Weltretten für Anfänger - Von guten Vorsätzen, miesen CO2-Bilanzen und dem Versuch, ein besserer Mensch zu werden

Weltretten für Anfänger - Von guten Vorsätzen, miesen CO2-Bilanzen und dem Versuch, ein besserer Mensch zu werden

von: Susanne Fröhlich, Constanze Kleis

GRÄFE UND UNZER, 2019

ISBN: 9783833874338

Sprache: Deutsch

208 Seiten, Download: 1483 KB

 
Format:  EPUB, auch als Online-Lesen

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Weltretten für Anfänger - Von guten Vorsätzen, miesen CO2-Bilanzen und dem Versuch, ein besserer Mensch zu werden



SO ISSES …


Als ich erst für mich und dann für dieses Buch anfing, mich mit dem Zustand unseres Planeten zu befassen, fielen mir die Arztwitze ein, die mit dem Satz beginnen: „Wollen Sie zuerst die gute oder die schlechte Nachricht?“ Natürlich will man als Erstes die gute Nachricht hören … Die lautet: „Also, Sie haben noch zwei Tage zu leben.“ Und nein, der Arzt hat sich nicht in der Reihenfolge vertan. Denn die schlechte Nachricht klingt so: „Ich versuche, Sie schon seit vorgestern zu erreichen!“

So ungefähr sieht die Lage aus, in der wir uns befinden. Natürlich könnte man es weiterhin so genau gar nicht wissen wollen. Man könnte sich, wie kürzlich Donald Trump, seine Wetterkarte auch einfach selbst malen. Wäre durchaus legitim und letztlich ja Privatangelegenheit, ob man entspannt in einem brennenden Haus sitzen bleibt, weil ganz bestimmt irgendjemand vorbeikommen wird, um das Feuer zu löschen … Oder ob man schon mal den SUV verkauft oder weniger Fleisch isst oder den Einkauf im Textildiscounter streicht. Man könnte auch schlichtweg behaupten, es würde gar nicht brennen … Oder dass das Problem ganz einfach mit einer Klimaanlage zu beheben sei und man den Vorgarten planieren könne, weil dort eh nichts mehr wächst und man deshalb genauso gut einen Parkplatz draus machen kann.

Solange die Arktis nicht vor unserer Tür schmilzt, der Regenwald nicht um die Ecke brennt und die Kinder, die in den Kobaltminen im Kongo Nachschub für unsere Smartphone-Akkus fördern, nicht an unserer Haustür vorbei zur Sklavenarbeit gehen, ist es ja ohnehin ganz leicht, sich all die Notausgänge offenzuhalten, die sich seit Jahrzehnten bewährt haben. Nämlich: Das ganze Gedöns ums Klima als Hysterie abzutun. Und zu glauben, dass diese eine Jeans, diese eine Avocado, diese eine Flugreise bestimmt wegen Geringfügigkeit unter dem Umweltradar durchfliegen. Oder wie es eine Bekannte nach einem Rundflug über ein Naturschutzgebiet in Kanada formulierte: „Ehrlich, ich verstehe die ganze Aufregung um die Kaffeekapseln nicht. Ist doch noch so viel Natur da!“

Ja, es war wirklich sehr nett von der Klimaerwärmung, der Vermüllung der Meere, dem Artensterben, den Sturmfluten, dem Gletschertod, sich irgendwo anders auszutoben. Das Gute am Schlimmen war ja, dass es nie dort stattfand, wo wir uns gerade aufhielten – und wir uns so für nichts verantwortlich zu fühlen brauchten, weil wir auch für nichts die Konsequenzen tragen mussten.

Aber jetzt ist langsam auch vor der eigenen Haustür Schluss mit lustig: Morgens singen kaum noch Vögel, die Sommer sind so heiß, dass man es nur noch in der abgedunkelten Wohnung aushält, und nicht mal mehr drei Tage kann man wegfahren, ohne den Schrebergarten unversorgt zu lassen, weil sonst alles vertrocknet. Kein Tag vergeht, in dem nicht in den Zeitungen oder im Fernsehen über eine weitere Umwelttragödie berichtet wird. Manchmal wünsche ich mir dann schon, weiterhin ahnungslos vor mich hinleben zu können.

Andererseits bin ich auch froh, die Eckdaten der Katastrophen zu kennen, die sich allerorten anbahnen – um zu verstehen, dass Veränderungen alternativlos sind. Und zwar nicht nur die kleinen, sondern gleich auch die mittleren und großen. So seltsam es klingt, aber ich bin damit gleichzeitig David und Goliath. Weil ich zu den vielen gehöre, die sich weit mehr herausgenommen haben und herausnehmen, als ihnen zusteht und als die Natur, als unser Planet verträgt. Zumindest kann ich jetzt versuchen, etwas zu ändern und also auch David sein, der bei aller Aussichtslosigkeit es wenigstens probiert haben will. Denn eines habe ich verstanden: Es geht längst nicht mehr um Verzicht und darum, ob es zumutbar ist, die Bahn zu nehmen statt des Fliegers, und die Heizung etwas herunterzudrehen. Sondern darum, ob man die Zukunft des Planeten und die seiner Kinder gleich noch mit stornieren will. Deshalb an dieser Stelle am besten schon mal Taschentücher bereitlegen. Aus Stoff natürlich. Denn für die Herstellung der Papiervarianten werden viel Energie, Wasser und auch Chemie verbraucht, und das werden Sie spätestens nach der Lektüre der nächsten Absätze nicht mehr wollen.

DR. JEKYLL UND MR. HYDE


Zugegeben, jetzt könnte es ein wenig langweilig werden. Sie können diesen Teil auch gern auslassen. Aber um als Weltretterin ernst genommen zu werden, sollte man vielleicht doch wissen, was eigentliche dieses CO2 ist, von dem immer alle reden – und das einerseits so gut und andererseits so böse sein soll. Auch dafür finde ich im Netz eine verständliche und informative Seite, nämlich die von co2online: „CO2 ist die chemische Summenformel für das aus Kohlenstoff und Sauerstoff bestehende Molekül Kohlenstoffdioxid, auch als Kohlendioxid bekannt. Das Gas Kohlenstoffdioxid ist farblos, gut in Wasser löslich, nicht brennbar, geruchlos und ungiftig. Es ist neben Stickstoff, Sauerstoff und sogenannten Edelgasen ein natürlicher Bestandteil der Luft …“3 Es macht dort zwar nur etwa 0,038 Prozent aus, spielt aber als Treibhausgas eine entscheidende Rolle für unser Klima: CO2 nimmt nämlich einen Teil der von der Erde in das Weltall abgegebenen Wärme auf und strahlt sie wieder zurück. Durch diesen natürlichen Treibhauseffekt entsteht eigentlich das gemäßigte Klima, in dem an sich alles prächtig gedeiht. CO2 entsteht bei der Zellatmung vieler Lebewesen oder auch bei der Verbrennung von Holz, Kohle, Öl oder Gas. „Einmal in die Atmosphäre abgesondert, baut sich CO2 im Gegensatz zu anderen Stoffen nicht selbst ab. Es wird durch Gewässer gespeichert und durch Grünpflanzen im Zuge der Photosynthese abgebaut. Dabei wird mit Hilfe von Sonnenlicht Kohlenstoffdioxid in Glucose (die als kohlenhydrathaltige Biomasse ein Grundstoff für alle Organismen ist) und Sauerstoff umgewandelt. Der Sauerstoff wird an die Umgebung abgegeben.“4 Man nennt das Kohlenstoffkreislauf.

Kleines Beispiel: Eine Fichte nimmt in 100 Jahren etwa 2,5 Tonnen CO2 aus der Luft auf. Beim Abholzen geht also zum einen ein CO2-Speicher verloren, zum anderen setzen wir das im Holz gespeicherte CO2 frei, wenn wir es verbrennen. So weit zu Dr. Jekyll.

Mr. Hyde tritt auf den Plan, sobald mehr CO2 freigesetzt wird, als gebunden und umgewandelt werden kann. Und das ist es, woran wir emsig arbeiten. Seit Beginn der Industrialisierung haben wir 1.400 Milliarden Tonnen CO2 ausgestoßen. Durch die Verbrennung von Kohle, Erdgas, Erdöl in der Industrie und beim Heizen hat sich der globale CO2-Ausstoß dabei allein seit Mitte des 20. Jahrhundert fast vervierfacht. Und als ob das nicht schon dämlich genug wäre, zerstören wir gleichzeitig die natürlichen CO2-Speicher wie etwa den Regenwald durch Rodung und Brandstiftung. Milliarden Tonnen von CO2 sind so in der Atmosphäre gefangen und heizen die Erde immer weiter auf.

Befeuert wird der Effekt im wahrsten Sinne des Wortes noch von Methan, das rund 25-mal so klimawirksam ist wie CO2. Es entsteht, wenn organisches Material unter Luftausschluss abgebaut wird. Also in der Land- und Forstwirtschaft und in den Mägen von Tieren. Ja, es sind die furzenden und rülpsenden Rinder, die sich für ihr erbärmliches Leben als Schlachtvieh der Massentierhaltung rächen. Eine weitere Methanquelle sind Klärwerke und Mülldeponien. Noch dazu wird bei der Gletscherschmelze in großem Umfang Methan freigesetzt.

Und um die höllische Truppe leidlich komplett zu machen, gehört hier noch das Lachgas genannt. Das kommt in der Atmosphäre zwar nur in sehr geringem Umfang vor, nimmt aber 298-mal stärkeren Einfluss auf das Klima als CO2. Lachgas gelangt durch stickstoffhaltigen Dünger und Massentierhaltung sowie chemische Prozesse in der Industrie in die Atmosphäre, so das Bundesministerium für Umwelt.5

Damit ist die Menschheit – also wenigstens die in den Industrienationen – der derzeit heißeste Anwärter auf den Darwin Award. Seit über 20 Jahren bekommen diejenigen den Preis zu Ehren des Vaters der Evolutionstheorie, die den menschlichen Genpool verbessern, indem sie sich selbst daraus entfernen. Und daran arbeiten wir ungefähr so hart wie an der Vergrößerung unseres ökologischen Fußabdrucks. Man könnte auch sagen: Wir sind alle Selbstmordattentäter. Weil wir nicht nur uns, sondern gleich auch allen anderen die Lebensgrundlage entziehen.

Folgen der selbst gemachten Klimaerwärmung sind ja unter anderem extreme Wetterphänomene wie Stürme, aber auch Dürren, Überschwemmungen und die Erhöhung der Meeresspiegel. Bis heute ist das Wasser bereits um etwas 23 Zentimeter gestiegen. Klimaforscher glauben, dass der Meeresspiegel bis 2100 noch um bis zu 1,80 Meter zulegen kann, wenn die Eismassen in Grönland, Alaska, Kanada, Asien und den südlichen Anden weiterhin so rasant schmelzen wie bisher. Sturmfluten wirken sich dann durch den höheren Wasserpegel noch verheerender aus, Böden versalzen. Weltweit sind rund 200 Millionen Menschen in tief gelegenen Küstengebieten von dieser Entwicklung betroffen, 30 der 50 größten Städte liegen am Meer. Laut einem Bericht des Wissenschaftlichen Dienstes des Bundestags leben allein in Deutschland rund 3,2 Millionen Menschen in überflutungsgefährdeten Gebieten.6 Vor allem Schleswig-Holstein, Niedersachsen und Mecklenburg-Vorpommern wären teilweise unbewohnbar.

Die Erderwärmung verwandelt zudem ganze Regionen in Saunalandschaften. Allerdings ohne Eisbecken. Aufgrund der Hitze fallen auch hierzulande die Ernten immer bescheidener aus, und weil sich nun selbst Schadinsekten aus dem...

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