Fremdvögeln

Fremdvögeln

von: Zoe Schreiber

hey! publishing, 2013

ISBN: 9783942822367

Sprache: Deutsch

346 Seiten, Download: 655 KB

 
Format:  EPUB

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Fremdvögeln



KAPITEL 6


Was passiert in einer Ehe, die auf ihre Auflösung zusteuert? Ist sie wie ein leckgeschlagenes Schiff, das unweigerlich sinken wird, oder kann sie noch in der Werft repariert werden? Kann ein Blick, ein Gespräch, eine Berührung alles ändern? Oder viele Gespräche, unter professioneller Anleitung, eine Therapie, wie ich sie Jahre zuvor vorschlug?

Wir hätten zusammenbleiben können. Vielleicht hätten wir es auch sollen, der Kinder wegen, des Versprechens wegen. Immer, wenn Probleme auftraten, waren wir ein gutes Team, wenn Anfeindungen von außen auftauchten, Gefahren. Aber nicht, wenn alles dahin plätscherte. Dann suchten wir das Abenteuer, aber jeder für sich. Der eine auf der Rennstrecke, im Adrenalinrausch, die andere in der Bar, wo egostreichelnde Männerblicke und Endorphine lauerten.

„Lass uns eine Eheberatung machen“, hatte ich gebeten, als der Sex immer seltener und schaler, die wahren Gespräche immer weniger wurden.

„Warum das denn? Finde ich unnötig. Aber wenn du darauf bestehst.“ Er blätterte weiter in der Motorradzeitung, während er darauf wartete, dass die Tour de France übertragen wurde.

Ich bestand nicht darauf.

*

Eine wahre Berührung kann alles ändern. Nur kam diese nicht von Stefan.

Ich konnte nicht aufhören, an Tom zu denken. Erschwerend kam hinzu, dass ich ein obsessiver Charakter war. Egal welcher Gedanke, welches Gefühl sich in meinem Kopf festsetzte, er wuchs, wurde bestimmend, dominierte mich.

Am Donnerstag ging ich wieder ins Bereuther. Meine Freundin Carina hatte drei ehemalige Stewardessen-Kolleginnen mitgebracht, Nicole, Betty und Andrea. Sex and the City live in Hamburg. Ich bestellte eine Weinschorle, denn ich musste ja noch fahren. Die anderen drei tranken Wodka Red Bull.

Der Freund von Nicole kam immer mittwochs und sonntags zum Vögeln vorbei, sonst sahen sie sich kaum. Sie gingen nie essen, nie aus, nie war sie bei ihm. Dafür brachte er ihr von seinen zahlreichen Reisen immer Bulgari-Schmuck mit. Lief das schon unter Gefälligkeitsprostitution? Aber was wusste ich schon mit meinem biederen Leben im Vorort. Einem Leben, das ich so gewollt hatte, und das mir nun zu eng wurde wie ein eingelaufener Wollpullover, der zwickte und kratzte.

Andrea hatte sich gerade frisch die Brust vergrößern lassen. „Für Wurst-Fesche!“, lästerten die anderen, wenn sie auf dem Klo war, und starrten ihr dennoch neidisch ins Dekolleté, wenn sie zurückkam. Sie präsentierte ihre Brüste wie Trophäen.

„Wer?“ Ich war mal wieder nicht auf dem Laufenden.

„Na, ihr Kerl. Der hat eine Würstchenbude. Scheffelt ordentlich Geld“, klärte mich Carina auf.

Die dritte, Betty, hatte gar keinen Typen. Stattdessen träumte sie davon, endlich einen echten Flugkapitän aufzureißen, den sie schnellstens heiraten und mit ihm Kinder kriegen konnte. Ob sie den hier finden würde, war fraglich.

„Du musst unsere Geschichten aufschreiben!“ hatte Nicole gefordert, als Carina ihr, Betty und Andrea von meiner Schreiberei erzählt hatte. Ich grinste säuerlich, als die anderen drei mit einstimmten und mir klar wurde, dass jeder Part vergeben war und sie mich langweiliges Ehefrauchen nur als Protokollantin ihrer sexuellen Eskapaden wollten. Nicole ließ sich für Bulgari-Schmuck von ihrem dicklichen Investmentbanker vögeln, die andere ließ ihre Doppel-Ds von Wurst-Fesche befummeln, und Betty versuchte zu krampfhaft, sich ihren Piloten-Traum zu erfüllen.

Carina führte eine durch und durch unglückliche Ehe, deren erotisches Brachland sie nur überlebte, indem sie sich Trost gönnte. Also pflegte sie eine Mittwochvormittag-Vögelei mit einem Studenten.

„Mit einem Studenten?“, fragten die anderen entsetzt, als handele es sich um eine ansteckende Krankheit.

„Na, ja, er ist schon 28. Aber studiert halt noch. Jura. Es ist ein bisschen blöd, weil er in einer Studentenbude mit nur einem Zimmer haust. Aber Mittwoch ist sein Mitbewohner nicht da und ich gehe offiziell zum Sport. Dann lasse ich mich so richtig verwöhnen.“

Sie nahm einen großen Schluck und lächelte dem Barkeeper zu, der ihr ungefragt einen neuen Drink servierte.

„Ich verstehe sowieso nicht, warum du so einen Akt daraus machst, damit Lars nichts spitzkriegt“, sagte Andrea. „Der verarscht dich doch sowieso nach Strich und Faden.“

Lars hatte sie schon einmal mit der Babysitterin betrogen, einem 20-jährigen Mädchen, die Carina als Ersatzmama unter ihre Fittiche genommen hatte. Sie war der Überzeugung, dass es ein einmaliger Ausrutscher gewesen war. Alle anderen hingegen glaubten, dass es weiterlief.

„Genau, lass dich endlich scheiden!“, bekräftigte Andrea.

Carina seufzte. „Aber wenn ich mich scheiden lasse, bekomme ich kein oder höchstens nur sehr wenig Geld.“

„Wieso, ich denke, eure Eisdielen laufen so gut?“, warf ich ein. Sie prahlte immer mit den grandiosen Umsätzen des gemeinsamen Unternehmens.

Carina antwortete nicht, sondern wandte sich einem ihrer zahlreichen Bewunderer zu, die jeden Donnerstag wie die Motten zum Licht der Eppendorfer In-Bar zustrebten. Er lächelte und legte den Arm um sie, bevor er ihr einen neuen Drink bestellte.

Ich schaute mich um. Ein langer Bartresen, umlagert von den Reichen und Schönen der Stadt oder denen, die sich dafür hielten. Der Laden brummte. Es wurde getrunken und geraucht, was das Zeug hielt. Man versuchte, sich über den Lärm hinweg halbwegs sinnvoll zu unterhalten. Die Musik wurde gerade noch einmal lauter gedreht, die Barkeeper, die sich für Stars hielten, machten irgendeinen Firlefanz mit Shakern und Servietten. Im Bereuther arbeiteten nur die coolsten Barkeeper, jung, hip und sexy, eigentlich Schauspieler, Models oder Künstler in Spe. Sie wirbelten hinter der von allen Seiten zugänglichen Bar herum, schwangen Flaschen und Cocktailshaker, warfen mit Servietten, ignorierten die Geldsäcke, um die süßen Mädels – Stewardessen, Musicaldarstellerinnen, Models und Erbinnen – vorzuziehen. Wer es sich einmal mit ihnen verscherzte, konnte wochenlang nichts bestellen.

Da sah ich ihn plötzlich auf der anderen Seite der Bar. Tom. Mein Herz machte einen Sprung, Röte schoss mir ins Gesicht. Neben ihm stand die Blondine aus dem Club an der Alster. Lange hellblonde Locken, Claudia-Schiffer-Attitüde, ein blutrotes Outfit, das man nicht anders als gewagt bezeichnen konnte. Sie redete eindringlich auf ihn ein, den Mund dicht an seinem Ohr. Mir schoss mir ein Gefühl durch die Adern, das sich wie Eifersucht anfühlte. Oder ein erwachender Jagdtrieb? Er stand seitlich zum Tresen geneigt, einen Ellbogen aufgestützt. Weißes Hemd, nach hinten gekämmte Haare, Zigarette in der Hand. Manche Kerle brauchen einfach nur irgendwo zu stehen und zu rauchen, um sexy zu wirken.

Er sah mich nicht.

Ich murmelte etwas in Carinas Richtung, die mich sowieso nicht verstand, stürzte meine Weinschorle hinunter und schob mich zur Toilette vor. Dort war es noch heißer. Ich ließ mir kaltes Wasser über die Handgelenke laufen und starrte mich im Spiegel an. Für meine 35 war ich immer noch ganz hübsch, zumindest wurde das behauptet. Ich könnte als jünger durchgehen. Meine Wangen waren gerötet, ich spürte den Wein etwas.

„Herrgott, was machst du!“, sagte ich zu mir. Ich antwortete mir mit einem aufmüpfigen Blick. Hat bei mir eigentlich jemals irgendein Appell zur Mäßigung genützt?

Als ich herauskam, stand er neben der Tür. Er grinste. Ich lächelte, wie ich hoffte, cool und gelassen zurück.

„Na, sind die Kleinen wieder fit?“

„Schon lange. Wo ist deine Begleitung geblieben?“ Ich konnte es nicht lassen.

Er lachte auf. „Ach, du hast sie gesehen?“

„Sie war ja kaum zu übersehen. Schien ja ein sehr wichtiges Gespräch zu sein.“ Ich war mir selbst peinlich.

„Ach was, die will nur mit mir weggehen. Ich weiß auch nicht, wieso. Komm, was willst du trinken?“

Ich nahm eine weitere Weinschorle, die hier immer sehr groß und extrem lecker war. Er trank Wodka Tonic. Als er mir das Glas reichte, berührten sich unsere Hände. Er schaute mir tief in die Augen und zwinkerte mir zu. Seine Augen waren von einem irritierenden Blau. Ich dachte bisher, Zwinkern hätte etwas Onkelhaftes. Nicht bei ihm.

Weil es in der Bar so eng war, mussten wir dicht beieinander stehen. Wir plauderten über Belangloses. Was gibt es schon zu sagen, wenn die Hormone ihren Tanz aufführen? Wenn er sich aus der Höhe seiner 1,90 Meter zu mir hinab beugte, umwehte mich sein Duft wie ein laues Lüftchen und machte mich schier besinnungslos. Irgendein belangloser Herrenduft entfaltete sich bei ihm zu olfaktorischen Lockstoffen, gemischt mit Zigarettenrauch und Tom-pur. Meine Knie bebten. Ich war ein verdammtes Opfer. Und irgendwie hatte ich verpasst, dass es schon längst zu spät für mich war.

Ich hatte mal gelesen, dass Verlieben vor allem mit Geruch zu tun hat. Intuitiv erkennen wir, wer zu uns passt, irgendein archaisches Muster greift, das damit zu tun hat, dass sich gegensätzliche Genpools finden sollen, um gesunde Nachfahren zu zeugen. Durch die Pille wird dieses biologische Gesetz unglücklicherweise umgekehrt. Dann erschnuppern wir nicht mehr den Gegenpol, sondern den Gleichgesinnten zur Paarung.

War das der Grund für meine Ehe? Ich hatte damals die Pille genommen. Und auf Babybildern und Kleinkinderporträts sahen Stefan und ich uns geradezu verblüffend ähnlich. Hatte es daher bei uns in Krisenzeiten immer so gut geklappt, während wir in vermeintlich guten Perioden wie...

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