ihn, ermutigt ihn in seinen Projekten, tröstet ihn, wenn er Zweifel hat, hilft ihm jeden Morgen, seine Akten zu suchen, damit er nicht zu spät in die Kanzlei kommt. Laurent liebt Marie aufrichtig und innig, aber er ist ihr gegenüber nicht so aufmerksam. Sie sind kein Paar, das sich auf den ersten Blick versteht. Sie müssen diskutieren, einander ihre Meinung erklären und begründen. Vor vier Jahren hat Laurent in einer großen Kanzlei angefangen, die auf Erb- und Scheidungsrecht spezialisiert ist. Sein Arbeitstag beginnt um 9 Uhr und dauert oft bis spätabends. Marie versteht seinen Ehrgeiz, macht ihm keine Vorwürfe. Sie verdient weniger als er, aber liebt ihre Arbeit in der Bank. Wenn sie morgens in die Filiale an der Place de la République kommt, fühlt sie sich gebraucht, ist dankbar für ihre Aufgabe, anderen zu helfen, ihnen mit Rat zur Seite zu stehen, Vorschläge zu unterbreiten. Geld hat für sie nie eine große Rolle gespielt, aber sie ist froh, mit ihrem Mann ein bequemes Leben führen zu können.

Kurz nach der Hochzeit haben Laurent und Marie eine große Wohnung auf dem Boulevard Voltaire im 11. Arrondissement von Paris bezogen. Die Geselligkeit in diesem Stadtviertel hat ihnen sofort gefallen. Zahlreiche Geschäfte und Boutiquen säumen die großen Arkaden von der Place de la Nation bis zur Place de la République, zur Mittagszeit erfüllt oft der Hähnchengeruch des Grillrestaurants um die Ecke ihre Wohnung, das Hupen der Busse ertönt an jeder Kreuzung, der kleine Sonntagsmarkt verbreitet Geschrei und geschäftiges Treiben. Sie haben Paris schon immer geliebt und im Laufe der Jahre viele Freundschaften geknüpft, ihr gesellschaftliches Leben ist anregend und erfüllt. Laurent pflegt einen exklusiveren Umgang als Marie. Mit einem medienpräsenten Scheidungsprozess zwischen einem ehemaligen Fußballstar und einer beliebten Schauspielerin hat er sich in einigen journalistischen Kreisen dauerhaft einen guten Ruf erworben. An vielen Abenden sind Marie und er zu privaten Partys eingeladen, bei denen das intellektuelle mit dem geschäftlichen Paris flirtet. Marie fühlt sich dabei nie unwohl. Sie ist stolz, ihren Mann begleiten zu dürfen, und verzaubert ihre Umgebung mit ihrem zurückhaltenden Charme. Im Stillen, vertieft in ihren sorglosen Alltag, achtet sie darauf, dass alles nach Plan läuft, ohne es nach außen hin zu zeigen. Um den gemeinsamen Haushalt kümmert sie sich. Ihre Erziehung, die von der bedingungslosen Liebe ihrer Eltern geprägt war, bewahrte sie in ihrer Kindheit und Jugend vor ernsthaftem Schmerz. Natürlich wurde sie oft mit schwierigen, unangenehmen Situationen konfrontiert, aber nie hatte sie auch nur einen Augenblick das Gefühl, die Kontrolle über ihr Leben zu verlieren.

Der Herbst ist Maries liebste Jahreszeit. Eine poetische Zeit. Die Platanen auf dem Boulevard Voltaire lassen ihr orangerotes Blätterkleid auf den Gehweg fallen, die Luft ist frisch, aber nicht zu feucht, der Himmel azurblau. Die Sonnenstrahlen erhellen einen Teil der Küche. Marie sieht glücklich aus dem Fenster. »Es ist wirklich schön draußen. Hast du all die Farben gesehen?« Laurent antwortet nicht. Er sucht verzweifelt die Gerichtsakte vom Vortag. Marie lächelt, als sie die Akte direkt vor ihm auf der Küchenanrichte entdeckt. Sie steht auf und reicht sie ihm mit einem Lächeln auf den Lippen. Laurent sieht sie belustigt an, dann küsst er sie, bevor er zur Arbeit eilt. Das Alltägliche beruhigt Marie. Sie weiß, was zu tun ist, ohne darüber nachzudenken, und während viele das als beengend empfinden würden, hat es sie noch nie gestört. Marie trinkt den Kaffee aus. Um 8:45 Uhr verlässt sie das Haus.

Kaum ist sie draußen, nimmt sie die morgendliche Geschäftigkeit wahr, die der arbeitenden Franzosen und derjenigen, die noch immer auf den Beinen sind. Marie ist bewusst, dass sie sich nie wirklich behaupten musste. In eine gutbürgerliche, konservative Familie geboren, immer umsorgt, bei allen Entscheidungen von ihren Eltern ermutigt und unterstützt, kann sie die Abwege der menschlichen Seele nicht wirklich verstehen. Das liegt nicht an mangelndem Mitgefühl. Sie versetzt sich oft in andere hinein, in ihre Kunden, um nachzuvollziehen, was in deren Leben wirklich auf dem Spiel steht, was sie riskieren, was sie zu verlieren haben oder gewinnen können. Von der Metrostation République sind es nur ein paar Minuten Fußweg, um 9:05 Uhr betritt sie die Filiale. Die Kollegen sind ihr gegenüber immer herzlich. Sie begrüßen sie lächelnd, bieten ihr an, vor den Terminen gemeinsam einen Kaffee zu trinken, suchen sie für kluge Ratschläge auf. Marie ist Vermögensberaterin. Ihr Posten ist privilegiert. Sie hat eine gute Stellung innerhalb der Bank. Die Kunden mögen sie sehr. Ihre Schubladen sind voll mit Geschenken aller Art: Pralinenschachteln, Weinflaschen, hausgemachte Konserven, Halstücher … Wenn sie am Abend von der Arbeit nach Hause kommt, berichtet Marie ihrem Mann mit Vergnügen von den Erlebnissen ihres Tages oder erzählt von den Auseinandersetzungen, denen sie sich manchmal stellen muss. Bei ihrer Arbeit dreht sich alles ums Geld. Zum Kundenkreis gehören hauptsächlich Personen, deren Einkommen hoch genug ist, dass interessante Geldanlagen für sie in Frage kommen. Am Montagmorgen muss Marie immer die Konten der wichtigsten Kunden einsehen, damit sie über Einzelheiten bestimmter Transaktionen im Bilde ist. Auf ihrem großen Schreibtisch stehen gerahmte Fotos von Laurent und ihr im Urlaub, von der Familie, ihrer Schwester, ihrem Neffen und ihrer verstorbenen Großmutter. Ihr kommt der Gedanke, dass sie ihre Familie zu selten sieht. Ihre Eltern wohnen seit Maries Geburt in einem großen Haus in Bois-le-Roi nur einige Kilometer von Paris entfernt. Ihre Schwester lebt mit ihrem Mann und ihrem Sohn im 9. Arrondissement mitten im Stadtviertel Saint-Georges. Sie stehen sich sehr nah, heute treffen sie sich zum Mittagessen.

Das Telefon klingelt. Herr Collard versteht nicht, warum die von ihm geforderte Überweisung immer noch nicht getätigt wurde. Frau Siris würde gerne wissen, ob sie ihrem Sohn mit dem Geld aus ihrer Lebensversicherung zum Geburtstag ein neues Auto kaufen kann. Frau Frousard fragt sich, ob ihr Ehemann weiterhin zur Schenkung bereit ist, die er ihr bei der Scheidung versprochen hat. Jeder Kunde hat sein Problem, und Marie weiß genau, wie sie zu lösen sind. Die Stunden vergehen. Termin folgt auf Termin. In der Ferne hallen durch ganz Paris die Demonstrationen gegen den Gesetzesentwurf, der die Ehe für Homosexuelle öffnen soll. Aus dem Bürofenster beobachtet Marie, wie hunderttausende Menschen durch die Straßen ziehen und an der Place de la République riesige rosa und blaue Transparente schwenken. Ihre Eltern haben ihr erzählt, sie hätten darüber nachgedacht, an der Demonstration teilzunehmen, hätten es aber dann doch zeitlich nicht einrichten können. Auch Laurent ist dagegen. Wie viele französische Kinder sind Laurent und Marie getauft, haben den Religionsunterricht besucht und sind manchmal am Sonntagmorgen oder an bestimmten Feiertagen mit den Eltern in die Kirche gegangen. Für Marie ist es eine Frage der Religion und des Prinzips. »Die haben schon recht! Die Ehe ist für Mann und Frau, das ist schon immer so gewesen. Selbst einige Homosexuelle sind gegen das Gesetz.« Marie lächelt die Kundin an. Sie findet die Bemerkung einfältig, vertieft sich aber lieber wieder in den Vertrag für die Wohngebäudeversicherung.

Es ist Mittag. Marie verlässt die Bank, sie will sich mit ihrer Schwester Roxane in einer Brasserie in der Rue de Bretagne treffen. Alle an die Place de la République angrenzenden Straßen sind noch durch ein Polizeiaufgebot gesperrt. Als sie gestern Abend die Nachrichten im Fernsehen verfolgt haben, hat Laurent zu Marie gesagt, dass er die ständigen Demonstrationen in Paris leid sei. Doch Marie findet es erfrischend. Sie selbst würde sich bestimmt nie an einer Protestbewegung beteiligen, aber sie weiß es zu...

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