Offene Rechnungen. Der kalte Konflikt der Generationen - Reclam. Denkraum

Offene Rechnungen. Der kalte Konflikt der Generationen - Reclam. Denkraum

von: Johannes Müller-Salo

Reclam Verlag, 2022

ISBN: 9783159619934

Sprache: Deutsch

175 Seiten, Download: 1202 KB

 
Format:  EPUB, auch als Online-Lesen

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Offene Rechnungen. Der kalte Konflikt der Generationen - Reclam. Denkraum



Wohltaten und Pflichten


In der politischen Debatte um den Klimaschutz wird gern an die Bereitschaft der älteren Generationen appelliert, fürsorglich und wohltätig zu sein. Es sei an der Zeit, etwas Gutes für die Kinder zu tun. Nun könne man sich solidarisch zeigen. Vermittelt wird dadurch die Vorstellung von Seniorinnen und Senioren, die die Umweltprobleme kommender Jahrzehnte zwar nicht mehr miterleben werden, sich aber jetzt selbstlos zugunsten einer besseren Zukunft engagieren. Die älteren Generationen können sich so als Wohltäter fühlen, die geben, was von ihnen eigentlich nicht verlangt werden darf. Man wird an Wohltätigkeits-Aktionen zugunsten der ärmsten Staaten der Welt erinnert – und auch an das ungute Gefühl, das einen dabei beschleicht. Darf man sich wirklich, wie die Werbung vieler Hilfsorganisationen nahelegt, als tugendhafter Sponsor, ja als Lebensretter fühlen? Oder ist der eigene Beitrag nicht eine verschwindend geringe Anzahlung auf die große Summe, die der reiche Norden dem globalen Süden schuldig geblieben ist? Wäre nicht Scham eher angebracht als gönnerhafte Selbstzufriedenheit?

Wer den Klimakonflikt als Konflikt ernst nimmt, sollte zuallererst die Legende von den Wohltaten zugunsten der Zukunft nicht immer wieder weiter erzählen. Die älteren [33]Generationen sind keine Trupps von barmherzigen Samaritern. Sie können bestenfalls dazu beitragen, den von ihnen angerichteten Schaden zu minimieren. Es geht nicht um Geschenke. Es geht darum, eine fundamentale moralische Pflicht zu erfüllen und Zukünftige nicht noch stärker zu schädigen.

Um dies nachzuvollziehen, muss zunächst ein Blick auf die moralische Dimension des Klimakonflikts geworfen werden. Im Zentrum der Klimapolitik steht die Erkenntnis, dass das System Klima nur in engen Grenzen belastbar ist. Es kann nur eine endliche Menge an Treibhausgasemissionen verkraften, ohne sich auf Dauer gravierend zu verändern. Solche Veränderungen werden für viele Generationen von Menschen (und anderen Lebewesen) unausweichlich gravierende Nachteile mit sich bringen. Deswegen ist es moralisch geboten, sie zu vermeiden. Hier greift das klassische, in der philosophischen Ethik ebenso wie in verschiedenen Religionen und Kulturen akzeptierte Gebot, andere nicht zu schädigen.23

Die ersten Generationen der industriellen Ära wussten nicht um die komplexen klimatischen Zusammenhänge und sind dadurch entschuldigt. Doch seit Jahrzehnten sind die in diesem Zusammenhang einschlägigen Erkenntnisse bestens bekannt. Oftmals wird 1990 als dasjenige Jahr genannt, ab dem an grundlegenden Prozessen des Klimawandels nicht mehr begründet gezweifelt werden konnte. Spätestens dann musste zumindest den politisch Verantwortlichen, bald aber auch allen klar sein: Die Menge an moralisch vertretbaren Emissionen ist endlich. Und ein endliches Gut, an dem alle ein Interesse haben, muss gerecht verteilt werden.

Wie sollte eine faire Verteilung aussehen? In der philosophischen Ethik und in der Gerechtigkeitstheorie wird kontrovers über verschiedene Antworten auf diese Frage gestritten. Klassisch lassen sich dabei die Positionen des Egalitarismus (gerecht ist, wenn es allen gleich gut geht), des Utilitarismus (gerecht ist, wenn die Summe an Wohlergehen so groß wie [34]möglich ist) und des Suffizientarismus (gerecht ist, wenn es allen mindestens hinreichend gut geht, wenn sie ein bestimmtes Level an Wohlergehen erreichen) unterscheiden. Aus der jeweils akzeptierten gerechtigkeitstheoretischen Grundlage folgen unterschiedliche Antworten auf die klimaethische Frage, wem warum welches Emissionsbudget zusteht.

In einer Hinsicht können sich Vertreterinnen und Vertreter aller Ansätze rasch einig werden: Die älteren Generationen haben das Budget an Treibhausgasemissionen hoffnungslos überzogen, welches sie gerechterweise für sich beanspruchen können. Seit mehr als drei Jahrzehnten nehmen die Älteren diese Ungerechtigkeit weitgehend achselzuckend in Kauf. Erst nach 2018, erst nach dem durch eine schwedische Schülerin erteilten Nachhilfeunterricht, haben größere Teile der Älteren damit begonnen, sich etwas ernsthafter für das Klimaproblem zu interessieren. In den verlorenen drei Jahrzehnten aber besetzten zunächst die Nachkriegsgeneration und dann die Babyboomer die große Mehrheit der Führungspositionen in der Gesellschaft und bestimmten den Kurs der Politik.

Verbraucht eine Generation ein endliches Gut im Übermaß, verschärft sich das Knappheitsproblem für nachfolgende Generationen enorm. Dieser Zuspitzung können technologische Verbesserungen ein Stück weit entgegenwirken. Die älteren Generationen hätten die dramatische Überziehung ihres Budgets durch eine klimafreundliche technische Revolution, zumindest aber durch Vorarbeiten zu einer solchen Revolution, teilweise ausgleichen können. Es wäre ihnen möglich gewesen, in großem Umfang emissionsärmere oder emissionsfreie Substitute für bisher verwendete, emissionsstarke Technologien zu entwickeln. Das Bereitstellen solcher Substitute hätte als eine Art Entschädigung für ein überzogenes Emissionsbudget angesehen werden können.24

Doch auch hier, in der Entwicklung von Substituten, ist viel zu wenig unternommen worden. Die zu hohen Emissionen [35]dienten vor allem dem Konsum. Von CO2-freiem Zement für den Bau bis hin zu neuen Formen der Energiespeicherung wartet die Welt weiterhin auf technische Durchbrüche, ohne die das Ziel der Klimaneutralität kaum zu erreichen sein wird.

Der moralische Kern des Klimakonflikts ist somit denkbar einfach. Das Stück, welches sich die älteren Generationen vom Emissionskuchen genommen haben, ist viel zu groß. Es ist keine plausible Theorie der Gerechtigkeit in Sicht, die eine derart großzügige Selbstbedienung rechtfertigen könnte. Den Schaden tragen die jetzt lebenden Jüngeren wie auch die noch ungeborenen zukünftigen Generationen davon.

In der Gegenwart stellen die Älteren durch ihr Verhalten die Jüngeren vor eine mehr als unerfreuliche Wahl: Die Jüngeren könnten den Schlendrian der Eltern und Großeltern weiter fortsetzen. Sie könnten sich nur am Rande für das Klima interessieren und darauf hoffen, dass es irgendwie schon gut gehen oder wenigstens nicht katastrophal verlaufen wird – zumindest nicht zu ihren Lebzeiten. Viele Jüngere scheinen einen solchen Kurs für eine schlechte Idee zu halten und liegen damit völlig richtig. Sie sind auch moralisch gar nicht dazu berechtigt, die Dinge einfach weiterlaufen zu lassen. Denn auch sie stehen in der Pflicht, ihre Emissionen schnell und deutlich zu reduzieren. Wenn aber das Weiter-so ausscheidet, bleibt den Jüngeren nur die Option, jetzt eilig das nachzuarbeiten, was in Jahrzehnten versäumt wurde. Sie dürfen keine Zeit verschwenden, wenn der Klimawandel in überschaubaren Grenzen gehalten werden soll.

Das moralische Problem kann in aller Kürze auch so beschrieben werden: Nur eine endliche Menge von Treibhausgasemissionen ist mit der Stabilität des Weltklimas verträglich. Als endliches und zugleich begehrtes und damit knappes Gut haben diese Treibhausgasemissionen einen Wert und müssten deswegen auf dem Markt auch einen Preis haben. Die älteren Generationen haben Treibhausgase aber über Jahrzehnte nicht bepreist [36]und damit so behandelt, als ob sie überhaupt keinen Wert hätten. Das »Angebot« war groß genug. Sie konnten sich so viel vom Emissionskuchen nehmen, wie sie wollten. Denn die Nachfrage war gering. Die Konkurrenz, durch die das Gut zu einem knappen Gut wird, war noch damit beschäftigt, erwachsen zu werden, oder war noch gar nicht geboren. So haben die Älteren die Klimakosten »externalisiert« – eine »irre Bezeichnung« für eine Form der »Verantwortungsverweigerung«, wie die Nachhaltigkeitsforscherin Maja Göpel es treffend formuliert.25 Wäre schon vor Jahrzehnten mit einer der Problemgröße wie dem Wert von Emissionsrechten angemessenen Bepreisung von CO2 begonnen worden, stünde es jetzt deutlich besser um den Klimaschutz.

Klimaethisch wird hier an das breit akzeptierte Verursacherprinzip appelliert. Es besagt schlicht, dass derjenige für einen Schaden haftet, der ihn angerichtet hat.26 Wer Treibhausgase emittiert, der sollte dafür bezahlen. Das so eingenommene Geld kann in die Entwicklung von Substituten oder in andere Klimaschutzmaßnahmen investiert werden. Es ist erstaunlich, dass das Verursacherprinzip im Kontext der globalen Verteilung von Klimaschutzpflichten breit diskutiert, aber nur selten auf die Verhältnisse zwischen den Generationen bezogen wird.

Angesichts schneller und stärker steigender Preise für Treibhausgasemissionen – ob über Steuern oder durch frei handelbare Emissionszertifikate – hätten die Älteren schon in den 1990ern ein großes finanzielles Interesse an der Umstellung auf klimafreundlichere Arbeits- und Wirtschaftsweisen entwickelt. Sie hätten infolgedessen ihr Emissionsbudget niemals so dramatisch überzogen.

Wer unter Ausbeutung die ungerechtfertigte Aneignung fremder Arbeit versteht, wird hier auch von einem Ausbeutungsverhältnis sprechen können. Dies Verhältnis hat eine eigentümliche Gestalt. Die Älteren genießen, was die Jüngeren Jahrzehnte später erst erarbeiten müssen. Das [37]Emissionsprivileg der Vergangenheit zwingt dazu, die Klimaschutzanstrengungen in Gegenwart und Zukunft zu verschärfen. Wie so oft beruht auch diese Form der Ausbeutung auf Macht. Die Macht der Älteren verdankt sich schlicht und einfach ihrer früheren Geburt, ihrer...

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