nichts, was uns passiert - Roman

nichts, was uns passiert - Roman

 

 

 

von: Bettina Wilpert

Verbrecher Verlag, 2018

ISBN: 9783957323194

Sprache: Deutsch

176 Seiten, Download: 722 KB

 
Format:  EPUB, auch als Online-Lesen

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nichts, was uns passiert - Roman



A


Dass es im Mai war und dass er sich als Joni vorstellte, obwohl sie ihn nie so nennen würde und auch niemand sonst ihn so nannte. Vielleicht hatte sie sich verhört, sagte Anna. Sie kannte ihn schon vom Sehen – Leipzig war nicht so groß. Dass es an einem Dienstag oder Mittwoch war, unter der Woche jedenfalls.
Anna erzählte mir, dass sie an dem Tag, als sie Jonas kennenlernte, mit Hannes auf den Stufen der Universitätsbibliothek Albertina saß. Sie legten eine Zigarettenpause ein – nicht die erste an diesem Tag, vielleicht die dritte. Es war später Vormittag, und sie hatte einen Kater. Am Abend vorher hatte sie bis fünf im Lindental gearbeitet, einer Kneipe im Westen der Stadt. Eine Band aus Wien hatte gespielt, und sie hatte ein paar Wodka mit den Jungs getrunken. Als sie anschließend mit dem Fahrrad durch den Clara-Zetkin-Park nach Hause fuhr, ging die Sonne gerade auf, die Vögel zwitscherten, das mochte sie. Es war das erste Mal in diesem Sommer, dass sie die Nacht durchgemacht und den Sonnenaufgang erlebt hatte, einer ihrer liebsten Momente. Im Park begegnete sie niemandem, erst auf der Karli, der Karl-Liebknecht-Straße, sah sie Menschen, die schon wach waren, zur Arbeit mussten, vielleicht Ärzte oder Bäcker.
Sie wachte auf, als ihre Mitbewohnerin Verena die Wohnung verließ (gegen neun), und konnte nicht wieder einschlafen. Weil sie nichts Besseres zu tun hatte, ging sie in die Bibliothek und traf dort Hannes. Wie immer war er schon seit morgens um acht dort, hatte zwei Seiten geschrieben und drei gelöscht. Als sie ankam, machten sie ihre erste Raucherpause. Sie sprachen über Hannes’ Hausarbeit – damals schrieb er noch über Erinnerung an den Nationalsozialismus in der DDR am Beispiel von Schulbüchern. Anna erinnerte sich gut daran, weil Hannes an dieser Hausarbeit fast ein halbes Jahr gearbeitet hatte, obwohl sie nur fünfzehn Seiten lang sein musste. Er hatte sich da in etwas verrannt, hatte zu viele Texte gelesen und konnte seine Gedanken nicht ordnen. Anna hatte versucht, ihm zu helfen – Texte korrigieren lag ihr –, aber er hörte nicht auf sie und die Hausarbeit wurde schlimmer statt besser.
Anna sprach also an diesem Tag, als sie Jonas kennenlernte, auf den Stufen der Albertina über die Hausarbeit von Hannes. Sie hatte nicht gefrühstückt, ihr Magen war flau vom Wodka der Nacht zuvor, und die Zigaretten und der Kaffee machten die Situation nicht besser. Sie bemerkte Jonas, als er aus der Bibliothek auf sie zukam und fragte, ob er sich eine Zigarette drehen dürfe. Wortlos hielt sie ihm ihren Tabak hin. Sie dachte, er würde sich wegdrehen, um allein zu rauchen, aber er und Hannes begrüßten sich herzlich, klopften einander mit der flachen Hand auf den Rücken. Sie lästerten über jemanden, den Anna nicht kannte, machten einen Insiderwitz, erinnerten sich an einen Saufabend. Anna war verwirrt – woher kannte Hannes diesen Typen? Schnell klärten sie die Sache auf: Die beiden waren vor Kurzem auf einer Gedenkstättenfahrt in Buchenwald gewesen und hatten viel Zeit zusammen verbracht. Sie sprachen über einen Vortrag, den sie dort gehört hatten, und eine Diskussion entspann sich zwischen den beiden. Anna rauchte und hörte nicht zu. Als ihr die Debatte zu blöd und ihr schlecht wurde – sie hatte Angst, die Zigarette auf nüchternen Magen würde sich gleich rächen, bestand sie darauf, in die Mensa zu gehen, auch wenn es noch früh war. Zu dieser Zeit war die Essensauswahl besser und frischer. Auf dem Weg dorthin trafen sie Uli, eine Bekannte von Hannes, und sie gingen zu viert essen. Worüber sie sich genau unterhielten, wusste Anna nicht mehr. Die Erinnerungen an die Mensa verschwammen, weil sie zu dieser Zeit fast jeden Tag dort essen ging, oft mit Hannes und Uli. Sie redete nicht viel mit Jonas, das Gespräch spielte sich in der Gruppe ab, alle unterbrachen sich gegenseitig, hörten einander nicht richtig zu, wahrscheinlich ging es um ihre Pläne fürs Wochenende, Hausarbeiten oder die Fußball-WM.
Jonas sagte, dass es im Juni war. Er traf Anna das erste Mal bei einem Spiel der Fußball-WM. Ja, vielleicht, Deutschland–Portugal, so genau hatte er nicht hingesehen. Dass es ein Montag war, und eigentlich wollte er für seine Doktorarbeit einen langen Tag in der Bibliothek einlegen – meistens konnte er abends besser arbeiten als morgens. Aber er hatte sein Handy nicht auf lautlos gestellt, Hannes rief ihn an und fragte, ob er mit Fußball schauen wollte. Er kannte Hannes zwar noch nicht lang, nur von der Exkursion, doch er hatte das Gefühl, dass eine Freundschaft zwischen ihnen entstanden war. Gemeinsam auf Alkohol abstürzen verbündet.
Nach dem Anruf konnte sich Jonas nicht mehr konzentrieren, also fuhr er mit dem Fahrrad in den Biergarten in Connewitz. Er war nie zuvor beim Public Viewing gewesen. Er interessierte sich nicht besonders für Fußball, auch nicht für die Weltmeisterschaft. Das Spiel begann am frühen Abend, und er konnte auch danach wieder in die Bibliothek gehen.
Dass ihm Anna bekannt vorgekommen war, sagte er. Er wusste nicht woher, wahrscheinlich war sie eines dieser Bibliotheksgesichter, die man vom Sehen kennt. Sie kam später als er, und neben ihm war noch ein Platz frei.
Sie war eine, die sich über alles beschwerte. Das gefiel ihm – er hielt nicht viel von Leuten, die alles gut fanden und jeden mochten. Nachdem sie sich gesetzt hatte, begann sie sofort, über Fußball und die deutsche Mannschaft zu schimpfen, und meinte, dass man eigentlich Männerfußballweltmeisterschaft sagen muss, weil es auch eine Frauenfußballweltmeisterschaft gibt.
Man konnte gut mit Anna diskutieren, sie beharrte auf ihrem Standpunkt, wechselte nicht einfach die Meinung, weil es angenehmer war. Jonas fand zwar nicht, dass man Männerfußballweltmeisterschaft sagen muss, aber er unterhielt sich lieber mit ihr, als dem Spiel zu folgen. Hoffentlich verliert Deutschland, sagte sie. Sie verunsicherte ihn, und er war sich bei der Hälfte ihrer Kommentare nicht sicher gewesen, wie sie sie meinte. Warum sie das Spiel ansieht, fragte er, wenn sie will, dass Deutschland verliert. Sie beugte sich zu ihm und flüsterte, dass sie nichts Besseres zu tun hat, ihre Schicht im Lindental erst um neun anfängt.
Anna erklärte Jonas, dass sie in den letzten Monaten viel mit Hannes unternommen hat und dass sie nicht daran denkt, das zu ändern, nur weil Weltmeisterschaft ist. Dass sie ihre Freunde nicht aufgeben will. Dass Jonas auch nicht besonders interessiert am Spiel zu sein scheint. Warum er hier ist? Es gefiel ihr, dass man ihn leicht ärgern konnte, er reagierte auf die kleinsten Sticheleien. Er gab zu, dass es ihm so ging wie ihr. Dass er nichts Besseres zu tun hat und dass gegen ein Bier im Biergarten nichts einzuwenden ist.
Sie hatte das Gefühl, dass er sie nicht mochte. Er wirkte arrogant, aber meistens ist Arroganz ja ein Schutzschild für schüchterne Menschen. Sie erinnerte sich nicht daran, wie das Spiel ausgegangen war, vermutlich hatte Deutschland gewonnen, sie wusste schließlich, wer am Ende Weltmeister wurde. Nach dem Spiel blieb sie nicht mehr lang, sie musste ins Lindental. Der Abend dort war ruhig, montags war nie viel Betrieb.
Das nächste Mal trafen sie sich ein paar Tage später, wieder zufällig. Es musste ein Freitag oder Samstag gewesen sein – das wusste Jonas, weil in der Bibliothek wenig los war, und wäre nicht wenig los gewesen, wären sie sich wohl nicht begegnet. Jonas wollte nach draußen an die frische Luft, eine Pause einlegen, eine rauchen. Anna stand im Foyer vor der großen Treppe, die zum majestätischen Säulenrundgang führt. Sie wirkte verloren, es sah so aus, als würde sie schon länger dort stehen.
Sie wusste nichts mit sich anzufangen. Das passierte ihr in diesem Sommer oft. Vielleicht lag es daran, dass sie gerade ihr Studium beendet hatte; eine Lebensphase hatte aufgehört, eine neue noch nicht begonnen. Sie hatte erst zwei Bewerbungen geschrieben – sie hasste es, Bewerbungen zu schreiben, und eigentlich hatte sie keine Lust zu arbeiten. BAföG würde sie noch ein paar Monate bekommen, bis Ende September, bis das Semester vorbei war. Bis dahin musste sie einen Job finden, einen richtigen, und zu dieser Zeit hatte sie nichts anderes zu tun, als im Lindental ein bisschen Geld zu verdienen. Früher oder später würde sie Arbeit als Dolmetscherin finden, vielleicht in Berlin oder einer anderen Stadt. In Leipzig war die Arbeitsplatzsituation schlecht. Früher hatte sie immer in Wien bei den Vereinten Nationen arbeiten wollen und hatte sich lang um ein Praktikum bemüht, aber es hatte nie geklappt, und dann war sie sich nicht mehr sicher, ob es das war, was sie wollte.
In dem Sommer zog sie in eine Zweier-WG nach Connewitz. Sie und ihre Mitbewohnerin kannten sich über einen Freund, verstanden sich gut, aber sahen sich kaum. Das Internet in der Wohnung funktionierte damals bereits drei Wochen nicht. Der Vertrag lief noch auf den alten Mitbewohner, und wie so oft schaffte der Anbieter es nicht, ihn umzuschreiben, ohne dass das Internet in Mitleidenschaft gezogen wurde. Dass sie in die Bibliothek ging, weil sie im Internet surfen wollte, erzählte Anna....

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