Geschichte des Antisemitismus

Geschichte des Antisemitismus

 

 

 

von: Werner Bergmann

C.H.Beck, 2002

ISBN: 9783406479878

Sprache: Deutsch

143 Seiten, Download: 548 KB

 
Format:  PDF, auch als Online-Lesen

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Geschichte des Antisemitismus



III. Antisemitismus im Zeitalter des Nationalismus (S. 38-40)

Trotz ganz unterschiedlicher Wege der Modernisierung und Integration der Juden entwickelte sich seit den 1870er Jahren in vielen europäischen Ländern eine neue Form der Judenfeindschaft, für die sich schnell der Begriff Antisemitismus durchsetzte. Sie ist verbunden mit einer Wendung von einem liberalen und demokratischen Nationalismus hin zum Chauvinismus mit irredentistischen, xenophoben Formen und einem imperialistischen Großmachtdenken.

Es entstanden antisemitische Parteien oder Bewegungen, früh im Deutschen Reich, in Frankreich und im Kaiserlichen Österreich, später auch in Russland, Ungarn, Rumänien und Polen. Antisemitismus erwies sich als ein geeignetes Mittel politischer Agitation, das fast vom gesamten politischen Spektrum genutzt wurde, von den Frühsozialisten und Katholiken in Frankreich, über christlichsoziale und konservative Strömungen in Deutschland und Österreich bis hin zu Bauernbünden und extrem nationalistischen bis präfaschistischen Bewegungen, wie den Schwarzhunderten in Russland, Endeks in Polen, dem Alldeutschen Verband, der jungtschechischen Bewegung.

Antisemitismus hielt auf verschiedenen Wegen Einzug in die Massenpolitik in Westund Mitteleuropa, in Osteuropa sogar in die autoritäre Regierungspolitik. Er war Ausdruck von Spannungen und Krisen dieser Politik, die ganz unterschiedliche Ursachen haben konnten: ethnische Konflikte, hohe soziale Mobilität, ökonomische Probleme, politische Machtkämpfe und raschen kulturellen und sozialen Wandel. Es hing von der Schärfe und Dauerhaftigkeit dieser Krisenphänomene und vom Einfluss politischer Gegenkräfte ab, ob Antisemitismus als Oppositionsbewegung marginal blieb oder sich zu einer verbreiteten Weltanschauung entwickelte.

Politisierung und Organisationsbildung betreffen die äußere Seite des modernen Antisemitismus, die innere betrifft den mit der Wortneuschöpfung signalisierten inhaltlichen Wandel. Zwar wirkte die religiöse Unterfütterung durch den christlichen Antijudaismus weiter, und kirchliche Milieus waren oft Treibhäuser der Judenfeindschaft, doch nahm diese nun eine nationalistisch-xenophobe Form an, die dann rassentheoretisch begründet und zu einer "Weltfrage" zugespitzt werden konnte, wie ein Programmpunkt der antisemitischen deutschsozialen Partei Otto Böckels von 1889 zeigt: "Sie (die Partei, W. B.) sieht in der Judenfrage nicht nur eine Rassen- oder Religionsfrage, sondern eine Frage internationalen, nationalen, sozialpolitischen und sittlich-religiösen Charakters".

Diese Formulierung offenbart den komplexen weltanschaulichen Charakter des Antisemitismus. Das Schlagwort von der "Judenfrage als Racen-, Sitten- und Culturfrage" (so Eugen Dühring 1881) machte Karriere und suggerierte die Existenz eines dringlichen gesellschaftlichen Problems. Das eigentliche Problem, die als krisenhaft erlebte Modernisierung, wurde so auf die Juden projiziert, die ihr sozialer Aufstieg zum Symbol der Moderne machte.

Mit der Forderung nach Rücknahme der Emanzipation versuchte der Antisemitismus die allgemeine Krise zu überwinden. Seine Entwicklung zur modernen Weltanschauung ruhte auf dem Fundament des Antijudaismus sowie auf den im Kampf gegen die Judenemanzipation seit 1780 entwickelten antijüdischen Vorstellungen. Wie die sich rasch in Europa durchsetzende Begriffsbildung "Antisemitismus" zeigt, war Deutschland zwar das Zentrum der neuen ideologischen Entwicklung und judenfeindlichen Mobilisierung, doch diese waren nicht auf das Deutsche Reich begrenzt.

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