Kingsbridge - Der Morgen einer neuen Zeit - Historischer Roman

Kingsbridge - Der Morgen einer neuen Zeit - Historischer Roman

von: Ken Follett

Bastei Lübbe AG, 2020

ISBN: 9783732594221

Sprache: Deutsch

1018 Seiten, Download: 4733 KB

 
Format:  EPUB, auch als Online-Lesen

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Kingsbridge - Der Morgen einer neuen Zeit - Historischer Roman



 


Donnerstag, 17. Juni 997


Edgar fand es schwierig, die ganze Nacht lang wach zu bleiben, dabei war es die wichtigste Nacht seines Lebens.

Er hatte seinen Umhang über die Binsen auf dem Fußboden gebreitet und lag nun darauf in seinem knielangen Hemd aus brauner Wolle, das er den ganzen Sommer lang trug, Tag und Nacht. Im Winter hüllte er sich in den Umhang und lag in der Nähe der Feuerstelle. Jetzt aber hatten sie warmes Wetter: Bis zum Mittsommertag war nur noch eine Woche.

Edgar hatte sich schon immer mit den Daten ausgekannt. Die meisten Leute mussten Priester fragen, die Kalender führten. Sein älterer Bruder Erman hatte Edgar einmal gefragt: »Wie kommt es, dass du weißt, wann Ostern ist?«, und er hatte geantwortet: »Weil Ostern am ersten Sonntag nach dem ersten Vollmond gefeiert wird, der auf den einundzwanzigsten März folgt, ist doch klar.« Es war ein Fehler gewesen, das »ist doch klar« anzufügen, denn Erman hatte ihn für seine Frechheit in den Bauch geboxt. Das war Jahre her, Edgar war noch klein gewesen. Jetzt war er erwachsen. Drei Tage nach Mittsommer war sein Geburtstag; achtzehn Jahre würde er alt. Seine Brüder prügelten ihn längst nicht mehr.

Edgar schüttelte den Kopf. Unzusammenhängende Gedanken drohten ihn in den Schlaf hinabzuziehen. Er versuchte, es sich so unbequem wie möglich zu machen, legte den Kopf auf die geballte Faust, damit er wach blieb.

Wie lange musste er noch warten?

Er drehte den Kopf und sah sich im matten Schein der Glut um. Sein Zuhause glich den meisten anderen Häusern in der kleinen Stadt Combe: Bretterwände aus Eiche, ein Strohdach und ein Boden aus gestampfter Erde, der teilweise mit Binsen bedeckt war, welche am Ufer des nahen Flusses wuchsen. Fenster gab es keine. Mitten in dem einzigen Zimmer bildete ein Viereck aus Steinen den Herd. Über dessen Mitte erhob sich ein eiserner Dreifuß, an den Kochtöpfe gehängt werden konnten. Seine Beine warfen spinnenartige Schatten an die Unterseite des Dachs. In alle Wände waren hölzerne Haken geschlagen, an denen Kleidungsstücke, Kochgeschirr und Werkzeuge zum Bootsbau hingen.

Edgar war sich nicht sicher, wie weit die Nacht schon vorgerückt war, denn er mochte zwischenzeitlich schon mal eingenickt sein, vielleicht sogar mehr als einmal. Vorhin hatte er auf die Geräusche der Stadt gehorcht, die sich zur Ruhe begab: zwei Betrunkene, die ein obszönes Liedchen sangen, ein Ehestreit in einem Nachbarhaus mit bitteren gegenseitigen Beschuldigungen, eine knallende Tür, ein bellender Hund und irgendwo in der Nähe eine schluchzende Frau. Jetzt jedoch drang nichts an seine Ohren als das leise Schlaflied der Wellen, die an den geschützten Strand schlugen. Edgar starrte zur Tür, suchte nach den verräterischen Lichtstreifen an den Rändern und sah nur Dunkelheit. Entweder war der Mond untergegangen, dann war die Nacht schon weit, oder der Himmel hatte sich zugezogen. Die Düsternis verriet ihm nichts.

Der Rest seiner Familie lag im Zimmer verstreut auf dem Boden, dicht an den Wänden, wo der Rauch dünner war. Pa und Ma lagen Rücken an Rücken. Manchmal erwachten sie mitten in der Nacht und umarmten sich, flüsterten und bewegten sich gemeinsam, bis sie sich keuchend voneinander lösten; nun aber schliefen sie fest. Pa schnarchte. Erman, mit zwanzig der älteste der drei Brüder, lag in Edgars Nähe, und Eadbald, der mittlere, in der Ecke. Edgar hörte ihren ruhigen, gleichmäßigen Atem.

Endlich schlug die Glocke.

Am anderen Ende der Stadt stand ein Kloster. Die Mönche wussten das Verstreichen der Nacht zu messen. Sie zogen große, mit Markierungen versehene Kerzen, an denen sie die Stunde ablasen, während sie hinunterbrannten. Eine Stunde vor der Morgendämmerung standen sie auf, läuteten die Kirchenglocke und sangen die Frühmette.

Edgar blieb noch einen Moment reglos liegen. Vielleicht hatte die Glocke Ma geweckt, denn sie hatte einen leichten Schlaf. Er ließ ihr Zeit, wieder fest einzuschlummern. Dann endlich erhob er sich.

Lautlos nahm er seinen Umhang, seine Schuhe und den Gürtel, an dem in einer Scheide sein Dolch hing. Auf bloßen Füßen schlich er durch den Raum und wich den wenigen Möbelstücken aus: einem Tisch, zwei Schemeln und einer Bank. Die Tür öffnete sich ohne Geräusch. Edgar hatte die hölzernen Angeln erst gestern sorgfältig mit Schaftalg geschmiert.

Wenn jemand aus seiner Familie erwachte und ihn ansprach, würde er sagen, er müsse mal nach draußen. Er hoffte, dass sie nicht bemerkten, dass er seine Schuhe dabeihatte.

Eadbald gab ein Raunzen von sich. Edgar erstarrte. War Eadbald aufgewacht, oder machte er nur Laute im Schlaf? Edgar wusste es nicht zu sagen. Aber Eadbald war von Natur aus schwerfällig, immer darauf bedacht, Aufsehen zu vermeiden, ganz wie Pa. Er würde keinen Ärger machen.

Edgar verließ das Haus und zog leise die Tür hinter sich zu.

Der Mond war untergegangen, doch der Himmel war klar, und Sterne erhellten den Strand. Zwischen Haus und Spülsaum lag eine Bootswerft. Pa war Bootsbauer, und seine drei Söhne arbeiteten für ihn. Er war ein guter Handwerker, aber ein schlechter Geschäftsmann, und so traf Ma alle Entscheidungen, bei denen es um Geld ging. Vor allem kümmerte sie sich um die Kostenvoranschläge, insbesondere, wenn es um größere Aufträge wie ein ganzes Boot oder Schiff ging. Oft versuchte ein Kunde, den Preis herunterzuhandeln, und während Pa im Zweifelsfall dazu neigte nachzugeben, zwang Ma ihn stets, sich zu behaupten.

Edgar ließ seinen Blick über die Werft schweifen, während er sich die Schuhe band und den Gürtel umlegte. Nur ein Fahrzeug war im Bau, ein kleines Boot, mit dem man flussaufwärts rudern konnte. Daneben stand ein großer und wertvoller Stapel Bauholz: Baumstämme, die in Hälften und Viertel gespalten waren und nur noch zu den Bauteilen eines Bootes geformt zu werden brauchten. Ungefähr einmal im Monat zog die ganze Familie in den Wald und fällte eine ausgewachsene Eiche. Pa und Edgar fingen an, indem sie abwechselnd langstielige Äxte schwangen und geschickt einen Keil aus dem Baumstamm schlugen. Wenn sie sich verausgabt hatten, übernahmen Erman und Eadbald. Nachdem der Baum gefallen war, entfernten sie die Äste, schleiften den Stamm zum nächstgelegenen Wasserlauf und ließen ihn flussabwärts nach Combe treiben. Für das Holz mussten sie natürlich bezahlen: Der Wald gehörte Than Wigelm, an den die meisten Einwohner von Combe ihre Pacht entrichteten, und er verlangte für jeden Baum zwölf Silberpennys.

Außer dem Holzstapel gab es auf der Werft ein Fass Teer, eine Rolle Seil und einen Wetzstein. Bewacht wurde alles von einem Kettenhund, einem Molosser namens Grendel. Er war schwarz und hatte eine graue Schnauze, und er war zu alt, um Dieben besonders gefährlich zu werden, aber bellen konnte er noch. Nun hielt Grendel Ruhe und beobachtete Edgar gleichgültig, den Kopf auf die Vorderpfoten gelegt. Edgar kniete sich nieder und streichelte ihm den Kopf. »Auf Wiedersehen, alter Junge«, murmelte er. Grendel wedelte mit dem Schwanz, ohne sich zu erheben.

Ein fertiges Boot lag in der Werft. Edgar betrachtete es als sein Eigentum, denn er hatte es allein gebaut, nach einem eigenen Plan, der auf einem Wikingerschiff beruhte. Edgar hatte noch nie einen Wikinger gesehen – solange er lebte, hatten sie Combe verschont –, aber vor zwei Jahren war ein Wrack an Land gespült worden, leer und von Feuer geschwärzt. Der Drache am Bug war halb zerstört gewesen, und vermutlich hatte das Schiff seine Schäden in einem Kampf erlitten. Doch selbst in seinem versehrten Zustand war es von einer Anmut, die Edgar seltsam berührte: die geschwungenen Linien, der lange Schlangenhals des Vorderstevens, der schlanke Rumpf. Am meisten beeindruckt hatte ihn der schwere, vorn und hinten hochgezogene Kiel, der über die ganze Länge des Schiffes verlief und – wie er nach einigem Nachdenken begriffen hatte – dem Fahrzeug die nötige Stabilität gab, um das Meer zu überqueren. Edgars Boot war ein kleinerer Nachbau mit zwei Rudern und einem kleinen rechteckigen Rahsegel.

Edgar wusste, dass er eine besondere Begabung besaß. Schon jetzt war er ein besserer Bootsbauer als seine älteren Brüder, und früher oder später würde er auch seinen Vater übertreffen. Er hatte ein Gespür dafür, wie sich unterschiedlich geformte Einzelteile zu einem stabilen Ganzen zusammenfügten. Vor Jahren hatte er mitgehört, wie Pa zu Ma sagte: »Erman lernt langsam, und Eadbald lernt schnell, aber Edgar hat anscheinend alles schon verstanden, bevor ich es ausgesprochen habe.« Das stimmte. Es gab Männer, die konnten ein Musikinstrument in die Hand nehmen, auf dem sie noch nie gespielt hatten, eine Flöte oder eine Leier, und nach ein paar Minuten entlockten sie ihm die erste Melodie. Edgar hatte solch einen Instinkt, was Boote anging und Häuser ebenso. Wenn er sagte: »Das Boot wird nach Steuerbord krängen«, oder: »Das Dach ist bald undicht«, so behielt er stets recht.

Er band sein Boot los und schob es über den Strand. Das Schaben des Rumpfes auf dem Sand wurde vom Rauschen der Wellen verschluckt, die sich am Ufer brachen.

Ein mädchenhaftes Kichern erschreckte ihn. Im Licht der Sterne sah er eine nackte Frau im Sand liegen, auf ihr ein Mann. Edgar kannte sie vermutlich, doch ihre Gesichter waren nicht deutlich zu sehen, und er schaute rasch weg, denn er wollte sie gar nicht erkennen. Er hatte sie wohl bei einem verbotenen Stelldichein überrascht. Die Frau wirkte jung, und vermutlich war der Mann verheiratet. Die Geistlichkeit prangerte solche Verhältnisse in ihren Predigten an, doch die Menschen hielten sich nicht immer an die Gebote. Edgar beachtete das...

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