Flucht aus Syrien - Neue Heimat Deutschland?

Flucht aus Syrien - Neue Heimat Deutschland?

 

 

 

von: Klaus Farin, Rafik Schami

Hirnkost, 2018

ISBN: 9783945398821

Sprache: Deutsch

403 Seiten, Download: 7559 KB

 
Format:  EPUB, auch als Online-Lesen

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Flucht aus Syrien - Neue Heimat Deutschland?



Hannah aus Damaskus, 23 Jahre

„Überall in der Stadt fielen Bomben. Nur Glück, der Zufall entschied, ob man überlebte oder nicht.“


Wie kam es, dass du nach Deutschland gekommen bist?

Es war nicht geplant, dass ich Syrien verlasse. Ich habe dort angefangen zu studieren und vorgehabt, dort auch mein Studium zu beenden. Die Situation ist jedoch so schwierig und gefährlich geworden, dass ich mich entschieden habe, Syrien zu verlassen. Zu Deutschland hatten meine Familie und ich bereits einen Bezug. Meine Eltern waren vor ungefähr 20 Jahren in Deutschland. Der Kontakt hat sich durch mehrmalige Besuche im Jahr gehalten. Daher war für uns klar, wenn wir Syrien verlassen sollten, dann nach Deutschland zu immigrieren.

Wie kam deine Entscheidung zustande?

Es gab mehrere Gründe, doch der entscheidende Moment war: Es fiel eine Bombe in der Nähe unserer Wohnung. Uns ist nichts passiert, aber es hätte komplett anders verlaufen können. Wir haben es überlebt. Trotzdem blieb das Gefühl zurück, dass wir nicht mehr sicher sind. Wir waren bemüht, bestimmte Orte zu meiden oder nicht so spät rauszugehen, um gefährliche Situationen zu vermeiden. Doch mit der Bombe in der Nähe unseres Hauses wurde uns klar, dass wir nirgendwo sicher sind, auch nicht zu Hause. Das war für mich der Auslöser. Generell war die Situation für mich als Frau schwierig. Meine Universität befand sich auf der anderen Seite der Stadt, daher hatte ich einen längeren Weg dorthin, der nicht sicher war. Es war generell nicht sicher, aber erst durch den Bombenangriff in der Nähe unseres Hauses haben wir die Entscheidung getroffen, dass ich weggehen will. Dann ging alles recht schnell.

Inwiefern war die Situation generell nicht sicher?

Überall in der Stadt fielen Bomben. Das ließ sich nicht berechnen. Nur Glück, der Zufall entschied, ob man überlebte oder nicht. Bekannte von mir sind eines Abends zum Chor gegangen und nie wiedergekommen. Meine Situation als Frau in einem jungen Alter hat meine Situation ebenfalls verschärft. Man sah mir an, dass ich aus einer Familie komme, die in einem guten Zustand lebt. Außerdem spielte die Religion auch eine Rolle. Das waren alles Punkte, die Angst erzeugt haben, vor Entführungen zum Beispiel. Die Angst davor, in der Stadt zu sein und zu sterben, hat mich immer begleitet.

Wie hat die Angst deinen Alltag geprägt?

Ich habe zum Beispiel versucht zu vermeiden, spät rauszugehen. Wenn es dunkel war, bin ich lieber zu Hause geblieben. Oder ich habe bestimmte Orte gemieden oder Partys oder irgendwelche Feiern. Man hatte so sehr Angst, dass man gesagt hat: „Das ist eine Versammlung. Eine Feier. Da könnte etwas passieren.“ Man hatte vor allem Angst. Ich habe versucht, Ereignisse mit vielen Menschen zu meiden. Ich war die ganze Zeit fast nur zu Hause oder in der Uni. Wir haben auch zu Hause ein paar Dinge verändert. Wir haben zum Beispiel alle Fenster mit Klebeband abgeklebt. Falls eine Bombe in der Nähe einschlägt, sollten die Glasscherben nicht so weit in die Wohnung fliegen, um niemanden zu verletzen. Diese Veränderungen sind an sich nicht schlimm, aber sie sind nicht normal. Dadurch hatte ich das Gefühl, dass mein Leben sich sehr einschränkt. Ich konnte nicht mehr so häufig raus, wie ich wollte, und auch nicht mehr wohin ich wollte. Und auch nicht mehr feiern gehen. Das war so gut wie ausgeschlossen.

Wie war dann der Weg nach Deutschland?

Ich bin mit dem Studentenvisum nach Deutschland gekommen. Ich brauchte dafür einen Studienplatz in Deutschland und musste eine Deutschprüfung bestehen. Als die Entscheidung getroffen war, Syrien zu verlassen, habe ich sofort angefangen, Deutsch zu lernen. Dafür habe ich zwei Monate gebraucht. Und dann war ich in Beirut, um die Prüfung zu schreiben, weil es in Syrien keine deutsche Botschaft mehr gab. Und auch kein Goethe-Institut mehr. Durch den Krieg haben diese Institute geschlossen. Als ich alle Unterlagen beisammen hatte, habe ich einen Termin in der deutschen Botschaft in Beirut gemacht. Einen Termin dort zu bekommen, war sehr schwierig. Man musste sich online anmelden. Es wurden irgendwann nachts ein paar Termine freigeschaltet und du musstest ganz schnell einen der Termine buchen. Ich meine mich zu erinnern, eine Woche lang bis vier Uhr morgens wach gewesen zu sein, bis zwei, drei Termine freigeschaltet wurden. Erst eine Woche später habe ich einen Termin erhalten. Und dann wurden meine Unterlagen nicht angenommen, denn die Mitarbeiterin meinte, der Studienplatz, den ich habe, würde nicht reichen. In der Bescheinigung stand drin, dass ich in Deutschland noch Deutsch lernen muss, und für die Mitarbeiterin der deutschen Botschaft war es damit kein richtiger Studienplatz. Sie hat den Antrag abgelehnt. Ich bin zurück nach Damaskus mit nichts in der Hand. Sofort danach habe ich versucht, einen neuen Termin zu bekommen, aber dieses Mal in Jordanien. Das hat dann auch geklappt. Dort habe ich auch das Visum bekommen. Mit den gleichen Unterlagen. Meine Entscheidung fiel im April, im September oder Oktober habe ich die Antwort bekommen, dass ich ein Visum habe. Ende Oktober bin ich dann nach Deutschland gekommen.

Wie hast du die Entscheidung in Beirut erlebt?

Ich habe mich richtig geärgert. Dieser Prozess war mit viel Zeit und mit viel Geld verbunden. Außerdem ist es nicht sicher, dahin zu fahren und wieder zurückzukommen. Für den Weg muss man über die Grenze zwischen Syrien und Libanon. Wir haben immer versucht, solche gefährlichen Orte wie Grenzen zu vermeiden. Und über diese Frau der deutschen Botschaft habe ich mich richtig geärgert, muss ich sagen. In dem Schreiben der Uni stand, dass ich damit ein Visum beantragen darf, aber das hat sie trotzdem nicht akzeptiert. Ich habe mich in dieser Situation sehr hilflos gefühlt. Wenn sie sagt, es geht nicht, dann geht es halt nicht, auch wenn die schriftliche Bestätigung der deutschen Universität was anderes sagt. Aber letztendlich hat es funktioniert.

Du meintest, dass sich das Leben nicht mehr normal angefühlt hat. Kannst du mir das genauer beschreiben?

Ich musste immer vorsichtig sein. Eine Zeitlang fuhren auch die öffentlichen Verkehrsmittel nicht. Dann bin ich halt eine Stunde zur Uni gelaufen und wieder eine Stunde zurückgelaufen, weil keine Busse fuhren oder sie so viele Umwege gemacht haben, dass es keinen Sinn gemacht hätte, sie zu nehmen. Wenn etwas passiert, wird nämlich alles abgesperrt und dann kommst du nicht weiter. Selbst bei den einfachsten Erledigungen musste ich immer überlegen, welchen Weg ich gehe oder lieber doch nicht hinzugehen. Sieht es zum Beispiel heute ruhig aus oder nicht? Ich habe mehrmals die Situation erlebt, dass ich unterwegs war und es zu einer Schießerei kam. Dann musste ich mich erst mal verstecken. So etwas ließ sich nicht vermeiden, weil es überall passiert ist. Ich konnte auch nicht sagen, ich gehe nicht mehr zur Uni.

Du hast erzählt, dass ihr alle, also deine Familie und du, den Entschluss gefasst habt, nach Deutschland zu gehen. Wie kam deine Familie dann nach Deutschland?

Ich bin erst mal allein gekommen. Es war nicht geplant, dass meine Familie auch nach Deutschland kommt, da meine Eltern in Syrien arbeiteten und mein Bruder zur Schule ging. Aber dann hat sich die Situation so schnell so sehr verschlechtert, dass meine Familie sich eingestehen musste, Syrien verlassen zu müssen. Meine Eltern haben recht schnell ein Arbeitsvisum erhalten, weil sie ja früher in Deutschland waren. Das hat die ganze Sache sehr erleichtert. Mein Bruder ist minderjährig und durfte deswegen mit meinen Eltern in Deutschland bleiben. Das ereignete sich ungefähr einen Monat, nachdem ich in Deutschland angekommen war.

Wie hast du die Zeit in Deutschland erlebt?

Ich muss sagen, ich habe eigentlich sehr positive Erfahrungen in Deutschland gemacht. Ich habe sofort mit dem Deutschkurs angefangen, das ging recht schnell. Eine Woche hatte ich bei meiner Tante verbracht, sie wohnt auch in Deutschland. Danach bin ich am Wochenende mit meinem Bruder nach Gießen gefahren. Am Montag musste ich eine Einstufungsprüfung machen und am nächsten Tag habe ich sofort angefangen. Das lief ganz gut und echt schnell. Ich hatte nicht das Gefühl, dass es zu anstrengend ist. Das Ankommen war wegen der Sprache ein bisschen schwierig, aber das ging auch. Ich habe auch von vornherein Menschen um mich gehabt, die wirklich eine Unterstützung waren. Es war auch schön, neue Sachen zu erleben, einen komplett neuen Anfang zu haben. Ich kannte niemanden hier und habe mit allem neu angefangen. Neues Land, neues Leben. Es hat eigentlich alles sehr gut funktioniert. Ich habe zwei Deutschkurse von November bis März gemacht. Danach hatte ich ein Semester lang nichts zu tun, denn du kannst hier nur im Wintersemester mit dem Medizinstudium anfangen. Ich konnte die Zeit genießen und habe zum Beispiel an den Sportkursen der Uni teilgenommen. Neue Menschen kennengelernt. Das Ankommen in Deutschland war insgesamt gut, muss ich sagen.

Das ist schön. Du meintest, das mit der Sprache war schwierig. Was meinst du damit?

Ich konnte nicht so gut Deutsch sprechen, als ich nach Deutschland gekommen bin. Ich hatte zwar für die Prüfung gelernt, aber das war nur mit einem Lehrer jeden Tag zu Hause, um die Prüfung zu bestehen. Aber dann lebst du plötzlich in einem Land, in dem Deutsch die...

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