2084 - Noras Welt

2084 - Noras Welt

 

 

 

von: Jostein Gaarder

Carl Hanser Verlag München, 2013

ISBN: 9783446244221

Sprache: Deutsch

192 Seiten, Download: 1432 KB

 
Format:  EPUB, auch als Online-Lesen

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2084 - Noras Welt



 

DR. BENJAMIN

 

Sechs Jahre später sitzt Nora mit ihren Eltern zu Hause in dem alten Holzhaus, das sie bewohnen. Draußen ist es schon seit Stunden dunkel, und Noras Vater hat alle Kerzen auf dem Kaminsims und der Fensterbank angezündet. Es ist der 10. Dezember, noch zwei Nächte bis zu Noras sechzehntem Geburtstag.

Ihre Eltern sitzen auf dem Sofa vor dem Fernseher. Sie sehen einen Film über den Stillen Ozean, ein Märchen für Erwachsene aus der Zeit der Segelschiffe. Oder ist es eine Dokumentation über einen der sagenumwobenen Kapitäne des 18. Jahrhunderts? Nora ist sich nicht sicher. Sie sitzt am Esstisch und schaut nur gelegentlich zum Fernseher hinüber. Sie hält eine große Schere in der Hand, mit der sie Artikel aus Zeitungen ausschneidet, die sich vor ihr auf dem Tisch stapeln …

 

Im August war Nora in die gymnasiale Oberstufe gewechselt, und schon nach wenigen Tagen auf der neuen Schule hatte sie Jonas kennengelernt, der eine Klasse über ihr war. Sie waren auf Anhieb gute Freunde geworden und hatten dann für eine Weile so getan, als wären sie ein Liebespaar. Es war ein Spiel, doch irgendwann war ihnen aufgegangen, dass es kein Spiel mehr war.

Nora saß mit einer großen Teetasse vor ihren Zeitungsausschnitten und lächelte. Seltsam, wie schnell sich das Leben verändern konnte!

Auf das, was heute passiert war, war sie allerdings gut vorbereitet gewesen. Sie hatte endlich Tante Sunnivas alten Ring bekommen. Dass der an ihrem sechzehnten Geburtstag in ihren Besitz übergehen würde, wusste sie schon lange, und nun hatten sie ihr den Ring schon heute überreicht, weil ihre Mutter am nächsten Morgen zu einer Tagung nach Oslo musste. Sie hatten schön zusammen gegessen, zum Nachtisch gab es eine Torte vom Konditor, die mit einer roten Marzipanrose geschmückt war, und nach dem festlichen Mahl hatten sie den Ring mit dem Rubin aus seiner alten Schatulle genommen. Seitdem steckte er an Noras Finger, und auch beim Ausschneiden musste sie sich das kostbare Stück immer wieder ansehen.

Der Ring war über hundert Jahre alt, und manche hielten ihn sogar für noch viel älter. Um das Familienkleinod rankte sich ein ganzer Schatz von spannenden Geschichten.

Außerdem hatte Nora zum Geburtstag das heiß ersehnte neue Smartphone bekommen. Aber so faszinierend es war, dass man nur einen kleinen Bildschirm berühren musste, um ins Internet zu kommen – an das wunderbare Erbstück reichte das kleine Wunderwerk der Technik nicht heran.

 

Es war ein seltsamer Herbst, und das Seltsamste war eine Reise nach Oslo Mitte Oktober gewesen. Der Grund für diese Reise war etwas, das Noras Umgebung schon seit dem Frühjahr ein wenig beunruhigte.

Nora hatte schon immer eine lebhafte Fantasie besessen. Wenn man sie fragte, woran sie gerade dachte, konnte sie schon als kleines Kind lange Geschichten aus dem Ärmel schütteln, und die Erwachsenen waren davon immer nur begeistert gewesen. Doch im Frühling dieses Jahres waren ihr plötzlich Geschichten in den Sinn gekommen, von denen sie glaubte, sie seien wirklich und wahrhaftig geschehen. Sie glaubte auch, dass sie diese Geschichten von irgendwoher empfing, dass sie vielleicht aus einer anderen Zeit, wenn nicht sogar aus einer anderen Wirklichkeit stammten.

Am Ende hatte sie sich überreden lassen, darüber mit einer Psychologin zu sprechen, und diese Gespräche hatten über den ganzen Herbst verteilt stattgefunden. Schließlich wollte die Psychologin Nora zu einem Psychiater in Oslo schicken, und Nora hatte keine Einwände. Sie fand nicht, dass sie sich wegen irgendetwas schämen müsste; es schmeichelte ihr sogar, dass sie von einem Psychiater untersucht werden sollte.

Sie verlangte nur, dass sie ohne Eltern hinfahren durfte, und Jonas bot an, sie zu begleiten. Als Noras Eltern darauf bestanden, dass einer von ihnen dabei sein müsse, kam es zu dem Kompromiss, dass Nora zwar mit Jonas fahren durfte, aber ihre Mutter in einem anderen Abteil desselben Zuges saß.

Es war früher Nachmittag, als die drei das Rikshospital in Oslo erreichten, wo Nora den Termin bei dem Psychiater hatte. Die anderen beiden durften nicht mit ins Sprechzimmer, und Nora merkte, dass ihre Mutter das als Niederlage erlebte. Sie wäre gern dabei gewesen, wenn die Seele ihrer Tochter erforscht wurde. Stattdessen musste sie wie Jonas im Wartezimmer ausharren.

 

Dr. Benjamin gefiel Nora vom ersten Augenblick an. Er war zwischen fünfzig und sechzig Jahre alt und hatte seine langen, schon ein wenig grauen Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden. In einem seiner Ohrläppchen saß ein winzig kleiner veilchenblauer Stern, und aus der Brusttasche seines schwarzen Jacketts lugte ein roter Filzstift. Er hatte ein humorvolles Funkeln in den Augen und schaute Nora an wie jemand, der sich wirklich für sie interessierte.

Sie erinnerte sich noch gut an seine ersten Worte, nachdem er sie begrüßt und die Tür zum Wartezimmer geschlossen hatte. Er sagte ihr, sie hätten Glück, der Termin danach sei abgesagt worden, weshalb er jetzt besonders viel Zeit für sie habe.

Die Sonne schien in das Zimmer mit den weißen Wänden, und Nora sah die herbstlich roten und gelben Blätter der Bäume vor dem Fenster. Irgendwann im Laufe des Gesprächs entdeckte sie ein Eichhörnchen, das am Stamm einer Kiefer auf und ab huschte.

»Sciurus vulgaris«, rief sie, »das rotbraune Europäische Eichhörnchen. In England kommt es nicht mehr so häufig vor, da wird es gerade von den Grauhörnchen aus Amerika verdrängt.«

Der Psychiater schaute sie verwundert an, und Nora überlegte, ob er vielleicht von ihrem Wissen beeindruckt war. Als er sich in seinem Bürostuhl nach dem Eichhörnchen umdrehte, bemerkte sie das Foto einer schönen Frau. Es stand in einem roten Rahmen auf dem Schreibtisch. Eine Tochter oder seine Frau? Nora wollte ihn schon fragen, aber als er sich ihr wieder zuwandte und sein Schatten auf das Bild fiel, tat sie es nicht.

Nora hatte sich natürlich überlegt, wie so eine psychiatrische Untersuchung wohl ablief. Sie konnte sich nicht wirklich vorstellen, wie der Psychiater es schaffen wollte, ihr in den Kopf zu sehen, aber sie hatte sich ausgemalt, dass er ihr vielleicht mit einem speziellen optischen Instrument in die Augen schauen würde. Vielleicht blickte er ihr auch durch die Augen hindurch ins Gehirn, oder durch die Nase und den Mund, schließlich war ein Psychiater, das wusste sie, ein richtiger Arzt und nicht nur ein Psychologe. Hätte man sie allerdings danach gefragt, dann hätte sie nicht sagen können, ob sie an solche Untersuchungsmethoden tatsächlich glaubte; es waren wohl eher Fantasien, die ihr wie schnelle Filmsequenzen kurz vor Augen gestanden und sich dann wieder verflüchtigt hatten. Wovor sie wirklich Angst hatte, war, dass der Psychiater sie hypnotisieren wollte, um zu den Geheimnissen ihrer Seele vorzudringen. Sie hoffte, das mit der Hypnose werde ihr erspart bleiben, denn ihr missfiel die Vorstellung eines Kontrollverlusts, bei dem sie womöglich alle ihre Geheimnisse preisgab. Da sollte ihr der Psychiater lieber mit irgendwelchen Instrumenten zu Leibe rücken.

Und dann hatten sie nur miteinander geredet! Der Psychiater stellte Nora viele interessante Fragen, und das Gespräch wurde bald so locker, dass sie den Mut fand, ihm ihrerseits Fragen zu stellen. Wie also stand es um Dr. Benjamin selbst? Fielen ihm manchmal auch merkwürdige Geschichten ein, die er dann seiner Familie und seinen Freunden erzählte? Träumte er manchmal auch, jemand anders zu sein als der, der er tatsächlich war? Waren seine Träume auch schon einmal wahr geworden?

Am Ende fasste Dr. Benjamin das Gespräch vorläufig zusammen.

»Nun, Nora«, sagte er, »ich kann bei dir keinerlei Anzeichen für eine psychische Erkrankung erkennen. Du besitzt eine ungewöhnlich ausgeprägte Fantasie und eine verblüffende Fähigkeit, dir Situationen vorzustellen, die du nicht selbst erlebt hast. Das mag dir bisweilen zu schaffen machen, aber krank bist du nicht.«

Damit hatte Nora auch nicht gerechnet. Sie war sich im Gegenteil ganz sicher gewesen, dass sie nicht krank war, und nur der Ordnung halber erinnerte sie den Arzt daran, dass sie manchmal fest an ihre Fantasien glaubte. Sie erklärte ihm, in solchen Fällen komme es ihr vor, als ob sie das, was ihr dann in den Sinn kam, eher empfange, als dass es irgendwo in ihrem eigenen Kopf entstehe.

Dr. Benjamin nickte nachdenklich.

»Ich glaube, das habe ich verstanden«, sagte er. »Deine Fantasie schießt manchmal übers Ziel hinaus, und wenn das geschieht, kann es gut sein, dass dir Dinge mehr als nur ausgedacht oder eingebildet erscheinen. Fantasie ist etwas, das allen Menschen eigen ist, es haben nur die einen mehr und die anderen weniger davon. Alle Menschen träumen, aber nicht alle wissen am nächsten Morgen noch, was sie geträumt haben. Vor allem in dieser Hinsicht scheinst du eine seltene Begabung zu besitzen. Du nimmst in den Tag mit, was du nachts geträumt hast …«

Sie legte jetzt ganz bewusst alle Karten auf den Tisch und sagte: »Aber ich habe manchmal das Gefühl, dass die Träume aus einer anderen Wirklichkeit kommen, oder aus einer anderen Zeit.«

Wieder nickte der Psychiater.

»Auch solche Gefühle und Ahnungen sind tief in unserem Wesen als Menschen begründet. Die Menschen hatten zu allen Zeiten Erlebnisse, die sie den Kontakt zu übernatürlichen Mächten spüren ließen, ob es nun Götter waren, Engel oder Ahnen. Manche waren sich sogar sicher, solche Wesen mit eigenen Augen gesehen zu haben, oder behaupteten, sie seien ihnen leibhaftig begegnet. Auch das, was man unsere Glaubensfähigkeit nennen könnte, ist bei manchen Menschen höher entwickelt als bei anderen. Auch hier ist jeder Mensch anders. Einige sind...

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