Mein Name ist Judith - Roman

Mein Name ist Judith - Roman

 

 

 

von: Martin Horváth

Penguin Verlag, 2019

ISBN: 9783641159740

Sprache: Deutsch

368 Seiten, Download: KB

 
Format:  EPUB, auch als Online-Lesen

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Mein Name ist Judith - Roman



2

Es schneite, als ich die Augen aufschlug. Vom Bett aus waren die Dächer und Kamine der gegenüberliegenden Häuser zu sehen. Der Schnee hatte sie ihrer Farben beraubt und ihnen seine kühle Farbpalette aus Weiß- und Grautönen aufgezwungen. Als ich mich auf die andere Seite drehte, um einen Blick auf den Wecker zu werfen, hatte ich plötzlich ein Negativbild vor Augen: Schwarze Flocken tanzten vor einem hellen Hintergrund, gleichzeitig spürte ich einen pochenden Schmerz in den Schläfen. Ich schloss die Augen. Das schwarze Schneegestöber tobte weiter.

Ich versuchte aufzustehen, doch ein starkes Schwindelgefühl warf mich zurück aufs Bett. Als ich nach dem zweiten Versuch endlich stand, blickte ich an mir herunter. Meine Füße schienen so weit weg, als gehörten sie zu einem fremden, seltsam in die Länge gezogenen Körper. Warum hatte ich in der Nacht meinen Bademantel anbehalten? Wieso lag auf dem Boden vor dem Bett ein Badetuch? Hatte ich getrunken? Die Kopfschmerzen, die Sehstörungen, der Schwindel, alles sprach dafür. Und mir fehlte jegliche Erinnerung an den Abend davor.

Es war kalt in der Wohnung. Fröstelnd und mit seltsam staksigen Schritten setzte ich mich in Bewegung. Als hätten meine Beine über Nacht das Gehen verlernt. Als müssten sie oder ich bei jedem Schritt nachdenken, was als Nächstes zu tun sei.

Der erste Blick auf Judith war ein Blick in den Spiegel. In den Spiegel im Vorraum, an dem ich auf meinem Weg Richtung Badezimmer vorbeikam. Sie saß da an meinem Küchentisch, mit einem grauen Wintermantel bekleidet, einen dicken Schal um den Hals, eine rote Wollmütze auf dem Kopf. Ein kleines, schmales, vielleicht zehnjähriges Mädchen, dessen Namen ich zu diesem Zeitpunkt natürlich noch nicht kannte. Ich hatte keine Ahnung, wer sie war und wie sie in meine Wohnung gekommen war. Und noch weniger ahnte ich, wie sehr sie mein Leben verändern würde.

Ich blieb an der Schwelle stehen. Mein Herz klopfte. Was sie hier mache, wollte ich wissen. Doch sie war schneller. Warum hast du mir mein Essen weggenommen? fragte sie mit Trotz und Vorwurf in Blick und Stimme. Ich hatte keine Ahnung, wovon sie sprach. Der Schmerz in meinem Kopf war von den Schläfen zur Stirn gewandert und pochte unvermindert weiter. Was tust du hier? Wie bist du hereingekommen? Was willst du von mir? Beinahe gleichzeitig brachen die Fragen aus mir hervor.

Sie verschränkte die Arme vor der Brust. Ich hab zuerst gefragt: Warum hast du mir meine Vorräte weggenommen? Ich wusste noch immer nicht, wovon sie sprach, ich wusste auch nicht, ob ich es wissen sollte. Im Haus lebten seit einiger Zeit Asylwerber, vielleicht gehörte Judith zu einer der häufig wechselnden Familien. Vielleicht hatte sie Hunger, vielleicht hatte sie das Gefühl, jeder, der nicht in prekären Verhältnissen lebte, nahm ihr etwas weg. Andererseits: Ihr Deutsch verriet keinerlei Akzent. Im selben Augenblick packte mich ein Schwindelanfall, ich erwischte gerade noch mit einer Hand die Lehne der Küchenbank, auf der ich mich vorsichtig niederließ.

Erst jetzt fiel mir das seltsam diffuse, grobkörnige Licht auf: Draußen schneite es heftig, drinnen tanzten Staubkörner in den Sonnenstrahlen. Oder waren Schneeflocken und Staubkörner nur meinen Sehstörungen zu verdanken? Und das Licht und das Mädchen gleich dazu?

Ich ließ meinen Blick auf Judith ruhen. Oder versuchte es jedenfalls, denn ich hatte Schwierigkeiten beim Fokussieren. Irgendwie kam mir dieses Gesicht bekannt vor. Die klugen, fragenden Augen, aus denen eine große Neugierde am Leben sprach, aber auch viel mehr Erfahrung, als sie an Jahren haben konnte. Das energische Kinn, das Charakter und gleichzeitig eine gewisse Sturheit verriet. Die vielen Löckchen, zu denen sich ihre dunklen Haare kringelten, als wären sie sichtbarer Ausdruck von Eigensinn und verspielter Fantasie. Vielleicht lag es nur an meinem beeinträchtigten Sehvermögen oder meinem erbärmlichen Allgemeinzustand, aber ich fand in Judiths Augen und in ihrer Mundpartie eine gewisse Ähnlichkeit mit meiner Tochter. Andererseits: Seit Hannas Tod glaubte ich an vielen Acht- oder Zehnjährigen Ähnlichkeiten mit ihr zu bemerken.

Hast du Hunger? fragte ich, um zumindest irgendwie auf ihre Frage nach Essen einzugehen. Ich zählte auf, was ich zu Hause hatte. Sie sagte nichts. Ich stand auf, vorsichtig, um nicht gleich wieder vom Schwindel aus der Bahn geworfen zu werden. Zuerst mach ich uns Tee, sagte ich geschäftig. Oder magst du lieber Kakao?

Sie gab weiter keine Antwort. Ich befüllte den Wasserkocher und merkte dabei, dass meine Hände zitterten. Judith sagte etwas, ich verstand aber nicht, was, weil ich auf einem Ohr schlecht hörte. Wie bitte? Meine Eltern haben mich fortgeschickt, wiederholte sie. Aus ihrem Blick war der Trotz gewichen. Ich wusste nicht, wie ernst ich ihr Problem nehmen sollte. Oder musste. Warum denn das? Sie schaute zu Boden und zuckte mit den Schultern. Mir fiel die jüdisch-orthodoxe Familie im zweiten Stock mit ihrer stetig wachsenden Kinderschar ein. Motaev, so stand es unten am Haustor. War Judith eine der Töchter? Wo wohnst du denn? fragte ich. Sie blickte mich mit großen Augen an. Hier, sagte sie, als hätte ich eine dumme Frage gestellt. Das Pochen in meinem Kopf wurde stärker, es fiel mir schwer, mich auf das Gespräch zu konzentrieren. Aber auf welcher Nummer? wollte ich wissen. Hier natürlich, auf Tür 16, lautete ihre Antwort.

Natürlich. 16 war meine Wohnung. Ich versuchte mir ein Lächeln abzuringen. Sie macht sich einen Spaß mit mir. Ihr ist langweilig, sie streift durchs Haus auf der Suche nach Abwechslung und ein wenig Abenteuer. Sie spielt ein Spiel, eine Rolle, genauso, wie sich Hanna schon mit sechs oder sieben Jahren Fantasiegestalten ausgedacht hatte und mit verstellter Stimme in verschiedene Rollen geschlüpft war.

Im selben Augenblick hörte ich irgendwo in der Wohnung mein Telefon läuten. Ich wusste nicht, wo ich es hingelegt hatte. Geh nicht weg, sagte ich, ich bin gleich wieder da. Als ich es nach einigem Suchen in meinem Arbeitszimmer fand, hatte das Läuten aufgehört. Auf dem Display stand keine Nummer. Jetzt, da ich diese Zeilen niederschreibe, weiß ich, dass mich damals in diesen Tagen rund um Weihnachten sowohl mein ältester Freund Philipp als auch Lydias Schwester Katja vergeblich zu erreichen versuchten und sich deshalb Sorgen um mich machten.

Ich kam mit dem Telefon in der Hand zurück. Das Schwindelgefühl war von den paar schnellen Schritten durch die Wohnung stärker geworden, ich hatte Schweißperlen auf der Stirn, als hätte ich einen Berg bestiegen. Ich blieb an der Schwelle stehen. Der Wasserkocher schaltete sich gerade mit einem kurzen Pfeifton aus. Die Küche war leer.

Ich ging zur Eingangstür. Der Schlüssel hing auf dem bunten, von Hanna bemalten Brett. Offensichtlich hatte ich am Vorabend vergessen abzusperren. Der rechte Türflügel war verzogen und ließ sich zumindest in der kalten Jahreszeit von außen aufdrücken. Ich öffnete einen Spalt und horchte hinaus. Aus der Nachbarwohnung drangen gedämpfte Geräusche. Weiter unten waren Schritte zu vernehmen, jemand flüsterte ein paar Worte. Dann wurde es still.

Vielleicht spielt sie ja ihr Spiel weiter, dachte ich, vielleicht hat sie sich hier in der Wohnung versteckt. Ich sperrte ab, ging von Zimmer zu Zimmer, rief hinein, ließ meinen Blick folgen. Ich öffnete Schränke und schaute unter Betten. Von Zeit zu Zeit musste ich mich setzen und kurz verschnaufen.

Als ich die Tür zum Badezimmer öffnete, schlug mir eiskalte Luft entgegen. Und im selben Augenblick, als hätte ich beim Überschreiten der Schwelle einen Schritt in die unmittelbare Vergangenheit gemacht, war die Erinnerung an den Vorabend zumindest in Bruchstücken wieder da: Ich erinnerte mich an das Schaumbad, das ich mir eingelassen hatte. An die bleierne Müdigkeit, die mich bald überfiel. An ein Buch, das ins Wasser plumpste und mich hochschrecken ließ.

Und tatsächlich, da hing das Buch über dem Heizkörper: Arthur Schnitzlers Der Weg ins Freie. Das Wasser stand immer noch in der Badewanne. Ich zögerte, blieb unschlüssig stehen. Dann schloss ich das Fenster, ließ das Wasser ablaufen und setzte mich an den Wannenrand. Meine Hände begannen wieder zu zittern. War also der Kamin blockiert? Oder das Abzugsrohr der Heizungs- und Warmwassertherme? Waren das Zittern, die Kopfschmerzen, der Schwindel, die Sehstörungen demnach die Symptome einer Kohlenmonoxidvergiftung?

Nach einigen vergeblichen Anrufen erreichte ich einen Notdienst, bei dem man mir versprach, Sonntagnachmittag jemanden vorbeizuschicken. Die Aussicht auf ein eisiges Wochenende in den eigenen vier Wänden behagte mir nicht, und so griff ich zur Selbsthilfe. Unter Mühen und Schmerzen holte ich Werkzeug und Leiter und rückte der Therme zu Leibe. Das Abzugsrohr wehrte sich eine Weile, bevor ich es aus der Wand bekam. Ich zündete ein Stück Papier an und hielt es in den Kamin. Gierig saugte das schwarze Loch die Flammen auf und wirbelte auch die Papierreste nach oben. Am Kamin lag es also nicht. Ich stieg auf die oberste Stufe und stellte mich auf Zehenspitzen, um von oben einen Blick in den Abzug der Therme zu werfen. Es gab nichts zu sehen, doch die Leiter hätte mich dabei beinahe abgeworfen.

Warum ich auch das Kamintürchen öffnete, das sich direkt unterhalb der Therme befand, weiß ich nicht mehr. Ich zuckte jedenfalls zurück und stieß einen unwillkürlichen Schrei aus, als mir ein schwarzes Etwas entgegenfiel und zusammen mit Ruß und Schamott vor meinen Füßen liegen blieb. Das Etwas war ein Vogel, stellte ich fest, nachdem der erste Schock sich mit der Rußwolke gelegt hatte. Zuerst dachte ich an eine Krähe oder Dohle. Doch nachdem ich den Körper vorsichtig mit dem Schraubenzieher gewendet hatte, entdeckte ich die weiße...

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