Die Vertreibung der Stille

Die Vertreibung der Stille

von: Rüdiger Liedtke

dtv, 2004

ISBN: 9783423340625

Sprache: Deutsch

256 Seiten, Download: 738 KB

 
Format:  PDF, auch als Online-Lesen

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Die Vertreibung der Stille



Die Zauberkrafte der Musik . Manipulation durch Musik zu allen Zeiten (S. 167-168)

In allen fruheren Weltkulturen hatte die Musik ihren Platz in Gottesdiensten und spirituellen Ritualen; sie diente der Bewusstseinserweiterung und tiefster menschlicher Erfahrung. Ob es sich um fernostliche Kulturen handelt, um die magischen Rituale in Asien, Afrika oder Sudamerika oder die Musik in Babylonien, im alten Agypten oder antiken Griechenland . in allen steckt ein gemeinsamer Kern: »eine meist unbewusste Kenntnis einer Urkraft, die durch musikalische Mittel hervorgerufen wird, wie es der Komponist Peter Michael Hamel ausdruckt.

Und er geht einen wichtigen Schritt weiter, wenn er dem »rationalen Kulturmenschen« heutiger Zeit, dem Konsumenten abendlandischer Musik, rat, sich wieder starker auf die magisch-mystische Bewusstseinsquelle ferner Musiken zu konzentrieren. Es scheint ihm durchaus wieder sinnvoll zu sein, die »Imagination, Traume, Fantasien, Trancezustande und Meditation« durch Musik neu zu entdecken. Denn den manipulativen Charakter von Musik, sei sie bewusst angewandt oder unbewusst erlebt, und die der Musik innewohnenden Krafte wussten alle Kulturen zu nutzen. Und immer waren die Personen, die Musik zu manipulativen Zwecken anwandten, Magier, Priester, Arzte, Politiker oder Musiker selbst .

ob in der uralten Zauberheilkunde, in der Antike, im christlich gepragten Mittelalter oder in modernen Staatswesen. Wie eng die Begriffe »Musik« und »Magie« miteinander verknupft sind, zeigt das Alte Rom. »Singen« und »Zaubern« war fur die Romer immer ein und dasselbe. Sie hatten fur beide Tatigkeiten nur ein Wort: »cantare«. Und diese Verknupfung hat sich uber die Jahrhunderte hinweg erhalten, zum Beispiel in der Tarantella, dem neapolitanischen Volkstanz aus dem 15. Jahrhundert, bei dem ein Paar im Sechsachteltakt in immer schnelleren Bewegungen tanzt, immer wilder und zugelloser, bis zum Umfallen, zur Ohnmacht.

Wir kennen doch den Satz, wenn jemand hektisch, besonders temperamentvoll, ja zugellos wirkt: »Du bist wohl von der Tarantel gestochen!« Was aber hat es mit der Tarantelspinne auf sich? Wie kommt dieses Tier in einen Zusammenhang mit Musik und Tanz? Es ging die aberglaubische Vorstellung, dass der Biss der Tarantel nur durch Tanzraserei unschadlich gemacht werden konne, so lange, bis der Tanzer erschopft zu Boden sturzt. Geistliche, die den Tanz und die begleitenden Klange verurteilten, verfielen einer Krankheit, von der sie wiederum nur der Taranteltanz befreien konnte. Die Tarantella loste eine Art Massensuggestion aus, wie wir sie gerade im Mittelalter haufiger beobachten konnen. Zum Beispiel hatte der mittelalterliche Veitstanz als angeblich heilsame Tanzwut den Sinn, durch extreme Bewegungen Krankheiten abzuschutteln, von der Pest bis zur Geisteskrankheit. Musik hatte, wie gesagt, immer sehr viel mit Glauben, mit Aberglauben und Geheimnisvollem zu tun. Von ihr ging seit alters her ein Zauber aus, der entweder die Gotter beschworen und gnadig stimmen oder aber die bosen Geister vertreiben sollte. Die Legende berichtet aus dem fruhen Mittelalter, dass Konig Eric von Danemark die wirkungsvolle Kraft der Musik kennen lernen wollte und einen Spielmann kommen lies. Der versetzte mit seinen Weisen die Zuhorer zuerst in Traurigkeit, dann in Frohsinn und brachte Eric schlieslich durch »Zauberweisen « so in Raserei, dass der zum Degen griff und vier seiner besten Ratgeber niedermetzelte. Eine lieblichere »Zauberweise« brachte ihn schlieslich wieder zur Ruhe.

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