Die Frau im Musée d'Orsay - Roman

Die Frau im Musée d'Orsay - Roman

von: David Foenkinos

Penguin Verlag, 2019

ISBN: 9783641239244

Sprache: Deutsch

240 Seiten, Download: 1971 KB

 
Format:  EPUB, auch als Online-Lesen

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Die Frau im Musée d'Orsay - Roman



1

Das Pariser Musée d’Orsay ist ein ehemaliger Bahnhof. Die Gegenwart wandelt somit auf ungewöhnliche Art auf den Spuren der Vergangenheit. Man kann die Gedanken schweifen lassen und sich vorstellen, wie zwischen Gemälden von Manet und Monet die Züge einfahren. Auch eine Form des Reisens. Auf dem Platz vor dem Museum hat mancher Besucher vielleicht Antoine Duris gesehen. Still und verdutzt stand er da, als wäre er vom Himmel gefallen. Verdutzt ist wohl das richtige Wort, um seine Gefühlslage zu beschreiben.

2

Er kam viel zu früh zu seinem Termin mit der Personalchefin. Seit Tagen bereitete er sich innerlich auf dieses Vorstellungsgespräch vor. Er wollte unbedingt im Musée d’Orsay arbeiten. Mit ruhigem Schritt ging er auf den Mitarbeitereingang zu. Mathilde Mattel hatte am Telefon ausdrücklich betont, er solle auf keinen Fall den Besuchereingang nehmen. Ein Mann vom Sicherheitsdienst forderte ihn auf, stehen zu bleiben.

»Haben Sie eine Zugangskarte?«

»Nein, aber ich werde erwartet.«

»Von wem?«

»…«

»Von wem werden Sie erwartet?«

»Pardon … von Madame Mattel.«

»In Ordnung. Melden Sie sich bitte am Empfang.«

»…«

Ein paar Meter weiter erklärte er erneut den Grund seines Erscheinens. Eine junge Frau warf einen Blick in ein großes schwarzes Kalenderheft.

»Sind Sie Monsieur Duris?«

»Ja.«

»Darf ich Ihren Ausweis sehen?«

»…«

Das war doch absurd. Wer würde sich schon für ihn ausgeben wollen? Brav holte er seinen Ausweis hervor und überspielte seine Unsicherheit mit einem verständnisvollen Lächeln. Das Vorstellungsgespräch schien bereits beim Sicherheitsdienst und der Empfangsdame anzufangen. Es galt, vom ersten Bonjour an auf der Höhe zu sein, sich bloß kein holpriges Merci zu erlauben. Nachdem die junge Frau überprüft hatte, ob er wirklich Antoine Duris war, beschrieb sie ihm den Weg. Er sollte einem Flur folgen, an dessen Ende sich ein Aufzug befand. »Das ist ganz einfach, Sie können das Büro gar nicht verfehlen«, fügte sie hinzu. Antoine schwante, dass er sich aufgrund dieser Äußerung nun garantiert verlaufen würde.

In der Mitte des Flurs angelangt, wusste er schon nicht mehr, wohin. Hinter einer Glasfront entdeckte er ein Gemälde von Gustave Courbet. Die Schönheit war immer noch das beste Mittel gegen den Zweifel. Seit Wochen kämpfte er dagegen an, nicht den Boden unter den Füßen zu verlieren. Er spürte, dass er mit seinen Kräften am Ende war, die beiden kurzen Gespräche, die er hinter sich hatte, hatten ihn schon erhebliche Anstrengungen gekostet. Dabei war es nur darum gegangen, ein paar Worte zu sagen, völlig harmlose Fragen zu beantworten. Sein Weltverständnis war in ein Primärstadium zurückgefallen, er hatte oft irrationale Angstzustände. Er merkte, dass das, was er erlebt hatte, Spuren hinterlassen hatte. Würde er es wenigstens schaffen, mit der Personalchefin des Musée d’Orsay, Madame Mattel, ein Vorstellungsgespräch zu führen?

Als er mit dem Aufzug in den zweiten Stock fuhr, stellte er bei einem flüchtigen Blick in den Spiegel fest, dass er Gewicht verloren hatte. Es wunderte ihn nicht, er nahm zurzeit nicht viel zu sich, vergaß manchmal schlicht das Mittag- oder Abendessen. Sein Magen nahm es ohne Knurren hin, sein ganzer Körper war so etwas wie eine betäubte Stelle. Nur der Kopf sagte: »Antoine, du musst was essen.« Es gibt zwei Arten von menschlichem Leid. Leid, gegen das der Körper sich wehrt, und Leid, gegen das der Geist sich wehrt. Dass beide sich wehren, ist selten.

Im zweiten Stock wurde er von einer Frau empfangen. Normalerweise erwartete Mathilde Mattel ihre Gäste in ihrem Büro, doch für Antoine Duris setzte sie sich in Bewegung. Sie hatte es furchtbar eilig, die Gründe seiner Bewerbung zu erfahren.

»Sind Sie Antoine Duris?«, fragte sie dennoch, um sicherzugehen.

»Ja. Wollen Sie meinen Ausweis sehen?«

»Nein, wieso?«

»Unten hat man ihn sehen wollen.«

»Das ist wegen des Ausnahmezustands. Tut mir leid.«

»Ich kann mir nicht vorstellen, wer auf die Personalchefin des Musée d’Orsay einen terroristischen Anschlag verüben sollte.«

»Man kann nie wissen«, antwortete sie lächelnd.

Was sich als geistreicher oder scherzhafter Kommentar verstehen ließ, war eigentlich eher eine kühle Bemerkung. Mathilde wies ihm mit einer Handbewegung den Weg zu ihrem Büro. Sie liefen einen langen, engen, leeren Flur entlang. Während er hinter ihr herging, dachte Antoine, dass diese Frau, die zu einer Zeit, zu der das übrige Personal noch gar nicht da war, potenzielle künftige Angestellte begrüßte, ein ziemlich langweiliges Leben haben musste. Er dachte recht ungeordnet und nicht allzu logisch.

In ihrem Büro bot ihm Mathilde alles Mögliche zu trinken an, Tee, Kaffee, Wasser, aber Antoine sagte Nein, Nein, Nein, danke. Also begann sie mit dem Vorstellungsgespräch:

»Ich muss sagen, ich war sehr überrascht, als ich Ihren Lebenslauf bekommen habe.«

»Warum?«

»Warum? Sie fragen, warum? Sie sind Hochschulprofessor …«

»…«

»Sie haben einen gewissen Ruf. Ich glaube, ich bin sogar schon einmal auf einen Artikel von Ihnen gestoßen. Und Sie bewerben sich als … Saalaufsicht.«

»Genau.«

»Kommt Ihnen das nicht komisch vor?«

»Nicht sonderlich.«

»Ich habe mir erlaubt, bei der Kunsthochschule in Lyon anzurufen«, sagte Mathilde nach einer Weile.

»…«

»Man hat mir bestätigt, dass Sie Ihre Stelle dort aufgegeben haben. Einfach so, von heute auf morgen, ohne irgendeine Erklärung.«

»…«

»Haben Sie keine Lust mehr zu unterrichten?«

»…«

»Haben Sie … Depressionen? Ich habe für so etwas Verständnis. Burn-outs sind weitverbreitet.«

»Nein. Nein. Ich brauche einfach mal eine Pause. Bestimmt werde ich irgendwann wieder anfangen zu unterrichten, aber …«

»Aber was?«

»Hören Sie, Madame, ich habe mich hier um eine Stelle beworben und würde gerne wissen, ob ich Aussicht darauf habe, sie zu bekommen.«

»Finden Sie nicht, dass Sie ein bisschen überqualifiziert sind?«

»Ich mag Kunst. Ich habe sie auch studiert, ich habe sie gelehrt, in Ordnung, aber im Augenblick möchte ich eben nur dasitzen und von schönen Bildern umgeben sein.«

»Saalaufsicht ist aber nicht unbedingt eine geruhsame Arbeit. Man wird ständig mit Fragen gelöchert. Und es kommen auch viele Touristen hierher. Man muss die ganze Zeit aufpassen.«

»Vielleicht können Sie mich ja zur Probe einstellen, wenn Sie an mir zweifeln.«

»Wir brauchen Leute, nächste Woche wird die große Modigliani-Ausstellung eröffnet. Da werden die Massen strömen. Das wird ein Riesenereignis.«

»Das trifft sich gut.«

»Wieso?«

»Modigliani war das Thema meiner Doktorarbeit.«

Mathilde erwiderte nichts. Antoine hatte gedacht, diese Auskunft könnte sich zu seinen Gunsten auswirken. Doch sie schien der Personalchefin vielmehr noch einmal vor Augen zu führen, wie merkwürdig sein Vorhaben doch war. Was wollte ein Gelehrter wie er hier? Stimmte es, was er sagte? Er wirkte wie ein verängstigtes Tier, das sich offenbar nur durch die Flucht in ein Museum retten konnte.

3

An nicht einmal einem Tag hatte Antoine seine Wohnung aufgelöst und die Schlüssel abgegeben. Sein Vermieter sagte zu ihm: »Sie haben zwei Monate Kündigungsfrist, Monsieur Duris … Sie können nicht einfach so weggehen. Ich muss mich ja wieder nach jemandem umschauen.« In völlig verzweifeltem Ton setzte er noch ein paar Sätze hinzu. Antoine fiel ihm ins Wort: »Keine Sorge. Ich zahle Ihnen die zwei Monate.« Er mietete einen kleinen Lastwagen und belud ihn mit seinen Kisten. In den meisten waren Bücher. Er hatte einmal einen Artikel gelesen über Leute, die von einem Tag auf den anderen ihr ganzes bisheriges Leben aufgaben. In Japan nannte man sie die, die sich in Nichts auflösen. Der wunderbare Ausdruck verschleierte ein wenig ihre dramatische Lage. Häufig handelte es sich um Männer, die ihren Job verloren hatten und in einer Gesellschaft, in der es darauf ankam, den äußeren Schein zu wahren, den sozialen Abstieg nicht verkrafteten. Lieber sein Heil in der Flucht suchen und auf der Straße leben als einer Frau, der Familie, den Nachbarn ins Auge sehen. Das war jedoch überhaupt nicht Antoines Situation, der als geachteter und renommierter Professor auf dem Höhepunkt seiner Karriere stand. Dutzende von Studentinnen und Studenten hofften jedes Jahr, bei ihm ihre Abschlussarbeit schreiben zu dürfen. Was also war passiert? Louise hatte ihn verlassen, aber diese Wunde war in den vergangenen Monaten praktisch schon geheilt. Und so ein Liebesleid musste doch jeder mal ertragen. Deswegen ließ man nicht alles liegen und stehen.

Er hatte sämtliche Kisten und die paar Möbel, die er besaß, in einem Container in Lyon eingelagert. Und war mit einem einzigen Koffer in den Zug nach Paris gestiegen. Nachdem er die ersten Nächte in einem Zwei-Sterne-Hotel in der Nähe des Bahnhofs geschlafen hatte, fand er ein kleines Apartment in einem beliebten Viertel der Hauptstadt. Er brachte keinen Namen am Briefkasten an und musste weder einen Strom- noch einen Gasversorgungsvertrag abschließen. Alles lief auf den Namen des Vermieters. Niemand konnte ihn mehr aufspüren. Freunde und Verwandte machten sich freilich Sorgen. Um diese Sorgen zu zerstreuen oder vielmehr um in Frieden gelassen zu werden, schickte er eine Sammelmail an alle:

Meine Lieben,

es tut mir sehr leid, dass ich euch Kummer bereite. Die vergangenen Tage waren so hektisch, dass ich nicht dazu gekommen bin, eure Nachrichten zu beantworten. Kein Grund zur Unruhe, bei...

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