Teufelskreis Essstörung - Ursachen, Therapie und Langzeitverlauf von Magersucht, Bulimie und Adipositas

Teufelskreis Essstörung - Ursachen, Therapie und Langzeitverlauf von Magersucht, Bulimie und Adipositas

 

 

 

von: Sarah Parpart, Arno Krause, Filina Valevici, Sebastian Herholz, Katharina Gorski

Science Factory, 2013

ISBN: 9783656458982

Sprache: Deutsch

142 Seiten, Download: 391 KB

 
Format:  EPUB, PDF, auch als Online-Lesen

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Teufelskreis Essstörung - Ursachen, Therapie und Langzeitverlauf von Magersucht, Bulimie und Adipositas



Begriffsbestimmung und Erscheinungsformen von Essstörungen


Jeder Mensch ist anders. Einer zum Beispiel greift in einer Krisensituation sofort nach etwas Essbaren, ein anderer dagegen bekommt in dieser Situation nichts herunter. Solche vorübergehende Essprobleme sind eigentlich normale Reaktion auf Alltagsprobleme. Wenn die gelöst werden und die „schwere Zeit“ vorbei ist, dann verschwinden normalerweise Essprobleme. Aber wenn dieses Essverhalten sich immer wiederholt und die Betroffenen nur vom Gefühl leben, dass sie mit dem Essen nicht aufhören können oder dass sie nicht mehr kontrollieren können, was und wie viel sie essen, (B. Brandl, 1994, S. 69) oder sie denken ständig an Kalorienverbrauch und haben panische Angst vor der Gewichtszunahme, dann übernimmt das Essen eine ganz andere Funktion, es wird als Mittel für die Lösung aller entstehenden Probleme betrachtet.

 

Wir unterscheiden in dieser Arbeit folgende Formen von Essstörungen:

 

1. die Magersucht (Anorexia nervosa)

2. die Ess-Brech-Sucht (Bulimia nervosa)

3. die Fettsucht (Adipositas). (I. Arenz-Greiving, 1999, S. 9)

 

Magersucht (Anorexia nervosa)


Henriette: „Zu Beginn wollte ich dem damaligen Schönheitsideal nacheifern und einige Kilogramm loswerden. Ich lebte streng nach einer 1000-Kalorien-Diät, nie aß ich mehr, eher ein bisschen weniger. Jede Kleinigkeit wog ich auf der Waage ab, die ich vorher mehrmals überprüfte. Ich aß nur Lebensmittel, von denen ich die Kalorienzahl genau wusste. Jedes mehr an Essen brachte mich in Gewissenskonflikte und rief Schuldgefühle in mir hervor. Zusätzlich zu dieser Diät machte ich täglich Gymnastik. Ich hatte mein Traumgewicht erreicht, aber ich lebte weiterhin Diät.“ ( Gerlinghoff 1996, S. 35)

 

Anna: „Ich war nur noch auf Essen fixiert, meine Gedanken kreisten darum: Wie schaffe ich den nächsten Tag ohne essen. Werde ich dem widerstehen können? Welche Ausrede kann ich benutzen, um bei der Einladung nicht essen zu müssen? (…) Gleichzeitig wälzte ich Kochbücher und bereitete Mahlzeiten für meine Familie zu. Ich wollte oft das Kochen übernehmen, denn ich wollte, dass die anderen essen, sich gehen lassen und dicker sind oder bleiben als ich. Das verschaffte mir Hochgefühl und Gefühle der Überlegenheit.“ ( Gerlinghoff , 1995, S. 72)

 

Die Magersucht betrifft überwiegend, nämlich zu über 90 Prozent, Frauen. Sie beginnt fast immer in der Adoleszenz, am häufigsten im Alter zwischen 14 und 18 Jahren. Die Magersucht beginnt mit dem einfachen Entschluss, mehr oder weniger abzunehmen.

Heutzutage ist es schon fast die Regel, dass die jungen Mädchen Diäten durchführen, um ein wenig abzunehmen. Aber wie kommt es dazu, dass diese Mädchen und Frauen, die schon ihre Traumfigur erreicht haben, nicht in der Lage sind, wieder normal zu essen, sondern sie entscheiden sich, weiter zu hungern. Die Betroffenen haben panische Angst, ihr Gewicht würde außer Kontrolle geraten und sie nehmen wieder Kilos zu, die sie mit solcher Mühe losgeworden sind. Die Betroffene benutzen dagegen Abführmittel in großen Mengen und kontrollieren ständig die Gewichtsabnahme. Die Nahrungsverweigerung oder starke Nahrungsbegrenzung führen zur Abmagerung. Viele Betroffene wollen nicht den Grad der Abmagerung und die Situation als Krankheit wahrnehmen. Sie fühlen sich mit ihrem Untergewicht und ihren abgemagerten Körpern ganz zufrieden. Einerseits erscheinen sie trotz der starken Abmagerung fleißig und zielstrebig, aber anderseits verweigern sie Kommunikation und Fürsorge. Die Magersüchtigen leiden ständig unter einem Hungergefühl. (I. Arenz-Greiving, 1999, S. 11)

Sie denken nicht nur ständig an das Essen, sondern sie beschäftigen sich damit. Die Betroffenen kochen gerne für die Familie, aber sie selbst denken sich verschiedene Tricks und Lügen aus, um nicht zu essen. Sie denken, dass sie ihr Leben und die entstehende Situation unter Kontrolle haben. Sie versuchen immer, die Hungergefühle zu unterdrücken, wodurch der Wunsch nach Essen immer mehr steigt. Das führt zu anfallsartigen Fressattacken. Für manche Betroffene, bei denen das immer wieder vorkommt, ist das der Beginn der Bulimie. (T. Habermas, 1994, S. 16-18)

Die Magersucht führt zu psychischen und physischen Folgen. Ständige Unterernährung kann zu Haarausfall, Ausbleiben der Regelblutungen und Knochenbrüchigkeit führen. Dem Körper werden ständig wichtige lebensnotwendige Stoffe entzogen. Durch schlechte Durchblutung wird Herz, Nieren und Gehirn dauerhaft geschädigt. Die Magersüchtigen kleiden sich in weite Kleidung, damit niemand ihre ausgemergelten Körper bemerkt. Das führt dazu, dass die Krankheit erst später erkannt wird. (I. Arenz-Greiving, 1999, S. 12)

 

Die Anorexia nervosa wird nach folgenden Kriterien diagnostiziert:

 

DSM IV:307.1 Diagnosekriterien für Anorexia nervosa

Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disordners der American Psychiatric Association

 

A: Das Körpergewicht wird absichtlich nicht über dem der Körpergröße oder dem Alter entsprechenden Minimum gehalten, d.h. Gewichtsverlust auf ein Gewicht von 85% oder weniger des zu erwartenden Gewichts bzw. während der Wachstumsperiode Ausbleiben der zu erwartenden Gewichtszunahme mit der Folge eines Gewichts von 85% oder weniger des zu erwartenden Gewichts.

B: Starke Angst vor Gewichtszunahme oder Angst vor dem Dickwerden, obgleich Untergewicht besteht.

C: Störung der eigenen Körperwahrnehmung hinsichtlich Gewicht, Größe oder Form, d.h. die Person berichtet sogar im kachektischen Zustand, sich zu dick zu fühlen, oder ist überzeugt, ein Teil des Körpers sei zu dick, obgleich ein offensichtliches Untergewicht besteht.

D: Bei Frauen Aussetzen von mindestens drei aufeinanderfolgenden Menstruationszyklen, deren Auftreten sonst zu erwarten gewesen wäre (primäre oder sekundäre Amenorrhoe). (M. Teufel/ S. Zipfel, Anorexia nervosa und Bulimia nervosa im Erwachsenenalter. In: Herpertz/de Zwaan/Zipfel (Hg.), Handbuch Essstörungen und Adipositas, 2008, S. 15 )

 

Kriterien nach ICD-10:F50.0; International Classification of Diseases (WHO)

 

1. Tatsächliches Körpergewicht mind. 15% unter dem zu erwartenden Gewicht oder Body-Mass-Index von 17,5 oder weniger (bei Erwachsenen)

2. Der Gewichtsverlust ist selbst herbeigeführt durch Vermeidung von hochkalorischer Nahrung und zusätzlich mind. eine der folgenden Möglichkeiten:

A. selbstinduziertes Erbrechen

B. selbstinduziertes Abführen

C. übertriebene körperliche Aktivität

D. Gebrauch von Appetitzüglern und/oder Diuretika

3. Körperschemastörung in Form einer spezifischen psychischen Störung

4. Endokrine Störungen, bei Frauen manifest als Amenorrhö

5. Bei Beginn der Erkrankung vor der Pubertät ist die Abfolge der pubertären Entwicklung gestört. (ebd.)

 

Ess-Brech-Sucht (Bulimia nervosa)


Eine Betroffene: „Ich denke den ganzen Tag ständig ans Essen. Es ist das wichtigste in meinem Leben. Doch es sind keine schönen Gedanken. Das Essen macht mir Angst. Es bedroht mich. Zurzeit überfällt mich jeden zweiten Tag ein Heißhungergefühl und ich fresse alles in mich hinein. Zwangsläufig muss ich mich dann übergeben. Im ersten Moment fühlte ich mich nur befreit, aber bald stellen sich Gewissensbisse ein, ich bekomme Schuldgefühle. Ich frage mich, warum hast Du das getan, aber ich finde keine Antwort.“ (I. Arenz-Greiving, 1999, S. 16)

 

Die Bulimie wird als eine Essstörung mit Heißhungerattacken und anschließendem selbstinduziertem Erbrechen und/oder Missbrauch von Abführmitteln bezeichnet. Die Heißhungerattacken können mehrmals am Tag oder ein paar Mal in der Woche auftreten. Die Bulimie kann ganz unauffällig beginnen. Die Perioden, während die Frau das Gegessene erbricht, kommen manchmal mit langen Pausen vor, um die Gewichtszunahme zu regulieren. Und die Frau scheint dies unter Kontrolle zu halten. Aber im Laufe der Zeit wird mehr Nahrung während der Fressattacken aufgenommen und wird häufiger erbrochen. Die Betroffenen kann man schlecht erkennen, sie sind meistens normalgewichtig und sehen gepflegt und attraktiv aus. Sie erscheinen bedürfnislos, leistungsfähig und unabhängig. (P. Focks, 1994, S. 17ff. )

Die Bulimiekranken leiden unter starken Schuldgefühlen nach ihren Fressattacken und folgendem Erbrechen, sie fühlen sich ekelhaft und abscheulich. Die meisten Betroffenen können sich selbst und ihren Körper nicht leiden. Sie haben große Angst, erwischt und dabei von Freunden und Bekannten abgelehnt zu werden. Ebenso wie bei Magersucht können bei Bulimie wichtige Organe beschädigt werden. Das Ausbleiben der Monatsblutungen, Verstopfung aufgrund des Missbrauchs von Abführmitteln und Schwellungen der Speicheldrüse vom Erbrechen werden bei Betroffenen festgestellt.

Diese Frauen leiden unter Depressionen und Minderwertigkeitskomplexen, zugleich suchen sie nach eigener Persönlichkeit und sehnen sich nach Zärtlichkeit und Liebe. Aber der Teufelkreis zwischen Perfektion und Schuld- und Ekelgefühlen wird für sie immer enger. (I. Arenz-Greiving, 1999, S. 17-18)

 

Die Kriterien zur Erstellung der Diagnose sind:

DSM IV: 307.51 Diagnosekriterien für Bulimia nervosa

 

A. Wiederholte Episoden von Fressanfällen (schnelle Aufnahme einer großen Nahrungsmenge...

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