Wissen statt Glauben! - Das Weltbild des neuen Humanismus

Wissen statt Glauben! - Das Weltbild des neuen Humanismus

 

 

 

von: Bernd Vowinkel

Lola Books, 2018

ISBN: 9783944203348

Sprache: Deutsch

432 Seiten, Download: 1583 KB

 
Format:  EPUB

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Wissen statt Glauben! - Das Weltbild des neuen Humanismus



II


ERKENNTNIS UND IHRE GRENZEN


Darin besteht das Wesen der Wissenschaft. Zuerst denkt man an etwas, das wahr sein könnte. Dann sieht man nach, ob es der Fall ist und im Allgemeinen ist es nicht der Fall.

Bertrand Russell (1872–1970), brit. Philosoph u. Mathematiker, 1950 Nobelpr. f. Lit.

Manche Philosophen sehen Philosophie als das an, was man mit einem Problem macht bevor es klar genug ist, um es mit Wissenschaft lösen zu können.

Jerry A. Fodor, US-amerikanischer Philosoph

Als Erkenntnis bezeichnet man das durch den Prozess der Einsicht oder der Erfahrung gewonnene Wissen. Die Frage, wie wir zu Erkenntnis über Wahrheit und Wirklichkeit gelangen, ist die fundamentalste Frage jedes Weltbildes und jeder Weltanschauung. Sie entscheidet letztlich darüber, welches Weltbild als richtig und welches als falsch angesehen werden muss. Eine falsche Erkenntnismethode kann zwar zufällig zum richtigen Resultat führen, aber das ist eher unwahrscheinlich. Vertreter zweifelhafter Weltbilder erkennt man häufig daran, dass sie versuchen, die Erkenntnismethoden der Verfechter anderer Weltbilder mit der Zweifelhaftigkeit und den Mängeln ihrer eigenen auf eine Stufe zu stellen.

Die Grundlagen zu unserer Erkenntnisfähigkeit werden im Kindesalter durch unsere empirischen Erfahrungen mit der Umgebung erlernt. Wenn wir auf neue uns unbekannte Dinge stoßen, so versuchen wir sie durch Vergleich mit uns bekannten Dingen einzuordnen. Weiterhin versuchen wir, zum Teil durch aktives Handeln, möglichst viele Eigenschaften des unbekannten Dings herauszubekommen. Alles was wir über unsere Welt erfahren können, ist von unseren Sinnen abhängig. Aus diesen Eindrücken erstellen wir in unseren Köpfen ein Modell der Welt bzw. dessen, was wir Realität nennen. Außersinnliche bzw. spirituelle Erfahrungen sind Konstruktionen unseres Gehirns und haben mit der Außenwelt nicht viel zu tun. Unsere Vorstellungskraft ist an unsere Erfahrungen in der Alltagswelt gebunden. Sie hat sich im Laufe der Evolution herangebildet und ist dementsprechend auf Alltagssituationen hin optimiert. Mit Dingen, die außerhalb dieses Bereiches liegen, haben wir in der Regel große Probleme bis hin zu dem, was man traumatische Erlebnisse nennt.

Die allgemein verbreitete Vorstellung, dass wir über unsere Sinne einen unmittelbaren Zugang zur Wirklichkeit haben, ist eine Illusion. Genau genommen ist es sogar so, dass wir keine Möglichkeit haben, die Existenz einer Wirklichkeit jenseits unseres Gehirns experimentell zu überprüfen. Die philosophische Position des radikalen Konstruktivismus bestreitet gar die menschliche Fähigkeit, die objektive Realität zu erkennen. Die noch weitergehende Position des Solipsismus behauptet sogar, dass nur das eigene Ich existiert, alles andere ist Einbildung.

Zu den Fragen der Erkenntnis gibt es verschiedene philosophische Standpunkte. Die meisten davon sind nicht eindeutig widerlegbar. Man kann vielleicht Wahrscheinlichkeitsaussagen über ihre Richtigkeit machen, aber das sind auch wieder nur Glaubensbekenntnisse. Selbst die Begriffe „Wahrheit“ und „Wirklichkeit“ müssen hinterfragt werden. Dennoch können wir davon ausgehen, dass unser Erkenntnisvermögen im Laufe der Evolution so optimiert wurde, dass wir damit in der Lage sind, die Wirklichkeit einigermaßen gut zu erkennen und zu verstehen. Andernfalls hätte das negative Konsequenzen für unsere Überlebensfähigkeit gehabt. Allerdings haben wir keine Garantie dafür, dass unsere Erfahrungen und Erkenntnisse absolut wahr und allgemeingültig sind. Immer dann, wenn wir versuchen, sie auf Bereiche auszudehnen, die empirisch nicht überprüfbar sind, ist größte Vorsicht geboten.

Neben dem, was wir als physische Wirklichkeit bezeichnen, gibt es unzweifelhaft auch noch eine Welt der geistigen Dinge. Dazu gehören z. B. die Kunst und die Geisteswissenschaften. Ein erheblicher Teil dieser Dinge hat einen starken subjektiven Charakter, aber es gibt auch ausgesprochen objektive Teile der geistigen Welt. An ihrer Spitze steht die Mathematik. Sie kann als das geistige Werkzeug zum Verständnis der Wirklichkeit angesehen werden. Grundlage der Mathematik, aller anderen Wissenschaften und damit auch des Rationalismus ist die Logik. Ohne sie wäre ein tieferes Verständnis der Wirklichkeit nicht möglich.

Bis ins 19. Jahrhundert hinein galt neben der empirischen Erfahrung auch Transzendenz als gleichwertige Quelle der Erkenntnis. Mit dem durch Auguste Comte (1798–1857) begründeten Positivismus wurde erstmals alles Transzendente als verlässliche Quelle der Erkenntnis ausgeschlossen. Er forderte, dass sich die Erkenntnis auf die Interpretation von „positiven“ Befunden zu beschränken hat. In der naturwissenschaftlichen Forschung sind das solche, die in einem Experiment unter genau definierten Bedingungen einen erwarteten Nachweis erbringen.

Der Logische Positivismus, auch als Logischer Empirismus bezeichnet, orientiert sich an der logischen Analyse der Sprache und dem empirischen Sinn von Aussagen. Motiv dafür ist die Tatsache, dass der Erkenntnisgewinn in den Naturwissenschaften und in der Mathematik innerhalb der letzten Jahrhunderte gewaltig ist, während ein solcher Erfolg in der Philosophie nicht zu erkennen ist. Als Hauptgrund dafür wird das Fehlen von exakten Beurteilungskriterien in der Philosophie gesehen. Die wichtigsten Vertreter des Logischen Empirismus kamen schließlich zu der Forderung, dass alle Aussagen über die Wirklichkeit direkt auf Beobachtungssätze reduziert werden können oder wenigstens eine logische Relation zu solchen Sätzen haben. Mit anderen Worten, es muss ein empirisches Prüfkriterium geben.

Kritiker werfen dem Logischen Empirismus einen erkenntnistheoretischen Fundamentalismus vor, weil diese Position angeblich in ihrer Begründung entweder rein dogmatisch ist oder selbst auf metaphysische Ableitungen angewiesen sei. Man kann aber, wie bei der Begründung des Naturalismus, darauf hinweisen, dass die empirische Methode bisher im Gegensatz zur Metaphysik und der Transzendenz extrem erfolgreich war. Davon ganz abgesehen gibt es auch für die Erkenntnismethoden keine unhinterfragbaren Letztbegründungen.

Die hier vertretene pragmatische Position zur Gewinnung von Erkenntnissen wird wahrscheinlich von manchen als etwas engstirnig und emotionslos wahrgenommen. Viele Menschen haben ein starkes Bedürfnis nach Spiritualität. Besonders in den Bereichen der Religionen und der Esoterik wird dieses Bedürfnis bedient, zum Teil auch mit durchaus unlauteren Absichten. Auch wenn sich Spiritualität als Quelle der Erkenntnis nicht sonderlich bewährt hat, wird sie von einer naturalistischen Weltsicht nicht ausgeschlossen. Von Immanuel Kant stammt der bekannte Satz (Kritik der praktischen Vernunft, Kapitel 34, Beschluss):

Zwei Dinge erfüllen das Gemüt mit immer neuer und zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht, je öfter und anhaltender sich das Nachdenken damit beschäftigt: Der bestirnte Himmel über mir, und das moralische Gesetz in mir.

Gerade die Naturwissenschaften mit ihren technischen Apparaten erlauben eine Sicht auf die Phänomene der Natur, die weit über unsere Alltagserfahrungen hinausgehen und damit häufig Anlass zu großem Erstaunen und großer Bewunderung geben. Das, was der Theologe Friedrich Schleiermacher (1768–1834) für die Religion in Anspruch nimmt, mit dem Spruch „Religion ist Sinn und Geschmack fürs Unendliche“, trifft in Wahrheit in viel größerem Maße für die Wissenschaften zu. Die Wirklichkeit ist vielfach reicher, schöner und phantasievoller als unsere erdachten Geschichten und heiligen Schriften. Aber fragen wir zunächst einmal etwas genauer, welche Quellen der Erkenntnis wir überhaupt haben und wie sie einzuschätzen sind.

2.1QUELLEN DER ERKENNTNIS


Der Zweifel ist der Beginn der Wissenschaft. Wer nichts anzweifelt, prüft nichts. Wer nichts prüft, entdeckt nichts. Wer nichts entdeckt, ist blind und bleibt blind.

Teilhard de Chardin (1881–1955), franz. Theologe, Paläontologe u. Philosoph

Im Laufe des Erwachsenwerdens entwickeln wir eine Vorstellung für die Wirklichkeit und so etwas wie eine Alltagslogik. Dazu gehört die Überzeugung, dass die Außenwelt real vorhanden ist und dass wir sie mit unseren Sinnen erfahren und erforschen können. Weiterhin gehen wir von einer gewissen Konstanz der Wirklichkeit und vom Kausalitätsprinzip aus. Die Dinge verändern sich, wenn überhaupt, dann nur stetig und wenn sie sich verändern, dann gibt es dafür Ursachen. Allerdings ist unsere gesamte alltägliche Erfahrungswelt auf einen bestimmten Größenbereich beschränkt, der etwa den Bereich von 0,1 Millimeter bis einige tausend Kilometer umfasst. Man nennt das den mesoskopischen Größenbereich. Erfahrungsgrenzen haben wir auch im Bereich der Zeit und der Geschwindigkeit. Insgesamt können wir also nur einen kleinen Ausschnitt der physischen Wirklichkeit erfassen und dementsprechend ist auch unsere Anschauung der Wirklichkeit begrenzt. Zur Erfassung der...

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