Kapitalismus und Ungleichheit - Die neuen Verwerfungen

Kapitalismus und Ungleichheit - Die neuen Verwerfungen

 

 

 

von: Heinz Bude, Philipp Staab

Campus Verlag, 2016

ISBN: 9783593435206

Sprache: Deutsch

370 Seiten, Download: 3490 KB

 
Format:  EPUB, PDF, auch als Online-Lesen

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Kapitalismus und Ungleichheit - Die neuen Verwerfungen



Reichtum aus Feenstaub: Das Free-Lunch-Privileg des Keystroke-Kapitalismus


Aaron Sahr

Einleitung


Die Ungleichheit von Einkommen und Vermögen hat in den vergangenen Jahrzehnten dramatisch zugenommen (OECD 2008, 2011, 2015; Piketty 2014). Eine entscheidende Triebfeder der Konzentration von Reichtum an der Spitze der Einkommens- und Vermögenshierarchie bildet die Finanzialisierung 5 der Wirtschaft, die seit den 1970er Jahren vor allem in der angelsächsischen Welt, aber in unterschiedlichem Ausmaß im Grunde in allen OECD-Staaten wirkt (Assa 2012; Darcilon 2015). Dieses Akkumulationsmuster, in dessen Kontext Profite verstärkt durch Finanztransaktionen anstelle von Güterproduktion, Dienstleistungen oder Warenhandel generiert werden (vgl. Stockhammer 2004; 2014; Epstein 2006; Paley 2007; Lin/Tomaskovic 2013), strukturiert über spezifische Mechanismen die Verteilung von Einkommen und Vermögen, denn mehr als die Hälfte des globalen Privatvermögens besteht aus Finanzwerten und gerade besonders große individuelle Vermögen weisen in der Regel einen deutlich überdurchschnittlichen Anteil an Finanzwerten auf. Wer wissen will, warum die obersten zehn, ein oder 0,1 Prozent der Vermögensverteilung immer reicher werden, muss verstehen, warum ihre Finanzportfolios wachsen (Alvaredo u. a. 2013; Flaherty 2015; Credit Suisse 2015).

Die Antwort auf diese Frage verbirgt sich in einer Analyse des Bankensystems. Die Systematik des Zusammenhangs von Bankensystem und Expansion der Finanzmärkte wird von einem weitverbreiteten Trugschluss verschleiert, demzufolge das wirtschaftliche Handeln von Banken als Nullsummenspiel imaginiert wird. Dieses Paradigma drückt sich in dem Sprichwort There is no such thing as a free lunch aus, das dem amerikanischen Ökonomen Milton Friedman im Jahr 1975 als Titel eines mittlerweile vergriffenen Buchs diente. Wer etwas produziert, so Friedmans Grundtenor, muss Rohstoffe besitzen, die er verbrauchen kann; wer etwas distribuiert, braucht Geld, das er ausgeben kann; wer etwas konsumiert, verbraucht Dinge, die endlich sind und deswegen anderen nicht mehr zur Verfügung stehen. Nichts ist dabei umsonst zu haben (no free lunch).

In Ökonomik und Soziologie6 gelten Handlungen nur dann als ökonomische Handlungen, wenn sie in dieser Weise unter Knappheitsbedingungen stattfinden, d. h. unter Bedingungen der Konkurrenz um endliche Dinge (vgl. zu Knappheit in diesem Zusammenhang Luhmann 1994 und Sahr 2013). Auch das Banken- und Finanzsystem wird gewöhnlich in diesem Sinn als ökonomische Praxis verstanden. Finanzfirmen werden verallgemeinernd als Intermediäre konzeptualisiert, die (begrenzte) Kapitalbestände (als Spareinlagen) distribuieren. Wer mit dieser Unterstellung Finanzen beobachtet, der fragt sich »how money is channeled from savers (investors) to borrowers« (David/Kim 2015: 204; vgl. für ähnliche klassische Definitionen des Finanzsystems exemplarisch Stearns/Mizruchi 2005: 287; Abolafia 2006: 278; Lütz 2008: 341). Banken7 sind aber nicht vornehmlich Intermediäre, sondern autonome Produzenten von Kapital. Das Bankensystem erzeugt zusätzliche Kaufkraft durch die Vergabe von Krediten oder den Erwerb bereits existierender Vermögenswerte und ist dabei von (endlichen) Kapitalbeständen ebenso unabhängig wie von der Kontrolle durch die Zentralbanken. Das bedeutet, Banken operieren außerhalb des Nullsummenspiels, das für andere Wirtschaftsbereiche prägend ist. Neues Geld entsteht durch simple Buchungsvorgänge immer dann, wenn Banken sich entscheiden für etwas zu zahlen; es entsteht voraussetzungslos, aus, wie es der Ökonom Richard Werner (2014: 16) formuliert, »fairy dust« – Feenstaub. Diesen Umstand nenne ich in Anlehnung an Huber/Robertson (2000) das Free-Lunch-Privileg der Banken.

Die Existenz des Free-Lunch-Privilegs, so die These dieses Aufsatzes, verändert die ökonomische Dynamik von Vermögensvermehrung und damit auch die Logik materieller Ungleichheit. Um diese These zu erläutern wird im Folgenden zunächst der Bedeutungsgewinn des Finanzsektors skizziert und auf die Konsequenzen für die Einkommensverteilung hingewiesen (2.). Der folgende Abschnitt widmet sich den Bedingungen der Attraktivität von Finanzinvestments, die die Grundlage der Finanzialisierung der Wirtschaft bilden (3.). Die Gewinn- bzw. Verlustperspektiven im Kontext der Finanzialisierung folgen einer eigenen Logik, die abschließend gesondert betrachtet werden soll (4.). Die Analyse dieser Logik offenbart mindestens drei Mechanismen der Privilegierung konkreter Akteursgruppen (5.). Abschließend befasse ich mich mit den Implikationen dieses Prozesses für die Kapitalismusforschung (6.).

Finanzialisierung und Arbeitseinkommen


Im Jahr 1980 gab es weltweit etwa 12 Billionen Dollar Finanzanlagen, also Bankeinlagen, Fondsanteile, Versicherungsansprüche, Aktien, Kredite und sonstige Schuldverschreibungen, im Jahr 2014 waren es etwa 239 Billionen Dollar (Brandmeir u. a. 2015; vgl. McKinsey Global Institute 2013). Das globale Finanzsystem ist damit deutlich schneller gewachsen als die Wirtschaft insgesamt in diesem Zeitraum, hat sich also auch relativ zur Gesamtwirtschaftsleistung vergrößert (Philippon/Reshef 2013: 79).8 Mit dem absoluten und relativen Wachstum der Finanzvermögen stiegen auch die Profite des Finanzsektors: Sie haben sich in den meisten entwickelten Ökonomien relativ zu den Unternehmensgewinnen insgesamt seit 1980 etwa verdoppelt (Darcillon 2015: 488).

Die Bereitschaft, sich über Schulden zu finanzieren, hat in den OECD-Ökonomien nicht nur bei Finanzfirmen zugenommen, deren Geschäftsmodell nun mal die Investition geliehenen Kapitals ist, sondern auch bei Staaten, Privathaushalten und realwirtschaftlichen Unternehmen. Die Schulden dieses Nichtfinanzsektors betrugen in einem von Cecchetti u. a. (2011: 5f) untersuchten Sample von OECD-Volkswirtschaften im Jahr 1980 relativ zum Bruttoinlandsprodukt etwa 167 Prozent, im Jahr 2009 waren es 314 Prozent.

In der Realwirtschaft hat aber nicht nur die Bereitschaft zugenommen, sich über Schulden zu finanzieren, sondern auch in Finanzanlagen statt in Realkapital zu investieren. Die Bedeutung solcher Investitionen für die Profite dieser Firmen nahm dementsprechend zu. Der Anteil von Einnahmen durch Finanzvermögen am Gewinn realwirtschaftlicher Unternehmen hat sich in den USA von 1980 bis 2007 verdoppelt (Lin/Tomaskovic-Devey 2013), das Kerngeschäft – der Verkauf von Dienstleistungen und Gütern – verlor an Bedeutung. Im Jahr 2004 steuerte beispielsweise die Bank des Automobilkonzerns General Motors 66 Prozent der Gesamtgewinne des Konzerns bei, nur noch 34 Prozent gingen auf den Verkauf von Automobilen zurück (Lin/Tomaskovic-Devey 2013: 1293). Diese Verschiebung ist nicht auf die Wirtschaft der Vereinigten Staaten beschränkt: Alvarez berichtet aus Frankreich, dass der Anteil der Finanzeinnahmen am Bruttobetriebsüberschuss realwirtschaftlicher Unternehmen in den Nachkriegsjahrzehnten bei 5–8 Prozent lag, seit Mitte der 1970er Jahre anstieg und 2008 73,1 Prozent erreichte (Alvarez 2015). Auch wenn Alvarez betont, dass Frankreich in der Intensität seiner Finanzialisierung nicht für OECD-Raum repräsentativ ist, so ist die gestiegene Relevanz von Zins- und Dividendeneinkommen für die Realwirtschaft doch ein verallgemeinerbarer Trend (Stockhammer 2004; 2014; Kus 2012).

Parallel zur Finanzialisierung nahm der Labor’s Share, der Anteil der Arbeitseinkommen am Volkseinkommen, in den OECD-Ökonomien ab, besonders stark in Europa (Harrison 2005; Kristal 2010; Piketty 2014). Immer mehr Zahlungen gingen somit an Eigentümer und Gläubiger, immer weniger wurden für den Einsatz von Arbeitskraft gezahlt.

Von diesem kleiner werdenden Kuchen an Arbeitseinkommen konnten sich zwei Gruppen einen überdurchschnittlichen Anteil sichern. Zum einen sind das die Angestellten der Finanzwirtschaft: Vor 1980 lag die durchschnittliche Entlohnung im Finanzsektor in den USA ungefähr im Gesamtdurchschnitt, im Jahr 2000 lag sie etwa 60 Prozent höher (Thomaskovic-Devey/Lin 2011). Der Zuwachs bleibt auch dann überdurchschnittlich, wenn man über die USA hinaus blickt und den Vergleich auf Angestellte mit akademischem Abschluss in Finanzwirtschaft und Realwirtschaft beschränkt...

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