Der untröstliche Witwer von Montparnasse - Kriminalroman

Der untröstliche Witwer von Montparnasse - Kriminalroman

 

 

 

von: Fred Vargas

Aufbau Verlag, 2012

ISBN: 9783841201034

Sprache: Deutsch

293 Seiten, Download: 988 KB

 
Format:  EPUB, auch als Online-Lesen

geeignet für: geeignet für alle DRM-fähigen eReader geeignet für alle DRM-fähigen eReader Apple iPad, Android Tablet PC's Apple iPod touch, iPhone und Android Smartphones Online-Lesen


 

eBook anfordern

Mehr zum Inhalt

Der untröstliche Witwer von Montparnasse - Kriminalroman



4


Marthe wohnte jetzt in einem Zimmer im Erdgeschoß in einer kleinen Sackgasse in der Nähe der Bastille.

»Das hat ein Freund für mich besorgt!« sagte sie stolz zu Clément, als sie die Tür öffnete. »Wär da nicht mein ganzes Durcheinander, würde das was hermachen. Das Geschäft auf den Quais auch. Er heißt Ludwig. Hättest du gedacht, daß ich eines Tages Bücher verkaufen würde? So von einem Trottoir zum nächsten kann einem alles passieren, weißt du.«

Clément folgte ihr nur halb.

»Ludwig?«

»Das ist der Freund, von dem ich dir erzähle. Ein Mann, wie du nur wenige findest. Und du weißt, daß ich mich mit Männern auskenne. Leg dein Akkordeon ab, du ermüdest mich, Clément.«

Clément wedelte mit der Zeitung herum, er hätte gerne geredet.

»Nein«, sagte Marthe. »Leg erst dein Akkordeon ab und setz dich, du siehst doch, daß du dich kaum noch auf den Beinen halten kannst. Du wirst mir das mit dem Akkordeon noch erklären, aber das eilt nicht. Hör mir zu, mein kleiner Mann: Wir essen was zu Abend, wirtrinken ein ordentliches Glas, und dann erzählst du mirin aller Ruhe deine Geschichte. Man muß die Dinge in der richtigen Reihenfolge tun. Während ich das Essen vorbereite, machst du dich frisch. Und stell jetzt das Akkordeon ab, verdammt.«

Marthe führte Clément in eine Ecke des Zimmers und zog einen Vorhang beiseite.

»Guck mal«, sagte sie. »Ein richtiges Badezimmer. Da bist du platt, was? Du nimmst jetzt ein heißes Bad, weil man immer ein heißes Bad nehmen soll, wenn es einem nicht gut geht. Wenn du was Sauberes zum Anziehen hast, dann zieh dich um. Und gib mir deine schmutzigen Sachen, ich kümmere mich heute abend drum. Bei der Hitze trocknet das schnell.«

Marthe ließ Wasser ein, schob Clément in Richtung Badezimmer und zog den Vorhang zu. Zumindest würde er nicht mehr nach Schweiß riechen. Marthe seufzte, sie machte sich Sorgen. Sie nahm leise die Zeitung und las langsam den ganzen Artikel auf Seite sechs. Die junge Frau, deren Leiche man am Morgen zuvor gefunden hatte, wohnte in der Rue de la Tourdes-Dames; sie war niedergeschlagen, erwürgt und mit achtzehn Stichen durchbohrt worden, vielleicht mit einer Schere. Ein Gemetzel. »Man setzt große Hoffnungen in die Zeugenaussagen der Anwohner, die übereinstimmendeinen Mann erwähnen, der in den Tagen vor dem Mord täglich vor dem Gebäude des Opfers gestanden hat.« Das Geräusch von Wasser ließ Marthe aufschrecken, Clément ließ sein Badewasser ab. Marthe schob behutsam die Zeitung beiseite.

»Setz dich, mein Junge. Es kocht.«

Clément hatte sich umgezogen und gekämmt. Er war nie schön gewesen, was vielleicht an seiner runden Nase, seiner fahlen Haut und vor allem an der Leere in seinen Augen lag. Marthe sagte, das komme, weil sie so dunkel seien, daß man die Pupille nicht von der Iris unterscheiden könne, aber wenn man sich bitte schön mal die Mühe machen würde, dann sähe er so schlecht doch gar nicht aus, und außerdem, was hatte das schließlich für eine Bedeutung. Während sie weiter die Nudeln umrührte, wiederholte Marthe im Geist die Suchmeldung, die die Zeitung im Anschluß an den Artikel abgedruckt hatte: »… die Ermittlungen richten sich auf einen jungen Mann weißer Hautfarbe zwischen fünfundzwanzig und dreißig Jahren, klein, mager oder sehr schmal, lockiges, helles Haar, glattrasiert, einfach gekleidet, graue oder beige Hosen, Turnschuhe.« Die Polizei sei in der Lage, in zwei Tagen ein Phantombild zu liefern, vielleicht früher.

Graue Hose, präzisierte Marthe und warf einen kurzen Blick auf Clément.

Sie füllte die Teller mit Nudeln und Käse und gab ein weichgekochtes Ei über das Ganze. Clément starrte wortlos auf sein Essen.

»Iß«, sagte Marthe. »Nudeln werden schnell kalt, niemand weiß, warum. Blumenkohl dagegen bleibt lange heiß. Frag, wen du willst, du wirst niemanden finden, der dir sowas erklärt.«

Clément hatte noch nie beim Essen reden können, er war unfähig, beides zugleich zu tun. Marthe hatte daher beschlossen, das Ende des Abendessens abzuwarten.

»Denk nicht dran und iß«, wiederholte sie. »Ein leerer Sack kann nicht stehen.«

Clément nickte und gehorchte.

»Und während wir essen, erzähle ich dir Geschichten aus meinem Leben, wie früher, als du klein warst. Nicht wahr, Clément? Die von dem Kunden, der immer zwei Hosen übereinander anhatte, ich bin sicher, daß du dich überhaupt nicht mehr an sie erinnerst.«

Es fiel Marthe nicht schwer, Clément zu zerstreuen. Sie besaß die Fähigkeit, stundenlang kleine Geschichten aneinanderzureihen, und häufig passierte es ihr sogar, daß sie mit sich selbst redete. Sie erzählte also die Geschichte von dem Mann mit den zwei Hosen, die von dem Brand an der Place d’Aligre, die von dem Abgeordneten, der zwei Familien hatte, die nur sie allein kannte, die Geschichte von der kleinen fuchsroten Katze, die aus dem sechsten Stock auf ihre vier Pfoten gefallen war.

»Meine Geschichten sind heute abend nicht besonders großartig«, schloß Marthe und verzog das Gesicht. »Ich bin nicht ganz bei der Sache. Ich bring jetzt den Kaffee, und dann unterhalten wir uns. Nimm dir nur Zeit.«

Clément fragte sich ängstlich, wo er beginnen sollte. Er hatte keine Ahnung, wo ›klein a‹ war. Sicher heute morgen im Café.

»Heute morgen habe ich einen Kaffee im Café getrunken.«

Clément unterbrach sich, die Finger auf den Lippen. Genau das war es, weshalb er ein Trottel war. Wie stellten all die anderen es an, nicht ›einen Kaffee im Café‹ zu sagen?

»Erzähl weiter«, sagte Marthe. »Laß dich nicht beeindrucken, das sind Kleinigkeiten, die uns egal sind.«

»Ich habe einen Kaffee im Café getrunken«, wiederholte Clément. »Da hat einer der Männer die Zeitung vorgelesen. Ich hab den Namen ›Rue de la Tour-des-Dames‹ gehört, da hab ich persönlich zugehört, und dann haben sie den Mörder beschrieben, und das war dann ich, Marthe. Niemand anderer als ich. Da war ich dann erledigt. Ich verstehe nicht, wie sie es erfahren haben. Ich hatte große Angst, folgsam bin ich persönlich in mein Hotel zurückgegangen. Ich hab meine Sachen genommen, und danach habe ich nur an eine einzige Sache gedacht, und das warst du, damit sie mich nicht schnappen.«

»Was hat das Mädchen dir getan, Clément?«

»Was für ein Mädchen, Marthe?«

»Das Mädchen, das jetzt tot ist, Clément. Hast du sie gekannt?«

»Nein. Ich hab sie nur fünf Tage lang ausspioniert.

Aber sie hat mir nichts getan, das schwör ich.«

»Und warum hast du sie ausspioniert?«

Clément drückte mit einem Finger auf einen Nasenflügel und runzelte die Stirn. Es war schwierig, alles in die richtige Reihenfolge zu bringen.

»Um zu erfahren, ob sie einen Liebhaber hat. Das war dafür der Grund. Und die Topfpflanze habe ich auch gekauft, und ich habe sie hingebracht. Sie haben sie bei ihr gefunden, die ganze Erde auf dem Boden, das steht in der Zeitung.«

Marthe stand auf und holte sich eine Zigarette. Als Kind war Clément zwar nicht sehr helle gewesen, aber er war ihr weder verrückt noch grausam vorgekommen. Der junge Mann, der da jetzt an ihrem Tisch in ihrem Zimmer saß, machte ihr plötzlich angst. Einen kurzen Augenblick lang dachte sie daran, hinauszugehen und die Bullen zu rufen. Ihr kleiner Clément, um Gotteshimmelswillen. Was hatte sie gehofft? Daß er nur zufällig gemordet hätte? Ohne zu wissen, was er tat? Nicht mal das. Sie hatte gehofft, es wäre nicht wahr.

»Was ist denn in dich gefahren, Clément?« murmelte sie.

»Wegen der Topfpflanze?«

»Nein, Clément! Warum hast du sie umgebracht?« brüllte Marthe.

Ihr Schrei endete in einem Schluchzen. Voller Angst rannte Clément um den Tisch und kniete sich neben sie.

»Aber Marthe«, stammelte er, »aber Marthe, du weißt doch gut, daß ich ein braves Kind bin! Das hast du doch gesagt! Das hast du immer gesagt! War das nicht persönlich die Wahrheit? Marthe?«

»Ja, das hab ich geglaubt!« rief Marthe. »Ich hab dir alles beigebracht! Und was hast du gemacht? Glaubst du, das ist anständig?«

»Aber Marthe, sie hat mir nichts getan …«

»Halt den Mund! Ich will nichts mehr davon hören!«

Clément stützte seinen Kopf in die Hände. Oder hatte er sich getäuscht? Was hatte er vergessen zu sagen? Er hatte sich wie gewöhnlich mit ›klein a‹ getäuscht, wie immer, er hatte nicht da angefangen, wo er hätte anfangen müssen, und hatte Marthe schrecklichen Kummer bereitet.

»Ich habe den Anfang nicht gesagt, Marthe!« sagte Clément und schüttelte sie. »Ich habe die Frau nicht umgebracht!«

»Wenn du’s nicht warst, war es vielleicht der liebe Gott?«

»Du mußt mir helfen«, fuhr Clément flüsternd fort und umklammerte Marthes Schultern, »sonst kriegen sie mich!«

»Du lügst.«

»Ich kann nicht lügen, das hast du auch immer gesagt! Du hast gesagt, man braucht zu viele Ideen, um zu lügen.«

Ja, sie erinnerte sich. Clément war unfähig, etwas zu erfinden. Weder einen kleinen Witz noch einen Trick und erst recht keine Lüge. Marthe dachte wieder an diesen Dreckskerl von Vater Simon, der ständig auf den Boden spuckte, während er den Kleinen beschimpfte. »Sauberes Früchtchen … aus dem wird noch ein Mörder …« Tränen brannten ihr in den Augen. Sie löste Cléments Hände von ihren...

Kategorien

Service

Info/Kontakt