Mitteilungsheft: Leider hat Lukas

Mitteilungsheft: Leider hat Lukas

 

 

 

von: Niki Glattauer

Verlag Kremayr & Scheriau, 2013

ISBN: 9783218009010

Sprache: Deutsch

192 Seiten, Download: 6921 KB

 
Format:  EPUB, auch als Online-Lesen

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Mitteilungsheft: Leider hat Lukas



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Sonntag, 10. 10.


„Wenn es Ihnen recht ist, werde ich am Mittwoch bei Ihnen erscheinen.“ Erscheinen! Habe ich das wirklich geschrieben? Mein Gott, Walter, da hast du ja eine hübsche Schleimspur gezogen . Aber was soll’s, du hast es für Lukas getan, für den würdest du noch ganz andere Sachen tun. Für Laura sowieso. Aber die braucht noch nicht viel. Die sagt noch Mami und Papi, zeigt brav auf, wenn sie etwas sagen will, und ist, wenn sie in der Früh aufsteht, neun von zehn Mal gut aufgelegt. Denn zwischen einem 9-jährigen Kind und einem 13-jährigen Kind liegen nicht vier Jahre, das will einen nur die Mathematik glauben machen, zwischen einem 9-jährigen Kind und einem 13-jährigen Kind liegen mindestens zehn Jahre. Mit 13 ist man offensichtlich dauersauer. Was im Fall von Lukas schon beim Aufstehen beginnt und letztlich eh auch wieder kein Wunder ist, wenn du jeden Tag bereits 0:3 im Rückstand liegst, bevor das Spiel überhaupt begonnen hat. Und Lukas hat zwar ein paar Kilos zu viel, aber eine dicke Haut hat er deswegen trotzdem nicht. Englisch – spanische Dörfer für ihn. Mathe – spanische Dörfer. Geometrie – Dörfer auf dem Mars. Lukas ist kein Sportler, Lukas ist kein Mathematiker, Lukas wird in diesem Leben auch nicht Architektur studieren, und wenn sich das Bine hundertmal von ihm wünscht.

– Glaub mir, Schatz, er muss als Architekt nicht gut zeichnen können. Vergiss Zeichnen. Das kommt später von allein. Er muss Ideen haben. Und Lukas hat Ideen. Er muss einen Blick für die Welt haben. Und Lukas hat einen Blick. Stimmt’s, Lukas?

– Ich weiß nicht, was du meinst, Mutter.

– Sag nicht Mutter, das mag ich nicht.
Findest du es zum Beispiel gut, dass das städtische Straßenbild überall von Autos dominiert wird? Von hässlichen, stinkenden, lärmenden und auch noch die Umwelt belastenden Blechdingern, von denen jedes 20 Quadratmeter Platz braucht und nach jedem Halt eineinhalb Tonnen Eigengewicht in Bewegung setzen muss, nur um eine Person von sagen wir 80 Kilo von A nach B zu befördern?

– Aha. Und wie kommt diese Person sonst von A nach B?

– Mit Öffis? Mit der U-Bahn? Mit der Straßenbahn, mit dem Bus? Öffis sind effizient, vergleichsweise sauber und erlauben ein ästhetisches Stadtbild. Straßen, Plätze, Hausfassaden, Menschen: All das wäre wieder sichtbar, wenn wir die Autos aus der Stadt verbannen würden. Autos sind scheiße. Aut…

– Und wieso haben wir dann zwei?

Um ehrlich zu sein: Ich habe null Ahnung, wofür Lukas talentiert ist. Dabei sollst du als Eltern schon in der Volksschule die Weichen stellen. Jetzt wieder bei Laura. Die Lehrerin am Elternabend zum vollzählig versammelten Publikum: „Fangen Sie damit an, die Weichen zu stellen. Achten Sie darauf, ob Ihr Kind eher sprachlich oder naturwissenschaftlich begabt ist.“ Ich dachte ja lange Zeit, der nächste Satz würde so lauten: „Danach entscheiden Sie, ob Sie es in eine neusprachliche oder naturwissenschaftliche Schule geben.“ Inzwischen weiß ich, wie der nächste Satz wirklich geht: „Sollte das der Fall sein, dann geben Sie es ins Gymnasium.“ Falls ein Kind nämlich irgendwo begabt ist, egal wo, gibt man es heutzutage auf ein Gymnasium. Falls es hochbegabt ist, auf das Hochbegabten-Gymnasium.

Lukas haben wir, als es so weit war, ins Normalbegabten-Gymnasium gegeben. Ich meine, trotz: „Achten Sie darauf, ob Ihr Kind eher sprachlich oder …“ Schwer darauf geachtet, leider keine Begabung erkannt, trotzdem Gymnasium. Und jetzt heißt es Durchkommen. Aber das war immer schon so. Gezählt hat immer schon nur eines: Durchkommen. Das war früher nicht anders:

– Gruber, so wirst du nicht durchkommen!

– Wie, so, Herr Professor?

– Indem du ununterbrochen störst.

– Ich hab den Gottfried nur gefragt, wie …

– Du sollst aber nichts fragen, wenn ich etwas erkläre. Mach mit – oder fall mir wenigstens nicht auf!

– Ja, Herr Professor.

Durchkommen heißt es allerdings nur auf der einen Seite der Front, auf der anderen Seite heißt es: Durchlassen. Und da kann einer durchkommen wollen, so viel er will, wenn auf der anderen Seite jemand sitzt, der ihn nicht durchlässt, hat er keine Chance. Wie hatte Sabine also letztens beim gemütlichen Abendessen unter dem Fernseh-Altar begonnen: „Lukas, wenn das mit dir so weitergeht, lässt dich die Söllner heuer nicht durch.“ Freitag, ca. 19.35 Uhr. Sabine, Laura, Lukas und ich bei Spaghetti Bolognese, Marie-Claire Zimmermann mit den Weltnachrichten am Bildschirm auf dem Fernseh-Altar:

– Wenn das mit dir so weitergeht, Lukas, lässt dich die Söllner heuer nicht durch.

– Wie, so weitergeht.

– Dass du nichts auf die Reihe kriegst. Hefte, Schreibzeug, Hausschuhe. Du weißt, was ich meine.

– Pscht!

– Nein, weiß ich nicht.

– Pscht jetzt bitte!

– Wieso besorgst du dir deine GZ-Sachen eigentlich nicht selber? Du wirst dir doch noch einen Radiergummi und ein paar Lineale auch ohne mich besorgen können.
Und dann würde ich auch noch gerne wissen, was du in Turnen mit deinem Piercing anstellst, dass das jetzt sogar im Mitteilungsheft steht.

– Selber besorgen. Supernett! Wenn die Laura etwas braucht, gehst du immer mit ihr!
Gib’s zu, Laura, wenn du etwas brauchst, geht die Mami immer mit dir.

– Die Laura ist neun, Lukas, no-hoin. Und sie ist in der Volksschule. Volksschulkinder gehen noch nicht allein einkaufen, okay?
Und die Hausschuhe müsstest du nur endlich einpacken. Die liegen im Schuhkasten. Oder soll ich jetzt deine Schultasche auch wieder kontrollieren?

– Ich scheiß auf Hausschuhe. Ur schwul. Ur Caritas.

– Könnt ihr jetzt, verdammt noch einmal, endlich still sein. Da geht’s um die amerikanische Präsi…

– Lukas, red bitte nicht so: ur schwul, ur Caritas. Weißt du überhaupt, was die Caritas ist? Ohne die Caritas könnten Millionen arme Menschen weltw…

– Mir sind aber die Millionen armen Menschen weltweit egal. Und, Vater, es heißt, wenn schon, US-amerikanisch, es heißt nicht amerikanisch. Amerika ist ein Kontinent, zwei Kontinente sogar, nicht nur ein Land. Da ist noch Kanada. Und Mexiko. Und vom mexikanischen Präsidenten sprichst du ja nicht, oder?

– ---

– Oder?

– Von was spreche ich nicht? Vom mexikanischen Präsi… Zum Kuckuck, was willst du mir eigentlich sagen?

– Er will dir sagen, Wawa, dass du nicht erwarten kannst, dass …

– Und du nenn mich bitte nicht Wawa! Es genügt, dass meine Mutter noch immer Wawa zu mir sagt.

– … dass alle still sind, nur weil du glaubst, dass du et…

– Ich nenne dich schließlich auch nicht Kälbchen.
Und jetzt endgültig pscht!

– … dass du etwas versäumst, wenn du nicht jeden Tag Nachrichten schaust.

– Er schaut nicht Nachrichten, er schaut Zimmermann.

– Erstens, lieber Wawa, hat mich nur meine blöde Schwester Kälbchen genannt, und zweitens solltest du wissen, dass dein Herr Sohn offenbar gerade alles daran setzt, heuer sitzenzubleiben.
Und WAS schaut er?

– Marie-Claire Zimmermann. Vater steht auf Marie-Claire Zimmermann, weißt du das nicht?

– DÜRFTE ICH BITTE DIE NACHRICHTEN HÖREN!!!
ESST! UND HALTET ENDLICH DIE KLAPPE!!!

– Ich hab geglaubt, ich bin zu dick und soll nicht so viel essen.

– Du stehst echt auf diese Zimmermann?

Mitteilungsheft


Reingard Söllner

Montag, 11. Oktober

Sehr geehrter Herr Gruber!

Es freut mich, dass ich mich in Zukunft an Sie wenden kann, gern in der von Ihnen gewünschten Form, besonders freut es mich, dass Sie die Zeit finden, zu einem persönlichen Gespräch in die Schule zu kommen.

Allerdings bin ich am Mittwoch mit einer Klasse auf Lehrausgang. Ich kann Ihnen jedoch Donnerstag nächster Woche anbieten, donnerstags halte ich von 11 bis 12 Uhr meine Sprechstunde. Es kann sein, dass Sie ein paar Minuten warten müssen, denn an diesem Tag habe ich bereits zwei andere Mütter.

Leider muss ich Ihnen mitteilen, dass sich die BS-Lehrerin erneut darüber beklagt hat, dass Lukas sich weigert, sein Nasenpiercing abzunehmen.

Anbei noch eine Auflistung der Beiträge, die wir zu Jahresbeginn in der 3A einheben müssen. Insgesamt sind € 112,50 zu bezahlen. Wie Sie sehen, inkludiert das bereits den Beitrag für Kochen, den Unkostenbeitrag für Werken sowie die Klassenkassa.

Mag. Reingard Söllner

Walter Gruber

U: gesehen, Walter Gruber

Lukas

11. Oktober

Am Mittwoch endet der Unterricht um 11.50. Glasur des Lehrkörpers.

Walter Gruber

U: gesehen, Walter Gruber

PS: Er weiß jetzt auch, dass das Ding Klausur heißt.

Lukas

Am nächsten Di. oder Mi. kommt der Fotograf, schön anziehen. Keine...

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