Steirerkind - Sandra Mohrs dritter Fall

Steirerkind - Sandra Mohrs dritter Fall

 

 

 

von: Claudia Rossbacher

Gmeiner-Verlag, 2013

ISBN: 9783839241127

Sprache: Deutsch

284 Seiten, Download: 2270 KB

 
Format:  EPUB, PDF, auch als Online-Lesen

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Steirerkind - Sandra Mohrs dritter Fall



Kapitel 1


Samstag, 2. Februar 2013

Draußen tanzten dicke Flocken. Jene, die auf der Windschutzscheibe des silbergrauen VW Passat landeten, hatten keine Chance. Der Scheibenwischer, der auf vollen Touren lief, schob die Eiskristalle gnadenlos beiseite. Unaufhörlich fiel der Schnee vom Himmel. Immer dichter, immer schneller.

Seit Abteilungsinspektorin Sandra Mohr vom Landeskriminalamt Steiermark gegen 15 Uhr auf die Seewigtal-Straße abgezweigt war, hatte sie alle Mühe, sich in dieser Schneelandschaft zwischen Schladminger Tauern und Dachsteinmassiv zu orientieren. Das endlose, diffuse Weiß – unter Alpinisten als Whiteout gefürchtet – verschluckte alle sichtbaren Konturen und Schatten, die das menschliche Auge benötigt, um Dimensionen und Begrenzungen zu erkennen. Zu allem Überfluss wurde die Fahrbahn immer glatter. Obwohl die LKA-Ermittlerin aus Graz der Sicht und Witterung angepasst entsprechend langsam fuhr, riskierte sie bei jeder Kurve, von der Landstraße in den Graben abzurutschen. Dabei hatte Sandra Mohr von Anfang an gelernt, mit winterlichen Fahrbedingungen zurechtzukommen. Ihre ersten Fahrstunden hatte sie damals, vor 15 Jahren, in den Semesterferien in ihrem Heimatbezirk Murau, am Südrand der Niederen Tauern, absolviert und als Polizistin immer wieder spezielle Fahrtrainings durchlaufen, die ihr Partner vermutlich allesamt versäumt hatte. Sascha Bergmann, der neben ihr am Beifahrersitz saß, war einer der miserabelsten Autofahrer, dem Sandra je begegnet war. Dennoch bremste er vor jeder Kurve mit.

»Scheißwetter!«, schimpfte er und beugte sich nach vorne, als hätte er dadurch besser sehen können.

»Es nützt nichts. Wir müssen die Schneeketten anlegen«, verkündete Sandra und ließ den Wagen vorsichtig auf der Geraden ausrollen, sodass er auf einem Güterweg, der nur noch anhand der Schneestangen und Hinweisschilder als solcher zu erkennen war, zu stehen kam. Jetzt würden sie es ganz bestimmt nur mehr mit Ketten oder Anschieben im Retourgang zurück auf die Landstraße schaffen.

»Wieso wir?«, fragte Bergmann.

Sandra sah ihn mit zusammengekniffenen Augen an. Sie hatte schon geahnt, dass er sich davor drücken würde, bei diesem Sauwetter auszusteigen. Nach knapp zweieinhalb Jahren der Zusammenarbeit mit dem Wiener Chefinspektor, der sich von der Bundeshauptstadt in die steirische Landeshauptstadt versetzen hatte lassen, kannte sie diesen besser, als ihr lieb war.

»Na, du hilfst mir doch sicher beim Kettenanlegen«, sagte sie scharf, wenngleich sie seine Antwort bereits wusste. Fragte sich nur, welche Ausrede ihm diesmal einfallen würde.

Bergmann kratzte sich an der Schläfe und zog ein Knie zur Brust heran, um Sandra den Sportschuh an seinem Fuß zu zeigen.

»Tut mir echt leid, ich hab die falschen Schuhe an. Wenn ich hier aussteige, bin ich bis über beide Wadeln hinauf waschelnass. Außerdem habe ich sowieso keine Ahnung, wie man Ketten anlegt. Ehrlich nicht …« Bergmann klimperte mit den Augen. »Du schaffst das sicher auch ohne mich. Ich kümmere mich inzwischen um Jutta. Wahrscheinlich steckt sie, wie wir, irgendwo im Schnee fest«, fügte er scheinheilig hinzu.

Sandra blies hörbar Luft aus und löste ihren Gurt. Wenig überraschend wollte Bergmann lieber die attraktive Gerichtsmedizinerin anrufen, bei der er seit geraumer Zeit zu landen versuchte. Oder auch gelandet war. Wer wusste das schon so genau, außer den beiden?

»Du bist so was von einem verdammten …«

Den Rest von Sandras Schimpftirade hätte Bergmann nur mehr durch die geschlossene Autotür hören können, wenn er es denn gewollt hätte. Stattdessen nahm er sein Mobiltelefon zur Hand, um Doktor Jutta Kehrer anzuwählen, die, wie die LKA-Ermittler, zum Einsatzort an den Steirischen Bodensee gerufen worden war.

Sandra hatte gerade die Schneeketten aus dem Kofferraum geholt und ausgepackt, als sie gedämpfte Motorengeräusche und ein dumpfes Rumpeln vernahm. Sie schob die Kapuze ihres eisblauen Daunenanoraks, die ihr tief ins Gesicht gerutscht war, ein wenig nach hinten, um nach dem herannahenden Fahrzeug Ausschau zu halten. Die beiden rotierenden, gelben Rundumkennleuchten hellten auf der Stelle ihre Laune auf.

»Halleluja!«, frohlockte sie laut und stapfte die wenigen Schritte zum Straßenrand, um dem Fahrer zuzuwinken. Etwas Besseres als ein Räumfahrzeug des Winterdienstes hätte sie sich in diesem Augenblick nicht wünschen können. Der Fahrer hielt neben ihr an und beugte sich aus dem Fenster.

»Dem Himmel sei Dank, dass Sie hier sind«, begrüßte ihn Sandra euphorisch.

Der Mann im leuchtorangen Anorak lächelte sie an.

»Sie sind vom LKA Steiermark, gell?«, fragte er.

Sandra nickte glücklich. Ob ihn nun der Himmel oder die Einsatzzentrale der Landespolizeidirektion geschickt hatte, machte für sie keinen Unterschied.

»Ja, wir sind vom LKA in Graz. Könnten Sie uns den Weg zum Fischerwirt freiräumen?«

»Deswegen bin ich herg’schickt worden«, bestätigte er Sandras letzte Vermutung. »’tschuldigen, dass ich’s nicht früher g’schafft hab. Aber das Wetter ist viel schneller dahergekommen, als wir geglaubt hab’n. Auf den Straßen spielt sich’s mörderisch ab.«

»Hauptsache, Sie sind jetzt hier«, meinte Sandra dankbar.

»Ich schaufel mal den Schnee hinterm Auto weg, damit S’ da wieder außikommen. Dann fahren S’ mir am besten nach«, schlug der Räumdienstfahrer vor.

»Ist gut. Danke vielmals!« Sandra kehrte zum zivilen Dienstwagen zurück, um die Schneeketten wieder einzupacken und im Kofferraum zu verstauen.

Bergmann telefonierte, als sie wortlos zu ihm ins Auto stieg. Mit diesem Arschloch würde sie heute bestimmt nicht mehr reden, dachte sie, noch immer ärgerlich. Jedenfalls nicht abseits der Ermittlungen.

*

Hinter dem Streuwagen herzufahren war das reinste Vergnügen gegen die Rutschpartie, die Sandra zuvor hingelegt hatte. Obwohl die Fahrt auf der Panoramastraße nicht annähernd so spektakulär war, wie an jenem strahlenden Altweibersommertag, den sie vor geraumer Zeit hier verbracht hatte. Das Schneetreiben war jetzt noch heftiger als zuvor. Allmählich fragte sie sich, wie sie später nach Graz zurückkommen sollten, wenn es nicht bald zu schneien aufhörte.

Bergmanns Worten nach zu urteilen, sprach er mit dem Postenkommandanten aus Haus im Ennstal, der seit Stunden am Einsatzort auf das Eintreffen der Ermittler wartete. Die Kriminaltechniker des LKA waren bereits vor einer knappen Stunde am Leichenfundort eingetroffen und gingen dort ihrer Arbeit nach. Sandra bezweifelte, dass es bei den Schneemassen, die inzwischen gefallen waren, dort noch irgendwelche brauchbaren Spuren eines Verbrechens zu sichern gab, sah man einmal von der Leiche ab. Bisher wusste sie nur, dass unter der Eisdecke des Sees ein unbekannter männlicher Toter entdeckt worden war. Das war am späten Vormittag gewesen, bevor der Schneefall eingesetzt hatte. Die örtliche Polizei war rasch vor Ort gewesen und hatte die Feuerwehr verständigt, die gegen Mittag das Eis aufgeschnitten und die Leiche aus dem See geborgen hatte. Weil diese eine Schusswunde im Kopf aufwies, war das LKA Steiermark eingeschaltet worden.

»Sie meinen, es handelt sich bei der Leiche um diesen ÖSV-Trainer, der seit Weihnachten vermisst wird?«, hörte Sandra Bergmann fragen.

»Von mir aus … War er halt kein normaler Trainer, sondern der Sportliche Leiter des österreichischen Herren-Alpin-Skiteams, soll mir recht sein. Das ändert jedenfalls auch nichts daran, dass Roman Wintersberger jetzt tot ist, falls Ihre Vermutung stimmt … Ja, ja … Wir müssten ohnehin jeden Moment bei Ihnen eintreffen. Das hoffe ich wenigstens …« Bergmann sah Sandra fragend an. Die nickte, um seine Hoffnung zu bestätigen. Eben waren sie an dem Mauthäuschen vorbeigekommen, das nur während der Sommersaison in Betrieb war. Der Parkplatz konnte also nicht mehr sehr weit entfernt sein, glaubte sie sich von ihrem letzten Ausflug hierher erinnern zu können. Obwohl der schon eine ganze Weile zurücklag, und sie zurzeit nur das Hinterteil des Räumfahrzeuges im blinkenden Gelblicht vor sich sah.

Sandra sollte recht behalten.

Keine zehn Minuten später erreichten sie die Seewigtalhütte. Das Ausflugslokal war wie das Mauthäuschen während der Wintermonate geschlossen. Aus dem Streifenwagen – dem einzigen Fahrzeug auf dem großzügigen Parkplatz – sprang ein uniformierter Kollege und kam auf sie zu. Sandra wies sich aus. Der Polizist salutierte und lief zum Schranken hinüber, der die Zufahrtsstraße zum Steirischen Bodensee versperrte, um diesen für sie zu öffnen.

Erneut heftete sich Sandra an das Räumfahrzeug, bis sie wenig später beim Fischerwirt eintrafen. Hier parkten auch die Wagen der Einsatzgruppe, die bereits am Leichenfundort beschäftigt war. Oder besser, hätte sein sollen. In der Schneelandschaft war kein Mensch zu entdecken. Jedenfalls nicht, so weit man bei dieser Witterung sehen konnte. Wo der See ungefähr lag, ließ sich nur am eingeschneiten Holzzaun erahnen, der das nähergelegene linke Ufer ein Stück weit begrenzte, und an der kleinen Blockhütte neben dem leeren Ziegengehege am rechten Ufer. Der vereiste Wasserfall, der in der wärmeren Jahreszeit von Obersee und Hüttensee über Fels und Stein in die Tiefe herab bis zum Steirischen Bodensee stürzte, blieb dem Auge des Betrachters im Schneetreiben ebenfalls verborgen.

Sandra stieg aus dem Wagen. Die Landschaft erschien ihr wie in Watte gepackt. Das gedämpfte Geräusch ihrer Autotür, die ins Schloss fiel, verstärkte...

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