Der Koffer meines Vaters - Aus dem Leben eines Schriftstellers

Der Koffer meines Vaters - Aus dem Leben eines Schriftstellers

 

 

 

von: Orhan Pamuk

Carl Hanser Verlag München, 2015

ISBN: 9783446251724

Sprache: Deutsch

344 Seiten, Download: 6130 KB

 
Format:  EPUB, auch als Online-Lesen

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Mehr zum Inhalt

Der Koffer meines Vaters - Aus dem Leben eines Schriftstellers



 

 

Der implizite Autor

 

 

 

 

Ich schreibe nunmehr seit dreißig Jahren. Das sage ich schon eine ganze Weile, und allmählich stimmt es auch gar nicht mehr, denn mittlerweile sind es einunddreißig Jahre. Dennoch sage ich gerne, dass ich seit dreißig Jahren Romane schreibe. Obwohl auch das nicht ganz zutrifft. Zwischendurch schreibe ich auch Essays, Kritiken, schreibe über Istanbul oder über Politik und auch Reden so wie diese. Meine eigentliche Arbeit aber, mein unmittelbarer Bezug zum Leben, ist das Verfassen von Romanen. Nun gibt es brillante Schriftsteller, die über einen viel längeren Zeitraum hinweg schrieben, ohne viel Aufhebens davon zu machen. Bei Tolstoi, Dostojewski oder Thomas Mann, die ich sehr bewundere und immer wieder von neuem lese, hat das Schriftstellerdasein nicht dreißig, sondern über fünfzig Jahre gewährt. Warum erwähne ich dann meine dreißig Jahre überhaupt? Ich tue es deshalb, weil ich vom Romanschreiben als einer Gewohnheit berichten möchte.

Um glücklich zu sein, muss ich mich Tag für Tag in gewissem Maße mit Literatur beschäftigen. Es gibt ja Kranke, die jeden Tag einen Löffelvoll Medizin einnehmen müssen. Als Kind erfuhr ich, dass Zuckerkranke, um ein normales Leben führen zu können, jeden Tag eine Spritze bekommen müssen, und da taten mir diese Menschen sehr leid, da ich sie quasi für »Halbtote« hielt. Meine Abhängigkeit von der Literatur hat in gewisser Weise auch mich zu einem »Halbtoten« gemacht. Wenn ich insbesondere als junger Schriftsteller von manchen als »lebensfremd« bezeichnet wurde, dann hatte ich immer das Gefühl, sie spielten damit auf dieses Halbtotendasein an, dieses Gespensterhafte. Es kam mir manchmal so vor, als sei ich tot und versuchte meine Leiche durch die Literatur wieder zum Leben zu erwecken. Ich brauche also die Literatur wie ein Medikament. Als wäre es eine Spritze oder ein Löffelvoll Arznei, muss ich täglich meine Dosis Literatur »einnehmen«, die dann auch noch wie der Stoff eines Süchtigen bestimmte Eigenschaften aufzuweisen hat.

Es muss vor allem gute Literatur sein. Darunter verstehe ich, dass sie wahrhaft und überzeugend ist. Eine Romanpassage zu lesen, an die ich von ganzem Herzen glauben kann, macht mich glücklicher als alles andere und bringt mich dem Leben näher. Ferner ist es mir lieber, wenn der Autor schon verstorben ist. Meine tiefempfundene Bewunderung soll nach Möglichkeit auch nicht von einem Wölkchen Neid überschattet werden. Je älter ich werde, um so mehr komme ich zu der Einsicht, dass die besten Bücher von toten Autoren stammen. Wenn ein bewundernswerter Autor noch unter uns weilt, dann hat das etwas Gespenstisches. Und wie ein Gespenst sehen wir ihn an, wenn wir ihm auf der Straße begegnen, wir trauen unseren Augen nicht und schielen von fern zu ihm hin. Nur ein paar Wagemutige bitten das Gespenst um ein Autogramm. Manchmal denke ich über so einen Autor: Nun, bald stirbt auch er, und dann werden wir seine Bücher noch mehr schätzen. Aber natürlich gilt das nicht für alle Fälle …

Wenn ich schreibe, verhält es sich mit meiner täglichen Literaturdosis ganz anders. Das beste Heilmittel, die ergiebigste Glücksquelle ist nämlich für Menschen wie mich, täglich eine halbe Seite zu schreiben. Seit dreißig Jahren sitze ich so gut wie jeden Tag etwa zehn Stunden lang in meinem Zimmer am Schreibtisch und arbeite. Was ich in dieser Zeitspanne druckreif zu Papier brachte, ist in jenen dreißig Jahren im Durchschnitt jeweils etwas weniger als eine halbe Seite gewesen. Und noch dazu ist es meist knapp unter dem Qualitätsstandard, den ich als »gut« bezeichne. Da haben wir doch schon zwei ausgezeichnete Gründe zum Unglücklichsein.

Verstehen Sie mich aber bitte nicht falsch: Ein Literaturabhängiger meines Schlages ist nicht so oberflächlich, dass er durch die Schönheit, den Erfolg oder die Anzahl seiner Bücher schon zum glücklichen Menschen gemacht würde. Die Literatur soll ihm nicht über die Probleme seines ganzen Lebens hinweghelfen, sondern lediglich über den einen schweren Tag, den er gerade erlebt. Und eigentlich ist jeder Tag schwer. Das Leben ist schwer, wenn man nicht schreibt. Es ist auch schwer, wenn man nicht schreiben kann. Und schwer ist es auch dann, wenn man schreibt, denn schreiben ist sogar sehr schwer. Inmitten all dieser Verdrießlichkeiten geht es nun darum, genug Hoffnung zu schöpfen, um den Tag herumzubringen oder gar – wenn ein Buch so gut ist, dass es in andere Welten entführt – in heitere Stimmung zu kommen.

Ich will einmal erzählen, wie es mir ergeht, wenn ich an einem Tag nichts Ordentliches zustande gebracht habe und mich auch nicht zum Trost wenigstens in einem guten Buch habe verlieren können. Innerhalb kürzester Zeit wird mir dann die Welt zu einem furchtbaren, ja unerträglichen Ort, und wer mich kennt, der merkt mir das sofort an, weil ich dann ebendieser Welt auch gleiche. Meine Tochter etwa sieht mir abends auf der Stelle an, wenn ich tagsüber nichts Rechtes habe schreiben können. Ich würde das liebend gerne vor ihr verbergen, aber es gelingt mir nicht. In solchen Momenten ist mir leben oder nicht leben nämlich einerlei. Ich möchte dann mit niemandem sprechen, und niemand, der mich so sieht, hätte auch Lust, mit mir zu sprechen. Eigentlich gerate ich jeden Tag in diesen jämmerlichen Zustand, und zwar am frühen Nachmittag zwischen eins und drei, aber ich habe gelernt, damit umzugehen und mit den Heilmitteln des Schreibens und Lesens zu verhindern, dass ich gänzlich ins Leichenhafte verfalle. Wenn Reisen oder irgendwelche Scherereien, wie früher der Militärdienst und die hohe Gasrechnung oder heute politischer Verdruss oder sonst irgendwelche Hemmnisse, mich über längere Zeit daran hindern, meine nach Tinte und Papier duftende Medizin einzunehmen, dann ist mir, als würde ich aus lauter Verstimmung zu einer Art Betonmensch werden. Meine Bewegungen sind dann steif, in den Gelenken knirscht es, der Kopf wird zu Stein, und selbst mein Schweiß scheint einen anderen Geruch anzunehmen. Und dieses Unbehagen kann sich hinziehen, steckt doch das Leben voller Zumutungen, die den Menschen vom Trost der Literatur fernhalten. Im Getümmel einer politischen Versammlung, beim Schwatz mit Kommilitonen auf dem Korridor der Uni, bei einem Festtagsessen mit der gesamten Verwandtschaft, beim mühsamen Gespräch mit einem Menschen, der den Kopf voll hat mit Bildern aus irgendeiner Fernsehwelt, bei einem Arbeitstermin, beim Einkaufen, beim Notar oder beim Fotografen: bei all solchen Gelegenheiten geschieht es mir immer wieder, dass mir urplötzlich die Lider unerträglich schwer werden. Da ich mich nicht in mein Zimmer zurückziehen kann, weiß ich mir an solchen Orten oft keinen anderen Trost, als mitten am Tag einfach einzunicken.

Vielleicht gilt ja mein Verlangen nicht der Literatur als solcher, sondern der Gelegenheit, in einem Zimmer allein zu sein und meine Phantasie spielen zu lassen. Kaum darf ich das, so stellen sich mir die familiären oder beruflichen Anlässe, zu denen so viele Menschen zusammenkommen, in allerschönstem Lichte dar. Dann sehe ich etwa diese Menschen bei noch größeren Feiertagsessen frohgestimmter denn je in allen Einzelheiten vor mir. In der Phantasie wird mir nämlich alles interessant, attraktiv und wahrhaftig. Aus der herkömmlichen Welt, wie wir sie alle kennen, forme ich im Geiste eine neue Welt. Und damit sind wir beim Kern der Sache angelangt. Um gut schreiben zu können, muss ich mich erst mal so richtig unbehaglich fühlen, und um das zu bewerkstelligen, muss ich ins Leben eintauchen. Wenn ich mich dann auf Telefontrubel, Bürohektik, Liebe, Freundschaft, einen sonnigen Strand oder eine verregnete Beerdigung einlasse und also im Begriff bin, mich mitten ins Geschehen zu mischen, dann fühle ich plötzlich, dass ich ja eigentlich vielmehr am Rande stehe. Und dann beginnt die Phantasie zu arbeiten. Negativ ausgedrückt, beginne ich mich zu langweilen. Auf jeden Fall sagt mir eine innere Stimme: »Geh in dein Zimmer, setz dich an deinen Schreibtisch.« Wie es bei anderen ist, weiß ich nicht, aber Leute wie ich werden auf genau diese Art zu Schriftstellern. Ich denke allerdings, dass dies nur der Weg zur Prosa, nicht aber zur Poesie ist. Dies sagt wiederum etwas über die Eigenschaften meiner täglichen Medizin aus. An ihrer Bitterkeit lässt sich ablesen, dass sowohl das Leben als auch die Phantasie in gehörigem Maße an ihr Anteil haben müssen.

Hier mischen sich bei mir das Behagen, etwas eingestehen zu dürfen, und die Furcht, vielleicht doch zu viel preiszugeben, doch ergibt sich aus dem Gesagten auf jeden Fall eine wichtige Folgerung, auf die ich auch sogleich eingehen möchte. Es ist eine kleine Romantheorie, die vom Schreiben als Medizin und Trost handelt: Schriftsteller wie ich wählen Themen und Form ihrer Romane je nach ihrem täglichen Phantasierbedarf aus. Zum Verfassen eines Romans gehört ja einiges an Überlegungen, an Enthusiasmus, Wut und Willen. Der Wunsch, unserer Freundin zu gefallen, unliebsame Menschen zu erniedrigen, Faszinierendes zu erzählen, über Unverstandenes zu schwadronieren, uns an manches zu erinnern und an manches lieber nicht, geliebt zu werden, gelesen zu werden, politischen Ehrgeiz zu befriedigen und was da an persönlichen Vorlieben und an unverständlichen oder unsinnigen Beweggründen noch alles sein mag: durch all diese Triebe werden wir mehr oder weniger unbewusst gelenkt. Und aus diesen Trieben erstehen uns Phantasievorstellungen, die wir äußern möchten. Was es mit den Trieben und Phantastereien, die uns beseelen, so genau auf sich hat, das wissen wir nicht, doch beim Schreiben wünschen wir, dass sie uns genauso beflügeln wie eine unverhoffte Brise. Und so überlassen wir uns diesen dunklen Trieben auch ein wenig wie ein Schiffer, der...

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