Blau mit ganz viel Glitzer - Das Leben mit meinem trans* Kind

Blau mit ganz viel Glitzer - Das Leben mit meinem trans* Kind

von: Maria Vöckler, Sara Schurmann

Querverlag, 2022

ISBN: 9783896566829

Sprache: Deutsch

0 Seiten, Download: 440 KB

 
Format:  EPUB, auch als Online-Lesen

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Blau mit ganz viel Glitzer - Das Leben mit meinem trans* Kind



Kapitel 1


„Ich hätte gern so lange Haare wie Elsa und Mama.“

Draußen ist es noch dunkel, der Tag hat gerade erst begonnen. Luis und Finn stolpern in die Küche, murmeln leise „Morgen“ und lassen sich auf ihre Stühle plumpsen. „Guten Morgen“, antworte ich mit einem Lächeln, während ich ihnen jeweils eine Tasse mit Kakao vor die Nase stelle.

Finn greift direkt zu, schnappt sich eine Scheibe Toast und legt darauf Finn-Wurst, auch Putenbrust genannt.

Luis schaut dagegen unschlüssig auf den gedeckten Tisch.

„Was möchtest du essen?“, frage ich ihn, dabei kenne ich die Antwort bereits.

„Mama-Wurst“, kommt es wie erwartet zurück. Mama-Wurst nennt Luis Bierschinken. Eins der wenigen Dinge, die er mag. Im Gegensatz zur Papa-Wurst, seine Bezeichnung für Paprikalyoner.

Also schiebe ich ihm die Packung rüber, aus der er sich langsam eine Scheibe nimmt und akkurat auf seinen Toast legt. Noch aber liegt sie nicht perfekt, die Wurstkante muss genau über der Brotkante liegen.

Ich kenne das Schauspiel, beobachte es aber immer wieder mit einer anfänglichen Faszination und zunehmender Ungeduld.

„Nächste Woche ist Karneval“, werfe ich in die Runde, um mich etwas abzulenken.

Luis ist gerade vier Jahre alt geworden. Bei ihm im Kindergarten wird es eine kleine Feier geben, zu der alle Kinder verkleidet kommen sollen.

„Ich habe für dich ein richtig süßes Kostüm gekauft“, sage ich zu ihm, fast beiläufig.

Kurz denke ich an vergangenes Jahr, als ich ihm ebenfalls ein „richtig süßes“ Kostüm gekauft hatte. Luis war damals alles andere als begeistert, hatte sich aber schließlich überreden lassen und war als plüschiges Monster gegangen. Dieses Jahr wird er sich hoffentlich etwas mehr freuen, denke ich. „Es ist ein Feuerwehrmann-Kostüm.“

„Ich will aber eine Prinzessin sein“, sagt Luis und schaut von seinem Wurstbrot auf. „So wie Annika.“

Ich seufze. „Luis, das hatten wir doch schon letztes Jahr. Du bist ein Junge und kannst nicht als Prinzessin gehen. Das ist ein Kostüm für Mädchen.“

„Ich will aber“, antwortet er. „Bitte, Mama!“ Er schaut mich durch seine blaue Brille mit großen Augen an.

Letztes Jahr fiel es mir leichter, nein zu sagen. Aber Luis ist älter geworden, kann mittlerweile immer besser seine Meinung durchsetzen. Und er liebt es, sich zu verkleiden.

In den vergangenen Monaten ist es eines seiner größten Hobbys geworden. Auf Bitten und Drängen habe ich ihm ein Kleid gekauft, das er sich seitdem regelmäßig anzieht und dann stolz damit durch die Wohnung spaziert. Kinder lieben nun mal Rollenspiele, das weiß ich noch aus meiner eigenen Kindheit. Vater-Mutter-Kind spielt jede*r mal, ich selbst war dabei nur allzu oft der Vater. Luis’ fünf Jahre älterer Bruder Finn hatte früher eine Spielküche, in der er als Mutter für die Familie gekocht hat. Selbst mein Mann Cai findet das Hobby seines jüngsten Sohnes nicht besonders ungewöhnlich. Aber bisher hat das eben immer nur zu Hause stattgefunden. Andererseits, zum Karneval gehört es doch gerade dazu, sich zu verkleiden und in eine andere Rolle zu schlüpfen.

Luis schaut mich immer noch erwartungsvoll an. „Na gut“, sage ich. „Ich werde später mal Denise und Susanne fragen, was sie von der Idee halten.“ Die beiden sind Luis’ Erzieherinnen, die ich in solchen Fällen lieber um Rat bitte.

Die Freude über meine Antwort ist Luis anzusehen, auch wenn er sich sonst kaum Gefühle anmerken lässt. Im nächsten Moment mümmelt er weiter an seinem Wurstbrot, das er noch nicht mal zur Hälfte aufgegessen hat. Finn ist dagegen längst fertig mit dem Frühstück.

„Geh du doch schon mal Zähne putzen“, sage ich zu meinem Älteren. Murrend steht er auf und läuft zum Badezimmer.

„Es wird wirklich langsam Zeit“, sage ich dann mit einem Blick auf die Uhr zu Luis. Der aber rutscht mit seinem Popo unruhig auf dem Stuhl hin und her, die Lust am Essen verschwindet zusehends. Nach fünf weiteren Minuten ist es endlich geschafft; Zeit fürs Zähneputzen bleibt jetzt eigentlich nicht mehr.

„Das ist aber unfair, wenn sich Luis nicht die Zähne putzen muss und ich schon“, ruft Finn von nebenan herüber. Da hat er auch recht. Also laufe ich leicht gestresst mit Luis zum Waschbecken, packe Zahnpasta auf die Bürste und helfe ihm beim Putzen in Turbogeschwindigkeit.

Wir schaffen es gerade noch rechtzeitig zum Kindergarten, der mitten im Dorf liegt. Wobei die Bezeichnung „Dorf“ etwas irreführend ist, denn eigentlich handelt es sich dabei um den Ortsteil einer Großstadt im Ruhrgebiet. Aber weil hier jede*r jede*n kennt, passt Dorf dann doch ganz gut.

Während ich Luis in der Garderobe des Kindergartens beim Ausziehen seiner Jacke helfe, kommt Denise herein. „Guten Morgen, Luis“, sagt sie liebevoll, während sie sich zu ihm hinunterbeugt. Dann richtet sie sich wieder auf, um mich zu begrüßen. „Und guten Morgen, liebe Maria!“ Ihre übertriebene Freundlichkeit irritiert mich jedes Mal.

„Guten Morgen“, sage ich und füge gleich danach an: „Kann ich dich gleich mal was fragen?“

„Ja klar“, antwortet sie und bleibt wartend stehen.

Ich gebe Luis zum Abschied einen Kuss und lasse ihn in den Gruppenraum laufen, wo bereits zwei Freundinnen auf ihn warten. Gemeinsam verschwinden sie in die Puppenecke.

Ich drehe mich zu Denise.

„Nächste Woche ist ja die Karnevalsfeier“, fange ich an. „Und eigentlich hatte ich schon ein Feuerwehrmann-Kostüm für Luis gekauft, aber er will unbedingt als Prinzessin gehen. Das hat er sich schon letztes Jahr gewünscht. Meinst du, das wäre in Ordnung?“ Unsicher schaue ich sie an.

„Aber natürlich“, antwortet sie mit einem aufgesetzten Lächeln. „Luis kann kommen, wie er möchte. Das ist gar kein Problem!“

Ich bin erleichtert. „Super, das wird ihn total freuen!“

Und wie sich Luis freut! Als ich ihm mittags die Nachricht überbringe und wir direkt zum nächsten Laden mit Kinderkostümen fahren, kann ich in seinen Augen die Dankbarkeit erkennen. Dass wir uns allein über Blicke verständigen können, wir darüber ein tiefes Band zueinander verspüren, war nicht immer so.

Während Finn von Beginn an gern mit mir auf dem Sofa gekuschelt hat, ging von Luis stets eine gewisse Distanz aus. Küsse oder Umarmungen ließ er zwar über sich ergehen, aber von sich aus wäre er nie zu mir gekommen. Sehr zu meinem Leidwesen, denn ich liebe Nähe und Geborgenheit. Dann aber kam es zu einem Vorfall in Luis’ erstem Kindergarten, der uns regelrecht zusammengeschweißt hat.

Die Kinder hatten in der Turnhalle gespielt, darunter auch mein damals zweijähriger Sohn. Luis kletterte eine Sprossenwand hoch, fiel herunter und tat sich weh. Als die Erzieherinnen davon erfuhren, gaben sie ihm ein Coolpack. Damit hatte sich der Fall für sie erledigt.

Als ich mittags zum Kindergarten kam, lief Luis direkt zu mir und ließ sich regelrecht in meine Arme fallen. Ein solches Verhalten war ziemlich ungewöhnlich für ihn. Doch erst als wir allein in der Garderobe standen, kullerten bei ihm die Tränen. Erstaunt fragte ich bei den Erzieherinnen nach und erfuhr so, was in der Turnhalle passiert war. Wieso sie mich dann nicht angerufen hätten?, wollte ich aufgebracht wissen. Es sei doch alles in Ordnung gewesen, kam als Antwort. Von wegen alles in Ordnung.

Im Krankenhaus stellte sich heraus, dass Luis’ Mittelfuß gebrochen war und er damit mehrere Stunden umhergehumpelt war. Nur weil er kaum Gefühle zulässt und erst recht nicht vor anderen zeigt, hatten die Erzieherinnen die Situation vollkommen unterschätzt.

Zwischen Luis und mir aber hatte sich an diesem Tag etwas verändert. Und zwar zum Positiven. Es war fast so, als ob er in dieser Situation zum ersten Mal gemerkt hätte, dass er sich auf mich zu hundert Prozent verlassen kann. Kuscheln gehört zwar immer noch nicht zu seinen Lieblingsbeschäftigungen, aber auf seine Art zeigt er mir seitdem seine Liebe und sein Vertrauen. Und das funktioniert vor allem über seine Blicke.

„Mama?“ Luis’ Stimme reißt mich aus meinen Erinnerungen und katapultiert mich zurück in die Realität des Shoppens mit einem vierjährigen Kind. „Das Kostüm will ich haben!“

Er zeigt auf einen Traum aus blauem Tüll. Vorne auf der Brust ist ein Bild von Eiskönigin Elsa gedruckt. Natürlich. Luis liebt Elsa und ist der felsenfesten Überzeugung, dass es sie wirklich gibt. Bibi Blocksberg findet er zwar auch ganz gut, aber über Elsa geht nichts.

Wir stöbern noch kurz durch den Rest des Ladens, sporadisch ziehe ich ein paar andere Kostüme hervor, doch eigentlich ist die Entscheidung längst gefallen. Luis wird in diesem Jahr zu Elsa. Daran führt kein Weg vorbei.

Am Abend erzähle ich Cai von unserem Einkauf, bin gespannt auf seine Reaktion. Doch ich werde zum zweiten Mal an diesem Tag überrascht.

„Ist doch Karneval“, sagt er. „Da kann er sich doch verkleiden, als was er will.“

Recht hat er, denke ich und bin froh, dass ich Luis seinen großen Wunsch endlich erfüllen kann.

Ein paar Tage später ist es so weit. Die große Karnevalsfeier im Kindergarten steht an. Am Morgen geht alles etwas schneller als sonst, was vor allem an Luis’ neu entdecktem Elan liegt. Er trägt das blaue Kleid mit Tutu, auf dem Kopf sitzt eine Krone und in der Hand hält er einen Zauberstab. Letzteres gehört eigentlich nicht zum Kostüm, passt seiner Meinung nach aber perfekt zum Gesamtpaket.

So ausgestattet verlassen wir pünktlich unsere...

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