RAGE - Gerechter Zorn - Thriller

RAGE - Gerechter Zorn - Thriller

von: Jens Johler, Christian Stahl

dotbooks GmbH, 2021

ISBN: 9783966559034

Sprache: Deutsch

411 Seiten, Download: 743 KB

 
Format:  EPUB, auch als Online-Lesen

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RAGE - Gerechter Zorn - Thriller



ORONNO


Er war am Ende der Iffley Road angekommen. Der Himmel über der Stadt war ungewöhnlich klar und blau. Der leicht modrige Geruch ruhenden Kanalwassers mischte sich mit der frischen Frühlingsluft. Bis zur Magdalen Bridge waren es nur noch wenige Meter. Der vibrierende Motorenlärm der dahinter liegenden High Street drang jetzt stärker an sein Ohr. Zwischen den Sandsteinpfeilern der Brücke sah er die Silhouette des alten Bettlers, der immer an derselben Stelle der Magdalen Bridge saß und Wegezoll verlangte. Es gab eine Menge Bettler hier in Oxford. Sie kamen aus dem ganzen Land und profitierten auf ihre Weise von dem Luxus, den sich die Colleges gönnten. Der Alte auf der Magdalen Bridge war allerdings kein gewöhnlicher Bettler. Er bettelte nicht. Er saß, in Mäntel, Jacken und Pullover gehüllt, einfach nur da, vor sich einen zerschlissenen Filzhut und ein Kofferradio und schaute die vorübereilenden Passanten und Studenten an. Das genügte. Seine grünen Augen, die in kleinen Höhlen über einer mächtigen Nase lagen, zwangen Zahlungsunwillige in der Regel dazu ihre Meinung zu ändern, ohne dass es eines Wortes bedurfte. Nur wer sich des tadelnden Blickes ungeachtet ohne Eintritt über die Brücke schleichen wollte, wurde mit einem auffordernden »Goo’ morning« oder »Goo’ afternoon« an seine Pflicht erinnert, wobei der Alte dem Dialekt dieser Gegend entsprechend den T-Laut verschluckte. Wer seinen Wegezoll entrichtet hatte, bekam dafür vom Wächter der Brücke ein freundliches Lächeln, wobei er eine Reihe halb verfaulter Zähne sehen ließ, in deren Mitte ein einzelner Goldzahn prangte.

Hamlet Mueller kramte seine Münzen aus der Tasche. Der Alte imponierte ihm. Weder Regen noch Kälte oder Schnee schienen ihn zu erschüttern. Einmal war Hamlet spät abends während eines heftigen Gewitters von seiner Wohnung bis zur Brücke gelaufen, nur um zu sehen, ob der Alte auch jetzt noch da wäre. Er war da. Er saß unter einer Plastikplane, auf die der Regen prasselte, sog an einem Zigarettenstummel und sprach mit sich selbst. Und während Hamlet am nächsten Morgen von einer heftigen Erkältung geplagt wurde, war der Alte immer noch kerngesund. Manchmal kam es Hamlet so vor, als sei der Alte vor über achthundert Jahren zusammen mit der Zeit eingefroren und verlangte seitdem mit der immer gleichen Geste seinen Wegezoll.

Aber heute war es anders. Der Alte war sichtlich aufgeregt, fuchtelte mit den Armen in der Luft herum, lachte laut, ja fast hysterisch, und rief den Passanten unverständliches Zeug hinterher. Er begrüßte auch Hamlet mit einem fast schon euphorischen »Goo’ morning, Sir« und strahlte ihn dabei mit einem so breiten Lächeln an, dass sein Goldzahn in der Sonne funkelte.

Hamlet warf ihm ein paar Münzen in den Hut und grüßte zurück. »Schöner Tag heute, nicht wahr?«

»Wunnavoll«, sagte der Alte, »isser wirklich. Wunnavoll.«

Neugierig geworden, worüber sich der Alte so freudig erregte, hakte Hamlet nach: »Ihnen scheint der Tag heute besonders gut zu gefallen.«

»Yessir.«

»Wegen des schönen Wetters?«

»Yessir.« Er grüßte lachend ein paar Passanten, die hinter Hamlet vorbeischlenderten und dabei ihren Tribut entrichteten.

»Aber es gibt noch was anderes, worüber Sie sich so freuen?«

»Yessir.«

»Was ist es?«

Der Alte runzelte die Stirn und blickte Hamlet mit einem fragenden Blick an. Das fröhliche Lächeln ging über in einen Ausdruck angestrengter Konzentration. Dann nahm der Alte das Kofferradio, hielt es sich erst an die Ohren und schwenkte es dann beschwörend in Hamlets Richtung. »Oronno.« hauchte er leise. »Oronno.« Seine Stimme wurde lauter: »Oronno.« Er wiederholte das Wort ein viertes, fünftes, sechstes Mal. Er spielte mit dem Wort. Er deklamierte es. Er verschluckte es und brachte es dann so behutsam und vorsichtig wieder hervor, als könnte es durch die bloße Aussprache zerbrechen: »Oronno.«

Zögernd setzte Hamlet seinen Weg fort. Aber auch als er schon vom Rauschen des Straßenverkehrs auf der High Street umgeben war, hörte er den Wächter der Brücke aus der Ferne noch »Oronno« rufen. Was auch immer das zu bedeuten hatte.

Ein schmaler Gehsteig führte vorbei am Magdalen College, zu dem die Brücke ursprünglich gehört hatte. Hier begann das universitäre Oxford, eine Parallelwelt, die sich vor über achthundert Jahren selbst erschaffen und beschlossen hatte, den Traum der ewigen Wissenschaft zu träumen. Um ja nicht aus diesem Traum geweckt zu werden, hatte die Stadt die Zeit aus ihren Mauern verbannt. Anders konnte sich Hamlet nicht erklären, warum erwachsene Menschen immer noch am hellichten Tag in Talaren herumliefen, vor jeder Mahlzeit lateinische Tischgebete sprachen, und dass auch er wie selbstverständlich mit den anderen Dozenten und Professoren allabendlich am High Table speiste – einem nur für das Lehrpersonal bestimmten Tisch, der auf einer Art Bühne im Speisesaal des Colleges stand. Und das im Angesicht der Studenten, die im selben Saal aßen, beim Einzug der Professoren aufstanden und zusahen, wie ihren Lehrern ein erlesenes Drei-bis-vier-Gänge-Menü serviert wurde, während sie selbst das übliche Kantinenessen bekamen.

Bis zum Queen’s College, an dem Hamlet lehrte, war es nicht mehr weit. Das College war 1341 gegründet worden und galt im strengen internen Ranking der Lehranstalten als zu jung, um das Prädikat altehrwürdig zu tragen. Viele seiner Gebäude stammten sogar erst aus dem siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert und galten in Oxford daher als minderwertige Neubauten. Sie erinnerten Hamlet mehr als ihm lieb war an das rote Backsteingebäude der Harvard Medical School, in dem sich Saras Labor befand.

Sara ohne h, wenn’s recht ist. Das waren die ersten Worte, die er von ihr gehört hatte. Dann war sie aufgestanden, hatte sich leicht über den Schreibtisch seines Vaters gebeugt, hatte seinem Vater den Stift aus der Hand genommen und das h aus ihrem Vornamen auf dem Formular gestrichen, das er gerade ausfüllte. Es war reiner Zufall gewesen, dass Hamlet seinen Vater ausgerechnet an diesem Tag im MIT – dem Massachusetts Institute of Technology – besucht hatte, an dem dieser zusammen mit der jungen Kollegin von der Harvard Medical School den Forschungsantrag ausfüllte. Sara ohne h und mit einer Stimme, die Hamlet bis ins Mark getroffen hatte. Einer seltsamen, eigenartigen, irgendwie gebrochenen Stimme, die ihn zugleich gerührt und alarmiert hatte. Einer Stimme, auf die er hören wollte, hören musste, und die er nie wieder hören würde.

Nicht weiterdenken. Nicht weiter denken. Sonst überkam sie ihn wieder, diese lyrische Stimmung, die ihn in Selbstmitleid zerfließen ließ. Diese Zustände hatte er jetzt oft genug erlebt. Es reichte.

Er war jetzt an dem Eingangstor angelangt, das in einen steinernen Rundbogen eingelassen war, und stieg die Stufen hoch. Vor zweieinhalb Jahren, als er das College das erste Mal betreten hatte, war es ihm fast unwirklich sauber und frisch gestrichen vorgekommen. Inzwischen zierten diverse Graffiti die alten Mauern. Auch die Außenfassade war nicht verschont geblieben. Mit schwarzer Sprühfarbe hatten Unbekannte vor ein paar Wochen NO GLOBAL auf den Sockel gesprüht. Daneben stand ein umgedrehtes Ausrufungszeichen, das Zeichen der radikalen Globalisierungskritiker.

Es war jetzt kurz nach halb zehn. Hamlet wollte gerade die Tür zum Sekretariat öffnen, als ihm auffiel, dass er durch ein völlig menschenleeres College lief. Selbst die Porter’s Lodge war leer. Er blickte sich um. In keinem der Gänge, die den ersten Innenhof säumten, war auch nur ein einziger Student zu sehen.

Hamlet lief quer über den Rasen des Innenhofs (was eigentlich verboten war, aber da kein Pförtner da war, konnte es ihm egal sein) und gelangte durch den schmalen Gang zwischen Küche und Speisesaal in den hinteren Teil des Colleges. Auch der zweite Innenhof war menschenleer. Ebenso der Fellow’s Room, das Zimmer der Dozenten, das im ersten Stock des zweiten Hofs lag. Ein Blick auf den kleinen botanischen Garten brachte dasselbe Ergebnis. Gähnende Leere. Das College war wie ausgestorben. Wo waren die alle?

Sie waren im Middle Common Room. Dicht an dicht drängten sich Studenten, Professoren, Küchenpersonal und Pförtner, um auf den Fernseher zu sehen, der an der Stirnwand des Raumes aufgestellt worden war. Die vorderen Reihen saßen oder knieten, dahinter hatte sich ein Pulk von Menschen gebildet, der bis zur Tür reichte. Die später Gekommenen standen auf Stühlen, Tischen oder Sofas, um etwas von den Fernsehbildern mitzubekommen. Keiner sprach ein Wort. Stattdessen hörte Hamlet die Stimme von Katie Clooney:

»Wie wir soeben erfahren haben, ist auch der europäische Außenminister seinen Verletzungen erlegen. Damit hat der Terror hier in Toronto sein neunzehntes Opfer gefordert. Dieses grauenhafte, blutige Attentat...«

Oronno! Das also hatte der Alte gemeint.

Hamlet drängelte sich weiter in den Raum hinein. Endlich fand er eine Position, von der aus er den Bildschirm sehen konnte. NOW zeigte gerade, wie sich die Staats- und Regierungschefs der G-20-Staaten zum Gruppenfoto versammelten. Die vierzig wichtigsten Männer und Frauen der Welt lächelten wie auf Befehl ihrem Millionenpublikum zu. Doch nun, auf einmal, vibrierte das Bild, die Kamera schwenkte unmotiviert kurz nach links und dann nach rechts, ein Zucken schien durch die eben noch kerzengerade dastehenden Staatsmänner und -frauen zu fahren. Dann ging es los. Als Erster fiel der französische Präsident um, dann seine Handelsministerin, dann die deutsche Kanzlerin, und so weiter. Nach und nach zuckten die Körper der Menschen auf dem Podest zusammen und stürzten zu Boden. Blut spritzte. Panik brach aus. Das...

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