Freud und das Vermächtnis des Moses

Freud und das Vermächtnis des Moses

von: Richard J. Bernstein

CEP Europäische Verlagsanstalt, 2020

ISBN: 9783863935559

Sprache: Deutsch

244 Seiten, Download: 246 KB

 
Format:  EPUB, auch als Online-Lesen

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Freud und das Vermächtnis des Moses



Kapitel 2


Tradition, Trauma und die Wiederkehr des Verdrängten


„Das wichtigste Stück des Ganzen“


Der Aufbau und die innere Architektonik der letzten Fassung von Der Mann Moses mutet zunächst unbeholfen und verworren an. Der auf Fragen des literarischen Stils äußerst bedachte und ehrgeizige Freud räumt auch sogleich die „unkünstlerisch[e] […] Art der Darstellung“ ein; beklagt, nicht imstande gewesen zu sein, „die Spuren der immerhin ungewöhnlichen Entstehungsgeschichte dieser Arbeit zu verwischen.“1 Die ersten beiden Teile versammeln, ohne Textrevision, die bereits in Imago veröffentlichten Abhandlungen. Die dritte Abhandlung, mehr als doppelt so lang wie die beiden anderen zusammen, setzt ein mit den zwei „einander widersprechenden“ Vorbemerkungen, von denen die erste vor dem „Anschluß“ Österreichs, im März 1938, die zweite kurz nach Ankunft in London, im Juni 1938, geschrieben wurde. Der Hauptteil dieser dritten Abhandlung zerfällt wiederum in zwei Teile, von denen der erste aus fünf Abschnitten besteht, die wie folgt betitelt sind: A) Die historische Voraussetzung; B) Latenzzeit und Tradition; C) Die Analogie; D) Anwendung; E) Schwierigkeiten. Der zweite Teil beginnt mit einem Abschnitt, „Zusammenfassung und Wiederholung“ überschrieben, der sich wie eine weitere (nunmehr dritte) Vorbemerkung liest. Es folgen neun weitere Abschnitte: A) Das Volk Israel; B) Der große Mann; C) Der Fortschritt in der Geistigkeit; D) Triebverzicht; E) Der Wahrheitsgehalt der Religion; F) Die Wiederkehr des Verdrängten; G) Die historische Wahrheit; H) Die geschichtliche Entwicklung.2

Dieser schematische Überblick nennt die Vielzahl der Themen, denen sich Freud zuwendet, zugleich aber auch die Art und Weise, in der seine Darstellung zwischen den historischen und den psychoanalytischen Problemen pendelt. Gibt es also eine Einheit des Textes? Und wenn nicht Einheit, so doch wenigstens einige rote Fäden, die durch das Dickicht der zahlreichen von Freud diskutierten Themen geleiten? Ich meine ja, möchte aber, um dies genauer herausarbeiten zu können, zu dem Punkt zurückkehren, an dem Freud (und wir) mit den beiden 1937 veröffentlichten Abhandlungen stehengeblieben war(en).

Freud, so läßt sich zusammenfassen, war zu folgenden Ergebnissen gekommen: Moses, Sproß einer ägyptischen Adelsfamilie, war ein Anhänger der monotheistischen Aton-Religion. Angesichts der Aussichtslosigkeit, eine Fortsetzung dieser Religion im Ägypten nach Echnatons Tod zu erwirken, wählte Moses die in Ägypten lebenden „rückständigen“ Semiten, um sie zu Anhängern seines neuen Monotheismus zu machen. Er führte das Ritual der Beschneidung ein (eine, so Freud, ägyptische Praxis), um ihr Selbstgefühl gegenüber den Ägyptern zu heben. Während die Ägypter in der Folge in ihren alten Polytheismus zurückfielen, führte Moses die Juden aus Ägypten in die Wüste, um ein neues Königreich zu begründen. Indes kam den Juden schnell zu Bewußtsein, daß für sie der Monotheismus, den Moses ihnen auferlegt hatte, zu streng und anspruchsvoll war. Sie rebellierten und mordeten ihren Anführer. Zunächst kehrten auch sie zu der polytheistischen Religionsform zurück, der sie angehangen hatten, bevor der „Fremde“, Moses, sie aus Ägypten führte. Etwas später, an einem unter dem Namen Kadesch überlieferten Ort, vereinigten sich die ägyptischen Semiten schließlich mit anderen Stämmen, die einem vulkanischen Gott namens Jahve dienten. Ein neuer Priester wurde eingesetzt, kein Ägypter, sondern ein Midianiter, der aber ebenfalls Moses hieß. Es kam also zu einer Vermischung des ursprünglichen ägyptischen Monotheismus und der midianitischen Religion, die dem Vulkangott Jahve huldigte.

Man nehme einmal an, all dies (und auch die anderen historischen Details, die Freud in den Raum stellt) hätten exakt in der Weise stattgefunden, wie Freud es darstellt. Könnten wir, diese „historische“ Darstellung aus heuristischen Gründen für den Moment akzeptierend, aus ihr irgendwelche Schlußfolgerungen für den Charakter des jüdischen Volkes heute ableiten? Könnte dies über den „eigentümliche[n] Charakter des jüdischen Volkes“ aufklären, der „wahrscheinlich auch seine Erhaltung bis auf den heutigen Tag ermöglicht hat“3? Auch unter der großzügigsten Beurteilung dessen, was Freud uns bis hierher dargelegt hat, wäre die Antwort ein klares Nein! Was sollen diese „historischen“, vermutlich auf das vierzehnte vorchristliche Jahrhundert zurückdatierenden Begebenheiten mit dem zu tun haben, was sich seither innerhalb der jüdischen Geschichte ereignet oder ihre Tradition geformt hat? In der Tat steht jedoch eben diese Verbindung – und ihre psychoanalytische Deutung – im Zentrum des Freudschen Argumentationsgangs, der allerdings erst in der dritten und abschließenden Abhandlung voll entwickelt wird. Doch schon aus der sorgfältigen Lektüre der ersten beiden Abhandlungen wird klar, daß Freud diese Verbindung im Blick hat. Nur verhüllt Freud sein Hauptargument in eine zunächst ganz unscheinbare Bemerkung, wenn er – im Anschluß an seine „kürzeste Formel“ jener „Zweiheiten“, die die jüdische Geschichte beherrschen – sagt: „Darüber hinaus gäbe es noch sehr viel zu erörtern, zu erklären und zu behaupten. Erst dann ließe sich eigentlich das Interesse an unserer rein historischen Studie rechtfertigen.“4 Es folgt dann unmittelbar ein Überblick über die zentralen Themen, die Gegenstand der dritten Abhandlung sind, aber bereits im ersten Entwurf von 1934 ausgearbeitet waren! Ich kehre noch einmal zu dem bereits zitierten Absatz zurück, der aber im Licht dieser Ausführungen eine weitere Dimension erhält:

„Worin die eigentliche Natur einer Tradition besteht und worauf ihre besondere Macht beruht, wie unmöglich es ist, den persönlichen Einfluß einzelner großer Männer auf die Weltgeschichte zu leugnen, welchen Frevel an der großartigen Mannigfaltigkeit des Menschenlebens man begeht, wenn man nur Motive aus materiellen Bedürfnissen anerkennen will, aus welchen Quellen manche, besonders die religiösen Ideen die Kraft schöpfen, mit der sie Menschen wie Völker unterjochen – all dies am Spezialfall der jüdischen Geschichte zu studieren wäre eine verlockende Aufgabe. Eine solche Fortsetzung meiner Arbeit würde den Anschluß finden an Ausführungen, die ich vor 25 Jahren in Totem und Tabu [1912-13] niedergelegt habe. Aber ich traue mir nicht mehr die Kraft zu, dies zu leisten.“5

Diese Textpassage antizipiert nicht nur die dritte Abhandlung. Sie ist zugleich auch ein Résumé der Thesen, die Freud bereits im Entwurf von 1934 festgelegt (und Lou Andreas-Salomé in dem Brief vom 1. Januar 1935 mitgeteilt) hatte. Zweifellos ist sie ein Schlüssel zum „wichtigsten Stück des Ganzen“. Denn der rote Faden, der die dritte Abhandlung durchzieht, ist die Reflexion über die „wahre Natur“ und die „besondere Kraft“ der Tradition. Zu den wenigen Lesern des Moses-Buchs, die dies erkannt haben, zählen Yerushalmi, Derrida und Assmann. Yerushalmi schreibt:

„Die Leser von Der Mann Moses haben bisher überhaupt nicht erkannt – vielleicht weil sie zu sehr im Banne der sensationelleren Aspekte standen: Moses als Ägypter, von den Juden ermordet –, daß der eigentliche Dreh- und Angelpunkt des Buches, insbesondere der des dritten Teils, das Problem der Tradition ist, und zwar nicht nur die Frage nach deren Ursprung, sondern vor allem die nach ihrer Dynamik.“6

Was aber versteht Freud unter Tradition? Worin besteht ihre Dynamik? Wie läßt sich die Kraft der Tradition, insbesondere die der jüdischen, begrifflich fassen? Und wie ist Tradition mit dem verknüpft, was Freud „historische Wahrheit“ nennt? Um diese Fragen geht es in dem „wichtigsten Stück des Ganzen“. Freuds Antworten sind subtil und komplex, und sie führen uns auf die Fundamente der Psychoanalyse. Sie bedürfen allerdings einer Reihe genauer Untersuchungen, die zuweilen auch über Umwege führen können. Doch erst von diesen Umwegen her scheint mir das nötige Licht auf die These zu fallen, die ich aufgestellt habe: daß Freuds Der Mann Moses auf die Fragen antwortet, die im Vorwort zur hebräischen Ausgabe von Totem und Tabu aufgeworfen wurden.

Tradition: Das Problem der „Lücke“


Die Beantwortung der eben umrissenen Fragen erfordert einige Vorerwägungen. Ich werde deshalb mit einer Skizze der Darstellung beginnen, die Freud den Begebenheiten widmet, die, wie er glaubt, nach dem traumatischen Ereignis der Ermordung Moses’ stattgefunden haben.

Dem Mord folgte der Rückfall der...

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