#Me Too - Von der ersten Enthüllung zur globalen Bewegung

#Me Too - Von der ersten Enthüllung zur globalen Bewegung

von: Kantor, Twohey

Tropen, 2020

ISBN: 9783608120110

Sprache: Deutsch

0 Seiten, Download: 3733 KB

 
Format:  EPUB

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#Me Too - Von der ersten Enthüllung zur globalen Bewegung



Vorwort


Als wir 2017 begannen, für die New York Times über Harvey Weinstein zu recherchieren, verfügten Frauen über mehr Macht als je zuvor. Die Zahl der Jobs, die einst ausschließlich Männern vorbehalten waren – Polizist, Soldat, Pilot – ging fast gegen Null. Frauen führten nicht nur Staaten, darunter Deutschland und Großbritannien, sondern auch Unternehmen wie General Motors und PepsiCo. Eine Frau in ihren Dreißigern konnte in einem Jahr mehr Geld verdienen als all ihre Vorfahrinnen zusammengenommen in ihrem ganzen Leben.

Dennoch sahen sich Frauen nur allzu oft sexuellen Belästigungen ausgesetzt, die straffrei blieben. Wissenschaftlerinnen und Kellnerinnen, Cheerleader, hochrangige Managerinnen und Fabrikarbeiterinnen waren gezwungen, Grapschereien, Anzüglichkeiten oder unerwünschte Annäherungsversuche mit einem Lächeln zu überspielen, um nicht das nächste Trinkgeld, den nächsten Lohn oder die nächste Beförderung aufs Spiel zu setzen. Sexuelle Belästigung verstieß gegen geltendes Recht, gehörte jedoch in einigen Bereichen der Arbeitswelt zum Alltag. Frauen, die den Mund aufmachten, wurden häufig entlassen oder verunglimpft. Die Opfer litten meist im Verborgenen und waren voneinander isoliert. Das Beste, was sie tun konnten, so war man sich im Allgemeinen einig, sei es, als eine Art Entschädigung Geld anzunehmen, im Austausch gegen ihr Schweigen.

Und die Täter erklommen unterdessen oft eine Karrierestufe nach der anderen und schwammen ungestört von einer Erfolgswelle zur nächsten. Von der Umwelt wurden ihre Belästigungen meist akzeptiert oder sogar verschmitzt kommentiert – als wären sie bloß übermütige kleine Lausbuben, die sich eben mal danebenbenommen haben. Ernsthafte Konsequenzen hatten solche Vorfälle kaum. Megan schrieb einige der ersten Artikel, in denen Frauen Donald J. Trump vorwarfen, ihnen nachgestellt zu haben – und berichtete dann 2016 über seinen Wahlsieg.

Nachdem wir am 5. Oktober 2017 unsere Story über die mutmaßlichen sexuellen Belästigungen und Übergriffe durch Harvey Weinstein erstmals veröffentlicht hatten, sahen wir mit wachsendem Erstaunen zu, wie ein Damm brach. Plötzlich begannen Millionen von Frauen weltweit, ihre Misshandlungsgeschichten zu erzählen. Plötzlich mussten zahllose Männer ihres übergriffigen Verhaltens wegen Rede und Antwort stehen. Es war ein beispielloser Moment der Umkehrung. Wir Journalistinnen und Journalisten hatten daran mitgewirkt, einen Paradigmenwechsel einzuläuten. Unsere Arbeit war allerdings nur eine der Triebkräfte eines Wandels, den Vorkämpferinnen des Feminismus und Rechtsgelehrte über Jahre hinweg vorbereitet hatten. Zu ihnen gehörten, neben vielen anderen, auch Journalistenkolleginnen und -kollegen sowie Anita Hill und die Aktivistin und Begründerin der #MeToo-Bewegung Tarana Burke.

Während wir zusahen, wie unsere hart erarbeiteten investigativen Enthüllungen dazu beitrugen, Grundeinstellungen zu verändern, fragten wir uns allerdings eines: Warum gerade diese Story? Wie einer unserer Redakteure hervorgehoben hatte, war Harvey Weinstein ja nicht mal so berühmt. Wieso löste in einer Welt, in der an so vielen Stellen Stillstand zu herrschen scheint, gerade dieser Artikel ein derartiges Erdbeben aus? Warum brachte ausgerechnet er einen solchen Wandel in Gang? Auf der Suche nach Antworten beschlossen wir, dieses Buch zu schreiben.

Dieser Wandel war weder unvermeidlich noch vorauszusehen. Auf den folgenden Seiten beschreiben wir, was die ersten mutigen Quellen motivierte und wie sie mit sich rangen, das Risiko einzugehen und die Mauer des Schweigens, die Harvey Weinstein umgab, zu durchbrechen. Laura Madden, eine ehemalige Assistentin Weinsteins, inzwischen Hausfrau und Mutter in Wales, hatte gerade ihre Scheidung hinter sich und eine Brustkrebsoperation vor sich, als sie sich offen zu Weinstein äußerte. Ashley Judd setzte ihre Karriere aufs Spiel, bestärkt durch eine wenig bekannte Lebensphase, in der sie sich aus Hollywood zurückgezogen und grundsätzliche Überlegungen zur Geschlechtergerechtigkeit angestellt hatte. Zelda Perkins, eine Londoner Produzentin, die eine zwei Jahrzehnte zuvor unterzeichnete Verschwiegenheitserklärung gehindert hatte, ihre Beschwerden über Weinstein öffentlich zu machen, sprach ungeachtet möglicher rechtlicher und finanzieller Konsequenzen mit uns. Eine Schlüsselrolle spielte auch ein langjähriger Mitarbeiter Weinsteins, der das, was er wusste, immer stärker als Belastung empfand. Die bislang unbekannte Quelle half uns, seinem Boss am Ende die Maske vom Gesicht zu reißen.

Dies ist auch eine Geschichte über investigativen Journalismus. Sie beginnt mit den ersten Tagen unserer Recherchen, die voller Ungewissheit waren, denn wir wussten noch sehr wenig, und kaum jemand wollte mit uns sprechen. Wir beschreiben, wie wir Geheimnissen auf die Spur kamen, Informationen festklopften und die Jagd nach der Wahrheit über einen mächtigen Mann auch dann noch fortsetzten, als dieser sich hinterhältiger Taktiken bediente, um unsere Arbeit zu sabotieren. Ebenso rekonstruieren wir hier zum ersten Mal unseren finalen Showdown mit dem Filmproduzenten – und sein letztes Gefecht – im Büro der New York Times unmittelbar vor Veröffentlichung unseres Artikels, also genau in dem Augenblick, in dem er begriff, dass er verloren hatte.

Unsere Berichterstattung über Harvey Weinstein fand zu einer Zeit statt, in der die Medien wegen der Verbreitung von Fake News allgemein in der Kritik standen und das Einvernehmen darüber, was Wahrheit sei, zu bröckeln begann. Die Enthüllungen über ihn hatten auch deshalb so dramatische Folgen, weil es uns und anderen Kolleginnen und Kollegen gelungen war, unwiderlegbare, erdrückende Beweise für sein Fehlverhalten zu erbringen. Auf den folgenden Seiten erläutern wir, wie wir anhand von Augenzeugenberichten, Finanzunterlagen, juristischen Dokumenten, Firmenmemos und anderen aussagekräftigen Materialien ein Verhaltensmuster freilegen und dokumentieren konnten. Bei der öffentlichen Debatte, die unsere Arbeit auslöste, ging es weniger um das, was Weinstein einzelnen Frauen angetan hatte, als vielmehr darum, wie damit umzugehen sei.

Dieses Buch speist sich aus zweierlei Quellen: dem, was wir im Verlauf unserer ursprünglichen Recherchen zu Weinstein im Jahr 2017 in Erfahrung brachten, und der beachtlichen Menge an Informationen, die wir seither gesammelt haben. Vieles von dem, was wir hier an neuem Material über Weinstein präsentieren, illustriert sehr gut, wie das Rechtssystem und die Unternehmenskultur Opfer zum Schweigen brachten und Veränderungen auch weiterhin blockieren. Firmen werden instrumentalisiert, um übergriffige Männer zu schützen. Anwälte, die Frauen vertreten, profitieren von einem Vergleichssystem, das Fehlverhalten deckt. Viele Menschen bekommen hier und da von dem Problem etwas mit – wie etwa Bob Weinstein, Harveys Bruder und Geschäftspartner, der ausführliche Interviews zu diesem Buch beigesteuert hat  –, tun jedoch wenig, um es zu unterbinden.

Wir hoffen, dass dieses Buch ein bleibendes Zeugnis von Weinsteins Vermächtnis sein wird: die Instrumentalisierung des Arbeitsplatzes, um Frauen zu manipulieren, unter Druck zu setzen und zu terrorisieren.

Als sich in den Monaten nach Veröffentlichung unserer Ermittlungsergebnisse im Fall Weinstein die #MeToo-Bewegung Bahn brach wie ein explodierender Vulkan, entstanden auch völlig neue Debatten. Sie bewegten sich in einem breiten Themenfeld, das von Date Rape über Kindesmissbrauch und Geschlechterdiskriminierung bis hin zu unangenehmen Partybegegnungen reichte. Worum ging es denn nun aber eigentlich? Um das Unterbinden sexueller Belästigungen, eine Reform des Justizwesens, den Sturz des Patriarchats oder darum, wie man richtig flirtet, ohne eine strafbare Handlung zu begehen? War die Abrechnung zu weit gegangen, weil aufgrund mehr als zweifelhafter Beweise der Ruf unschuldiger Männer beschädigt wurde, oder nicht weit genug, weil ein frustrierender Mangel an Systemwandel herrschte?

Knapp ein Jahr nach Veröffentlichung unserer Weinstein-Story erschien Dr. Christine Blasey Ford, Psychologieprofessorin aus Kalifornien, vor einem Untersuchungsausschuss des US-Senats und beschuldigte Richter Brett Kavanaugh, der für einen Posten am Obersten Gerichtshof nominiert war, er habe sie während ihrer gemeinsamen Zeit auf der Highschool im betrunkenen Zustand...

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